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Wahlfreiheit?#

Von

Christa Koenne


„Stellen sie sich vor, es gäbe die Schule nicht. Welche Begleitung für Kinder und Jugendliche würden wir heute erfinden.“ Diese Fragestellung, dieser Zugang zu Veränderungen in der Schule, war jene Lockerungsübung die „meine“ LehrerInnen (das sind 100 KollegInnen einer Wiener AHS) handlungsfähig gemacht hat.

So kamen nämlich die notwendigen Veränderungen nicht als Kritik am Bisherigen daher, sondern als Antwort auf jene gesellschaftlichen Veränderungen, die wir ja im Schulalltag deutlich merken. (Verweis auf meinen schriftlich vorliegenden Text)

Gleichzeitig wurde dabei sichtbar wer und wo die Verlierer sind, die es ja bei jeder Veränderung auch gibt. Konkret: Die gemeinsame Schule der Schulpflichtigen stellt für jene AHS-LehrerInnen der Unterstufe eine Irritation dar, die sich in ihrem Selbstbild nur für die Besseren, für die Leistungsstärkeren zuständig fühlen. Sie wurden auch an den Universitäten primär für die Sekundarstufe II ausgebildet (dafür gibt es viele Belege), quasi als Werbeträger für ihr Fach, mit dem Auftrag künftig gute Studierende zu schicken. Das Bildungsziel der Sekundarstufe I ist in diesen Ausbildungen unterbelichtet. Allenfalls heißt es: „Macht es ein bisschen einfacher für die Kleinen“ Tatsächlich aber ist der Abschluss der schulpflichtigen Zeit die einzige sinnvolle Systemgrenze während des gesamten Bildungswegs und er gehört mit einem klaren „Initiationsritual“ (Idee der „Mittleren Reife“) für alle, auch für LehrerInnen und Eltern, deutlich markiert.

Die Zeit für 5-15jährige ist als Kontinuum zu denken, in der wir junge Menschen „pflichtig“ machen und damit die Verantwortung übernehmen, dass sie dieser Pflicht nachkommen können.

(An dieser Stelle möchte ich zu der Forderung nach einer „Wahlfreiheit für Eltern“, doch darauf hinweisen, dass nicht die Eltern sondern die Zeugnisse der 4. Klasse Volksschule zwischen HS und AHS „entscheiden“ – ein großes Problem für VS-LehrerInnen, ein Bruch in ihren Begleitung der Kinder . Nur Eltern mit „AHS-reifen Kindern“ (Formulierung!) haben die Freiheit, ihre Kinder auch in die HS zu geben. Hätten wir tatsächlich die Wahlfreiheit der Eltern, hätten wir (fast) alle Kinder in der AHS. Zumindest im urbanen Raum.)

In dieser „pflichtigen“ Zeit der 5-15jährigen braucht es eine Schule, in der man Kinder nicht loswerden kann. Das wichtigste Argument für eine gemeinsame Schule!

Versagen kann, darf und muss es erst nach dieser Zeit (nicht innerhalb) geben, nämlich dann, wenn Jugendliche die Verantwortung für ihren Bildungsweg selbst übernommen haben (das ist der Sinn einer „Initiation“) und dabei gegebenenfalls falsch gewählt haben – die falsche Oberstufe, die falsche Lehre… Tatsächlich infantilisieren wir junge Erwachsene in unseren Oberstufen, behandeln sie nicht nennenswert anders als die UnterstufenschülerInnen („Hast du deine HÜ gemacht…“) und erzeugen damit jene irrationalen Lernhemmungen mit denen sie in der Schule leistungsschwächer und – unwilliger sind als außerhalb. (Schule ist ein infantiles System und infantilisiert alle Insassen! Mein Morgengebet:…) Entsprechende Überlegungen sind für die notwendige Einführung ganztägiger Schulformen anstellbar: Davon (vielleicht) später.

Was bedeuten ganztägige Schulformen?

Nicht nur die Tage, die Wochen, das Jahr ist zu gestalten? Welche Rhythmen und auch welche Mußezeiten werden möglich? Was ändert sich für Lernen wenn nicht Stress und/oder Langeweile dominieren? Was heißt das für die Eltern, ihre Entlastung aber auch ihre Aufgabe? Die gemeinsame Zeit der Kindermit den Eltern sollte nicht „für die Schule“ verbracht werden. Auch nicht mit Nachhilfe. Der „Materialtransport“ zwischen Schule und Wohnort ist ein deutlicher Hinweis wie viel von da nach dort delegiert wird (durchaus in beide Richtungen). Schule wird so der konfliktschaffende Ort in den Familien. Über nichts wird so viel gestritten wie über Schule- das ist eine Zumutung.

Und wieder „Wer sind die Verlierer?“ wenn wir „Zeit“ im Schulsystem neu verteilen. (Ich habe noch mit dem Argument „Halbtagsjob und viele Ferien, gut mit Familie kompatibel“ den Beruf gewählt. Das ist längst obsolet. LehrerInnen brauchen eine Jahresarbeitszeit die viel flexible gehandhabt werden kann. Für alle Beteiligten!)

Zusammenfassend#

Ich erlebe die VS als innovativ im Umgang mit den gesellschaftlichen Veränderungen die Veränderungen in der Schule notwendig machen.

Probleme haben wir in der SekI, da die Diskussion um die Bildungsziele der schulpflichtigen Zeit nirgends – weder an den PHs noch an den Universitäten – qualitätsvoll geführt wird. Standards sind dafür kein Ersatz. Der Fächerkanon, wie er historisch als Fleckerlteppich daher kommt, wird fortgeschrieben –allenfalls da und dort etwas dazugeflickt (Hu.Pol.B.; Geg.u.Wirtsch.K., Biol.u.Umweltk…..) ohne Bündelung, ohne Konzentration der Aufmerksamkeit, ohne Gegenbewegung zur Ausdifferenzierung der Wissenschaftsdisziplinen. Das aber wäre/ist Bildung!

PH und Universitäten müssen Orte werden an denen diese Herausforderungen in einer neuen PädagogInnenbildung erkannt werden und sie brauchen dafür die hochkarätigen MitarbeiterInnen in Forschung und Lehre die diese Orte der Reflexion und der Entwicklung der Profession der PädagogInnen gestalten. Ich kann nur hoffen, dass nicht kurzatmige parteipolitische Überlegungen den Weg dahin verbauen.

LehrerInnenprofession bedeutet die Übernahme von Verantwortung fürs Ganze (nicht nur für den eigenen Unterricht), am Standort, in Autonomie.

Damit wären jene Stimmungsaufheller erreichbar, die wir dringend brauchen, um mit professionellen Optimismus die nächste Generation begleiten zu können und den Beruf attraktiv machen. Ein Gegenrezept zu jenen pragmatisierte ApokalyptikerInnen, die unseren Ruf untergraben haben.