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Das lange Warten auf Adventus#

Eigentlich beginnt der Advent am 25. November und war eine Fastenzeit.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 29. November 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Tempfer


Seit dem 6. Jahrhundert und Papst Gregor dem Großen gibt es vier Adventsonntage.#

Die dunkelste Zeit des Jahres wird durch Kerzen erhellt, während man Wintergeister vertreibt. Striezel, ein Symbol des Bindens und Bannens, sollen dabei helfen., Fotos: © fotolia (2), Waldhäusl
Die dunkelste Zeit des Jahres wird durch Kerzen erhellt, während man Wintergeister vertreibt. Striezel, ein Symbol des Bindens und Bannens, sollen dabei helfen.
Fotos: © fotolia (2), Waldhäusl

Wien. "Wie oft noch schlafen und es ist Weihnachten?" Mütter und Väter kennen diesen gefühlte millionenmal gehörten Satz nur zu gut. Die Adventzeit ist von Warten geprägt. Rein geschichtlich gesehen allerdings nicht auf das Auspacken der Geschenke, sondern auf die Ankunft - lateinisch Adventus - des Erlösers.

Und sie ist länger als gedacht, erst Papst Gregor der Große legte im 6. Jahrhundert die Zahl der Sonntage im Advent auf vier fest. Offizieller Beginn des Advents ist der 25. November, der Katharinentag - eigentliches Ende war der 6. Jänner, an dem vor den Heiligen Drei Königen die Geburt Jesu Christi gefeiert wurde. "Als Vorbereitung stellt die heilige Katharina am 25. November den Tanz ein, früher wurden keine Hochzeiten und Feste mehr gefeiert", sagt Kulturwissenschafter Günther Jontes im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Advent eine Buß- und Fastenzeit - statt tellerweise Weihnachtskekse wurde früher Stollen als typisches Fastengebäck verzehrt. Allerdings nicht mit Butter, Rosinen und kandierten Früchten verfeinert, sondern aus Hefe, Wasser und Mehl. "Dementsprechend hat er auch geschmeckt", sagt Historikerin Ursula Schwarz.

Mit Perchten auf Dämonenjagd#

Der Weihnachtsstriezel wiederum, ein kompliziertes Flechtwerk, ist ein Symbol des Bindens und Bannens von Dämonen. "Der Zopf soll vor der wilden Jagd schützen", so Schwarz. In den Rauhnächten des alten Brauchtums fegten nämlich gefährliche Wintergeister über den Boden, denen man sich besser nicht entgegenstellte. In dieser unheimlichen, dunklen Winterzeit steht das Geisterreich offen, und die Seelen der Verstorbenen haben Ausgang. Dämonen ziehen umher, und der ein oder andere, dem man des Nachts begegnet, könnte sich in einen Werwolf verwandeln.

Diesen grimmigen Wesen setzt man nicht minder unheimliche Gestalten entgegen: die Perchten (das Wort kommt aus dem Germanischen und heißt strahlend) von gruseligem Aussehen, die noch heute lärmend durchs Land ziehen und die bösen Geister der Rauhnächte vertreiben sollen. Dieses bayerisch-österreichische Brauchtum lebt im Ennstal in seiner ursprünglichsten Form weiter. Mädchen und Frauen kämmen sich ihre Haare nach vorn, sodass man ihr Gesicht nicht sehen kann, und läuten mit einem Besen in der Hand bei den Häusern an. Sie schauen sich um, ob das Haus sauber gekehrt ist, und ziehen weiter.

Im 20. Jahrhundert hielt der Christbaum in den weihnachtlichen Wohnzimmern Einzug., © corbis
Im 20. Jahrhundert hielt der Christbaum in den weihnachtlichen Wohnzimmern Einzug.
© corbis

Geschenke schon am 6. Dezember#

"Zusätzlich räuchern die Bauern ihren Hof und die Ställe mit Weihrauchkörnern, um die Räume für das neue Jahr zu reinigen", sagt Jontes. Die Tiere bekommen eine sogenannte Maulgabe vorgesetzt: ein Klumpen aus Mehl und Weihwasser, gespickt mit Palmbusch-Zweigen, der sie das Jahr über schützen soll.

Den Krampus aufgrund seiner nicht zu leugnenden Ähnlichkeit den Perchten zuzuordnen, wäre allerdings grundfalsch. "Der Krampus war schon immer der Begleiter des Heiligen Nikolaus", so Jontes, "er soll verdeutlichen, dass das Böse bezwungen und die Schreckgestalt zum Diener gemacht werden kann." Knecht Ruprecht konnte ihn nicht wirklich ersetzen. Der bärtige, in eine Kutte gehüllte Gehilfe des Nikolos ist laut Historikerin Schwarz eine Erfindung Martin Luthers (1483-1546) in der Zeit des Protestantismus und gehört heute eher dem Brauchtum des nördlichen und mittleren deutschen Sprachraums an.

Auf Luther geht auch das Christkind als pausbackiger Engel mit Flügeln und Geschenkekorb zurück. Davor war es ausschließlich der Heilige Nikolaus, der den Kindern am 6. Dezember Geschenke brachte. Dieser wurde jedoch als katholischer Heiliger von den Protestanten abgelehnt. Das Christkind verselbstständigte sich zusehends und gelangte von Deutschland bis nach Österreich. Während bei den Protestanten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits der Weihnachtsmann Einzug hielt und allmählich das Christkind verdrängte, wurde es in den katholischen Familien länger verehrt. Seit etwa 1950 wird es auch hier zunehmend vom Weihnachtsmann ergänzt oder ersetzt.

Vom Heidenfest zum Festtag Christi#

Dass nach den vier Adventsonntagen ebenso viele Kerzen auf einem Kranz brennen, ist ebenfalls ein relativ junger Brauch. Der erste Adventkranz geht zwar schon auf 1839 zurück, als der deutsche Theologe Johann Hinrich Wichern einen eisernen Leuchter mit 23 Kerzen in einem Waisenhaus in Hamburg aufhängte, um den Kindern die Zeit des Wartens zu verkürzen. In den heimischen Wohnzimmern hielt der mit vier Kerzen bestückte Adventkranz aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug.

Die Anzahl der Kerzen hatte sich im Laufe der Jahre verringert. Unverändert ist jene der Fenster des Adventkalenders geblieben. Das erste selbst gebastelte Stück stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die Adventkerze, die täglich bis zur nächsten Markierung abgebrannt wird, gilt als Spezialform und wurde vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus verwendet, um den Adventkalender zu ersetzen.

Ist nun dessen letztes Fenster geöffnet, ist er da, der Heilige Abend - bis ins 14. Jahrhundert hätten die Kinder allerdings ein Fenster mehr benötigt. Wurde doch Weihnachten damals um einen Tag später, am 25. Dezember, zelebriert. Noch im 18. Jahrhundert fand die Christmette in den frühen Morgenstunden des Christtages statt, erst allmählich rutschte sie gen Abend des 24. Dezembers. Zum kirchlichen Feiertag im deutschen Sprachraum hatte sich der 25. Dezember bereits ab 813 etabliert. Ursprünglich war es ein Fest der Heiden, die an diesem Tag die Wintersonnenwende feierten und den Sonnengott "Sol invictus" huldigten.

Weihnachtsbaum baumelte von der Decke#

Die Christen verlegten das Fest der Geburt Jesu Christi von 6. Jänner einfach vor - und schmückten den 24. Dezember in weiterer Folge mit dem Symbol des Lebens, einem Baum. Der erste Beleg eines Weihnachtsbaumes ist auf einem Kupferstich des deutschen Malers Lucas Cranach der Ältere aus 1509 zu sehen. Einige Exemplare baumelten mitunter von der Decke, um Platz zu sparen.

Salonfähig wurde der Christbaum erst durch Henriette von Nassau, die aus Deutschland stammende Gattin von Erzherzog Karl, die 1816 den ersten, mit Kerzen geschmückten Baum nach Wien brachte. Erst ahmte der hohe Adel, dann das hohe Bürgertum und schließlich jede einzelne Familie dieses deutsche Brauchtum nach. Seit dem 20. Jahrhundert ist der Christbaum fixer Bestandteil des Weihnachtsfestes. Die Frage, welche Geschenke wohl darunter liegen, war nicht immer so essenziell wie heute. Schwarz: "Davor stand für alle Christen das Geschenk, das Gott den Menschen mit seinem Sohn macht, im Vordergrund."

Wiener Zeitung, Freitag, 29. November 2013