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Der Geist des Humbugs#

Charles Dickens spricht vom "Geist der Weihnacht" - doch ist der mehr als ein literarisches Gespenst?#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 17. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Scrooge begegnet dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht: eine Illustration der Erstausgabe
Scrooge begegnet dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht: eine Illustration der Erstausgabe.
© wikimedia

"Pah! - Humbug!" Der alte Geizhals Scrooge hält wirklich nichts von Weihnachten. Zumindest vorerst nicht. Die von Charles Dickens 1843 erdachte Geschichte über die Bekehrung des Weihnachtsmuffels ist mittlerweile fester Bestandteil des Fests. 27 Verfilmungen oder filmische Paraphrasen wurden bisher gedreht, auf den Büchertischen liegen diverse Originalausgaben und Übersetzungen, und in Theatern (in Wien derzeit etwa im Cafe Prückel) spielen meist englischsprachige Schauspielertruppen Dramatisierungen. Bis in die bekanntesten Comics hat es Dickens Miesepeter gebracht, nur im Deutschen merkt man nichts davon, denn da heißt die Figur "Onkel Dagobert", die im Original den Namen Scrooge McDuck trägt und die Klischees von den Geizigsten der Geizigen schon im Namen zusammenfasst.

"Pah! - Humbug!" also, und dann kommen die drei Weihnachtsgeister (im Englischen wie im Deutschen ist der "Geist" hier Geist im Sinne von "übernatürlicher Erscheinung" wie in dem von "Bedeutung") und bringen Scrooge dazu, umzudenken und Weihnachten zu feiern, samt Fröhlichkeit und Freigiebigkeit.

Mir gefällt aber sein "Pah! - Humbug!" besser.

Hand aufs Herz: Hat er denn so unrecht, der Mr. Scrooge?

Weihnachten gibt es nicht?#

Es geht nicht um "Weihnachten gibt es nicht". Und wenn sich Jehovas Zeugen und verwandte fundamentalistisch christliche Gruppierungen noch so sehr auf den Kopf stellen: Beim Evangelisten Lukas singen die Engel zur Geburt Jesu Gottes Lobpreis, die Hirten stimmen mit ein, und beim Evangelisten Matthäus kommen drei Herren aus Arabien, die sich offenbar vom Zoroastrismus ab- und in weiser Vorausschau dem Christentum, von dem sie im Grunde noch nichts wissen konnten, zugewandt haben, und bringen Geschenke. Wenn das nicht eine Frühform der Weihnachtsfeier ist - was dann? Je nun, hat halt die Kirche das Weihnachtsfest dann später auf die römische Sol-Invictus-Feier des damaligen Sonnenwenddatums festgelegt. Soll sein. Aber der Geist der Weihnacht... Dabei ist er jetzt sogar wissenschaftlich belegt durch die aktuelle Weihnachtsstudie des "British Medical Journal" (siehe Seite 29).

"Pah! - Humbug!" Nicht schon wieder!#

Doch. Es muss sein. Weil Scrooge eben so unrecht nicht hat. Sagen wir es rundheraus, ganz ohne Dickens’ vornehme Diktion und mit vorausgeschicktem Bedauern für den Kraftausdruck, aber auch bei gründlicher Suche in Dudens Synonymwörterbuch stieß ich auf nichts Adäquates: Was nützt es, drei Tage im Jahr ein guter Mensch zu sein, wenn man die restlichen 362 Tage ein Arschloch ist? (Oder für die Miesigkeit des Charakters schaltjahrbedingt gar 363 Tage zur Verfügung stehen.) Weihnachten - der größte Ablasshandel in der Geschichte des Christentums?

Sagen wir es ehrlich: Die karitativen Organisationen profitieren vom Fest. Das ist gut so, das ist recht so. Denn von dem, was ihnen zu Weihnachten an Spenden zufließt, können sie ein bisschen von dem abdecken, was sie das ganze Jahr über leisten. Dass man übrigens auch am 19. Mai oder am 7. September ganz unweihnachtlich und nicht minder hilfreich spenden kann, sei ganz leise angemerkt.

Übrigens gibt es Menschen, die, statt oft sinnlose Verlegenheitsgeschenke zu machen, im Namen des Beschenkten eine Summe spenden. Als Weihnachtsgeschenk gibt’s dann den eingezahlten Erlagschein. Krawatte oder Caritas? Manschettenknöpfe oder Patenschaft für einen Menschen in Not? Parfum oder Flüchtlingshilfe? Das ist die Frage. Es sollte keine sein.

Wunder oder Verlogenheit?#

Halten wir uns an Mr. Scrooge: Seiner Philosophie nach ist er 362 beziehungsweise 363 Tage im Jahr ein (pardon) Arschloch, also kommt es auf die restlichen drei Tage nicht an. Warum gerade zu Weihnachten für die Mittellosen spenden? Es gibt ja Armenhäuser. Mildert ein Festessen die Not im restlichen Jahr? Da war doch das sogenannten Weihnachtswunder im Ersten Weltkrieg: Ab dem 24. Dezember 1914 ruhten an der Westfront für drei Tage die Waffen. Am 27. Dezember schossen Deutsche und Briten wieder aufeinander. Weihnachtswunder (immerhin wird wenigstens drei Tage lang nicht getötet und gestorben) oder Weihnachtsverlogenheit (drei Tage später setzt sich das Töten und Sterben unverändert fort)? Vielleicht ist Scrooge nicht geizig, sondern schlicht realistisch: Seine Spende beseitigt weder Armen- noch Arbeitshäuser. Genügt es, jemandem einen schönen Tag zu bescheren, um damit das restliche Jahr zu erleuchten? Oder will man das eigene quälende Gewissen beruhigen: "Menschlein, hast Du genug getan für die Menschheit?"

Jüngst eine Aktion auf der Mariahilfer Straße: Ein paar Punks entrollten ein Transparent, darauf zu lesen: "Kauft um euer Leben". Selten zuvor waren mir Punks so sympathisch. Lassen wir nämlich die willkommenen Spenden an diverse wohltätige Organisationen einmal beiseite: Es ist ein Klischee, dass Weihnachten zum großen Fest des Konsums geworden ist - doch wie wird doch gleich ein Klischee zum Klischee?

Koordinaten der Weihnacht#

Der Zwang zum Geschenk - bei Kindern berechtigt. Es sind die Nöte und Triebe unseres Kulturkreises. Kinderaugen müssen am 24. oder 25. Dezember leuchten, das gehört zum Fest bei allen, die Kinder haben. Aber die Konzentration des Schenkens auf zwei Tage im Jahr (der andere ist der Geburtstag) ist unter Erwachsenen eigentlich absurd. Just zu Weihnachten findet man kein Buch, das man dem Partner schenken kann? - Also wird’s ein Parfum oder eine Krawattennadel. Den von ihm lange ersehnten neuen Ian-McEwan-Roman muss er leider selbst kaufen, der erscheint erst im Juni.

Vielleicht kann gerade Weihnachten einmal der Moment sein, die eigenen Koordinaten des Schenkens, aber auch die des Weihnachtenfeierns zu überdenken. Schenkt man, weil man sich genötigt fühlt, den großen Geschenketag einzuhalten? Aber Vorsicht - auch das Beschenktwerden will da ergründet sein: Erwartet man selbst Geschenke, weil nun eben Geschenkezeit ist? Kann man dem Anderen vielleicht eine ebenso große Freude machen, wenn man zwar zu Weihnachten das Geschenk ausfallen lässt (oder wäre das eine unzumutbare Enttäuschung?) und dafür, einfach so zwischendurch, den neuen Ian-McEwan-Roman überreicht?

Es gibt kein universelles Rezept, keine Vorschrift und meinerseits keine Warnung vor dem Weihnachtsgeschenk. Aber bewusst handeln sollte man, nicht lemminggleich der schenkenden Masse nachlaufen. Da kann man dann auch gleich überlegen, was einem selbst der Geist der Weihnacht bedeutet - ja, wir sind wieder bei Dickens. Nur dass er diesen Geist nicht recht in den Griff bekommt. Bei ihm kommt er zwar ohne religiöse Belehrung aus, nicht aber ohne sehr diesseitigen Konsum. Als ob Dickens es geahnt hätte...

Dieser Geist der Weihnacht: Besteht er in Einkaufsstress und drei freien Tagen - oder vielleicht schlicht darin, Freude zu empfinden und Freude weiterzugeben? Solchen Geist der Weihnacht ein Jahr lang bis zur nächsten Weihnacht bewahren - das wäre es. Ob der geläuterte Scrooge das schafft? Ob wir das schaffen?

Wiener Zeitung, Donnerstag, 17. Dezember 2015