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Das Gesicht über dem Gesicht #

Hinter einer Maske verbirgt sich die Faszination einer anderen Wirklichkeit. Im Spiel damit kultivieren wir jene mentalen und emotionalen Ausnahmezustände, die für die menschliche Kultur charakteristisch sind. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 24. Jänner 2013)

Von

Usula Baatz


Das Gesicht über dem Gesicht
© istock photo

Eine Maske zu tragen, ein „Gesicht über dem Gesicht“, ist etwas sehr Menschliches. Vielleicht gehört das Spiel mit den Masken zu den wenigen tatsächlichen Unterschieden zwischen Mensch und Tier. Tiere können logisch schließen, manche sogar so gut wie ein dreijähriges Kind; sie zeigen Verhaltensweisen, die denen von emotional gerade sehr bewegten Menschen ähneln. Tiere haben auch Codes, mit denen sie sich verständigen, und manche – wie etwa Krähen – beherrschen sogar die Kunst der Täuschung der Artgenossen. Doch Tiere legen keine Masken an, sie betreiben höchstens Mimikry, um sich an die Situation in ihrer Umgebung anzupassen und um sich so vor ihren Feinden zu tarnen.

Das Gesicht des Menschen leistet anderes: Es drückt nicht Nachahmung oder Anspassung aus, sondern kommuniziert Gefühle mit anderen. Gesichtsausdrücke können beim Vis-à-Vis Emotionen auslösen und so etwas beschwören, das noch nicht oder nicht mehr anwesend ist. Diese Dimension scheinen Menschen schon seit vorgeschichtlichen Zeiten gepflegt zu haben. Die ältesten Höhlenmalereien zeigen Tiere, und obwohl nicht bekannt ist, was diese frühen Menschen damit wollten, so ist doch eines klar: Die Bilder zeigen etwas, das gerade nicht da ist, um es präsent zu machen. Und genau das kommunizieren Masken auch: Sie beschwören eine Gestalt herauf, die nicht präsent ist.

„Schiach“ - und „Schön“-Perchten #

Natürlich kann dies auch mit der Absicht zu täuschen geschehen, doch wenn man sich die ältesten erhaltenen Masken ansieht, die aus Palästina stammen und ungefähr 9000 Jahre alt sind, dann ist sofort klar: Hier geht es nicht um Täuschung. Die schmucklosen weißen Ovale aus dem Neolithikum – zu sehen etwa im „Bible Lands Museum“ in Jerusalem – lassen Augen, Mund und Nase frei und entfalten durch ihren hohen Abstraktionsgrad eine erstaunliche Präsenz und Modernität. Vermutlich hat der Träger dieser Maske damit einen verstorbenen Ahnen für ein Ritual präsent gemacht, das der Gemeinschaft helfen sollte; vielleicht wurde der Ahne um Hilfe gebeten, oder die Kraft des Ahnen sollte gebannt werden. Das ist bis heute in traditionellen Kulturen eine Funktion der Masken.

Masken
Archetyp. In allen Kulturen werden Masken eingesetzt, um Schutzgötter zu erflehen oder böse Geister abzuschrecken.
Foto: © EPA

Masken sind Vertreter einer doppelten Welt: Da ist der Träger der Masken, der dieser Gestalt die biologische Kraft und Präsenz leiht; und da ist andererseits die Maske und das, was sie darstellt, was durch ihren Träger verkörpert wird: Eine andere Kraft aus einer anderen Welt, eine gute oder auch gefährliche Kraft. Die „Schiach“- und die „Schön“-Perchten etwa sind zwischen Weihnachten und Neujahr in Alpendörfern unterwegs. Die Perchten sind wohl die Nachfahren von keltischen, germanischen und alpinen Gottheiten, und Volkskundler bringen sie mit der Totenwelt, aber auch mit Fruchtbarkeitsritualen in Verbindung. Die Faszination dieser Masken bewährt sich bis heute, denn sie lockt Touristen ins Salzkammergut oder in den Pongau, um beim Perchtenlaufen oder bei anderen Anlässen mit dabei zu sein, wenn diese Masken in Aktion treten. Dass die Perchtenmasken mittlerweile auch bei dem seit einigen Jahren populären altirischen Totenfest Halloween auftreten, folgt vermutlich der internen Logik der Masken. Denn die Perchten werden von Volkskundlern mit dem Totenheer der „Wilden Jagd“ in Verbindung gebracht, die zwischen Weihnachten und Dreikönig nachts durch die Lüfte rasen soll, wie die Sage erzählt.

Masken
Bei den Hopi- Indianern etwa stellen sorgfältig maskierte Tänzer die Ahnen- und Naturgeister dar.
Foto: © EPA

Die verändernde Kraft der Maske #

Masken haben ihr eigenes Leben, das sie auf den Träger übertragen können. Davon sind etwa die afroamerikanischen Kulte wie Voodoo überzeugt – und vielleicht stimmt das ja. Der Kulturanthropologin und Tranceforscherin Felicitas Goodman, die beispielsweise mit dem Wiener Neuropsychologen Giselher Guttmann zusammenarbeitete, fiel Folgendes auf: Menschen, die bei einer Rasseltrance bestimmte, teils aus prähistorischen Zeiten überlieferte Körperhaltungen einnehmen, machen immer Erfahrungen, die in direktem Zusammenhang mit der Haltung stehen; etwa schamanische „Unterweltreisen“ oder Begegnungen mit Tiergeistern. Ähnliches erlebten ihre Schülerinnen und Schüler auch, wenn sie zusammen mit Felicitas Goodman Masken für Ritualtänzen schufen, und die Masken während Trance-Zuständen trugen.

Die Maske verwandelt ihre Träger. Das erleben in abgeschwächter Form alle, die sich bei einem Maskenball verkleiden –als Königin, als Bandit, Hexe oder Superman fühlt man sich anders als im Alltagskleid. Auch wie man sich bewegt oder spricht, bricht mit den Alltagsgewohnheiten. Und manche Masken der Basler Fasnacht schweigen sogar. Schminke und Pappnasen, wie sie anderswo im Fasching verwendet werden, sind in Basel verpönt. Denn die „Larve“ soll die Identität des Trägers verstecken, der mit seiner „Cortége“, seiner Gruppe, deren Mitglieder alle ähnliche Masken tragen, durch die Stadt zieht. Die 72 Stunden der Basler Fasnacht sind genauso wie der rheinische Karneval die letzten Reste der Kultivierung jener mentalen und emotionalen Ausnahmezustände, die für die menschliche Kultur charakteristisch sind. Hinter dem Spaß am Gschnas verbirgt sich die Faszination einer anderen Wirklichkeit.

DIE FURCHE, Donnerstag, 24. Jänner 2013