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Ein Schmarotzer, der Glück bringt#

Die Mistel: Ein buntes Pflanzenporträt über Bräuche, Weihnachtslieder und Krebstherapien#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 22./23. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexandra Grass


Mistelpräparate haben einen großen Stellenwert in der modernen Heilkunde.#

viktorianische Weihnachtskarte
Diese viktorianische Weihnachtskarte entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
© corbis

Wien. Gerade zur Weihnachtszeit hat sie Hochsaison und erfährt auch in unseren Breiten immer größere Beliebtheit - die Weißbeerige Mistel (Viscum album). Zumeist werden die Zweige über der Haustür aufgehängt. Einem alten englischen Brauch zufolge dürfen Frauen, die unter einem Mistelzweig stehen, auf der Stelle geküsst werden. Bei den keltischen Völkern war die Mistel ein Symbol des Friedens. Unter ihr versöhnten sich Feinde und gaben einander den Friedenskuss.

Die Mistel wurde von den Druiden aber auch als Heiligtum verehrt und galt als immergrüne Pflanze als Zeichen des immerwährenden Lebens. Die Germanen glaubten, dass die Götter die Mistelsamen in die Bäume streuten, sie also ein Geschenk des Himmels wären. In der Schweiz gilt die Mistel heute noch als Fruchtbarkeitssymbol.

Ein musisches Denkmal#

Auch die Musikwelt hat dieser heiligen Pflanze ein Denkmal gesetzt. Frank Sinatras "Mistletoe and Holly" stammt aus dem Jahr 1957 und gilt unter Sinatra-Fans auch heute noch als heimlicher Favorit, wenn es um Weihnachtslieder geht. Mit "Mistletoe and Wine" landete der britische Popsänger Cliff Richard 1988 den Weihnachtshit des Jahres. Der Song verschaffte ihm die bestverkaufte Single des Jahres in Großbritannien. Dabei war die Nummer gar nicht von ihm. Sie stammt aus einem Musical, das auf dem Märchen "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" von Hans Christian Andersen basiert. Schon im Jahr 1977 hatte dessen Uraufführung stattgefunden.

Auch im vergangenen Jahr tummelten sich Mistelzweige in den Charts. "Mistletoe", die Singleauskoppelung des Albums "Under the Mistletoe", brachte den kanadischen Sänger Justin Bieber in die Weihnachtshitparade.

Überdimensionale Nester#

Hierzulande fallen sie auf, wenn man auf den Landstraßen oder in Parkanlagen unterwegs ist. Denn sie sind im Winter der einzige Grünbewuchs auf Esche, Ahorn und Co. und wirken wie überdimensionale Vogelnester. Um sie zu ernten, muss man hoch hinaus. Die Misteln wachsen für gewöhnlich weit oben in den Baumkronen.

Der kugelig wachsende Halbschmarotzer kann immerhin auf einen Durchmesser von bis zu einem Meter kommen. Bis die Mistel allerdings jene Größe erreichen kann, vergehen viele Jahre. So bildet sie erst nach zwei Jahren die ersten Blättchen und danach in jeder Blattachsel pro Jahr immer nur einen Stängel und zwei Blätter. Die ersten Blüten zeigen sich erst nach fünf bis sieben Jahren.

Keine normale Pflanze#

Nicht nur das extrem langsame Wachstum unterscheidet sie maßgeblich von normalen Pflanzen. Die Mistel hat keine Wurzeln, sondern ist mit einem pfahlartigen Senker im Holz des Wirtsbaums verankert. Darüber hinaus versorgt sich die Pflanze mit Wasser und Mineralstoffen aus den Ästen. Zwar könnte sie mit Hilfe ihres grünen Blattfarbstoffs Chlorophyll selbst Photosynthese betreiben und damit organische Nährstoffe herstellen. Trotzdem bedient sie sich am Wirtsbaum.

Die Blätter haben keine typische Ober- und Unterseite, sind nur von wenigen Leitbahnen durchzogen und behalten zeitlebens ihre Fähigkeit zu wachsen.

In den Früchten, den typischen, durchscheinenden, weißen Beeren, befindet sich der Samenkern - ein sofort keimfähiger grüner Embryo. Dieser ist von einem schleimig, klebrigen Fruchtfleisch umgeben.

Dieser "Klebstoff" - wie der wissenschaftliche Name Viscum besagt - übernimmt in der Verbreitung eine maßgebliche Rolle. Durch Mistelliebhaber wie den Specht oder den Eichelhäher wird der Samen mit dem klebrigen Nährgewebe wieder ausgeschieden und verfängt sich auf diese Art und Weise in den Ästen der Bäume. Auch könnte man, indem man frische Beeren zerquetscht und den Schleim mit dem Samen an einem Ast fixiert, selbst Misteln heranziehen.

Die Misteltherapie#

Einen großen Stellenwert nahm und nimmt die geheimnisvolle Pflanze auch in der Heilkunde ein. Extrakte der Weißbeerigen Mistel aus Blättern, Beeren und Stängel kommen für die sogenannte Misteltherapie zum Einsatz. Sie wird häufig als komplementärmedizinische, begleitende Maßnahme in der Krebstherapie angeboten. Die Mistelpräparate zählen in Mitteleuropa zu den bekanntesten, meistverwendeten und wissenschaftlich am besten untersuchten komplementären Arzneimitteln in der Onkologie.

Die Anwendung, die meist in Form von Injektionen erfolgt, geht auf den anthroposophischen Arzt Rudolf Steiner zurück, der diese Therapie 1920 bei inoperablen Krebspatienten einführte. Er konnte eine verbesserte Lebensqualität beobachten - Verbesserung des Appetits und des Schlafs, verringerte Schmerzen, bessere Verträglichkeit der klassischen Krebstherapie. Viele Wissenschafter und Ärzte haben sich seither mit dieser Therapie beschäftigt.

Die Mistel enthält mehrere Stoffgruppen - die zwei wichtigsten sind die Mistellektine und die Viscotoxine -, die im Körper zu einer Immunstimulierung führen, wie der Gynäkologe Leo Auerbach, Leiter der Ambulanz für komplementäre Medizin an der Universitätsfrauenklinik, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt. Die Wirkstoffe wirken zytotoxisch, sie zerstören schnellteilende Zellen. Sie haben damit Einfluss auf die Tumorzellen sowie die Zellen des Immunsystems.

Lebensqualität erhöhen#

Eine Anwendung der Misteltherapie während einer Chemo- und Strahlenbehandlung verbessert das Abwehrsystem, vermindert die Nebenwirkungen der Zytostatika, verbessert die Rehabilitation und wirkt schwach schmerzlindernd, erklärt Auerbach. Eingesetzt wird die Mistel bei soliden Tumorerkrankungen wie etwa Brust- oder Darmkrebs, nicht jedoch bei Lymphomen.

Unter einer solchen Therapie kann es zu einer Erhöhung der Körpertemperatur um etwa ein halbes Grad Celsius kommen, ebenso kommt es häufig zu einem juckenden, brennenden Gefühl an der Einstichstelle der Injektion.

Mistelpräparate - in Österreich kommen Helixor und Iscador zur Anwendung - werden auch im Hinblick einer möglichen Verringerung des Risikos einer Wiedererkrankung (Rezidiv) eingesetzt.

Zwar kann die Misteltherapie den Krebs nicht heilen, dennoch ist sie ein wichtiges Mittel, wenn es darum geht, manchen Patienten das Leben mit Krebs zu erleichtern. Angewendet sollte sie ausschließlich von einem Facharzt mit entsprechender Erfahrung werden.

Die Mistel ist und bleibt damit eine wundersame Pflanze, der, obwohl im Sommer unscheinbar, auch abseits der Weihnachtszeit wohl mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 22./23. Dezember 2012


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