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Eine kugelrunde Sache#

Seit 113 Jahren werden in Hernals Schneekugeln produziert.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 13. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Sabine Karrer


Das Geheimnis der Schneekugeln liegt auch im Hochquellwasser.#

Schneekugeln
Die Figuren unterm Glassturz stehen in Wiener Hochquellwasser - in Wasser von "über der Donau" rieselt der aufgeschüttelte Schnee nicht so schön auf sie hinab.
© Karrer

Wien. "Das ist ja die reinste Weltreise hierher", stöhnt eine Dame, die gerade im Verkaufsraum von Wiens einziger Schneekugelmanufaktur eingetroffen ist. Wie viele Kunden an diesem Tag ist sie in die Schumanngasse 87 im 17. Bezirk gekommen, um eine der dieser Tage so begehrten Schwedenbomben-Schneekugeln zu ergattern. Die mit Kokosstreu haben es ihr besonders angetan. Juniorchefin Sabine Perzy persönlich verkauft der Kundin das vorletzte Stück - hinten in der Werkstatt wird bereits an weiteren Exemplaren gearbeitet. Wieder schellt die Türglocke. Ein Herr holt seine Bestellung ab. "Meine Frau hat mir davon erzählt, und da musste ich natürlich gleich ein paar Stück haben", erklärt der Schwedenbomben- und Schneekugel-Fan.

Schwedenbomben und Kaiserpinguine#

Perzy erzählt, dass einer der Gründer der Gruppe "Rettet die Schwedenbombe" an sie herangetreten ist und sie die Idee einer Niemetz-Schneekugel gleich aufgegriffen hat. Nicht selten entstehen neue Produkte aus Kundenwünschen heraus. "Unseren Gugelhupf gab es früher nur in der großen Kugel", erinnert sich die 23-Jährige. "Dann haben ein paar Kunden gefragt, ob es die auch in klein gibt, seitdem haben wir sie." Diskutiert wurde das wie so vieles beim Familienessen: "Da sitzen wir zusammen, reden natürlich auch über die Arbeit, sammeln Ideen - und die besten setzen wir dann um."

Und manchmal entsteht aus einer zarten Anfrage ein echtes Kultobjekt. Für die TV-Sendung "Wir sind Kaiser" hatte sich der ORF einst erkundigt, ob man einen Thron anfertigen könnte, auf dem Robert Palfrader sitzt. "Das hätte aber nicht funktioniert, weil der Kopf oben nicht mehr in die Kugel gepasst hätte", erzählt die ausgebildete Werkzeugmacherin. "Also hat mein Vater ihnen vorgeschlagen, doch Kaiserpinguine zu nehmen." Die Idee kam an - und spätestens seit diesem Zeitpunkt sind die Original Wiener Schneekugeln in aller Munde.

Auch wenn noch immer nicht jeder weiß, dass sich jeder "Wir sind Kaiser"-Fan seine eigenen Kaiserpinguine aufs Fensterbrett stellen kann. "Was, die gibt’s auch zu kaufen?", entfährt es dem Kunden, der mit seinen Schwedenbomben-Kugeln gerade den Shop verlassen wollte. "Dann geben Sie mir bitte auch noch zwei davon!"

Schneekugeln
Kaiserpinguine im Schnee wurden zum Kultobjekt.
© Karrer

Perzy nimmt den Ansturm an diesem Tag mit Humor. "Im Moment ist bei uns so viel los wie normalerweise rund um Weihnachten", erzählt sie. "Dann allerdings haben wir 15 Mitarbeiter, jetzt müssen wir mit 10 auskommen." Während diese an Nachschub arbeiten, steht die Chefin hinter dem Verkaufspult. Seit fünf Jahren arbeitet sie aktiv im 113 Jahre alten Familienbetrieb mit, inzwischen leitet sie ihn gemeinsam mit Vater Erwin. Auf den ersten Blick reagieren nicht wenige überrascht, wenn sie bemerken, dass die zierliche junge Frau hier das Sagen hat. "Aber da kann ich gut mit meinem Fachwissen kontern", sagt sie selbstbewusst.

Plastik, Schnee und Hochquellwasser#

Aber was ist denn nun drin in der Original Schneekugel aus der Schumanngasse? "Die Figur aus Kunststoff, der Schnee nach unserem Geheimrezept und echtes Wiener Hochquellwasser." Die Schnee-Rezeptur ist geheim. Was das Wasser betrifft, so gesteht Perzy, dass sie selbst vor einem kleinen Rätsel steht: "Wir haben einmal versucht, die Schneekugeln mit Wasser von über der Donau zu füllen, aber das hat nicht funktioniert", erzählt die Chefin schmunzelnd. "Warum, wissen wir selbst nicht, aber der Schnee fällt damit anders." So wird das Wiener Hochquellwasser bis nach Japan verschifft, wo die Stücke besonders begehrt sind.

Neben dem Beherrschen des Handwerks sind in der Schneekugel-Branche Erfindergeist und Kreativität gefragt. Es gibt fast nichts, was das Team nicht anfertigen kann, wenn die Voraussetzungen stimmen. "Nach der Idee fertigen wir erst einmal eine Fotomontage oder einen Prototypen an, dann geht es bei Kundenbestellungen nach der Beratung in die Produktion", erklärt Perzy. "Nur militärische Motive, Waffen und generell alles, was mit Mord und Totschlag zu tun hat, produzieren wir nicht." Allerdings hat die Juniorchefin auch schon einmal einen Totenkopf samt Ehering in eine Schneekugel gepackt - und findet daran nichts Schlimmes: "Das wollte eine Kundin für eine Scheidungsparty, also wieso nicht?" Am ausgefallensten fand sie selbst jene Schneekugeln, die sie und ihr Team für eine Kampagne der MA 48 anfertigten. Immerhin mussten dazu Zigarettenstummeln und Hundstrümmerln in den Kugeln verstaut werden.

Ausgefallen hin oder her - selbst wenn es sich beim Inhalt der Glaskugeln um Frösche, Herzen oder eines der besonders begehrten Wien-Motive handelt: Bei Perzy daheim wird kein Besucher jemals eine Schneekugel finden. "Ich liebe meinen Beruf über alles, aber ich bin ja hier schon den ganzen Tag damit umgeben", sagt sie. "Das genügt."

Wiener Zeitung, Mittwoch, 13. März 2013