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Heimat in der Großstadt?#

Wie konservative Reformer der Heimatschutz-Bewegung um 1900 einen identitätsstiftenden und zugleich offenen Heimatgedanken verfolgten – und dabei Wien nicht nur schützen, sondern auch erneuern wollten.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. April 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Sandor Békési


Foto Alt-Wien
Der Heimatschützer Karl Graf Lanckoronski ließ das "verschwindende Alt-Wien" fotografisch dokumentieren, hier die Barnabitengasse 11–13, um 1905.
© Wiener Zeitung / Foto: August Stauda, Wien Museum

Hierzulande wird "Heimatschutz" gern mit den austrofaschistischen Heimwehren aus der Zwischenkriegszeit assoziiert. Übersehen wird dabei häufig eine andere und ältere Art von Heimatschutz, der mit einer paramilitärischen Bewegung – trotz der semantischen Nähe des Begriffs – nicht viel gemein hatte. Dieser entstand im Kontext bürgerlicher Reformbewegungen um 1900 und hatte sich nach deutschem Vorbild in der Folge auch in Österreich etabliert.

Die Moderne als Krise#

Dieser frühe Heimatschutz umfasste eine Vielzahl von Anliegen: vom Naturschutz bis zur Kulturreform, von der Denkmal- bis zur Brauchtumspflege. In der Rückschau wurde er lange Zeit bloß als Ausformung eines reaktionären Antimodernismus und romantischen Ästhetizismus beschrieben. Doch damit wird die programmatische Vielfalt der Heimatschutz-Bewegung und der ambivalente Charakter von Modernisierung selbst übersehen. Wir können Heimatschutz als eine der Antworten auf eine als Krise wahrgenommene Moderne betrachten, das heißt, auf jene Irritationen und Problemlagen, die durch die beschleunigte Industrialisierung und eine kapitalistische Urbanisierung ausgelöst worden waren. Diese Art Konservatismus können wir auch komplementär zur damaligen linken Kapitalismus- und Großstadtkritik ansehen.

Zum Stichwort Urbanisierung: Bisher ist wenig über das Verhältnis des Heimatschutzes zur Großstadt bekannt, nicht nur in Hinblick auf Wien. Wenn überhaupt, gilt dabei die Aufmerksamkeit lediglich den nostalgischen Attitüden und den Bewahrungsbestrebungen der Heimatschützer. Heimatschutz wird mit Großstadtfeindschaft assoziiert, Metropole und Heimat scheinen ein Widerspruch in sich zu sein. Doch die Geschichte des Heimatschutzes im frühen 20. Jahrhundert zeigt, dass dieser auch in Wien in Erscheinung trat und die Großstadt in seine Programmatik und Praxis konstruktiv einbezog. Heimat ist ein umstrittenes Konzept. Doch seine Widersprüche und Ambivalenzen, wie dies neuere kulturwissenschaftliche Annäherungen an dieses Phänomen nahelegen, sind es wert, ausgelotet zu werden. Demnach entwickelte sich Heimat im späten 19. Jahrhundert zu einer umfassenden Vision, in der ästhetische Belange ebenso integriert waren wie soziale oder ökonomische Aspekte. So wurde Heimat auch hierzulande zu einem Schlüsselbegriff, wenn es um Orte und Räume des Lebens, um Zugehörigkeit und Identität ging. In mancher Hinsicht läuft der Heimatgedanke modernen Entwicklungen wie Urbanisierung oder unbegrenzter Mobilität tatsächlich zuwider. Er mag tendenziell regressive Züge aufweisen, gleichzeitig können Heimatkonzepte aber auch Erneuerung integrieren und auf emanzipatorische Weise an Protest und Reform teilhaben.

Reale wie imaginäre Orte#

Heimat kann als ein geschlossener Ort begriffen werden, aber auch mit Öffnung gegenüber der Differenz und dem Fremden einhergehen und eine Verbindung zwischen lokaler Bindung und kosmopolitischer Offenheit herstellen. So lässt sich heute eine Wiederkehr von Heimat beobachten – nicht nur unter xenophoben Vorzeichen und als bloße Abwehr von Globalisierung. Nicht zuletzt vereint Heimat reale wie imaginäre Orte in sich. Sie erweist sich als ein physischer und sozialer Raum der besonderen Art, an dem sich die Sehnsucht nach Sicherheit und das Gefühl der Zugehörigkeit festmachen lassen. Heimat kann angesehen werden als ein Mythos bzw. eine Utopie, aber auch als eine (empfundene) Wirklichkeit.

Sie kann ebenso eine (historische) Gegebenheit sein wie erst ein Streben nach Geborgenheit angesichts sozialer Fragmentierung und Entfremdung in der größer werdenden Stadt. Der in New York lebende Germanist Bernd Hüppauf meint dazu: "Heimat hat das Potential, das einlinige Denken im System der Modernisierung aufzubrechen (...). Urbanisierung oder Beschleunigung hätten ohne eine Rückbindung an Heimat die kulturellen und sozialpsychologischen Möglichkeiten der Moderne gesprengt."

Tradition und Reform#

Freilich haben wir es hier vielfach mit einer "erfundenen Tradition" zu tun. Die Vorstellung von Heimat ist bereits das Ergebnis einer gebrochenen, reflexiven und ästhetisierenden Bezugnahme auf die Welt. Als Ideal für die Herstellung und Propagierung von Heimatgefühl um 1900 fungierte meist die Kleinstadt oder das agrarische Land. Trotzdem lassen sich auch in der Großstadt Orte finden, die als Heimat evoziert werden konnten: Diese waren vor allem der alte Stadtkern, die noch „unverdorbenen“ ehemaligen Dorfkerne in den Außenbezirken oder gar die geplanten neuen Gartensiedlungen am Stadtrand. So gab es vor dem Ersten Weltkrieg verschiedene Ansätze mit dem Ziel, das mentale Konstrukt Heimat auch in der Großstadt zu etablieren. Zu diesen gehörte eben der liberal-konservative Heimatschutz.

Die Heimatschutzbewegung war alles andere als homogen. Weder Antimodernismus noch antiurbane Attitüden waren für die Gesamtheit der Heimatbewegung repräsentativ. Nach der Jahrhundertwende ist vor allem zwischen zwei unterschiedlichen Strömungen zu unterscheiden: einer deutschnationalen, völkisch-reaktionären und einer liberalen, reform-konservativen Ausprägung. In Wien hatten damals verschiedene Heimat-Organisationen offiziell ihren Sitz, doch nur der liberal-konservative Heimatschutz widmete sein Augenmerk der Stadt selbst.

Dieser heimatschützerische Ansatz wurde in Wien hauptsächlich zunächst in der Zeitschrift "Hohe Warte" vertreten, die von 1904 bis 1908 erschien. Ihr Herausgeber war Joseph August Lux – Schriftsteller, Architekturtheoretiker und Kunstkritiker, der im damaligen Wiener Kulturleben kein Unbekannter war. Seine Zeitschrift wurde von mehreren Vertretern der Wiener Moderne unterstützt, darunter Joseph Hoffmann, Kolo Moser und – last but not least – Otto Wagner. Die „Hohe Warte“ beschäftigte sich mit Fragen der Architektur und des Städtebaus, der Wohnungspflege und des Kunstgewerbes, mit Volkskunst und Kunsterziehung und vielem mehr. Einer der Schwerpunkte war Heimatschutz. So finden sich Auszüge aus den Sozialreportagen von Max Winter ebenso darin wie Ankündigungen der Berliner Großstadtdokumente. Man verteidigte die Spaltung der Wiener Sezession oder setzte sich mit dem Verstutzen der Bäume in Parkanlagen auseinander.

Erhalten – Neuschaffen#

Wandmalerei Minoritenkirche
Wandmalereien, die – kurz vor ihrer Demolierung – in der Minoritenkirche zum Vorschein kamen.
© Wiener Zeitung / Aquarell: Rudolf Pichler, Wien Museum

Lux trat in der "Hohen Warte" federführend für eine künstlerisch-ästhetische Reform der Stadt und der Provinz ein. Dabei hatte "die Pflege und Erhaltung einer wertvollen heimatlichen Tradition" einen zentralen Stellenwert, die jedoch die Beachtung ausländischer Vorbilder ausdrücklich einschloss. Das Ziel sah Lux nicht nur in der Erhaltung, sondern genauso im Neuschaffen. Die Argumentation erschöpfte sich dabei nicht in einer ästhetischen Diagnose, sondern beinhaltete auch wirtschaftliche und politische Strukturkritik.

Lux dachte gemäß sozialer Prinzipien, wenn er etwa die überteuerten Mietpreise und die vorherrschende Art des Zinshausbaues anprangerte. Für die "Missstände der gegenwärtigen Großstadtanlagen" machte er die Bodenspekulation und die Maxime der "größtmöglichen Verzinsung des Baukapitals" verantwortlich. Darin sah er auch fragwürdige Zuträger zum kommunalen und staatlichen Finanzhaushalt und folgerte daraus, dass die Mehrzahl der Amtsträger gar kein Interesse an einer wirklichen Reform haben könne. Lux erwartete die Verbesserung der Wohnverhältnisse unter anderem von einer Verwaltungsreform und einer neuen Zusammensetzung des Stadtparlaments unter Zurückdrängung der Vorrechte von Haus- und Grundstückseigentümern. Lux berief sich auf Oscar Wilde und meinte, dass "das eigentliche Ziel einer Gartenstadtbewegung der Aufbau der Gesellschaft auf einer Grundlage sei, die die Armut unmöglich mache".

Gleichzeitig schwärmte Lux von der Alt-Wiener Kultur und bekannte sich zu seinem "romantischen Hang für alles zeitlich Ferne, für alles Vergangene und Halbvergangene" oder zu seiner Vorliebe für "die alten Häuser mit ihrem menschlichen Geruch" und "die stillen Vorstadtgassen". Andererseits äußerte er seine Abneigung gegenüber "modernen großstädtischen Straßenzeilen mit ihren schablonenhaften, nichtssagenden Fassaden". In scheinbar paradoxer Weise begeisterte er sich für die Architektur von Otto Wagner und gab auch dessen erste Biographie heraus.

Um 1910 trat der liberale Heimatschutz in Wien auch in institutioneller Form in Erscheinung, allerdings ohne Beteiligung von Lux. Der Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz war in Niederösterreich und Wien aktiv, vor allem in Hinblick auf Ortsbild- und Landschaftschutz, Denkmalpflege und Bauberatung.

Der Schutz des volkstümlichen Brauchtums findet sich in den Statuten erst an letzter Stelle. Man sah vielmehr im Ortsbild "das eigentliche Kunstwerk der Heimat, ihren besten Gehalt". Heimat meinte hier also die "Besonderheit und Eigenart alles dessen, worin und wie sich unser Leben abspielt".

Von den insgesamt acht, mitunter umfangreichen Flugschriften des Vereins befassten sich nicht weniger als fünf mit Wiener Themen. Dazu zählten Titel wie "Das Wiener Stadtbild" von Hans Tietze, der sich damals auch als Altstadt- und Heimatschützer betätigte, oder "Der Museumsbau auf dem Karlsplatze". Mit letzterem beteiligte man sich an einer der heißesten architektonischen Debatten dieser Zeit in Wien und sprach sich gegen den Plan aus, in unmittelbarer Nachbarschaft der Karlskirche einen Neubau zu errichten – unabhängig davon, ob der Entwurf von Friedrich Schachner oder von Otto Wagner stammte. Andernorts setzte man sich gerade für den Schutz der Wagnerschen Architektur ein, indem man in Zeitungsartikeln gegen die "Verunstaltung der schönsten Teile der Wiener Stadtbahn" durch Reklameschilder protestierte. An der heftigen medialen Auseinandersetzung um das Loos-Haus nahm der Verein – wider Erwarten – aber kaum teil. In einer Stellungnahme dazu bedauerte Tietze zwar den Abriss des Vorgängerbaues, des alten Dreilauferhauses, zeigte sich jedoch mit dem Neubau durchaus zufrieden und würdigte die künstlerische Leistung des Architekten.

Eine weitere Vereinsschrift nannte sich „Zur Rettung Alt-Wiens“. Sie enthielt eine Auswahl von besorgten, nostalgischen, aber auch engagierten Essays verschiedener Autoren, die kurz zuvor in der Wiener Presse erschienen waren. Das "verschwindende Alt-Wien" war damals eine beliebte Referenz in der kollektiven Wahrnehmung von Stadtveränderungen. Als "alt" und "schützenswert" galten vor allem historische Bauten aus der Zeit vor 1850. Begriffe wie "Alt-Wien" oder "alte Stadt" bargen dabei wohlgemerkt die Behauptung des Ursprünglichen und Authentischen in sich. In Wirklichkeit waren sie aber ebenso eine Konstruktion moderner Stadterfahrung.

Es mag überraschen, dass sich die wichtigsten Vertreter des Heimatschutzvereins aus dem akademischen Bildungsbürgertum, der höheren Beamtenschaft und der Aristokratie rekrutierten: Wir finden hier praktisch die feine Gesellschaft Wiens aus Kultur, Bildung und Politik versammelt.

Der Vereinsausschuss bestand aus Landesarchivaren und namhaften Professoren (zeitweise bis hin zum Rektor der Universität), aus Konservatoren der Denkmalbehörde, dem Wiener Bürgermeister sowie aus Regierungs- und Gerichtsräten. Dieser Befund widerspricht dem gängigen Klischee, wonach der Heimatschutz lediglich ein provinziell-kleinbürgerliches Phänomen gewesen sei. Er konnte offenbar ebenso großstädtisch und elitär sein.

Beide Wiener Heimatschutz-Formationen stimmten programmatisch miteinander im Kern überein, wenn es um die Verbesserung großstädtischer Verhältnisse ging. Man schlug eine Reihe von Maßnahmen vor: etwa die Erhaltung und Kommunalisierung alter Stadtteile, die Erstellung eines Denkmalschutz-Gesetzes (erlassen 1923), die Entlastung der Straßen durch Untergrundbahnen (erst sechs Jahrzehnte später realisiert!), die Dezentralisierung Wiens nach dem Vorbild Londons, die Trennung von Geschäfts- und Wohnstraßen, die Verbesserung der Wohnverhältnisse – ob durch Einfamilienhäuser einer Gartensiedlung oder in Zinshäusern – und nicht zuletzt die Beiziehung von Kunst und Denkmalpflege bei Regulierungsplänen. Darüber hinaus arbeitete der Verein stärker auf eine Reform der Bauordnung oder die Einrichtung der bereits erwähnten Bauberatung hin. Dabei ist es bezeichnend, dass sich diese Art Heimatschutz nicht an der völkischen Gartenstadt-Idee à la Theodor Fritsch orientierte, sondern fast ausschließlich die liberale englische Gartenstadtbewegung rezipierte.

Eine andere Moderne#

Von einer generell ablehnenden Haltung gegenüber der Großstadt kann hier also insgesamt kaum die Rede sein. Altstadt-Sehnsucht und Strukturkritik schlossen sich offenbar nicht aus. Mit ihrer ästhetischen und funktionalen Kritik an der gründerzeitlichen Großstadt stand der Wiener Heimatschutz um 1900 nicht allein – er befand sich vielfach im Mainstream des damaligen Städtebau- und Denkmalpflegediskurses und gehörte in mancher Hinsicht gar zur Avantgarde.

Da seine Vertreter sich vom üblichen zeitgenössischen Bauen abgrenzten, ein Wiederanknüpfen an bestimmte Traditionen anstrebten und historische Formen nicht nur kopieren, sondern weiterentwickeln wollten, finden sich auch zahlreiche Berührungspunkte zur modernen Architektur. Die größte innovative Leistung dürfte in der Entwicklung einer ganzheitlichen Sichtweise auf die Stadt liegen, in der ästhetische, denkmalpflegerische, hygienische, sozioökonomische und politische Aspekte vereint waren.

Daher können wir im hier skizzierten Heimatschutz liberaler und reformkonservativer Prägung eher eine moderate Version von Moderne denn ihren Widerpart sehen. Eines seiner wichtigsten Merkmale war eine Mischung aus Pragmatismus und Idealismus. Die (teilweise rückwärtsgewandte) Heimat-Utopie repräsentierte nicht bloß Wunschdenken, sondern war ebenso von konkretem Veränderungswillen geprägt. Der Heimatschutz betonte die Verbindung von Alt und Neu, von Tradition und Reform, von großen und kleinteiligen Strukturen. Schließlich hinterfragte man damit den scheinbar unbeeinflussbaren Lauf der Dinge, die gängigen Werthaltungen des Fortschrittsparadigmas und unterstrich einmal mehr die grundsätzliche Steuerbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung – mit Berufung auf ein offenes Heimatkonzept.

Sándor Békési

Sándor Békési, geboren 1962, ist Historiker und Kurator im Wien Museum. Seine ausführliche Darstellung des Themas "Heimatschutz" erschien in der "Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften" (ÖZG), Heft 1/2009.

Wiener Zeitung, Samstag, 24. April 2010