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Historisch Be-Tracht-et#

Ein Streifzug durch die Geschichte von Kleidung, Tracht und Steirergwand#


Von

Silvia Renhart

Aus: Froschgoscherl und Kittlblech. Die Arbeitsblätter der Frauentrachten im Steirischen Heimatwerk. Hg.: Volkskultur Steiermark GmbH/Steirisches Heimatwerk. 2. Aufllage 2010.


Wie alles begann#

Über die Jahrtausende hinweg entwickelten sich kleinräumliche Kleidungsstile, deren Ausführung primär von der Verfügbarkeit lokaler Materialien, der eigenen Kunstfertigkeit und den klimatischen Anforderungen bestimmt wurde. Kreativität, Stimulation und Inspiration förderten das Entstehen von identitätsstiftenden Elementen und einer bestimmten Tracht. Aber auch Einflüsse »von außen« manifestierten sich manchmal und stellen heute wertvolle Hinweise auf kulturelle Kontakte und/oder Eigenständigkeit dar. Fest steht auf jeden Fall, dass die Technologie, Kleidung aus Leder und Fell herzustellen, den Menschen durch die Jahrtausende der Eiszeit begleitete. Die Verwendung von gewobenen Kleidungsstücken ist dagegen verhältnismäßig jung.

Trachtbestandteile#

Da in unseren Breiten selten direkt urzeitliche Bekleidungsreste erhalten sind, ist man auf die Interpretation von Trachtbestandteilen angewiesen. Dabei handelt es sich um Fibeln, Nadeln, Knöpfe, Gürtelschnallen, diverse Kleiderverschlüsse und vieles mehr. Diese meist aus Gräbern stammende »Kleidungszubehör« aus Metall, Knochen, Hörn, Glas etc. erfüllte nicht nur praktische, sondern auch schmückende und symbolische »Zwecke«. Hierbei gibt die Lage des Trachtzubehörs u. a. Informationen zum Verschluss sowie der Art der Kleidung. Das Aussehen kann so jedoch nicht erfahren, sondern nur aufgrund von Analogien erforscht werden.

Fundorte von frühen Bekleidungs- bzw. Geweberesten#

Aus Moor- und Seeufersiedlungen Mittel- und Nordeuropas stammt das älteste und breiteste Spektrum unterschiedlicher Materialien, die zur Herstellung von Kleidung verwendet wurden. Aufgrund der Erhaltungsselektion ist jedoch nicht die gesamte Bandbreite der jeweiligen Epochen erhalten. Vor allem Woll- und sonstige tierische Haarreste erhalten sich in diesem Bodenmilieu nicht.

Besonders Moorleichen stellen in Bezug auf die Art und Tragweise von Kleidung unmittelbare, wenn auch eine ganz spezielle Quelle dar, da sie aus unterschiedlichen Gründen ins Moor gelangten. Einerseits handelt es sich um Verunglückte, die wohl Kleider des täglichen Lebens trugen und andererseits um »willentlich Versenkte« (Menschenopfer oder/und »Bestrafte«), aber auch' um regulär Bestattete. Selbst unter deponierten Opfergaben wie Waffen, Schilde, Werkzeuge, Schmuck, Zaumzeug und mehr sind Kleidungsstücke feststellbar.

Bildliche Darstellungen enthalten ebenfalls einen hohen Informationswert. Material, Nähte, Farbe und anderes sind oft noch erahnbar. So ist z. B. alt- und mittelsteinzeitliche Bekleidung bislang fast nur über bildliche Darstellungen wie Felsmalereien, anthropomorphe Grabstelen (von Hand gefertigte Steinmonumente), Statuetten und Idole aus Stein, Ton oder Knochen mit aufgemalter und eingeritzter Kleidung erschließbar. Ein Beispiel auf österreichischem Gebiet ist dafür die ca. 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf (NO). Auch die Jungsteinzeitliche der sogenannten Lengyelkultur zugehörige Venus von Falkenstein (NO) gibt mit ihrer Bemalung Hinweise

auf Bekleidung und/oder Tätowierungen. So ist die rote Linie um die Taille klar als Gürtel zu identifizieren. An dieser Stelle ist auch festzuhalten, dass der Gürtel von Anbeginn an sowohl bekleidungstechnisch als auch symbolisch eine wichtige Rolle in der Geschichte der Bekleidung spielte.

Ab der Bronzezeit gibt es mit Menschendarstellungen geschmückte Bronzeblecharbeiten. Besondere Beispiele dafür sind die berühmten Situlen (Eimer), Weinmischgefäße aus dem 6.- 5. Jh. v. Chr. Auf ihnen sind detailreich Festumzüge, Musikanten, Wagenfahrer, Wettkämpfer, Reiter, Krieger sowie Jagd- und Opferszenen mit in üppigen Gewändern gekleideten Menschen dargestellt. Aber auch Helme, Gürtelschließen, Gürtelbleche und Schwertscheiden weisen Darstellungen von Menschen mit verschiedenen Kleidern - meist Festkleidern auf.

Schriftliche Berichte existieren erst ab der späteren Eisenzeit und können zudem sehr ethnozentristisch (subjektiv gefärbt) gehalten sein.

Bekleidungsfunde aus Gräbern sind in den überwiegenden Fällen nur aufgrund ihrer Trachtelemente rückschließbar und in Verbindung mit Materialien wie Eisen und Bronze-durch Korrosion konserviert-fragmentarisch erhalten. Sie sind zudem »Ausdruck einer besonderen Situation«, da für Bestattungen nicht nur alltägliche, sondern auch eine eigene »Totentracht« in Frage kommen kann.

Erkenntnisse zur Bekleidung von Lebenden in den einzelnen Epochen gestatten neben den oben erwähnten Funden aus Feuchtgebieten vor allem Funde von Stoffresten aus Salzbergwerken wie Hallstatt (OÖ) und Dürrnberg (S). Die in diesen Resten aufgefundenen Nissen von Kleiderläusen identifizieren die damit verbundenen Gewebe als Bekleidungsstücke, da die Kleiderlaus nur in Stoffen zu finden ist, die in direktem Kontakt zum menschlichen Körper standen. So sind Material, Gewebestruktur, Qualität, Musterung und Farbe der Eisenzeit erschließbar. Der Vergleich dieser Stoffe mit Resten aus zeit- und kulturgleichen Gräbern zeigt eine Übereinstimmung. Dies lässt vermuten, dass die Menschen der Eisenzeit zu Lebzeiten und im Tode dieselbe Kleidung trugen.

Die üppigen Funde aus den sogenannten Hallstattzeitlichen Fürstengräbern zeigen den Reichtum der herrschenden Bevölkerungsgruppe. Man kann jedoch davon ausgehen, dass ihre Kleidung nicht „Allgemeingut" war und ärmere Schichten sicherlich einfacher gekleidet waren.

Älteste Flachsfasern (vor 34.000 Jahren)#

Die bisher ältesten Fasern stammen aus einer Höhle des Kaukasusgebirges in Georgien. Dort hielten sich bereits vor 50.000 Jahren Neandertaler in den zahlreichen Felsüberhängen und Höhlen auf, die wenig später vom modernen Homo sapiens abgelöst wurden. Bei den Fasern handelt es sich um 34.000 Jahre alte Flachsfäden. Flachsfasern wurden entweder in Rohform oder miteinander verdreht zur Herstellung von Seilen, Körben, Kleidungsstücken und auch Gebrauchsgegenständen verwendet. Pigmentspuren zeigen, dass die Menschen die Fasern bereits einfärbten.

»Natur-Goretex« der Kupferzeit (3.500-2.300 v. Chr.)#

Eine Einzigartigkeit stellt der 5.300 Jahre alte Fund des Mannes aus dem Eis (»Ötzi«) vom Tisenjoch (3.210 m Seehöhe) in Südtirol dar. Er zeigt dem Goretex-verwöhnten Menschen von heute das erste Mal alltägliche - noch dazu zweckmäßige-Kleidung für das Hochgebirge und beweist so nebenbei, dass die Berge nicht lebensfeindlich, sondern eben Lebensraum waren.

Ötzi trug 2,5 kg Ausrüstung aus 17 unterschiedlichen Holzarten bei sich und insgesamt sieben Kleidungsstücke aus Fell und Leder, welches durch Fetten und Räuchern gegerbt worden war: eine Leggings (mit Flickstellen); ein Lendenschurz und eine Felljacke aus Ziegenleder (mit hellen und dunklen Fellstreifen »designed«); mit Heu ausgestopfte Schuhe aus Braunbärenleder, Hirschhaut, ein Grasschnurnetz und Lindenbast; eine Bärenfellmütze; einen Grasumhang aus geflochtenem Pfeifengras; einen Gürtel aus Kalbsleder, in dessen Täschchen sich u. a. eine Knochenahle befand.

„Genäht" wurde lange Zeit hindurch mit Ahlen, aber auch mit Nähnadeln aus Knochen und Fadenmaterial aus Sehnen, Darm oder pflanzlichen Fasern, wie z. B. Brennnessel. So stellt Ötzis Dolchscheide eines der ältesten Zwirngeflechte der Welt dar.

Im Jahre 2003 wurden in den Berner Alpen am Schnidejoch (2.756 m Seehöhe) ebenfalls Reste von Bundschuhen und Beinkleidern gefunden. Diese Beinlinge ähneln jenen von Ötzi und sind aus Lindenbast zusammengenäht. Ein weiterer Bundschuh aus dieser Epoche wurde erst unlängst in einem Moor in Holland, in Buinerveen, entdeckt.

Baumbast, Leinen, Wolle und mehr#

Neben jungsteinzeitlichen (5.000-3.500 v. Chr.) und bronzezeitlichen (2.300/2.200-850 v. Chr.) textilen Kleiderresten fanden sich in Pfahlbausiedlungen auch Handwerkszeugnisse. Vieles wurde aus Baumbast gefertigt. Besonders Eichen- und Lindenbast sind aufgrund ihrer langen Fasern und der damit verbundenen höheren Reißfestigkeit dafür geeignet. Aus diesen Fäden wurden neben Kleidungsstücken auch Schuhe, Hüte, Körbe, Reusen in Zwirnbindung, verschiedene geknüpfte Netze und mattenartige, grob und fein gearbeitete Geflechte erzeugt. Dies zeigt, wie zahlreich textile Produkte aus pflanzlichen Materialien in fast allen Bereichen des täglichen Lebens in Gebrauch waren.

Mittels eines einfachen, bereits in der Jungsteinzeit bekannten Webstuhls wurden aus Bastfasern Stoffe gewebt. Für das Färben der Fäden verwendete man z. B. für Gelb die Färberkamille, Färberginster und Birke und für Blau den Wilden Waid.

Um diese Arbeitsvorgänge jedoch bewerkstelligen zu können, mussten die Menschen lange Zeit an einem Ort bleiben, das heißt, sie mussten sesshaft werden - zumindest den Großteil des Jahres. In diesen bäuerlichen Kulturen geben Spinnwirtel und Webgewichte die ersten konkreten Hinweise auf Weberei in Mitteleuropa. Damit einher geht auch die Kultivierung der Leinpflanze, deren sehr feine und lange Fasern in der sog. Leinwandbindung zu Geweben verarbeitet wurden.

Zur lückenhaften Fundsituation von Wolle und tierischen Haaren gesellt sich die Annahme, dass das Fell der jungsteinzeitlichen Schafe im Gegensatz zu den in der Bronzezeit gezüchteten Wollschafen noch zu haarig für die Verwendung als Gewebefaser war.

Im Gegensatz dazu verraten die gewebten Stoffe der Baumsargbestattungen der nordischen Bronzezeit eine fast ausschließliche Verwendung von Wolle. Durch die weit reichende Verbreitung von Bronze kam es zur Herausbildung eines differenzierteren Gesellschaftssystems in Verbindung mit der Entwicklung neuer Handwerkstechniken. So erlebte auch das Textilhandwerk etliche Innovationen. Davon zeugen die körpernahen Kleidungsstücke, die auf ausgefeilte Nähtechnik, oft noch inspiriert durch die Verarbeitung von Fellen, hinweisen. In der Bronzezeit sind Gewänder üblich wie die Frauenbluse, der Männerkittel und der Männermantel, die sich dadurch auszeichnen, dass sie geschnitten wurden. Die Schnittkanten wurden gesäumt und die zugeschnittenen Teile nach Wunsch vernäht.

Bei der eisenzeitlichen Kleidung (1.000-15 v. Chr.) wurde es vor allem in Nordeuropa vermieden, Stoffe zu zerschneiden. Die Stoffrechtecke wurden einfach als Rechteckmantel, Schal, Schleier, Kopftuch oder Beinwickel um den Körper geschlungen. Ihre Befestigung erfolgte durch Draperie, Gürtel, Nadel oder Fibel. Zusammengenäht ergaben diese Rechtecke verschiedene Kittel, Tuniken oder einen Peplos (= Kleidungsstück aus einem viereckiger Tuch). Einzig unter den bronze- und eisenzeitlichen Geweberesten aus dem mitteleuropäischen Hallstatt finden sich zahlreiche geschneiderte Elemente, auch mit kurviger Rändern und mit Knopflochstich gesäumt. Einige Stoffe wurden sogar quer zum Fadenverlauf trapezförmig zurecht geschnitten. Beeindruckend ist nicht nur der Musterreichtum, sondern auch die Buntheit der Gewebe. De rote Farbstoff konnte in der Eisenzeit erstmals aus der Schildlaus gewonnen werden. Auffallend sind verschiedene Arten von Kopfbedeckungen wie Hüte, Hauben Schleier - vor allem als Bestandteil der norisch-pannonischen Tracht, die heute noch vielfach in der Steiermark und seinen Nachbarräumen nachwirkt.

Die vom römischen Geschichtsschreiber Diodor bei der Beschreibung der Kelten erwähnten »bracas« (Hosen) konnten bislang noch an keinem konkreten archäologischen Fund in Mitteleuropa nachgewiesen werden. Ausgenommen der aus dem 8.-6. Jh. v. Chr. auf einem Südtiroler Gletscher (Rieserferner, 2.850 m) geborgenen Leggings. Bei dem Fund handelt sich um zwei Paar Beinlinge und ein Paar Socken aus Wolle, mehreren Bändern und Schnüren sowie kleineren Stücken von gegerbtem Leder, die wahrscheinlich von einem Schuh stammen. Nach der Länge der Beinkleider schließt man darauf, dass der Träger rund 170 cm groß gewesen sein muss.

Die eisenzeitlichen Formen sind auch für die griechische und römische Kleidung typisch und prägen sogar noch die Bekleidung des Frühmittelalters. Die Kleidung des Mittelalters war recht einfach und eintönig in braun, grau, grün (wohl aufgrund der Verwendung von »Naturfarben« nachträglich so empfunden) und per Verordnungen streng geregelt. So war es per Strafe untersagt, Kleidung anderer Gruppen/Stände zu tragen. Man unterschied generell zwischen bäuerlicher und bürgerlicher Kleidung. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ist Kleidung/Tracht Kennzeichen für Standeszugehörigkeit, die sich durch alle Schichten zog. Damit wird die soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft ausgedrückt - unabhängig von der heute postulierten Regionalität.

Aus dem 15. Jahrhundert wird berichtet, dass ein steirischer Sensenschmied (aus heutiger Sicht) eine Art späteren »Steirerrock« in Form eines hellen Lodenrocks mit einem grünen Stehkragen getragen habe. Bezüglich der bäuerlichen Frauenkleidung geht man erst von einem hemdartigen Kleid aus, welches um 1340 im Ober-, sprich Ärmelbereich eingeengt wurde. Daraus entstand ein Unter- und ein Obergewand, das sogenannte Mieder. Nur Mägde und Dienerinnen trugen dieses Untergewand und es war verpönt, sich damit öffentlich zu zeigen. So wurde es bei Kirchgängen verhüllt.

Ab ca. 1480 - also in der Renaissance - wurde erkannt, wie sehr mit einem Mieder der Oberkörper einer Frau modelliert werden kann. Die spanische Mode entwickelte daraus um 1550/60 das Korsett.

Um 1700 löste sich das Mieder vom Rock und die quasi »Urform des Dirndls« entstand aus diesem zweiteiligen Bekleidungsstil.

Im Rokoko wurde das Korsett mit Oberstoff überkleidet - aus zwei eins gemacht - und am Rücken geschnürt, so dass frau sich nicht mehr alleine anziehen konnte und eine Zofe benötigte. Die bäuerliche Bevölkerung übernahm jedoch nur, was »bequem« und zweckmäßig war, und zwar nach dem Motto »Ein Kleid ein Leben lang«.

Die Idee der Tracht - wie sie heute verstanden wird -ist erst 200 Jahre alt und wurde u. a. von Jean Jacques Rousseaus romantischer Verklärung »des Lebens der Menschen auf dem Land« genährt.

Im 18. Jahrhundert entstanden in Tirol die ersten Trachtengruppen. Dieser Trend setzte sich im 19. Jahrhundert im gesamten Alpenraum durch und leistete so einen entscheidenden Schub für die Trachtenbewegung. Anzumerken ist hier, dass das Tragen von Dirndln erst eine zweideutige Be-deutung hatte. So galt die Tracht als Erkennungszeichen von armen Mädchen, die auf Messen ihre persönlichen Dienste anboten. Sie gaben vor, Nähnadeln (später Gemüse) zu verkaufen, und so hieß es 1744, dass »das Tragen der Tracht der Tiroler Mädchen bester Verdienst sei«.

Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die aufkeimende emotionale Verbundenheit zwischen Trachtenbekleidung und engerem Lebensumfeld gefördert. Damit wurde ganz bewusst an Entstehung und Festigung eines nationalen Heimatgefühls - vor allem in neu gegründeten Staaten wie Bayern - gearbeitet. 1853 kam es durch den Vater (Max von Bayern) der späteren Kaiserin Elisabeth von Österreich zum Erlass zur Erhaltung der Volkstrachten. 1854 anlässlich ihrer Hochzeit erhielten Kaiser Franz Joseph und Sisi eine Mappe mit Liedern aus der Monarchie. Dies zeugt davon, dass die Äußerungen des Volkes von der städtischen Bevölkerung bewusst wahrgenommen wurden. Unter anderem wurden von den Sommerfrischlerinnen auch die Tracht bzw. das Dirndl angenommen, um dann »modernisiert« wieder aufs Land zurückzukehren. Die Tracht erfuhr durch diese vermehrte »Bewegung« auch erstmals eine zunehmende Konfektionierung.

Trotz des vielfachen Versuchs, die Tracht politisch zu instrumentalisieren und ein normiertes und geographisch gerastertes »Nationalkostüm« zu erschaffen, orientierte sich der Großteil der Landbevölkerung weiterhin an den Modeströmungen aus der Stadt und nahm diese nach wie vor ungeniert in ihr Repertoire auf.

»Der Steirer ältester Edelgewandfund«#

Das älteste Wams der Steiermark wurde 1971 im Grab von Graf Friedrich von Stubenberg gefunden. Es stammt aus dem Jahre 1575. Das Wams spiegelt die puritanischen habsburgischen Kleidervorschriften, die der spanischen Mode folgten, wider. Diese höfische Mode wurde im 16. Jahrhundert von Kaiser Karl V. eingeführt. Um Demut auszudrücken, war es dem Adel gestattet, nur schwarz mit weißer Halskrause zu tragen. Dieses schwarzbraune Seidenwams besteht aus einem Ober- und Unterwams, hat Zierärmel, deren Überlänge den Wohlstand ausdrückt, und Knöpfe in Posamentier-Technik aus Seidenfäden gefertigt. Es wird im Universalmuseum Joanneum in Graz verwahrt.

Wen wundert es - könnte man hier nun einfügen -, dass Erzherzog Johann sich in den starren Kleidern des Wiener Hofes nicht wohl fühlte und lieber auf sein Steirisches Jägergewand zurückgriff. Übrigens stammt die erste urkundliche Erwähnung eines Schneiders in der Steiermark aus dem Jahre 1232. Es handelt sich um einen Landschneider aus der Kindberger Gegend.

Das Steirergwand#

Die »Steirische Tracht« ist ein beinahe unerschöpfliches Thema. Vielfalt und Facettenreichtum prägen sie bis heute. Im 19. Jahrhundert erkor sie der »Steirische Prinz« -Erzherzog Johann - zu seiner Lieblingskleidung und trug so zur Erhaltung ihrer schlichten Form bei. Dabei handelte es sich um den grauen, grün besetzten Rock des alpenländischen Hochgebirgsjägers. Davon zeugt ein Brief an die Ausseer Postmeisterstochter und spätere Gemahlin Anna Plochl: »Als ich den grauen Rock in der Steyermark einführte, geschah es um ein Beyspiel der Einfachheit in Sitte zu geben, so wie mein grauer Rock, so wurde mein Hauswesen, so mein Reden und Handeln. Das Beyspiel wirkte, der graue Rock, von manchen verkannt, von den Besseren erkannt, wurde ein Ehrenrock und ich ziehe ihn nie mehr aus, ebensowenig weiche ich von meiner Einfachheit, lieber gebe ich mein Leben her.«

Zeitgleich erfolgte eine starke modische Beeinflussung der Tracht. Besonders die sog. »Wiener Mode« prägte die SteirischeTracht stärker als die Trachten in Kärnten oder Tirol. Diese »Wiener Mode« wiederum stand unter dem Einfluss von Empire, Biedermeier, Rokoko und Gründerzeit. Das zeigt sich u. a. in den bildlichen Darstellungen von Erzherzog Johann. So wandelte sich sein grauer Rock mit grünem Stehumlegkragen - sein »Steirergwand« - über den grauen Haftelrock mit grünem Kragen zum biedermeierlichen, doppelreihig geknöpften Rock mit grünem Umlegkragen und Revers. Der lodene, grüne oder braune steirische Haftelrock stellt übrigens eine langsam vonstattengegangene Umformung des alten Bauernrockes nach dem Schnitt des französischen Galarockes aus den Tagen Ludwig XIV. dar.

Sehr stark manifestiert sich der Empire-Einfluss zuerst in der überhöhten Taille bei den Frauentrachten. Dabei stellt besonders das sog. Anna-Plochl-Kleid fast die »Spitze« des städtischen Einflusses dar. In der bäuerlichen Alltagskleidung blieb der Brustfleck mit Filz- sowie Strohhut unvermindert in Gebrauch. Nur die Kittel wurden etwas kürzer, farbiger oder dunkler, die Schürzen blieben blau (ausgenommen die der Sennerinnen und Kellnerinnen), die breitkrempigen Hüte verschwanden, die Hauben wurden in manchen Gegenden durch Kopftücher (schwarz im Norden, hell im Osten und Süden) abgelöst. Die hohe Empiretaille fand auch Eingang in die lokale Männertracht. Sogar die seit 1818 propagierten Langhosen wurden übernommen genauso wie Zylinder und Frack. Dieser Empirefrack ist heute als sog. »Steirisches Stutzfrackerl« bekannt. Das Tragen dieser ursprünglich ländlichen Standestracht war Mitgliedern und Beamten des Herrscherhauses seit 1823 eigentlich verboten. Doch der Erzherzog setzte sich darüber hinweg und machte den grauen Rock samt gamslederner Kniebundhose, grünen Strümpfen, hohen Bundschuhen, grünem Hut und rotem Halstuch gesellschaftsfähig. Durch ihn wurde der Rock weit über die Grenzen hinaus als „Steirerrock" bekannt. Und seit den 1860er Jahren entwickelte sich der »Steireranzug« als eine städtische Tracht mit langer Hose und trat so seinen bis heute andauernden Siegeszug an.

Erzherzog Johann veranlasste im Rahmen einer gezielten Landesaufnahme u. a. eine Untersuchung, wie weit sich die heimatlichen Trachten der einzelnen Landesteile für eine Uniform der Landwehrkompanien eignen würden. Im Zuge dessen fertigten von ihm beauftragte Maler wie Johann Lederwach, Matthäus Loder, Karl Ruß und Thomas Ender reale Darstellungen vom Leben der Menschen am Land an. Diese Darstellungen sind heute noch wichtige bildliche Urkunden von Tracht, Sitte und Leben der Menschen im 19. Jahrhundert. Die Bedeutung der Reformen des Erzherzogs wurde erst im Nachhinein wirklich erfasst. So steht er als »Ikone« zwischen dem Ende der feudalen Gesellschaft und der Entwicklung des bürgerlichen Zeitalters. Heimatschutz und Trachtenvereine vereinnahmten und stilisierten ihn schließlich zum Klischee.

Obwohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein deutlicher Rückgang der allgemeinen Trachtenfreude zugunsten eines bürgerlich-modischen Stils einsetzte, entwickelten sich in der Steiermark sogenannte landschaftsgebundene Sondertrachten wie die dunklen »Stockhuttrachten« des oberen Murtals oder die grüne Jankertracht mit dem hochgupfigen »Rosenkoglerhut« um Stainz. Auch die ost-, mittel-und zuletzt auch weststeirischen weiblichen »Brustfleck- oder Busenmiedertrachten« sowie die zumeist oststeirischen männlichen Schurz- und Stiefeltrachten zählen dazu. Sie ordneten die steirischen Landschaften trachtengeographisch.

Im Gegensatz zur vorangegangenen sinkenden Begeisterung für die Tracht in dörflichen Gemeinschaften erlebte sie in städtisch-intellektuellen Kreisen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung. Dies lag vor allem daran, dass die Sommerfrische im Salzkammergut und das dazugehörige Tragen von Tracht modern waren und damit eine »Leichtigkeit des Lebens« verbunden wurde. Aber auch der Verbundenheit mit dem „Österreich von gestern" wurde (und wird) so Ausdruck verliehen. Diese Nostalgie geht heute anscheinend ganz problemlos Hand in Hand mit Globalisierung und Regionalisierung im »Europa der Regionen«.

In dieser Epoche des Umbruchs in einem schwächeln-den Europa trafen die beiden parallel laufenden Strömungen, die die Tracht eigentlich von Anbeginn begleitet haben, vehement aufeinander:

  • die romantisch-spielerische Trachtenentdeckung durch städtische Kreise und
  • die national bestimmte Suche nach den Wurzeln von politisch einseitig gefärbten Elementen.

Die Tracht wurde so zu einer Arena, in der politische Aktion und gesellschaftliche Ausgrenzung vorgeführt wurden. Diese Vereinnahmung der Tracht durch das nationalsozialistische Regime hallt noch immer nach und macht es heute oft noch zu einem schwierigen Thema.

Bereits 1913 begannen die Polemiken gegen städtische (oft jüdische) Erzeuger und jüdische Träger von Trachten. So wurden Hut und Männertracht (v. a. der Lamberghut und die Salzburger Tracht) in Kombination mit kurzer Lederhose und weißen Stutzen als die »ererbte Vätertracht« vereinnahmt. Ergänzt wurde das Ensemble oft noch durch den sogenannten Knopfcode. Das bedeutete, dass der zweite der weißen Hemdknöpfe mit schwarzem Faden angenäht und unter den Knopf ein rotes Gummiringerl durchgezogen wurde. Das ergab ein stilisiertes nationalsozialistisches Parteiemblem, das im Wiener Raum sehr häufig anzutreffen war.

Jüdische Mitbürgerinnen waren nicht nur im beruflichen, sondern auch privat in diesen Bereichen des Lebens stark engagiert. Sie waren die »Pioniere des Alpinismus«, sie begründeten sogar den modernen Skitourismus, erfanden das Freeclimbing, eroberten die Berge und machten Dirndl und Lederhose salonfähig. Ihre geistige Elite schwärmte von der Schönheit der Alpen, wie z. B. Walter Benjamin: » Wenn ich die Berge sehe, wozu überhaupt noch die ganze Kultur?« oder Theodor Herzl fuhr schon 1900 mit seinem »Mountainbike« durch Bad Aussee, Viktor Frankl war ein ausgezeichneter Bergsteiger und der Rabbiner Samson Raphael Hirsch sagte: »Wenn ich vor Cott stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?« Damit einher gingen auch das Tragen und die Verbreitung von Tracht!

Nazis und Antisemiten war die jüdische Leidenschaft fürs Gebirge, dieser neuen Kampfzone der Heimattümelei, suspekt. Juden wurden schließlich aus Alpenverein und Skiverband ausgeschlossen.

1938 wurde die jüdische Bevölkerung mit dem Trachtentrageverbot belegt: »luden ist... das öffentliche Tragen von alpenländischen (echten und unechten) Trachten, wie Lederhosen, Joppen, Dirndlkleidern, weißen Wadenstutzen, Tirolerhüten usw. verboten. Übertretungen werden mit Geld - bis 133 Reichsmark - oder Arrest bis zu zwei Wochen bestraft...«.

Steireranzug und Salzburger Landesanzug wurden nach dem 2. Weltkrieg einerseits aus Mangel an Ressourcen, andererseits zur Hebung des neuen Österreich-bewusstseins zur österreichischen Alltagskleidung erkoren. Nach etlichen »Hoch und Tiefs« stehen diese Kleidungsstücke in allen Bereichen angesehen und zu vielen Gelegenheiten passend, wieder »gut da«.

Die beiden Volkskundler Konrad Mauthner (aus einer jüdischen Wiener Industriellenfamilie stammend) und Viktor von Geramb stellten ein kongeniales Paar dar. Sie betrieben umfangreiche Forschungen und Studien, deren Erkenntnisse nach dem frühen Tod von Konrad Mauthner im von Viktor Geramb 1934/35 vorgelegten »Steirischen Trachtenbuch« dargestellt wurden.

Zeitgleich nahm Geramb auch die Gründung des Steirischen Heimatwerks in Graz vor. Einige Monate danach folgte die Gründung des Tiroler Heimatwerks. In der Zeit des Nationalsozialismus entstanden die Heimatwerke in Oberdonau (Linz), Kärnten, Wien und Salzburg mit parteiideologischen Zielsetzungen. Sie sollten als »Volksbewegung« der Stärkung der inneren Front dienen und übe allen volkskulturellen Kräften im Gau stehen«. Nac Kriegsende wurden diese NS-Heimatwerke wieder aufgelöst und nur die unter anderen Zielsetzungen vor dem Kriege gründeten Heimatwerke in der Steiermark und in Tirol blieben bestehen. Sie dienten in den Nachfolgejahren a' Vorbild bei den Neugründungen in den anderen Bundesländern. Dies schloss auch die Aufnahme der Idee Gerambs »der wissenschaftlich begleiteten Trachtenerneuerung« ein. Denn er meinte von Anbeginn an, dass nur eine zeitgemäße Tracht die Möglichkeit hätte, eine wirklich lebendige Tracht zu sein.

1959, im Zuge des Erzherzog-Johann-Festjahrt (100. Todesjahr) wurden flächendeckende Pflege- und Erneuerungsmaßnahmen konzipiert und man versuch so die Landestracht von den Städten wieder in die Dörfer zurückzutragen. Engagierte Persönlichkeiten wie Hani Koren, der das »Urkleidungsstück« - den Wetterfleck wieder salonfähig machte, förderten dementsprechende Veranstaltungen und Institutionen, erarbeiteten Vorlagen und Richtlinien bezüglich des Aussehens von Trachten bzw. ihr Erneuerungen. Die Folge war, dass eine wahre Trachteneuphorie eintrat, die bis in die 1970er Jahre anhielt.

Gerade in den letzten Jahren erleben wir nun d gleiche Phänomen, natürlich auch gesteuert von Industrie und Werbung. Doch eine nicht geringe Kraft geht von d Bevölkerung, besonders von den Frauen in den Gemeiden aus. Der Wunsch nach »Ortstrachten« hat wieder stark zugenommen.

Das Steirische Heimatwerk erfüllt so heute im 21. Jahrhundert noch immer als Beratungsstelle des Land Steiermark eine seiner Kernkompetenzen. Mit groß Verantwortung, guter Kenntnis der historischen Kostümkunde sowie der gesellschaftlichen Trachtenentwicklug wird die Bevölkerung beim kreativen Umgang mit d Tracht/dem Dirndl begleitet.

Alldessen: Tracht bzw. Dirndl - sie bewegen sich doch!