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Der Ratschenbauer Franz Ederer#

Von

Hermann Maurer


Ratschen als Wink des Schicksals#

Franz Ederer
Franz Ederer
Foto: privat

Nach einem Schicksalsschlag, dem ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt und die Frühpensionierung folgten, entdeckt der Wagner- und Tischlermeister Franz Ederer den fast vergessenen Brauch des Ratschens wieder. Nicht nur das Herstellen der Ratsche selbst, sondern auch der volkskundliche Hintergrund weckt sein Interesse, was eine intensive Beschäftigung mit dem Thema seit nunmehr 15 Jahren nach sich zieht.

Der zufällige Fund einer alten von Kinderhand gebastelten Ratsche auf dem Dachboden der Volksschule von St. Kathrein am Offenegg gibt den Stein des Anstoßes: Nach diesem Modell und unter Einbezug weiterer Recherchen stellt er 13 verschiedene Ratschenvariationen her.

Seine Ratschen und sein Interesse am Ratschen sollten aber nicht unbemerkt bleiben. Gemeinsam mit dem Kapellmeister von St. Kathrein hat er den alten Brauch des Ratschens in der Osterzeit wieder aufleben lassen. Im Zuge dessen fertigt er gemeinsam mit interessierten Erwachsenen und Jugendlichen mehr als 70 Ratschen an.

Es folgen Ratschenbaukurse in den Schulen Granitz und St.Kathrein. Auch das Steirische Volksliedwerk wurde aufmerksam und konnte für die Sache gewonnen werden. Somit wurden werden die Ratschenbaukurse auch in der übrigen Steiermark, im Burgenland und anderen Teilen von Österreich angeboten.

Buch
Das Ratschenbuch
Foto: H. Maurer, 2016

Außerdem ergabt sich über das Steirische Volksliedwerk die Möglichkeit, eine Forschungsarbeit über den Brauch des Ratschens in der Steiermark in Auftrag zu geben, die Frau Mag. Johanna Paar verfasste und im Volksliedwerk aufliegt.

Im Rahmen einer Projektarbeit mit der HTL Weiz fertigten Schüler technische Zeichnungen und Bauanleitungen von den insgesamt 30 Ratschenmodellen an, die Franz Ederer bis dato entworfen hat. Zusammen mit der Forschungsarbeit von Mag. Johanna Paar und den fachgerechten Ratschen-Zeichnungen entstand ein schönes Buch "RRRATSCHen".

Brauchtum und kirchlicher Hintergrund#

Ratschenumzüge sind ein alter katholischer Brauch in der Osterzeit. Am Gründonnerstag verstummen nach dem Glorialäuten zum Zeichen der Trauer alle Glocken in den Gotteshäusern und Ratschen übernehmen die Aufgabe der Kirchenglocken. Im Volksmund sagt man, die Glocken fliegen nach Rom, um sich einen neue Weihe oder um sich ein rotes Ei zu holen.

Mit diesem Brauch besinnt man sich auf die frühchristliche Art der Karwochenfeier, die nur das Schallbrett kennt, das seit dem 6. Jahrhundert allmählich durch Glocken ersetzt wurde. Weil das Glockenläuten als festlich gilt, unterlässt man es in den letzten Tagen der Karwoche. Das Gebetläuten wird durch eine große Kirchturmratsche ersetzt. Auch in der Kirche benutzen die Ministranten statt des Glöckchens eine Holzklapper.

Franz Ederer
Franz Ederer
Foto: privat
Dekorationen aus Holz
Aus den Hobelspänen entstehen Kunstwerke
Foto: H. Maurer, 2016
Ratsche
Franz Ederer mit einer Schubkarrenratsche
Foto: H. Maurer, 2016

Von Region zu Region verschieden, entstand der Brauch des Ratschenumzugs, der beispielsweise um die Kirche oder durch den gesamten Ort begangen wird. Andernorts gibt es wiederum die Ratschenbuben, heute auch Ratschenmädchen, die von Haus zu Haus gehen und eine kleine Gabe bekommen.

Der erste Ratschenumzug in St. Kathrein am Offenegg, initiiert von Franz Ederer, fand am 9. 4. 2004 (Karfreitag) statt. Seit dem finden die Umzüge weiterhin jährlich statt.

Die Kathreiner Ratschen erreichen auch immer wieder sogar die Bundeshauptstadt: anlässlich des steirischen Frühlingsfestes am Wiener Rathausplatz wurden am 1. April 2006 erstmals drei Ratschenumzüge veranstaltet, an denen 100 Kathreiner und Wiener Kindern teilnahmen. Viele Veranstaltungen sind gefolgt.

Holzkunst jenseits von Ratschen#

Da Franz Ederer sein Handwerk nach jahrelanger Berufserfahrung als Tischler- und Wagnermeister in Österreich und Deutschland meisterlich beherrscht, sind Ratschen natürlich nicht die einzigen Objekte, die er fertigt. Auch die Herstellung anderer alltäglicher, traditioneller oder religiöser Arbeiten aus Holz sind ein großes Anliegen. So entstehen bis heute unzählige Wegkreuze, Wagenräder, Fenster, Balken, Pokale, Holzspielzeug wie Eisstöcke, Wasserräder, Hollerbüchse uvm.

Neben dem Holzbau darf auch sein handwerkliches Geschick die Oberflächenbehandlung betreffend nicht unerwähnt bleiben. Er perfektioniert die Drechsel-, Kerbschnitz- und die Intarsienarbeiten sowie die Holzmalerei. Seiner Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Rednerpult
Abb.1 Rednerpult
Foto: F. Ederer

Rednerpult#

Als Paradebeispiel seiner Handwerkskunst darf die Vorstellung seines eigens entworfenen Rednerpultes nicht fehlen. Zum Anlass einer Fahrzeugweihe der Freiwilligen Feuerwehr St. Kathrein 2001 wurde ein Rednerpult in Auftrag gegeben.

Die Besonderheit dabei ist nicht nur die perfekte Konstruktion und gekonnte Oberflächenbehandlung sondern auch die individuelle Einsetzbarkeit des Objektes bei vielen anderen Veranstaltungen der Gemeinde.

Im oberen Bereich des Rednerpults befindet sich wie in Abb.1 ersichtlich das Wappen der hiesigen Feuerwehr. Dieses Wappen lässt sich jedoch entfernen und das leere Feld kann mit beliebig anderen Wappen bestückt werden.

Engagement für Tradition und Handwerk#

Somit schließt sich der Kreis und man darf behaupten, dass Franz Ederer die Handwerkskunst der Holzbearbeitung vollständig erfasst, ständig auslotet und zu wahrer Blüte führt.

Franz Ederers Bestreben und Eifer sind damit aber noch lange nicht erschöpft. Unermüdlich setzt er sich für den Erhalt von Bildung und Kultur im Almenland, die Arbeit am Gemeinwohl und dem gemeinsamen sozialen Miteinander sowie der Vermittlung von Tradition und christlichem Gedankengut an die nächste Generation ein. Daneben engagiert er sich für die Weitergabe seines Könnens und veranstaltet Holz-, Ratschen-, und Bastelkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.


Ratschen Beispiele
Ratschen in der Karwoche
Foto: F. Ederer
Holzspielzeug Beispiele
Holzspielzeug
Foto: F. Ederer
Kreationen aus Hobelspänen
Kreationen aus Hobelspänen
Foto: F. Ederer

Ratschen
Verschiedene Ratschentypen
Foto: H. Maurer von Vorlage von Franz Ederer

Austria-Forum Ratsche
Das Austria-Forum ist stolz, eine eigene Ratsche zu haben
Foto: H. Maurer, 2016

Für seine Bemühungen wurde Franz Ederer das "Golden Ehrenzeichen" vom Land Steiermark durch den Landeshautpmann für die Verdienste im Bereich "Volkskultur, Altes Handwerk und dem Ratschenbuch" verliehen. Das Ratschen in der Osterzeit wurde dank seiner Bemühungen und mehrerer Mitstreiter in das immaterielle Kulturerbe Österreichs aufgenommen:

Ratsche