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Weiße Weihnachten im Glas#

200.000 Schneekugeln werden pro Jahr in der Schneekugelmanufaktur in der Schumanngasse gefertigt#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 21./22. Dezember 2013)

Von

Thomas Trescher


Familie Perzy beliefert die Welt seit 113 Jahren mit Schneekugeln.#

Evergreen Weihnachtsbaum
Evergreen Weihnachtsbaum, 350 Motive hat die Manufaktur in ihrem Programm.
Luiza Puiu

Wien. Es war 2009, im Jahr, nach dem die USA einen neuen Präsidenten gewählt hatten, der ihnen Hoffnung gab und Wandel versprach. Da saß Erwin Perzy III. in seiner Werkstatt in der Wiener Schumanngasse und musste seine neueste Schneekugel noch einmal aufschrauben. Schuld daran war eben dieser neue Präsident, Barack Obama. Gerade als die Begeisterung für Obama erstmals abzuflauen drohte, blickte die Nation noch einmal verzückt ins Weiße Haus, denn dort hatte Obama gerade eines seiner Wahlversprechen eingelöst und seinen Töchtern ein Haustier geschenkt, den portugiesischen Wasserhund Bo.

Das hätte Erwin Perzy eigentlich herzlich egal sein können, aber auch er hatte gerade ein Geschenk für Obamas jüngste Tochter Sasha fertiggestellt: eine Schneekugel mit der "First Family" als Miniaturfiguren. Da durfte das neue Familienmitglied nicht fehlen, und so bastelte Perzy noch einen schwarzen Hund dazu.

Seit 113 Jahren werden in der Schumanngasse 87 in Hernals Schneekugeln hergestellt, 2002 schenkte sich die Gründerfamilie Perzy ein Museum zur Manufaktur. Das Duplikat der Obama-Schneekugel ist aber nur eines von dreien im Museum, die ihren Weg ins Weiße Haus gefunden haben: Ronald Reagan hatte eine Schneekugel mit einer Miniatur des Farmhauses seiner Reagan-Ranch, und Bill Clinton bekam von einem Freund eine besondere Kugel geschenkt: Statt Schnee enthält sie goldene Konfettischnipsel - jene, die bei seiner Siegesfeier von der Decke regneten.

Kugelmeister Erwin Perzy
Kugelmeister Erwin Perzy produziert für Präsidenten und Kaiser.Luiza PuiuKugelmeister Erwin Perzy produziert für Präsidenten und Kaiser.
Luiza Puiu

Das Museum erzählt die Geschichte, wie es so weit kam: 1900 versuchte der Chirurgieinstrumentenmacher Erwin Perzy, die Glühbirne zu verbessern. "Das Licht von Glühbirnen war zu dunkel für Operationssäle, damals wurden dort noch Gaslichter mit Flammen verwendet - die natürlich nicht steril waren", erzählt sein Enkel mit demselben Namen. Er füllte unter anderem eine Kugel mit Wasser und Licht reflektierenden Stoffen. Er scheiterte letzten Endes zwar an der Verbesserung der Glühbirne, erfand aber im Zuge der Experimente die Schneekugel - die er damals "Glaskugel mit Schnee-Effekt" nannte. Die erste Kugel enthielt eine Zinnminiatur der Mariazellerkirche; ein Geschenk für einen Freund, das längst verschollen ist. Dafür gibt es im Museum die Werkbank des Gründers und eine immerhin rund 90 Jahre alte Kugel zu sehen - wie bei allen frühen Kugeln schneit es darin auf eine Kirche.

"Mein Vater hat nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, auch etwas anderes als nur Kirchen zu machen: einen Weihnachtsbaum, einen Weihnachtsmann und einen Schneemann", erzählt Perzy. Seit damals werden die Kugeln auch in die USA exportiert. Wo sie im Film "Citizen Kane" genauso aufgetaucht sind wie in "Edward mit den Scherenhänden" oder in "Kevin allein zu Haus". Bei den drei Motiven ist es natürlich nicht geblieben.

Schneemischung bleibt Betriebsgeheimnis#

"350 Motive sind im Standardprogramm, insgesamt gibt es tausende. Allein vom Christkindlmarkt gibt es 25", berichtet der 57-Jährige. Beliebt sind neben Weihnachtsmotiven auch touristische wie das Riesenrad. Aber es gibt auch von Drachen bis zu den Schlümpfen kaum etwas, das nicht im Schnee steht. Und es werden ständig mehr Motive. Perzy hat "ununterbrochen Ideen, aber leider nur zwei Hände".

Alle Motive werden selbst gebastelt und händisch bemalt, nur die Glaskugeln werden zugekauft. 200.000 werden mittlerweile pro Jahr hergestellt und zum Großteil um die Weihnachtszeit verkauft, in der Perzy von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends in der Werkstatt steht. Seit 1987 leitet er den Betrieb, den er von Erwin II, seinem Vater, übernommen hat. Eine Verpflichtung, um die Dynastie zu erhalten? "Nein. Meine Eltern haben auch nie auf mich eingewirkt, aber ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich als Kind Astronaut oder Pilot werden wollte. Ich wollte das immer schon machen." Unter seiner Ägide entstand auch das Museum. "Damit kann ich den Menschen mein Produkt näherbringen. Sie nehmen dann nicht nur die Kugel, sondern auch ihre Geschichte mit", sagt Perzy.

Nur eines erzählt er nicht: wie die Schneemischung hergestellt wird. Die ist Betriebsgeheimnis, Perzy hat es selbst erst nach seiner Meisterprüfung zum Werkzeugmacher von seinem Vater erfahren. "Das gleiche Spiel mache ich jetzt mit meiner Tochter Sabine. Erst wenn sie den Betrieb offiziell übernimmt, werde ich es ihr verraten." Zum ersten Mal wird dann auch kein Erwin mehr die Schneekugelmanufaktur leiten. Die 24-jährige Sabine Perzy hatte auch die Idee für den Bestseller des Jahres 2013: 1000 Schneekugeln mit Schwedenbombe wurden heuer als Hommage an den in Konkurs gegangenen Hersteller gefertigt - und bereits verkauft.

Weiter beliebt sind auch solche mit Kaiserpinguinen, wie sie Robert Palfrader als Kaiser in der ORF-Sendung "Wir sind Kaiser" als Running Gag geschenkt bekommt. "Mein Großvater hat das nicht geschafft", sagt Erwin Perzy, "aber jetzt sind wir nach mehr als 100 Jahren doch noch Hoflieferant geworden."

Wiener Zeitung, Sa./So., 21./22. Dezember 2013