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Die mahnende Schrift des Karl vom Wald #

Der „Waldbauerntod“ hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren. Verfasser Karl Reiterer gilt trotzdem als fast vergessener Publizist. #


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Sonntag, 24. April 2016)

Von

Robert Preis


Karl Reiterer
Bekannt wurde Reiterer auch durch seine Abenteuer- und Kriminalgeschichten, die er einst auch für die „Kleine Zeitung“ verfasste. Karl Reiterer wurde zum Chronisten des Bauernsterbens. In unzähligen Artikeln und Büchern schilderte er die Lebenswelt der Landbevölkerung
Fotos: TEISSL

Das kann nur Drachenblut sein. Nur gestocktes Drachenblut, das wie Kohle aussah, war imstande, ein so schweres Ungetüm pfeilschnell dahinfahren zu lassen.“ Schilderungen wie diese über die Eisenbahn aus dem Sulmtal erscheinen heute – rund hundert Jahre danach – wie Schlaglichter, die einem die Vergangenheit näherbringen. Und genau dazu waren sie auch gedacht, denn oftmals ist den Worten die Eile anzusehen, mit denen der Verfasser zu Werke ging.

Und es war auch ein Wettlauf gegen die Zeit, den Karl Reiterer (1860–1934) zeit seines Lebens rannte. Unermüdlich sammelte er steirische Wörter und Redensarten, Sagen, Sprüche, Lieder und Gedichte und berichtete von Sitten und Gebräuchen unseres Landes. Denn rasch erkannte der Sohn eines Lehrers, der später vor allem Volkskundler, Schriftsteller, Journalist und auch Lehrer war, dass Verkehr und Tourismus die alten Traditionen aus dem steirischen Hinterland trieben.

Reiterer bediente sich dabei oft des Pseudonyms „Karl vom Wald“, schrieb 1140 Artikel und Aufsätze sowie 18 Bücher – außerdem Berichte für mehrere Zeitungen, darunter die Kleine Zeitung. Dennoch: 1976 wurde Reiterer bei der Landesausstellung „Literatur in der Steiermark“ mit keiner Silbe erwähnt. Dass sein Schaffen nicht völlig in Vergessenheit geriet, ist deshalb vor allem dem Eibiswalder Lokal- Bauhistoriker Herbert Blatnik (70) zu verdanken, der 1982 von Reiterers jüngster Tochter Nelly Reiterer ein Konvolut an Handschriften aus dem Nachlass erhalten hatte. Den Grund für Reiterers geringe Verbreitung schon kurz nach seinem Tod kennt der ehemalige Hauptschullehrer Blatnik mittlerweile auch: „Reiterer wollte alles zugleich sein: Schriftsteller, Liederforscher und Volkskundler in einer Person.“ Kurzum: Er galt in Expertenkreisen als zu wenig stilsicherer Schriftsteller und als Volkskundler wurde ihm vorgeworfen, zu ungenau zu sein.

Erst in den letzten Lebensjahren machte er sich einen Namen – in jener Zeit zwischen 1921 und 1934, in der er, wie sich Tochter Nelly später erinnert, wenig zu Hause in der Sporgasse, dafür aber meist im Landesarchiv oder im Ennstal anzutreffen war. Der Grund dafür war sein 100-seitiges Buch „Waldbauerntod“ (1928), von dem nur rund 500 Stück erschienen, das aber mahnend und kritisch auf den Niedergang der Bauernschaft einging – und damit auch heute aktueller denn je ist.

Reiterers lebenslange Forschung kulminiert in diesem Buch, spricht er doch vom sozialen Niedergang am Beispiel von Donnersbachwald und mahnte die Bauern, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Mit einem Mal war Reiterer „Chronist des Bauernsterbens“ geworden, der Zustände aufzeigte, die allgemein bekannt waren, über die jedoch nicht gesprochen wurde.

Dabei ergab sich sein Erfolg auch durch einen glücklichen Umstand, „den er am Anfang gar nicht so glücklich empfand“, wie Blatnik feststellt. Reiterer wurde als Lehrer nämlich nach Donnersbachwald versetzt. Dort erst lernte er seine spätere Frau Elise Höpflinger, die Tochter des Landwirtes „Stögerwirt“, kennen, die schließlich auch maßgeblich an seiner Arbeit beteiligt war. Mit ihr verbrachte er viele Abende in der Gaststube, lernte Waldbauern, Holzknechte, Köhler und Keuschler kennen. Er erfuhr Details aus deren Erlebniswelt, die er sich notierte. „Was ich nicht gleich verstand, wusste mir meine Frau zu erklären.“

Er begann gezielt nach Vierzeilern, Krippenliedern, Sagen und Dialektwörtern zu suchen. Der „Waldbauerntod“ ist quasi die Summe seiner Sammlung, die Schilderung seiner großen Befürchtung.

Reiterer schrieb weitere Bücher wie „Das steirische Paradies“ und starb als Ehrenbürger von St. Peter im Sulmtal, Wettmannstätten, Schönaich und Lassenberg im Alter von 74 Jahren



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© "Damals in der Steiermark", Robert Preis