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Ein katholischer Fürst in einer protestantischen Kirche geehrt#

Die evangelische Gustav Adolf-Kirche in Leoben#

von Günther Jontes

Alle Bilder wurden vom Autor im Jahre 2006 aufgenommen und sind Teil des Archivs Bilderflut Jontes

Kirche
Die Kirche. Foto: G. Jontes
Kirchenbauten, die erst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erbaut worden sind, pflegt man landläufig gerne als „Jugendstilkirchen“ zu bezeichnen. So auch in Leoben Leoben, Steiermark . Vom Spatenstich 1908 bis zur Einweihung hatte es hier bei der Gustav Adolf-Kirche nur ein Jahr gedauert. In einem Architektenwettbewerb hatte der Wiener Clemens M. Kattner den Vorzug bekommen. Dass es dabei mit dem Jugendstil nicht weit her ist, wird mit einem Blick auf diese in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Kirche deutlich. Sie steht mit dem miterbauten Pfarrhof am rechten Murufer solitär da, fügt sich aber bestimmend in ein städtebauliches Konzept ein, das im 19. Jahrhundert zur großzügigen nördlichen Leobener Vorstadt, dem Josefee, führte. Diese Leistung wurde im 20. Jahrhundert nie mehr erreicht.

Die Gustav Adolf-Kirche steht mit ihrer Turmkante genau in der Flucht, die zum Hauptplatz führt und damit die Altstadt erschließt. Deren geplante Anlage ist eine der bemerkenswertesten mittelalterlichen in der Steiermark, eine der Gründungen des damaligen Landesfürsten König Ottokar II. von Böhmen in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Man kann sagen, dass die evangelische Kirche praktisch den Schlusspunkt unter dieses räumliche Denken setzte.

Wenn man vom Jugendstil spricht, so sollte man korrekterweise damit nur den Kunststil des ausgehenden 19. Jahrhunderts bezeichnen, der mit dem allzu sehr in Routine geratenen Historismus brach und seine Vorbilder in der Münchener Zeitschrift „Die Jugend“ suchte.

Österreich hatte zur selben Zeit eine andere Entwicklung. Hier ist es die revolutionär auftretende Wiener „Secession“, die sich vom konservativen „Künstlerhaus“ losgesagt hatte und mit Leuten wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Kolo Moser oder Otto Wagner Neuland betrat. Hier spricht man also besser vom Secessionsstil.

Und die Leobener evangelische Kirche ist keiner der beiden Richtungen zuzuordnen. Innen und außen ist sie auf jeden Fall von hoher künstlerischer Qualität, entspricht den liturgischen Gegebenheiten und ist durch einen besonderen Schmuck vielen anderen Kirchen weit überlegen. Die Glasmalereien, deren Entstehungszeit sich über ein halbes Jahrhundert hinzieht, tauchen das Innere des Baues am Tag in ein faszinierendes sanftbuntes Licht. Und in der Nacht erstrahlen Fenster von außen angestrahlt in kräftigsten Farben. Die Fenster dieser Serie wurden vom Atelier Geyling in Wien geschaffen, die im 19. wie im 20. Jahrhundert in Leoben auch an der Restaurierung der gotischen Scheiben in der Kirche Maria am Waasen beteiligt waren.

Ein besonderes Augenmerk gilt den figuralen Scheiben des Erdgeschosses, die nach Nordwesten, Südosten, Süden und Südosten ausgerichtet sind und paarweise auf die Hauptpersonen des Protestantismus eingehen. Ihre inhaltliche Ausrichtung bezieht sich auf Reformatoren, Dichter und Musiker und dazu, was einzigartig ist, auf einen katholischen Fürsten. Ihre künstlerische und inhaltliche Qualität verdient es, hier etwas genauer erläutert zu werden.

Im Nordosten zeigt sich Martin Luther (1483-1546):#

Das Porträt stellt den Reformator im Barett des Professors und ist von einem Kranz umgeben dar, der aus sogenannten Lutherrosen gebildet ist. Das ist ein besonderes Symbol, denn Luther führte auch ein Wappen, das eine weiße heraldische Rose ziert und deren Zentrum ein rotes Kreuz bildet. Die Inschrift „Dem größten Bergmannssohn die deutsch-akademische Verbindung Cruxia zu Leoben“, verweist auf die noch heute bestehende akademische Burschenschaft Cruxia, deren Mitglieder sich aus Studenten und Absolventen der Leobener Montanuniversität rekrutieren. Solche Zusätze bringen zum Ausdruck, dass die genannten Personenkreise oder Personen die jeweilige Scheibe gestiftet haben.

Links unten ist das Wappen dieser traditionsreichen akademischen Korporation zu sehen, dessen Helmdecken die Farben Rot-Weiß-Gold als die Bundesfarben des Burschenbandes der Cruxia tragen. Der Wappenschild zeigt im Herzschildchen den „Zirkel“ der Verbindung, eine graphische Kurzform des Namens und eines Mottos, weiters ein rotes Kreuz, das den Namen Cruxia deutet. Dieser hat aber keine religiösen Bezüge, sondern verweist auf den Gründungsort der Verbindung, das Leobener Gasthaus Zum Kreuz. Aus dem Milieu der Montanuniversität, die als Bergakademie gegründet später den Namen Montanistische Hochschule trug, wird auch verständlich, dass man mit der Widmung auf die Herkunft Martin Luthers anspielte, der im erzgebirgischen Bergbauort Eisleben zur Welt gekommen war.

Kirche
Martin Luther. Foto: G. Jontes
Kirche
Johannes Calvin. Foto: G. Jontes

Im Südosten sieht man Johannes Calvin (1509-1564):#

Die Gustav Adolf-Kirche ist heute Pfarrkirche sowohl für die lutherischen als auch reformierten Christen Leobens. Der Porträtkopf des gestrengen schweizerischen Reformators ist von einem Kranz umgeben, der aus den Blüten des heimischen Almrausch und Zapfen von Legföhren/Latschen gebildet ist. Auf allen Fenstern der Reihe gibt es auch botanische Bezüge, die Zusammenhänge zwischen den Herkunftsländern der Reformation und der Diasporagemeinde Leoben verdeutlichen sollen. Auch Calvin trägt das Barett eines Gelehrten, wie es in der Zeit der Renaissance und des Humanismus als Standeszeichen üblich war. Die Stifterwidmung lautet: „Dem Streiter für Gottes Ehre, von Mitgliedern des Vereines deutscher Studenten ‚Erz’ in Leoben.“ Diese Korporation ist das spätere, noch heute bestehende akademische Corps Erz. Das beigegebene Verbindungswappen zeigt neben dem „Zirkel“ im Herzschild auch mit „16. 10. 1881“ das Gründungsdatum der Korporation. Der beigegebene Wahlspruch lautet „Durch Eintracht stark, mit Mut zum Ziel“.

Die Wahl des Schweizers Calvin als Inhalt des zweiten Reformatorenfensters nimmt eigentlich Wunder, da die Gustav Adolf-Kirche ja ein Gotteshaus lutherischen, also Augsburger Bekenntnisses (A.B.) ist. während Calvin bekanntlich die Reformierte Kirche Helvetischen Bekenntnisses (H.B.) begründete, deren Bekenner im Leoben eher selten waren und sind. Man kann annehmen, dass diese „ökumenische“ Vereinnahmung innerhalb der evangelischen Konfessionen vom ersten Pfarrer der Leobener Gemeinde Paul Spanuth ausging, dessen Ideen sicherlich das programmatische Gerüst für die Fenster abgaben.

Im Süden zeigt sich Schwedens König Gustav Adolf II. Wasa (1594-1632)#

Der schwedische König (seit 1611), der mit seinen Armeen im tragischsten aller europäischen Konflikte vor den beiden Weltkriegen die militärische Speerspitze wider die Kaiserlichen als Hauptmacht der Katholiken bildete, rettete die Reformation im Römisch-deutschen Reich. Er war die Hoffnung aller Evangelischen, fand aber in der Schlacht von Lützen gegen Wallenstein den Tod. Deshalb wird er auch als eine Art Glaubensstreiter uns als Märtyrer angesehen. Seinen Namen tragen protestantische Vereine und Gesellschaften, aber auch Kirchen, in Steiermark neben der in Leoben auch noch die evangelischen Gotteshäuser in Voitsberg und Weiz. Beziehungsvoll deutend ist sein Porträt von einem Kranz aus Passionsblumen umwunden. Ihre Farbe Violett ist an und für sich schon ein Zeichen von Leiden und Trauer. Diese ursprünglich in Südamerika beheimatete Blume wurde von christlichen Missionaren Passionsblume getauft, die als erste in der bizarr geformten Blüte die klar sichtbaren Passionsreliquien (Arma Christi) Dornenkrone, Kreuzesnägel und Hammer erblickt hatten. Der Kranz um das Königsporträt enthält außerdem Lorbeerzweige, die seit der Antike als Zeichen des militärischen Sieges gelten. Als Stifter des Fensters geben sich in der Widmungsinschrift zwei private Leobener protestantische Persönlichkeiten zu erkennen.

Eine monumentale plastische Darstellung von Gustav Adolf steht im westlichen Annex der Leobener Kirche. Sie wurde im 20. Jahrhundert von dem in Leoben geborenen bekannten steirischen Bildhauer Wilhelm Gösser (1881-1966) geschaffen.

Kirche
Gustav Adold. Foto: G. Jontes
Kirche
Joseph II. Foto: G. Jontes

Im Süden blickt einem der römisch-deutsche Kaiser Joseph II. (1780-1790) entgegen.#

Ein katholischer Fürst in einer protestantischen Kirche? Aber bekanntlich verdanken die Evangelischen der habsburgischen Erbländer Kaiser Joseph II. seit 1781 die Toleranz ihres Bekenntnisses nach zwei Jahrhunderten der Unterdrückung. Noch des Kaisers Mutter, die „Kaiserin“ Maria Theresia war mit den Protestanten ihrer Länder gnadenlos verfahren und hatte viele auch in der Steiermark, wenn sie entdeckt wurden, umbarmherzig in die Verbannung geschickt.

Der Kranz um das Herrscherporträt hat wieder botanisch-politische Bezüge. Seine Zusammensetzung ist aus der Zeit der Erbauung der Kirche zu verstehen. Er besteht aus Eicheln, also der Frucht der „deutschen“ Eiche und aus schönen blauen Kornblumen. Diese Blume war während des ausgehenden 19. Jahrhunderts von den Österreichern, die ein großdeutsches Bekenntnis vor sich hertrugen, als Symbolzeichen gewählt worden, da der deutsche Kaiser Wilhelm I. zur Zeit Bismarcks diese Pflanze gelegentlich als seine Lieblingsblume bezeichnet hatte.

Im Südwesten erscheint im Porträt der Komponist Johann Sebastian Bach (1685-1750).#

Als Leipziger Thomaskantor die Hauptzeit seines Lebens in kirchlichen Diensten stehend, hat Johann Sebastian Bach die berühmtesten und ergreifendsten sakralen Meisterwerke komponiert und im Gottesdienst zur Aufführung gebracht. Hunderte Kantaten, die Passionsmusiken nach Matthäus und Johannes, die geistlichen Motetten und die Hohe Messe stehen für die instrumental-vokalen Werke, der Kosmos der Orgelwerke und Choralvorspiele ist noch heute Grundbestand evangelischer musikalischer Figurierung des Gottesdienstes.

Gerade hier aber hat die Geylingsche Glasmalerei aber das im Vergleich zu den anderen Porträtfenstern schwächste Werk geschaffen. Es gibt genügend authentische Bildnisse des Meisters, aber nur die Bildunterschrift lässt uns den hier im Profil gezeigten Musiker als den göttlichen Bach erkennen. Dazu werden Edelweiß und Enzian zu einem Kranz geflochten, die der Meister wohl nie in seinem Leben gesehen haben dürfte.

Kirche
Johann Sebstian Bach. Foto: G. Jontes
Kirche
Pual Gerhardt. Foto: G. Jontes

Das Westfenster ist dem literarischen Titanen des deutschen Protestantismus gewidmet. #

Mit Paul Gerhardt, dem Berliner Prediger zu Sankt Nikolai, wird der große Dichter der bekanntesten Choraltexte im Bilde vorgestellt:

Befehl du deine Wege – Fröhlich soll mein Herze springen – Ich steh an deiner Krippen hier – Nun danket alle Gott – Nun ruhen alle Wälder – O Haupt voll Blut und Wunden – Wie soll ich dich empfangen. Die Blumenzier des schmückenden Kranzes kann hier keine Symbolik mehr entfalten. Sie besteht aus dem heimischen alpinen blutroten Almrausch und dem goldgelben Petergstamm, das man auch Aurikel nennt.

Wie stilistisch verschieden die anderen Glasfenster sind, zeigt im Beispiel das schönste aller Fenster über dem Kanzelaltar. Die Darstellung zeigt den in strahlendem Licht mit ausgebreiteten Armen als Halbfigur abgebildeten Heiland, den ein Kranz von heimischen Nadelbaumzweigen und Föhrenzapfen umgibt. Christi Geste wird durch die Worte „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ (Matth. 11,28) erklärt. Alle weiteren aus der Zeit der Erbauung und die von 1959/60 schließen zwar den farbigen Kreis der Emporenfenster, kommen inhaltlich aber nicht an die Porträtscheibe und das Christusfenster heran.

Kirche
Christus Fenster. Foto: G. Jontes