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Die Krakauer Fronleichnamsprozession – Das bunteste geistliche Hochfest Polens#

Von

Günther Jontes

Alle Fotos wurden vom Autor am 7. Juni 2007 in Krakau aufgenommen und sind Teil des Archives "Bilderflut Jontes".


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Krakau, die alte Königsresidenz Polens, ist eine der schönsten Städte Europas. 1257 mit dem Magdeburger Stadtrecht erhoben, entwickelte sie sich schon im Mittelalter zu einer Handels- und Kunstmetropole sondergleichen. In der Marienkirche schuf der Nürnberger Bildhauer Veit Stoß 1489 den größten Flügelaltar der Gotik. Die Königsburg Wawel hoch über der Stadt ist mit ihrem Dom von Mittelalter, Renaissance und Barock geprägt. Hier residierte aber auch zur Zeit der deutschen Zwingherrschaft über das 1939 niedergerungene Polen, das nunmehr zum Generalgouvernement geworden war, eine der furchterregendsten Gestalten dieser Zeit, der Generalgouverneur Hans Frank.

Nachdem Polen sich von der kommunistischen Herrschaft befreit hatte und all die Verbrechen dieses Regimes offenbar wurden, kehrte auch Krakau zu seinen alten Traditionen zurück. Polnische Frömmigkeit und Glaubensstärke musste nicht wieder erst errungen werden, sie war in aller Stärke stets da gewesen und hatte zur Befreiung beigetragen. Wo gibt es noch eine Stadt im Westen, wo täglich vom frühen Morgen bis in die Nacht Messen gefeiert werden, wo die Kirchen die Menschenmassen nicht fassen können oder wo man „wilde“ Punks in Gotteshäusern knieend inbrünstig beten sieht?

Das ist Krakau und das größte, prächtigste und bunteste aller Feste im Kirchenjahr ist der Fronleichnamstag mit seiner gewaltigen Prozession, die vom Wawel den Berg hinab durch die Stadt auf den Marktplatz vor der Marienkirche führt.

Fronleichnam ist das Hochfest des heiligsten Leibes und Blutes Christi, bei welchem nach katholischem Verständnis die leibliche Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Der Name erklärt sich aus dem mittelhochdeutschen vrône lîcham „Leib des Herrn“. Der lateinische Begriff Corpus Christi drückt das selbe aus. Auf Polnisch heißt es Boze Cialo. Das Fest findet am sechzigsten Tag nach dem Osterfest statt. Es ist gleichzeitig der Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag. In Österreich und Polen ist das Fest ein gesetzlicher Feiertag. Die Fronleichnamsprozession ist ein Ereignis, das höchste kirchliche Prunkentfaltung bietet. Das ganze Volk hat hier Gelegenheit, sich zu präsentieren. Sie hat auch Elemente eines Flurumganges. In den Städten werden bei uns frische grünende Birkenstämmchen die Häuserreihen entlang aufgestellt und so die Natur auch in die Stadt hereingeholt. Dieser Umgang hält bei vier Stationen, die im Freien aufgestellte Altäre sind, an welchen Abschnitte aus den Evangelien gelesen, Fürbitten gesprochen und der sakramentale Segen erteilt wird. Die Prozession ist eine theophorische, das heißt, dass Christus leiblich in der gewandelten Hostie mitgetragen wird. Unter einem Stoffbaldachin, dem „Himmel“, weist der Priester die Monstranz mit dem Leib des Herrn.

Das Fest geht auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich zurück, bei der ihr 1209 Christus erschienen war und ihr ein Sonnenwunder erklärt hatte. Als 1215 das Dogma die Transsubstantiationslehre vom Leib des Herrn in der Wandlung zum Dogma erhoben wurde, war dies ein weiterer Anstoß für die Einsetzung des Festes, das 1264 für die Gesamtkirche als verbindlich erklärt wurde. Die erste Fronleichnamsprozession fand 1246 in Lüttich statt. Für Krakau ist dies für 1320 bezeugt.

Die Krakauer Prozession beginnt mit einer Festmesse, die der Kardinal von Krakau vor dem Wawel im Freien feiert. Schon vorher sind Massen von Teilnehmern in Gruppen erschienen und haben sich in genau festgelegter Reihenfolge aufgestellt.

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Den Anfang der Prozession bilden Laienbruderschaften mit ihren Fahnen und Statuen. Man sieht schöne Frauentrachten. Junge Burschen mit tragbaren Lautsprechern auf dem Rücken verbreiten die Gebete der Priesterschaft, die den Himmel mit dem Allerheiligsten umgibt. Es folgen verschiedenste Männer- und Frauenorden in noch nie gesehenem Habit. Groß ist die Zahl dieser Konvente und man sieht vor allem viele Novizinnen mit ihren weißen Schleiern, aber auch zahlreiche junge Männer im Ordenskleid. Nachwuchssorgen haben die polnischen Orden nicht. Man „exportiert“ sogar Priester. Zwischendurch marschiert eine Ehrenkompanie von polnischen Gebirgsjägern mit dem Geierflaum am Hut und – wie bei uns! – mit dem Edelweiß auf dem Revers der schmucken Uniform. Sogar die Gewerkschaften sind mit starken Abordnungen vertreten. Und dann kommen die Schützengesellschaften in ihren historischen Gewändern, die daran erinnern, dass solche Polen mit ihrem König Jan Sobieski 1683 vor Wien die entscheidende und siegreiche Wende der Türkenbelagerung herbeiführten. Es folgen dann die Ritterorden in ihren wallenden Gewändern. Und unmittelbar vor dem Himmel mit dem Kardinal, der die Monstranz trägt, gehen die Rektoren und Dekane der Krakauer Universitäten mit ihren Insignien. Prachtvolle Roben, Würdeketten und die Pedelle mit den Zeptern der Fakultäten setzen der Prozession einen prachtvollen Schlusspunkt.

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Der Nachmittag des Fronleichnamstages gehört in Krakau der Jugend. Man begegnet Scharen fröhlicher junger Leute, die ganz mittelalterlich oder in schmucke Regionaltrachten gekleidet sind und uns in die Zeit versetzen, als 1475 die polnische Herzogstochter Jadwiga/Hedwig in Landshut mit dem Sohn des bayerischen Herzogs Georg des Reichen vermählt wurde. An Fahnen und Transparenten erkennt man, dass es Eliteschulen sind, in welchen diese besondere Art eines Patriotismus gepflegt wird. Hier hat Heimat und Volk, Geschichtsverständnis und historische Bildung noch einen hohen Stellenwert, der auch wesentlich dazu beiträgt hat, dass sich das Volk in hohem Maße seiner nationalen Identität bewusst ist.

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