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„Friedhof der Freuden“?#

Lissabons einzigartige Totenstadt#


Von

Günther Jontes

Die Bilder wurden vom Autor 1993 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


Friedhof Lissabon

1830 hatte eine Choleraepidemie in Portugals Hauptstadt tausende Opfer gefordert und die Administration der lusitanischen Metropole konnte diese Katastrophe kaum mehr bewältigen. Die zahlreichen Kirchen mit ihren Grüften und kleinen im Stadtbereich liegenden Pfarrfriedhöfen hatten ihre Kapazitäten erreicht. Und so entschloss sich die Stadt, außerhalb des bebauten Gebietes von Lissabon einen neuen Friedhof anzulegen, der für alle Zukunft die Toten einer rasch wachsenden reichen Stadt aufnehmen konnte. Und das tut er noch heute. Dabei verfiel man auf ein Gelände, das zuvor ein angenehmer Ausflugsort der Lissaboner gewesen war und nach einem dort gelegenen Anwesen namens dos Prazeres „zu den Freuden“ genannt worden war. Zur Orientierung der Lokalität ließ sich der alte Name im Volksmund aber nicht verdrängen und blieb auch am neuen Friedhof, der 1833 gegründet, worden war, haften. Daher gibt es bis heute den Cimetério dos Prazeres, eben den „Friedhof der Freuden“.

Der eher geschmacklose Eingang zum Friedhof in einer geduckten Architektur, die klassizistisch zu sein vorgibt, das Problem aber nicht bewältigt hat

Der einer Großstadt aber durchaus würdige Friedhof wurde nach sehr rationalen und für damals ungemein modernen Plänen angelegt. Ein schachbrettartiger Grundriss einander kreuzender richtig gepflasterter Straße und Alleen umfasst an die 80 Einheiten, wobei es sich um großen Teil um Grüfte handelt, die zwar auch in die Tiefe gehen, aber jeweils ein Häuschen darstellen, das wie ein kleines möbliertes Wohnzimmer eingerichtet ist, in welchem Särge auf Regalen stehen und erst bei Neubelag in die Tiefe der Gruft wandern. Das ist die Welt der reichen Bürger, die sich als Reeder, Eigner von Handelsschiffen, Politiker, Militärs, Bankiers einen solchen Luxus leisten konnten. Der Bau dieser Grufthäuser umfasst die Epochen des Klassizismus und Historismus herauf bis in die Moderne. Reiche symbolische Ausstattung mit Rundplastik und Relief offenbart Repräsentationsbedürfnis, Geschmack, aber auch Protzentum und Kitsch.

Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

In lange Zeilen aufgereiht stehen die Totenhäuschen, die jeweils einer Familie gehören. Ein Haupttypus zeigt einen Dreiecksgiebel nach antikem Vorbild. Eine Tür führt ins Innere und wird nur geöffnet, wenn der Allerseelentag dem Gedenken der verstorbenen Vorfahren geweiht ist und die Besitzerfamilie hier Freunde und Verwandte empfängt und auch bewirtet. So holt man das Leben in den Tod herein. Zuweilen ermöglicht eine Glasscheibe den Blick ins Innere.

Friedhof Lissabon
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Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

Nicht alle Bauten nennen den Namen der hier „ansässigen“ Familie

Friedhof Lissabon
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Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon
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Manche Grufthäuser wurden von den Besitzern für die Friedhofsdauer, also auf „ewig“ bestimmt. Hatte man das Interesse verloren, konnte man sich die Erhaltung nicht mehr leisten oder war die Familie gar ausgestorben, so beginnt ein Verfallsprozess, der ein weiteres Symbol für das irdisch Vergängliche ist.

Trauer mit künstlerischen Mitteln darzustellen ist ein schwieriges Unterfangen und nur selten gelingt es, dass Ergriffenheit auch auf den Betrachter überspringt.

Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

Deshalb wird das Gefühl immerwährender Trauer verkürzend durch Symbole ausgedrückt, die aus Natur oder Mythos entnommen sind. Besonders wird dabei der Mohn (lat. Papaver somniferum „schlafbringender Mohn“) herangezogen, der damit auch den Tod als ewigen und traumlosen Schlaf umdeutet.

Friedhof Lissabon
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Friedhof Lissabon

Ewigkeit suggeriert auch die Schlange, die sich selber in den Schwanz beißt und damit einen geschlossenen Kreis ohne Anfang und Ende bildet.

Friedhof Lissabon

Der Totenkopf ist das gängigste Symbol für die Endlichkeit des menschlichen Lebens

Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

Die geflügelte Sanduhr meint den dynamischen unaufhaltsamen Ablauf der Zeit. Es sind aber nicht die Flügel eines Tageswesens wie es die Vögel sind. Es sind die Schwingen einer die Nacht beherrschenden Fledermaus, was diesem Bild einen düsteren Charakter der Unentrinnbarkeit verleiht.

Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

Dass Freundschaft über den Tod hinaus ein menschliches Gut ist und damit Leben und Sterben verbindet, zeigt das bekannte Symbol des Freundesbundes

Friedhof Lissabon
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Über mehrere Mythologien hinweg führt die Schere, die den Lebensfaden abschneidet. Die Moiren als die antiken griechischen Schicksalsgöttinen Clotho, Lachesis und Atropos entsprechen den römischen Parzen Nona, Decima und Parca, die als Schutzgöttinnen der Geburt das menschliche Leben begleiten. Urverwandt mit ihnen scheinen die germanischen Nornen zu sein, die Urd („Schicksal“), Verdandi („die Werdende“) und Skuld („Schuld“) heißen, die jeweils den Faden des Lebens spinnen, ihn verweben und ihn schließlich abschneiden und damit das menschliche Leben in den Tod führen. Es bleibt allerdings fraglich, ob der Bildhauer, der diesen Obelisken schuf, sich eine eigene Meinung bildete und sich nicht von der antiken Mythologie leiten ließ, denn Scheren dieser Form gab es in der Antike noch nicht.

Friedhof Lissabon
Friedhof Lissabon

Gesondert aufgestellte Säulen oder figurale Skulpturen ergänzen zuweilen die Grabhausarchitektur, deren Fassade kaum Raum für Sonderschmuck bieten

Friedhof Lissabon
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Friedhof Lissabon

Nicht immer sind es die besagten Häuschen, die sich wohlhabende Familien als letzte Heimstätte gebaut und geschmückt haben. Einzelne Monumente können durchaus diese vertrauten Bauten übertreffen und sich zu wahrer Monumentalität aufblähen, wie es etwa bei dem Grabdenkmal eines Generals zu sehen ist.

Friedhof Lissabon
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Darüber hinaus aber wird der plastische Schmuck aber auch zu einer Quelle zur Kenntnis militärischer Waffen, Uniformen oder Tschakos, die natürlich der damaligen Aktualität entsprachen.

Friedhof Lissabon
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Friedhof Lissabon

Ebenso wenig fehlen Symbolik der kommerziellen und militärischen Seefahrt

Zwei gekreuzte Schreibfedern in einem Lorbeerkranz zeigen einen Schriftsteller oder Dichter an. Die Sense des unbarmherzigen Todes, der alles niedermäht, und die verlöschende Fackel weisen auf das Lebensende, dem doch noch die Hoffnung auf ewigen Ruhm danach bleibt

Gesenkte Fackeln bezeugen, dass der Tod alles umstürzt. Der antike Genius des Lebens hält sie hingegen brennend in Händen

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Symbolik der Seefahrt
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Zwei gekreuzte Schreibfedern
Friedhof Lissabon
Gesenkte Fackeln
Friedhof Lissabon
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Ein eher pudelhafter Löwe als Grabwächter

Reichlich ungewöhnlich für einen Friedhof ist diese greifbare Darstellung einer nackten weiblichen Person jenseits aller anatomischen Idealisierung. Hier trauert eine Aphrodite Kalypigos.

Friedhof Lissabon
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Es gibt aber auch umzirkelte Felder, wo Erdbestatttungen stattfinden oder Wände mit Kolumbarien, wie sie in den romanischen Ländern üblich sind und wo man die Särge der Länge nach in die vorne mit einer Grabsteinplatte zu verschließenden Räume schiebt. Diese Form wurde in Mitteleuropa im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa vor allem für Urnenbeisetzungen übernommen.

[1]Hier fehlt bereits die beschriftete Deckplatte und gibt den Blick frei auf einen sehr alten Sarg, der hier anscheinend „auf ewig“ (port. Perpetuo) eingemietet wurde.

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„auf ewig“ (port. Perpetuo)[1]

Ein Tischlermeister ließ sein Grabmal als detailreiche Werkstätte herstellen, auf welchem all seine Werkzeuge und Geräte penibel geordnet aufgelegt sind

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Eine Besonderheit des Friedhofs der Freuden sind eigene Gräberfelder im Sektor der Erdbestattungen. Bekannte Schauspieler, Sänger und Dichter finden hier im Tode wieder zueinander und sind auch gemeinsam der Verehrung durch ihre Anhänger preisgegeben.

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Ebenso haben die Feuerwehrleute ein gemeinsames Gräberfeld, auf welchem sie in ewiger Kameradschaft bestattet liegen

Friedhof Lissabon
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