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Ägyptische Studenten in der Berg- und Hüttenmännische Lehranstalt in Vordernberg, Steiermark#

von

Lieselotte Jontes

Die stürmische Entwicklung des Maschinen- und Verkehrswesens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlangte von den Lieferern der Roh- und Baustoffe, also im besonderen auch dem alpenländischen Berg- und Hüttenwesen, eine hohe Steigerung der Leistungen. Man erkannte die Bedeutung von Kohle und anderen Rohstoffen für die Industrie und zollte ihr zunehmende Aufmerksamkeit.

Nur wissenschaftlich geschulte Ingenieure konnten dieser Herausforderung gerecht werden. Als Folge dieser Entwicklung entstanden in Europa berg- und hüttenmännische Lehranstalten: Freiberg in Sachsen, Schemnitz in Ungarn (heute Banska Stiavnica, Slowakei), St. Petersburg und Clausthal. Im Bereich der österreichisch-ungarischen Monarchie konnte man Berg-. und Hüttenwesen nur in Schemnitz studieren. Um speziell auf dem Gebiete der Eisenerzeugung die Ausbildung voranzutreiben, wollten die steirischen Stände einen Lehrstuhl für Eisenhüttenwesen am eben gegründeten Joanneum in Graz errichten, das zu der Zeit eine Ausbildungsstätte in den Naturwissenschaften war.

Bereits am 16. November 1814 hatten die Kuratoren des im Jahre 1811 als technische hohe Schule gegründeten Joanneums in Graz den Antrag auf Errichtung einer Lehrkanzel für Hüttenkunde gestellt. Die Anregung ging von Erzherzog Johann, dem Gründer und Protektor des Joanneums, aus. Die Verwirklichung scheiterte aber zunächst an dem Fehlen einer geeigneten Lehrerpersönlichkeit; es brachte dies eine lange Verzögerung, jedoch konnte der Plan aus innerer Notwendigkeit nicht mehr zur Ruhe kommen.

Abb.1.: Das Raithaus in Vordernberg, Sitz der Lehranstalt, Foto Universitätsarchiv Leoben, Bilddokumentation
Abb.1.: Das Raithaus in Vordernberg, Sitz der Lehranstalt
Foto Universitätsarchiv Leoben, Bilddokumentation
1835 fand man einen geeigneten Lehrer, den noch jungen Eisenhüttenmann Peter Tunner. Auch den Ort für die neue Schule hatte man bald gefunden, den kleinen Ort Vordernberg in der Nähe der Stadt Leoben (Steiermark).

Der Ort erschien allen Entscheidungsträgern deshalb so sehr geeignet, weil er in der Nähe des Steirischen Erzberges, des größten Eisenerzbergbaues der Monarchie, lag, im Ort selbst gab es 14 Hochöfen, viele kleinere Hütten und Hammerwerke lagen in der näheren Umgebung. Für den Ort sprach auch noch, dass es hier nach Meinung Peter Tunners keine Zerstreuung gab, sich die Eleven daher ganz dem Studium widmen konnten.

Die Organisation der Lehranstalt war auf eine Spezialschulung von Studierenden abgestellt, die bereits eine gründliche Ausbildung in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern an den Polytechnischen Instituten in Wien und Prag oder am Joanneum in Graz erhalten hatten. Großer Wert wurde dabei auf die praktische Arbeit gelegt. Die Studenten mussten in der Lehrfrischhütte praktisch am Hammer arbeiten, die Praxis in der Markscheidekunde geschah neben Arbeiten vor Ort im neu errichteten Markscheidepavillon. Wöchentliche Exkursionen zu nahe gelegenen Berg- und Hüttenwerken und eine große Exkursion am Ende jedes Studienjahres waren Hauptpunkte der Praxis.

Abb.2: Vordernberg um 1840, Bleistiftzeichnung, Universitätsbibliothek der Montanuniversität
Abb.2: Vordernberg um 1840, Bleistiftzeichnung
Universitätsbibliothek der Montanuniversität

Aus den ersten Jahren der Lehranstalt in Vordernberg sind nicht viele Nachrichten auf uns gekommen, doch scheint sich schon hier ein recht geselliges Treiben entwickelt zu haben, auch wenn der genau eingeteilte Lehrplan nicht viel Platz für private Aktivitäten und Unterhaltungen ließ. Peter Tunner, der Gründer, erste Direktor und lange Zeit einzige Professor, schrieb einen Stundenplan vor, in dem auch die Geselligkeit reglementiert war.

Am Vormittag hatte man zwei bis drei Stunden Vorlesungen, der Nachmittag war der praktischen Arbeit gewidmet. Es gab außerdem täglich examinatorische Wiederholungen, bei denen offene Fragen geklärt und das Wissen vertieft werden konnte.

Am Samstag besuchte man in kleinen Exkursionen die nahe gelegen Bergwerke und Hütten, am Nachmittag gab es den „Rapport“, der einen Bericht über die Aktivitäten der vergangenen Woche verlangte. Dabei mussten Zeichnungen vorgelegt werden, schriftliche Arbeiten wurden begutachtet und stichprobenartige Prüfungen abgehalten. Den Ausklang des Tages bildete eine offizielle Kneipe, an der auch Peter Tunner teilnahm, bei der wohl viel getrunken, gesungen und auch diskutiert wurde.

Wer in Vordernberg studierte, konnte im sogenannten „Elevenhaus“ wohnen, Studenten zahlten weder Unterrichtsgeld noch Honorar, die Ärmeren konnten auf Ansuchen umsonst wohnen. Direktor Tunner war der Ansicht, dass man monatlich mit 20 Gulden auskommen müsste, auch wenn in seinen Augen das Leben in Vordernberg teurer war als etwa in Graz. (Zum Vergleich: 1 Liter Gösser Märzenbier kostete damals etwa 16 Kreuzer, 1 Gulden hatte 60 Kreuzer).

Die Einrichtung der Studentenzimmer mutet uns sehr spartanisch an: 1 Tisch, 1 Kasten, 1 Bett, 2 Sessel, 1 Matratze, 1 Strohsack, 2 Kopfpolster, 1 Decke und 1 Kotze.

Es wurden hinsichtlich des zu lernenden Stoffes und der manuellen Arbeit hohe Ansprüche an die jungen Leute gestellt, aber auch an den guten Lebenswandel. So mussten z.B. 1846 drei außerordentliche Eleven „hinsichtlich ihres moralischen Lebenswandels“ entlassen werden.

Das Leben in Vordernberg gestaltete sich sehr familiär. Es gab nicht viele Studenten, im ersten Jahr besuchten neun ordentliche und drei außerordentliche Hörer die Lehranstalt, der Professor war jung an Jahren, sein Haus und auch das Haus Erzherzog Johanns, der als Radmeister zeitweise in Vordernberg wohnte, standen ihnen offen. Man könnte es als eine Art Familienleben ansehen, in dem die gegenseitige Anteilnahme sehr rege war und sich oft durch das ganze spätere Leben hinzog.

Peter Tunner stellte an seine Zöglinge hohe Anforderungen. Sie mussten nicht nur in der Theorie Bescheid wissen, auch in der Praxis mussten sie sich bewähren. Sie sollten sich an die schwere Arbeit gewöhnen, um „ihren Körper überhaupt zu gebrauchen und die tief wurzelnde Arbeitsscheu zu untergraben“. In der eigens zu diesem Zwecke adaptierten Lehrfrischhütte wurden die Eleven in praktischer Arbeit am Hammer unterwiesen. Auch hier war Peter Tunner Vorbild: er legte überall selbst Hand an, gemeinsam mit einem Schuldiener richtete er das Feuer und machte die erste Luppe selbst. Die nächsten „Dacheln“ (Luppen) wurden dann von den Studenten gefertigt, während der Schuldiener das Ausschmieden unter dem Hammer besorgte.

Abb.3: Lehrfrischhütte, Foto Universitätsarchiv Leoben, Bilddokumentation
Abb.3: Lehrfrischhütte
Foto Universitätsarchiv Leoben, Bilddokumentation
Abb.4: Gedenkbuch zur 50-jährigen Gründung der Bergakademie, Leoben 1890
Abb.4: Gedenkbuch zur 50-jährigen Gründung der Bergakademie
Leoben 1890

Das Studentenleben war auch durch Disziplinarvorschriften geregelt, es konnte vorkommen, dass ein Student wegen „schlechter Aufführung und Verwendung“ nicht zur Exkursion zugelassen wurde und in der Folge die Lehranstalt verlassen musste. Auch in den Zeugnissen kam dies zum Ausdruck, es gab hier eine Rubrik für „Sittliches Betragen“ und eine Note für den Fleiß. Im Matrikelbuch kann man die Anmerkung „nichts geleistet“ oder „ausgezeichneter Fleiß“ von Tunners Hand sehen.

Im Jahre 1843 kamen fünf ägyptische Studenten mit einem Stipendium des ägyptischen Vizekönigs zur Ausbildung nach Vordernberg. Sie mussten zuerst die nötigen vorbereitenden Studien am Joanneum in Graz absolvieren, die für die eigentlichen Studien im Berg- und Hüttenwesen erforderlich waren.

Die Wahl des Studienortes Graz, bzw. Vordernberg kam nicht von ungefähr. Bald nach dem Wiener Kongress hatten sich die Beziehungen Österreichs zu Ägypten intensiviert, sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene. Der Handel florierte vor allem über Triest, österreichische Diplomaten versuchten, auch in der Innenpolitik des Landes den Überblick zu bewahren. Besondere Verdienste erwarb sich hiebei Anton von Prokesch-Osten, der immer wieder auf die wirtschaftliche Bedeutung Ägyptens für die Habsburgermonarchie hinwies. Es war aber in dieser Zeit ein österreichischer Geologe und Bergmann, der Österreichs Bedeutung auf diesem Sektor ins rechte Licht rückte, Joseph Russegger. Er war vom Vizekönig ins Land gerufen worden, um die Lagerstätten nutzbarer Mineralien zu erforschen und damit der Wirtschaft des Landes zum Aufschwung zu verhelfen.

Motor der Modernisierung im Lande war der Vizekönig Muhammad Ali, den man als Begründer des modernen Ägypten anspricht. Er hatte begonnen, eine Reihe von wirtschaftlichen und militärischen Veränderungen in Gang zu setzen, die sich in der Folge auch auf die Gesellschaft auswirkten. Er wollte mit seinen Reformen einen machtvollen Staat europäischen Zuschnitts errichten, daher musste die Gesellschaft reorganisiert werden, die Wirtschaft, die Bürokratie, das Militär. Um diese Ziele zu erreichen, holte er europäische Fachleute ins Land, es wurden aber auch Schulen für Ingenieure und Naturwissenschafter gegründet. Um aber Spezialisten für die Aufgaben im eigenen Land zu erziehen, sandte er Studenten ins Ausland, die dort die nötigen Erfahrungen sammeln sollten. Sogenannte Studienmissionen wurden nach Europa entsandt, zuerst vor allem nach Frankreich und England, später dann auch nach Österreich.

Muhammad Ali brauchte für seine Modernisierungen eine wirtschaftliche Basis, es waren vor allem Gold und andere Edelmetalle, die er für den Aufbau vor allem der militärischen Strukturen brauchte. Er trat an Österreich heran, einen geeigneten Experten nach Ägypten zu entsenden.

Mohammed Ali hatte 1833 die Statthalterschaft über Syrien und Adana übernommen, er hielt es für zweckmäßig, hier nach Lagerstätten von Rohstoffen zu suchen. Als erstes dachte er an eine Untersuchung der Gebirgsdistrikte des Taurus und der Gebirge Syriens, er wollte auch die berühmten Steinkohlenlagerstätten des Libanon weiter ausbauen und die Prospektion auf Edelmetalle weiter ausdehnen. Er war nicht an den wissenschaftlichen Ergebnissen interessiert, seine Motive waren rein wirtschaftlicher Natur.

1834 wandte sich Muhammed Ali mit seinem Ansuchen an Österreich, Fachleute für diese Forschungen zu entsenden, wobei Ägypten bereit war, alle Kosten zu übernehmen. Dass die Wahl auf Österreich fiel, war einerseits in dem Bemühen zu sehen, von Frankreich und Großbritannien unabhängig zu sein, aber vor allem am hohen Niveau der österreichischen Bergbauexperten.

Der geeignete Mann für diese Aufgabe schien Joseph Russegger (1802-1863) zu sein. Er hatte an der Bergakademie Schemnitz (heute Banska Stiavnica, Slowakei) studiert und war ab 1827 als k.k. Bergbeamter im Goldbergbau in Böckstein im Gasteinertal angestellt. Von 1831 bis 1835 war er dort Bergverwalter. Obwohl er noch jung war, hatte sich Russegger bereits den Ruf eines Experten erworben, er machte sich 1835 auf die Reise nach Ägypten. Von seinem drei Jahre dauernden Aufenthalt in Ägypten, Syrien und dem Sudan hat Russegger ein umfangreiches Werk hinterlassen. Sein vierbändiges Werk „Reisen in Europa, Asien und Afrika, mit besonderer Berücksichtigung der naturwissenschaftlichen Verhältnisse der betreffenden Länder, unternommen in den Jahren 1835 bis 1841“, das 1841-1850 erschien, behandelt nicht nur die Geologie des Landes, sondern gibt tiefe Einblicke in die Flora und Fauna und auch die Menschen der bereisten Gebiete. Er beschrieb nicht nur die verschiedenen Völker, die er auf den Reisen traf, er versuchte auch, sie zu verstehen und begann, ihre Sprachen zu lernen. In seinen Tagebüchern gibt es Listen von Wörtern verschiedener Stämme, die zu Grundlagen für spätere Wörterbücher wurden.

Abb.5: Joseph Russegger, Lithographie von Gabriel Decker, 1854
Abb.5: Joseph Russegger
Lithographie von Gabriel Decker, 1854
Abb.6: Der Thaurus: Aus J. Russegger: Reisen in Europa, Asien und Afrika, Atlasband
Abb.6: Der Thaurus: Aus J. Russegger: Reisen in Europa, Asien und Afrika, Atlasband

Gemeinsam mit einigen österreichischen Arbeitern, einem Arzt und dem Biologen Theodor Kotschy traf Russegger im Frühjahr 1836 in Alexandria ein. Die Expedition wurde zunächst in den Taurus geschickt, wo bei Gülek die Erschließung der Edelmetallvorkommen organisiert werden sollte.

Noch vor Antritt der Reise entschloss sich Russegger, zehn ausgewählte Eleven der polytechnischen Schule in Kairo auf die Expedition mitzunehmen, die dabei die Praxis kennenlernen sollten. Er hoffte, „nach Jahresfrist ... über ihre Befähigung ein gründliches Urtheil abgeben und die Fähigsten unter ihnen zur weiteren Ausbildung“ schicken zu können. Er stellte sich vor, dass die jungen Männer zuerst die deutsche Sprache in Österreich erlernen sollten und dann ihre weitere Ausbildung an der Polytechnische Schule in Wien und an der Bergakademie Schemnitz erhalten sollten. Damit sollte es dem Vizekönig möglich sein, Beamte des eigenen Volkes heranzuziehen.

Die montanistische Ausbildung in Kairo stand zu der Zeit am Beginn ihrer Entwicklung. 1834 hatte man eine „Mineralogische Schule“ eingerichtet, es gab wahrscheinlich auch eine montanistische Ausbildungsstätte in der Nähe von Kairo. Diese beiden Lehranstalten wurden zur Polytechnischen Schule vereint. Es erschien daher nur sinnvoll, Studenten zur Spezialausbildung ins Ausland zu senden.

Die zehn ausgewählten Eleven sollten zunächst mit Russeggers Dolmetsch Suwatowsky nach Triest reisen, doch dieser und auch sein Nachfolger starben. Daraufhin reisten die jungen Männer ohne europäische Begleitung nach Triest, wo sich der Bankier Pietro Yussuf ihrer annehmen sollte. Auf Vermittlung von Erzherzog Johann wurde die Gruppe nicht nach Wien, sondern in die Steiermark geschickt. Ihr Eintreffen fiel in die Zeit, als man am Joanneum in Graz Vordernberg als Ort der montanistischen Ausbildung ausgewählt hatte. Es war daher nahe liegend, dass die Ägypter zunächst die Vorstudien am Joanneum absolvieren sollten, um dann ihre Studien in Vordernberg abzuschließen.

Über die Reise der Gruppe nach Graz und den Aufenthalt dort, der mindestens vier Jahre dauerte, wissen wir nur sehr wenig. Nach den Lehrplänen für das Studium des Berg- und Hüttenwesens waren vier Jahre an Vorstudien vorgeschrieben, die zur Erlangung der Grundlagen dienten. Im ersten Jahr hörte man Elementarmathematik, Geometrie und Geometrisches Konstruktionszeichnen, der zweite Jahrgang sah Höhere Mathematik, praktische Geometrie, Projektionszeichnen sowie Mineralogie und Physik vor. Im dritten Jahrgang lernte man Mechanik, Perspekiv-Zeichnen, Chemie und Geognosie, im vierten Jahr praktische Mechanik, Maschinenzeichnen, angewandte und analytische Chemie und Forstwirtschaft. Es gab in der Regel nicht mehr als zwei oder drei Vortragsstunden und zwei bis drei Übungsstunden am Tag, doch mussten die Ägypter auch die deutsche Sprache lernen.

Von den ursprünglich geplanten zehn Eleven waren nur fünf auf die Reise nach Österreich geschickt worden: Muhammad Hassan, Hassan Chalifa, Hassan Husayin, Ali Isa und Muhammad Dashury.

Nach ihren Vorstudien in Graz kamen die angehenden Montanisten in die Berg- und hüttenmännische Lehranstalt in Vordernberg. Das Studium hier dauerte zwei Jahre, wobei alternierend Bergwesen und Hüttenwesen gelesen wurde. Die Ägypter kamen 1843 in Vordernberg an und wurden in den Hüttenkurs aufgenommen. In diesem Jahr wurde die allgemeine Hüttenkunde gelesen, es gab Übungen im metallurgischen Labor und Werksrechnungswesen. Peter Tunner trug den technischen Teil der Hüttenkunde nach eigenen Schriften vor, da das „System der Metallurgie“ von Carl Johann Bernhard Karsten, das als Standardwerk angesehen wurde, die für Innerösterreich wichtigen Fortschritte im Hüttenwesen nicht behandelte. Auch die Werkrechnung trug Tunner nach eigenen Schriften vor, die Probierkunde wurde praktisch durchgeführt.

Abb7: Peter Tunner, Lithographie von Franz Eybl, 1848
Abb7: Peter Tunner
Lithographie von Franz Eybl, 1848
Abb.8: Universitätsarchiv, 1843/44
Abb.8: Universitätsarchiv
1843/44

Zum theoretischen Studium sollten die Studenten die Unterlagen in einer Bibliothek finden, die Grundausstattung der Lehranstalt sah dies auch vor. Ursprünglich waren von den steirischen Ständen 1000 Gulden für die Erstanschaffung von Büchern und Laborgeräten vorgesehen. Die Laboreinrichtung erschien aber wichtiger, 820 Gulden wurden dafür ausgegeben, wobei der größte Teil für Markscheideinstrumente verbraucht wurde.

Da die Bücher aus der Joanneums-Bibliothek nicht wie geplant in Vordernberg eintrafen, öffneten Erzherzog Johann und Peter Tunner selbst ihre Privatbibliotheken den Studierenden.

Ein wichtiger Teil der Ausbildung war die praktische Arbeit. Die Zöglinge sollten sich nach Tunners Aussagen an die schwere Arbeit gewöhnen „um ihren Körper überhaupt zu gebrauchen und die tief wurzelnde Arbeitsscheu zu untergraben“. In der praktischen Arbeit mit dem Hammer wurden die Studenten in der Lehrfrischhütte unterwiesen, es war dies eine sehr schwere Arbeit, die für viele das Ende der Studien bedeutete.

Die Markscheider hatten ihre praktischen Übungen in einem eigenen Markscheidelokal, das 1842 gebaut worden war. Dieser Pavillon sollte neben der Praxis für die Eleven auch den umliegenden Bergverwaltungen zur Verfügung stehen, um eine Auslastung zu erzielen.

Am Ende jedes Studienjahres standen die Exkursionen, die Ende Juni starteten und meist sechs bis sieben Wochen dauerten. Dabei mussten die Studenten für die Kosten selbst aufkommen, daher trachtete der Professor, es möglichst billig zu machen, und man machte einen Großteil der Reise zu Fuß. Auf der Hütten-Exkursion des Jahres 1844 hatte man ungefähr 834 Kilometer zurückgelegt, das meiste davon zu Fuß oder auf Karren, eine neben der pädagogischen auch eine bemerkenswerte touristische Leistung! Bei diesen Exkursionen mussten die Eleven Berichte über das Gesehene anfertigen, die besten Berichte wurden im Berg- und Hüttenmännischen Jahrbuch abgedruckt.

Über das tägliche Leben der ägyptischen Studenten in Vordernberg haben wir keine Nachrichten. Wir wissen nicht, wie die Bewohner dieses kleinen Ortes die exotischen Gestalten aufnahmen, die sehr außergewöhnlich aufgetreten sein mussten. Da sie ihre heimische Tracht mit dem Fes auf dem Kopf tragen mussten, müssen die Vordernberger sie wohl angestaunt haben. Doch die Archive geben uns keine Hinweise darauf.

Noch vor Beendigung des ersten Studienjahres schieden drei der fünf Studenten aus der Lehranstalt aus, Muhamad Hassan, Hassan Chalifa und Hassan Husayin nahmen nicht mehr an der Hauptexkursion teil und legten auch die am Ende des Studienjahres vorgesehenen Prüfungen nicht ab. Der Studiendirektor der Lehranstalt, der Abt von Rein, schreibt in einem Brief an die steirischen Stände, dass „3 aus Ägypten dahin beschiedene Zöglinge wegen auffallender Unzulänglichkeit ihrer Vorkommnisse“ mit Ende März die Lehranstalt verlassen mussten. Beschwichtigend schreibt Tunner im Jahrbuch der Lehranstalt, dass „die Herren Califa, Hassan und Muhammed die Lehranstalt unter dem Kurse verlassen (haben), indem sie von Ihrer Regierung eine andere Bestimmung erhielten“.

Am 2. September 1844 traten die beiden letzten Ägypter, Ali Isa und Mohammed Dashury, zur Abschlussprüfung des Studienjahres an, wobei beide die Prüfungen gut bestanden. Schon im Sommer hatten sie wahrscheinlich an der Hauptexkursion teilgenommen, die 1844 von Vordernberg über Rottenmann nach Liezen, dann ins Murtal und nach Kärnten und weiter nach Prevali (heute Slowenien) führte. Vor der Rückreise nach Vordernberg besuchte man noch das Gußwerk bei Mariazell und einige Hammerwerke in Niederösterreich. Diese Reise wurden zum großen Teil zu Fuß und mit Pferde- oder Ochsenwagen unternommen, da Peter Tunner sich bemühte, die Kosten niedrig zu halten. Wo leicht zugängliche Fußwege begangen werden konnten, wurde auf den Wagen verzichtet, und wenn der Professor selbst die Postkutsche wählte, so konnten einige Studenten meist günstig mitreisen.

Auch im zweiten Jahr, in dem der Bergkurs gelesen wurde, blieben Ali Isa und Mohammed Dashury in Vordernberg. Gegen Ende des Studienjahres wurden aber auch sie aus Vordernberg abberufen, um im Auftrag der Regierung zu den russischen Goldwäschen im Ural abzureisen. Damit verliert sich ihre Spur in Österreich. Von Ali Isa hören wir, dass er 1847 an leitender Stelle an einer Expedition zur Goldsuche teilnahm, sonst verlieren sich die Schicksale der ägyptischen Studenten in der Steiermark.

Muhammad Hassan, der schon im ersten Jahr Vordernberg verlassen hatte, ging nicht mehr nach Ägypten zurück, er konnte in Österreich eine akademische Karriere machen. Er ließ sich im Jahre 1849 taufen und nahm den christlichen Namen Anton an. Er hatte bereits nach dem vorzeitigen Ende seiner Studien in Vordernberg als Korrektor an der Staatsdruckerei in Wien zu arbeiten begonnen, die in der Zeit besonderes Augenmerk auf die Herausgabe von Texten in fremden und außereuropäischen Sprachen legte. Der Direktor der Staatdruckerei, Aloys Auer, rief auch Sprachkurse für die Miterbeiter seines Hauses ins Leben, das könnte der Beginn von Anton Hassans Karriere als Sprechlehrer gewesen sein.

Fremdsprachen waren in jener Zeit besonders wichtig, vor allem das Arabische, da der Handel mit Alexandrien und anderen Häfen der Levante blühte. Daher unterrichtete man am Polytechnischen Institut in Wien, dem Vorgänger der Technischen Universität, Türkisch, Arabisch und Persisch. Anton Hassan wurde hier als Sprachlehrer eingesetzt, um den angehenden Kaufleuten das nötige Werkzeug zu geben, zumindest einfache Geschäftsbriefe aufsetzen zu können. 1856 wurde Hassan zum „wirklichen Lehrer für die Lehrkanzel der vulgär-arabischen Sprachen“ ernannt, 1859 hielt er auch Vorlesungen an der Universität Wien. 1862 übernahm Hassan eine Stelle im Arabisch-Unterricht an der Orientalischen Akademie, die besonderen Wert auf die Sprachausbildung ihrer Schüler legte. Vor dem Hintergrund des zunehmenden handelspolitischen Interesses am Orient und speziell an Ägypten konnte eine neue Lehrkanzel für vulgär-arabische Sprache eingerichtet und mit Anton Hassan besetzt werden. In dieser Zeit schrieb er auch eine arabische Grammatik, die von der Staatsdruckerei herausgegeben wurde.

Hassans Lebensweg in Wien kann an Hand der Adressbücher bis ins Jahr 1874 verfolgt werden, dann verlieren sich seine Spuren.

Die fünf ägyptischen Studenten der Jahre 1843 und 1844 blieben für lange Zeit die einzigen Ägypter an der Berg- und Hüttenmännischen Lehranstalt, die 1849 nach Leoben übersiedelte, 1861 zur Bergakademie und 1904 zur Montanistischen Hochschule erhoben wurde. Es dauerte bis nach dem Zweiten Weltkrieg, dass wieder ägyptische Studenten den Weg in die Obersteiermark zum Studium fanden.

Mohammed Dashury schreibt 1843 in der Zeitschrift Stiria (Band1, 1843, Nr. 131, 2.11.1843) ein Abschiedswort an Graz und seine Bewohner, das wohl auch für Vordernberg gelten kann:

„Vor mehr als 6 Jahren betrat ich mit meinen Collegen zum ersten Mahle die Gefilde der schönen Steiermark. Wir kamen mit der Bestimmung hierher, uns zu brauchbaren Dienern unsers durchlauchtigen Vice-Königs Mehemed Ali heranzubilden, und nahmentlich uns in jene Kenntniß einzuweihen, die aus den Tiefen der Erde ihr daselbst verborgenen Schätze an das Tageslicht zu fördern vermag. Wir haben dieses Ziel, so weit es hier möglich war, erreicht, und nun ruft der Befehl unseres erhabenen Herrn uns weg aus ihrer Mitte. Doch bevor wir die Stadt verlassen, sey noch von uns Allen ein Wort des Dankes an Sie gesprochen.

Wie groß unsere Verpflichtung und unser Dankgefühl gegen Sie geworden, mag aus der Summe Dessen erhellen, was wir hier gelernt und erfahren. In ihr erkennen wir zuerst alle Segnungen der Civilisation, und sahen einen gesellschaftlichen Zustand vor unser Auge treten, von welchem unser Sinn kaum eine Ahnung hatte. Hier lernten wir zuerst den Menschen in seiner Würde erkennen, sahen zuerst die ewigen Gesetze der Vernunft heilig und wirksam, und alle Bürger unter dem Schutze eines weisen und gewaltigen Gesetzes wie Brüder neben einander leben. Hier öffnete sich uns zuerst das weite Reich der Wissenschaft, das den Menschen wahrhaft adelt. – Hier fanden wir in gelehrten Männern die Erfahrungen mancher Jahrhunderte vereint, - wir lauschten ihrer Rede und nahmen ihre Lehren begierig in unsere Gemüther auf. Hier empfanden wir zuerst alle Reizungen der Kunst, die nur Derjenige ganz erkennt, der von früher Jugend auf durch Erziehung und Nähe in thätigem oder leidendem Verkehre mit ihr gestanden. Hier sahen wir zuerst die mildern Sitten der gebildeten Welt und lernten sie würdigen und lieben, - die edle freie Haltung des öffentlichen – und die herzliche, liebevolle des häuslichen Lebens. – Hier lernten wir das Geschlecht der Frauen in ihrem wahren ungeschmälertem Werthe erkennen und verehren: - jene Frauen, deren Bestimmung nicht darin liegt, eingepfercht zu seyn in düstern Mauern, sondern an der Seite ihrer Gatten liebend einzuwirken auf ihr Geschick durch Rath und That. – Hier sahen wir zuerst das biedere deutsche Volk und lernten seine schöne Sprache, und erfreuten unser Ohr an dem volltönenden Klang seiner Rede; - hier fanden wir endlich jene aufmunternde Güte, jene edle Gastfreundlichkeit, jenes Wohlwollen und jene schonende Rücksicht allenthalben, die uns so leicht und freundlich über die Dornen hinüberhalfen, welche die ersten Jahre unseres Hierseyns erfüllten, die uns nachher unsern Aufenthalt so sehr verschönten, die uns nunmehr unsere Trennung so sehr erschweren und in unsern Herzen das freundliche Andenken unsers Lebens hinterlassen.

In dem Maße nun, als sich auf solche Weise der Sehkreis unseres innern Blickes erweiterte, und als wir sahen, dass man uns, die einem völlig andern Glauben angehören, mit Güte und Herzlichkeit aufnahm, da sanken manche Vorurtheile, in deren Banden unser Volk noch schwer darniederliegt, wie Schuppen von unseren Augen, und liessen uns so den doppelten Gewinn unseres Hierseyns ernten. Da ward es klar in uns, dass der Mensch nur nach seinem innern Gehalt zu schätzen sey, nach dem, was er auf dem Maßstabe misst, der die Güte des Herzens zeigt, nicht aber nach der Gestalt seiner Meynungen, seines Glaubens, seiner Abstammung oder Sprache. – Doch nicht vermögen wir Alles zu nennen, was wir in Ihrer Mitte gewonnen; wir können es nur wägen, nicht mehr zählen; - es wird uns ein Vorbild bleiben durch alle Zeit, eine Stütze für unser Leben, eine Leuchte für künftiges Dunkel.

Für alles Dieses nehmen Sie unsern tief gefühlten Dank dahin, und den innigsten Wunsch für Ihr ferneres Wohl und Glück. Die Erinnerung an Gratz, an Alles, was wir hier genossen, gefühlt, an unsere Lehrer und Wohlthäter, an die Freunde, die wir gefunden, wird das kostbarste Eigenthum unserer Herzen bleiben, es wird uns begleiten durch jene Zone, die unser Schritt durcheilen mag, durch die glühende Sonne unseres Vaterlandes, durch den heißen Sand unserer Wüsten, durch unser ganzes Geschick. Möge das dieser Stadt so glücklich seyn, als der Schmerz unserer Trennung groß ist. Daschury Mohammed, Sherif von Ahke Afan“

Literatur:#

  • Matthias BENKOVIC: Joseph Russegger. Ein Bericht über seine Afrikareisen als Beispiel für offizielle Expeditionsunternehmen im 19. Jahrhundert. Diplomarbeit Univ. Wien 1990
  • Marcel CHAHROUR: „Akademische Exoten“. Studienmissionen und Studenten aus Ägypten in der Habsburgermonarchie. Diplomarbeit Univ. Wien 2004
  • Lieselotte JONTES: Zur Entwicklung des montanistischen Unterrichtes in der Steiermark zur Zeit Erzherzog Johanns : (1811 - 1849), in: Ausstellungskatalog Die berg- und hüttenmännische Ausbildung zur Zeit Erzherzog Johanns . Leoben 1982, 1 – 34.
  • Lieselotte JONTES: Student sein im alten Leoben. Graz 2009 (Schriftenreihe des Steirischen Studentenhistoriker-Vereines. 29)
  • Lieselotte JONTES: Reiselust – Reiseleid. Reisen und Reiseberichte in früherer Zeit, in: Artibus atque modis, Wien 2001, 32-59.
  • Joseph RUSSEGGER: Reisen in Europa, Asien und Afrika, mit besonderer Rücksicht auf die naturwissenschaftlichen Verhältnisse in den betreffenden Ländern, ... 4 Bände Stuttgart 1841-1848

Vortrag gehalten am 11. Erbe-Symposium in Mexico City 2011