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Zu Fuß nach Copán in Honduras#

Von

Hasso Hohmann


Mein Vater hatte in seiner Bibliothek in Essen in Deutschland einige Bücher über die Maya Kultur. Zwei der Bücher enthielten Schwarzweiß-Fotos von Steinskulpturen aus der Mayastadt Copán in Honduras, die ich ungewöhnlich und faszinierend fand. Als Architekturstudent besorgte ich mir daher in Graz während meines Studiums weitere Literatur über die Maya und speziell auch über Copán an der Universitätsbibliothek.

Als sich 1968 durch einen Studentencharterflug der medizinischen Fakultät der Universität Graz die Gelegenheit ergab, relativ günstig nach New York zu fliegen, ergriffen auch mehrere Architekturstudenten und -Studentinnen diese Chance zum Flug in die Neue Welt. Mein erklärtes Ziel war damals, bis nach Copán zu gelangen. Mein Vater meinte dazu, dass ich wohl den Maßstab auf den Karten nicht genau studiert hätte und dass dies kaum zu erreichen sei. Ich schickte ihm meine erste Karte von dieser Reise erst aus Copán.

Von New York fuhren wir zunächst per Autostopp bis an die mexikanische Grenze. Unterwegs sahen wir viele der nordamerikanischen Sehenswürdigkeiten, wie die Niagarafälle oder den Grand Canyon. In Mexiko wurden die Preise für Buspassagen für Normaleuropäer wieder leistbar. Nach vielen Stationen durch zahlreiche vorkolumbische Ruinenstätten unterschiedlicher mesoamerikanischer Kulturen gelangten wir auch nach Guatemala Stadt, wo wir Werner Römich kennenlernten, der am Instituto Austriaco Guatemalteco als Lehrer arbeitete. Als wir gemeinsam auf den aktiven Vulkan Pacaya stiegen, fragte ich ihn, wie man eigentlich nach Copán gelangen kann. Er meinte, das sei ganz einfach – entweder zu Pferd oder zu Fuß von Camotán aus, das nahe der Grenz zu Honduras liegt und vom Motagua-Tal aus per Bus erreichbar ist.


Ein Blick vom Vulkan Pacaya zu drei weiteren guatemaltekischen Vulkanen
Ein Blick vom Vulkan Pacaya zu drei weiteren guatemaltekischen Vulkanen.
Foto: H. Hohmann 1968

Wir nahmen also den Bus von Guatemala Stadt nach Puerto Barrios und verließen diesen in Zacapa. Hier konnten wir gleich in einen kleineren Bus nach Chiquimula umsteigen. Dort allerdings warteten wir lange, bis ein Pickup mit offener Ladefläche kam, mit dem der Rest der Strecke nach Camotán mit vielen reisenden Idios zurückgelegt werden musste. Als wir dort am späten Nachmittag eintrafen, besuchten wir Pater Bodo in der Missionsstation, dem wir beste Grüße von Werner Römich ausrichteten. Wir durften in der Station übernachten.

Als er hörte, dass wir zu zweit zu Fuß nach Copán wollten, zeichnete er uns eine kleine Karte mit den wenigen kleinen Dörfern und den markantesten Abzweigungen, einem herausragenden Berg als Merkzeichen in der Landschaft sowie mit dem Río Grande de Zacapa, der in Honduras Río-Copán genannt wird und den wir bei einer Furt durchqueren sollten. Bevor es dunkel wurde, kauften wir noch Ess- und Trinkbares für den Marsch in den nächsten Tagen.

Wir waren im Zimmer eines Geistlichen untergebracht, der sich schon viele Wochen im Ausland aufhielt. Es gab eine etwas asketische Dusche ohne Duschkopf mit kaltem Wasser, das nach der langen Busfahrt aber dennoch verlockend erschien. Kaum stand ich allerdings in der Dusche und das erste Wasser war in den Abfluss geronnen, da entstieg diesem ein Skorpion direkt zwischen meinen Füßen. Um Fußpilze zu vermeiden, verwende ich in allen Quartieren der unteren Kategorien Duschschuhe. Mit einem davon erschlug ich den Skorpion, als schon der nächste erschien. Insgesamt kamen aus dem offenbar geräumigen Siphon acht unterschiedlich große Skorpione – eine ganze Skorpion-Familie. Ich musste sie alle töten.

Nach einer ruhigen, erholsamen Nacht ohne weitere Skorpione oder Taranteln standen wir bereits deutlich vor Sonnenaufgang mit Hilfe meines Weckers auf, frühstückten schnell, schulterten unsere Rucksäcke, ließen einen Zettel mit Gruß und Dank sowie einen Teil unseres Gepäcks zurück und machten uns auf den Weg. Zunächst war es nicht schwer, der Kartenskizze zu folgen. Nach einem kurzen Wegstück zwischen Feldern ging es in den Wald, der uns danach bis Copán, abgesehen von wenigen kurzen Unterbrechungen, begleiten sollte. Nach gut zwei Stunden Marsch trafen wir auf das erste kleine Dorf Lelá Chancó mit wenigen Indiohütten.

Im Gegensatz zu Erfahrungen aus dem Mittelmeerraum - aus Italien, Griechenland, der Türkei oder aus Ägypten - kamen hier keine Kinderscharen lärmend aus den Häusern gerannt, um uns zu begrüßen. Ganz im Gegenteil – wir hatten das Gefühl, von den Chorti-Maya aus dem Hintergrund ihrer Hütten beobachtet zu werden, aber es zeigte sich keine Menschenseele. Einen Mann in einem Garten fragten wir nach dem Weg zum nächsten Dorf Richtung Copán; er wies uns wortlos den Weg und arbeitete weiter.

Bei der letzten Maya-Hütte machten wir Halt, gingen zum Haus und fragten, ob wir einen Sack mit “Balast“, nicht unbedingt notwenigen Dingen, aus unserem Rucksack hier zurück lassen dürften. Bei der großen Hitze und den fast 100% Luftfeuchtigkeit wog jedes Kilo schwer. Insbesondere das kleine Zelt und die Petroleumlampe ließen wir dort zurück. Die Sachen wurden in eine Ecke gestellt und ich hatte den Eindruckt, dass diese Ecke in der Hütte von nun an bis zu unserer Rückkehr eine Tabu-Ecke sein würde. Wir dankten und gingen weiter.

Gleich nach diesem Dorf kam linker Hand ein markant geformter hoher Felsen auf einem Vorsprung im Berghang links auf der anderen Seite des Talraumes zwischen den Bäumen in Sicht. Er sah fast wie ein Sporn aus und lag so hoch über dem Tal, dass man ihn immer wieder sehen konnte. Er begleitete uns fast den gesamten Tag über. Immer wieder sahen wir auch den Río Grande de Zacapa, der hier auch Río Grande de Camotán genannt wurde. Wir gingen annähernd parallel zu diesem Fluss. Auf dem Weg mussten wir feststellten, dass viele fast gleichrangige Weggabelungen im Plan fehlten und immer hatten wir die Befürchtung, den falschen Weg gewählt zu haben. Das könnte Umwege bedeuten. Wenn man zu Fuß unterwegs ist, wird so etwas leicht zu einer energieraubenden Angelegenheit.

Als wir den Sporn bereits etwas hinter uns sahen, waren wir nach der Karte von Pater Bodo offenbar bereits an der hier eingetragenen Furt durch den Fluss unbemerkt vorbeigegangen. Die Stelle zum Queren des Flusses hatten wir offensichtlich übersehen. Der Fluss hatte Hochwasser, was vielleicht erklärt, warum wir die Stelle nicht erkannt hatten. Es hatte in den vergangenen Tagen sehr viel geregnet, was den Fluss hatte anschwellen lassen. Das Wasser war außerdem so schlammig, dass man keine Chance hatte, den Boden des Flusses zu sehen.

So suchte ich nach einer alternativen Möglichkeit, über den Fluss zu gelangen. Nach einiger Zeit entdeckte ich ein kleines Einbaumboot in einem Gestrüpp am Ufer versteckt. Es bot gerade Platz für ein Kind, sicher nicht für einen Erwachsenen. In dieses gab ich unser Gepäck und gelangte schwimmend, das Boot vor mir herschiebend, schräg abdriftend über den hier rund 60 m breiten Fluss. Das trübe Wasser war nicht kalt, führte aber doch einiges an Treibgut wie Strauchwerk, ganze schwimmende Grasbüschelinseln und zum Teil auch Baumstämme mit sich. Wir hofften, keinem Zitteraal zu begegnen, die im Usumacinta im Nordwesten Guatemalas an der Grenze zu Mexiko eine reale Gefahr darstellen. Ich schwamm noch weitere zweimal durch den Fluss – einmal, um das Boot zurückzubringen und dann um selbst auf der richtigen Seite anzukommen. Glücklicherweise hat der Fluss hier nur wenig Gefälle und fließt daher nicht sehr schnell, so dass es kaum gefährliche Strudel gab.

Durch das Bad erfrischt ging es weiter. Auch am Nachmittag sahen wir den Felssporn immer noch schräg hinter uns an Stellen, wo man vom Hang aus bei den vielen Flussbiegungen durch die Bäume Sicht auf das Flusstal und den nun auf der gleichen Seite befindlichen Sporn hatte. Als es dunkel wurde, kamen wir in eine etwas ebenere Geländezone mit einem kleinen Dorf. Heute heißt es Aldea Caparja. Damals vor fast 50 Jahren war es viel kleiner und hatte einen anderen Namen. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Grenze nach Honduras. Die wenigen Häuser des Dorfes waren mit Palmblättern gedeckt und einige umstanden einen halboffenen kleinen Platz zwischen den Bäumen. Wir fragten die Bewohner am Platz, ob wir hier übernachten könnten. Bei einem Haus mit einem weit vortretenden Vordach, das auf eigenen Holzstützen lagerte, wurde für jeden von uns zwischen jeweils zwei Stützen eine Hängematte gespannt. Das Gepäck samt den Schuhen gaben wir zur Sicherheit in die Hütte daneben.

Als es dunkel geworden war, sah man in jedem Haus ein Feuer brennen und hörte, dass sich die Bewohner leise unterhielten. Über den Feuern wurden auf Stein- oder Eisenplatten Tortillas, Frijoles und andere Speisen zum Abendessen heiß gemacht. Auch uns bot man gefüllte Tortillas an. Eine kurze Zeit saßen die Bewohner noch bei den Feuern zusammen, dann begaben sich alle nacheinander zur Ruhe. Unser Gepäck wurde aus Sicherheitsgründen in den Hohlraum unterhalb der Schlafbank* im Haus unserer Gastgeber geschoben.

Als die letzten Feuer erloschen waren, sah man relativ große Glühwürmer in den Sträuchern und Bäumen. Große Fledermäuse jagten durch das Geäst und einige nicht ordentlich festgemachte Pferde trabten zwischen den Bäumen umher. In der Nacht konnten wir, als der Himmel wolkenfrei wurde, die Sterne durch die Bäume blinken sehen. Bald war ich aber trotz der stark durchhängenden Hängematte eingeschlafen. Irgendwann wurde ich von einem Pferd geweckt, das neugierig seinen Kopf tief zu mir in die Hängematte senkte und leicht dabei schnaubte. Das nahm ich zum Anlass, einen Baum in der Umgebung aufzusuchen.

In der Früh wurde es dann tatsächlich kühl von unten. Aber da standen wir auch schon wieder auf, nahmen unser Gepäck aus der Hütte, dankten und verabschiedeten uns. Wir gingen schnell, da wir hofften, bald zu den Ruinen von Copán zu gelangen. Wenn wir am Abend wieder hier sein wollten, mussten wir spätestens zu Mittag die Ruinen erreicht haben.

Aber der Weg zog sich, stieg stetig an, damit er über einen Bergrücken eine Abkürzung nehmen konnte. Nach einiger Zeit sah ich an einer sehr dunklen Stelle am Boden links neben dem Weg unter Bäumen und dichtem Gebüsch ein von Termiten zerfressenes Schild auf dem Boden liegen, auf dem mit einiger Fantasie in Gehrichtung HONDURAS, gegen die Gehrichtung GUATEMALA gelesen werden konnte. Wir hatten offenbar in diesem Moment die Grenze überschritten.

Durch die Neuigkeit beflügelt gingen wir noch schneller und erreichten bald eine kleine Einraumschule rechts neben dem Weg. Als wir zu der Schule abzweigten, kamen uns die zwei Lehrerinnen samt den Kindern schon entgegen gelaufen und ließen sich auch gerne fotografieren. Die Schülerinnen und Schüler formten gerade im Freien hinter dem Schulgebäude Töpferwaren. In dieser Schule wurden die Kinder von El Florido und der gesamten Umgebung unterrichtet. Bald neigte sich der Weg abwärts und führte uns zurück ins Copán-Tal. Das Tal hat hier einen ganz eigenen unverwechselbaren Geruch. Ich bin mir sicher, dass ich mit verbundenen Augen nur am Geruch dieses Tal ohne Schwierigkeit identifizieren könnte. Der Boden ist sehr fruchtbar und so wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Neben Mais werden Bohnen, Kürbisse und vieles andere angebaut.

Auf dem Weg
Auf dem Weg.
Foto: Hasso Hohmann 1968
Die kleine Einraumschule von El Florido mit den zwei Lehrerinnen und den Schülern
Die kleine Einraumschule von El Florido mit den zwei Lehrerinnen und den Schülern
Foto: Hasso Hohmann 1968

Besonders fielen die großen Tabakfelder auf und tatsächlich liefen selbst einige der kleinen Kinder bereits mit dicken Zigarren, den sogenannten Burros, rauchend auf den Straßen von Copán-Ruinas herum. Später wurde mir gesagt, dass der Tabak im Copán-Tal der beste weltweit sei und dass viele der teuersten Havannas in Cuba aus dem Tabak dieses Tales gerollt werden. Als ich viele Jahre später einmal Burros vom Markt in Copán kaufte und nach Graz mitnahm, bestätigten Zigarrenexperten die hohe Qualität der Zigarren.

Wir passierten das Dorf Copán-Ruinas, tranken dort schnell zwei Coca-Cola, erkundigten uns nach der Entfernung zu den Ruinen und gingen gleich die eineinhalb Kilometer weiter. Vor den Ruinen mussten wir die damalige lehmige Landebahn des kleinen Flughafens queren. Heute steht dort das große Skulpturenmuseum von Copan.

In den Ruinen kamen wir um etwas nach 12.00 Uhr an; ich nahm mehrere der Stelen und Altäre auf dem großen Zeremonienhof auf und auch die berühmte Hieroglyphentreppe sowie den Ballspielplatz. Aber schon nach eineinhalb Stunden mussten wir wieder den Rückweg antreten. Im Dorf kauften wir nochmals Getränke und ich eine Postkarte für meinen Vater. Da wir weder offiziell eingereist waren noch Lempira, das honduranisches Geld, dabei hatte, waren wir froh, dass wir mit amerikanischen Münzen zahlen konnten.


  • Abb. GESCHICHTEN3_A1.3.1.31;


Ostseite von Stele H auf der Plaza Mayor
Ostseite von Stele H auf der Plaza Mayor.
Foto: Hasso Hohmann 1968
Stele A auf dem großen Zeremonienhof von Copán
Stele A auf dem großen Zeremonienhof von Copán mit dem Autor.
Foto: Annegrete Vogrin 1968
Westseite von Stele H auf der Plaza Mayor.
Westseite von Stele H auf der Plaza Mayor.
Foto: Hasso Hohmann 1977
Stele 1 in der Treppenanlage von Ballspielplatzbau STR9
Stele 1 in der Treppenanlage von Ballspielplatzbau STR9.
Foto: Hasso Hohmann 1977
Der Ballspielplatz von Copán mit Bauwerk STR10; dahinter die mit etwa 2200 Maya Glyphenblöcken beschriebene Treppe zu Bauwerk STR26. Dieser längste erhalten gebliebene Text in Maya Schrift gibt die Geschichte der Stadt bis zum Zeitpunkt ihrer Errichtung wieder.
Der Ballspielplatz von Copán mit Bauwerk STR10; dahinter die mit etwa 2200 Maya Glyphenblöcken beschriebene Treppe zu Bauwerk STR26. Dieser längste erhalten gebliebene Text in Maya Schrift gibt die Geschichte der Stadt bis zum Zeitpunkt ihrer Errichtung wieder.
Foto: Hasso Hohmann 1968
Der Kopf einer der riesigen Atlantenfiguren am Nordosteck von Bauwerk STR11in Copán
Der Kopf einer der riesigen Atlantenfiguren am Nordosteck von Bauwerk STR11in Copán.
Foto: Hasso Hohmann 1977
Eine der Darstellungen des Todes an der Opferplattform in der breiten Treppenanlage zu Bauwerk STR16 im Zentrum der Akropolis von Copán
Eine der Darstellungen des Todes an der Opferplattform in der breiten Treppenanlage zu Bauwerk STR16 im Zentrum der Akropolis von Copán.
Foto: Hasso Hohmann 1970

Es war fürchterlich schwül und wir hofften, das Dorf hinter der Grenze noch an diesem Tag zu erreichen. Der lange Anstieg aus dem Copán-Tal hinauf zur Schule von El Florido war wirklich anstrengend. Von da an ging es aber relativ bequem wieder über die Grenze zurück und hinunter zu unserem Dorf, wo die Hängematten noch hingen. Nun waren wir bereits “alte Bekannte“. Es hieß, dass am nächsten Vormittag ein einmal in der Woche fahrender Jeep bis zur Furt am Copán-Fluss von Camotán aus kommt, dort Waren verkauft und Leute nach Camotán mitnimmt. Er sollte schon um 10.00 Uhr dort sein.

Daher stellte ich den Wecker auf vier Uhr in der Früh. Als wir aufstanden, hörten wir, dass sich bereits noch eine Gruppe von weiteren fünf Personen zu diesem Jeep aufmachte. Es war glücklicherweise eine mondhelle Nacht und die Wolkendecke recht dünn, sodass es nicht vollständig finster war. Immer wieder wurde der Mond auch in Wolkenfenstern ganz sichtbar. Sonst schimmerte er durch die dünne Wolkendecke und sehr wenig Licht kam mitunter bis unter die Bäume durch. Wir gingen mit den anderen Personen gemeinsam, da diese den Weg viel besser kannten als wir, und kamen daher gut voran. Knapp vor 6 Uhr wurde es dann hell. Schlagartig begannen die Vögel und all die vielen anderen Tiere des Waldes zu kommunizieren – die Urwaldmusik – ein vielstimmiges Pfeifen, Schreien, Zirpen und Singen - setzte fast schlagartig und ohne Übergang ein.

Als wir die Furt durch den Copán-Fluss erreichten, die wir auf dem Hinweg nicht gefunden hatten, benutzten die Begleiter diese zur Durchquerung des Flusses, mussten aber selbst an dieser Stelle fast vollständig ins Wasser eintauchen. Da die Stelle mit dem Kindereinbaum ganz in der Nähe lag und wir etwas früher als geplant angekommen waren, der Jeep auch noch nicht da war, das Gepäck nicht nass werden sollte und wir auch nicht mit nasser Kleidung im Jeep sitzen wollten, verwendeten wir wieder das Boot. Ich querte wieder den Fluss dreimal und zog erst danach meine Kleidung wieder an.

Dann hörten wir schon von weitem den Jeep kommen und kaum war er da, stürzten sich alle auf das Fahrzeug, um einen Platz zu bekommen oder zu schauen, was für Waren der Wagen dabei hatte. Zwei von unseren Begleitern wollten nur Saatgut kaufen, das sie wohl schon bestellt hatten und im Tauschweg gegen eigene landwirtschaftliche Produkte wie Zwiebeln in zwei großen Säcken, die sie schon den ganzen Weg lang mit Hilfe von Stirnlastbändern getragen hatten, eintauschen wollten. Vorne im Wagen saß bereits neben dem Fahrer eine Frau mit Kind samt Gepäck. Nachdem auch ihr Gepäck und auch das der anderen auf den Dachträger befördert und dort halbwegs gut befestigt worden war, hatten wir alle genug Platz im Fahrzeug.

Als wir die Indiohütte passierten, in der ein Teil unseres Gepäcks lag, musste der Jeep eine kurze Pause einlegen. Wir holten den Beutel aus der Hütte. Er lag immer noch unangetastet im Eck. Die Eltern waren nicht zu Hause. Wir schenkten den Kindern eine Packung Kekse aus Copán und dankten. Im Ort stieg auch noch ein weiterer Fahrgast zu und schon ging es weiter nach Camotán. Dort musste der Jeep ein zweites Mal eine kurze Pause bei der Mission einlegen. Hier luden wir das zweite auf dem Weg deponierte Gepäck ein, da der Jeep bis nach Chiquimula weiterfuhr. So kamen wir sehr früh dort an. Wir hatten relativ bald auch einen Bus von dort nach Zacapa und dort bald einen Anschluss nach Guatemala-Stadt, wo wir spät aber doch noch am gleichen Tag eintrafen.

Nachträglich betrachtet mussten wir feststellen, dass wir sehr großes Glück mit dem Wetter hatten. Es war Regenzeit und hatte ausnahmsweise genau in den drei Tagen unserer Tour nicht geregnet.

Heute gibt es eine Asphaltstraße zwischen Camotán und Copán mit einer Brücke über den Fluss. Die zwei kleinen Städte haben eine Straßendistanz von 52 km. Als ich später die Strecke zum ersten Mal mit einem Sammeltaxi fuhr, hatte ich fast so etwas wie Achtung vor unserer damaligen Gehleistung. Heute können sich die meisten Menschen kaum vorstellen, dass man auch zu Fuß größere Distanzen überwinden kann. Von den 104 km hatten wir damals etwa 85 km zu Fuß zurückgelegt.

Damals dachte ich, dass ich nach diesem Gewaltmarsch nie wieder in meinem Leben nach Copán kommen würde. Aber: Never say never! Zwei Jahre später hatten wir einen Forschungsauftrag des Österreichischen Forschungsfonds in Wien zur geodätischen Erfassung und zur baukünstlerischen und städtebaulichen Untersuchung der Architektur von Copán. 1970 mussten wir nicht zu Fuß gehen, sondern wurden mit der Privatmaschine des damaligen Präsidenten von Honduras nach Copán geflogen. Durch ein großes archäologisches Projekt für Copán, das “Proyecto Arqueológico Copán“ (PAC), das 1977 gestartet wurde und das in modifizierter Form immer noch läuft, war die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen. Sie wurde über viele Jahre prolongiert und endete für mich erst 1995 mit der Publikation der letzten eigenen Forschungsergebnisse.

***

Die Familie, bei der wir nahe der Grenze in Hängematten schliefen, hatte ein sehr kleines abgeteiltes Schlafzimmer hinter der Wand links des Hauseinganges. Der Schlafplatz bestand eigentlich nur aus einem großen Podest zwischen drei umgebenden Wänden. Die erhöhte Schlafebene bestand aus dünnen runden Holzstämmen, die Mann an Mann auf Querbalken gelegt und durch Lianen miteinander verbunden waren; die Querbalken wurden von den seitlichen Wänden getragen. Auf der Balkenlage sorgten Textilien für ein weiches Lager; hier schlief die gesamte gastgebende Familie. Später erinnerte mich diese hölzerne Schlafbank an die vielen gemauerten Schlafbänke in vielen Steinbauten der Maya-Klassik, die oft auch auf drei Seiten von Mauern umgeben sind.