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Der Gigant von Brünn#

Von

Reinhard Pozorny

Aus: Eckartschriften Heft 95. Blühendes Mährenland. Hg.: Schutzverein "Österreichische Landmannschaft", 1985.


Was war das doch für eine Zeit, als die Postkutsche noch und die Eisenbahn schon fuhren! Als sich die Menschen gegen das modische Teufelszeug von einem Dampfroß empörten, das feuerspeiend über die Schwellen rumpelte, vor dem die Pferde wild ausrissen, bei dessen Anblick Menschen ohnmächtig wurden und das, trotz aller Unkenrufe und Prophezeiungen, dann doch die Pferdekutsche in die Welt der Romantik verbannte. Das waren dann echte Meilensteine der Entwicklung, wenn wieder eine Strecke in Betrieb genommen wurde, wenn mit größtmöglichem Pomp die Feierlichkeiten einer Jungfernfahrt begangen werden konnten, wie damals am 3. Juli 1839 in Brünn.

Die Brünner wurden in dieser Zeit vom „modischen Zeugs des Eisenbahnzuges" immer wieder erfaßt, polypenartig streckte er seine Arme nach der mährischen Landeshauptstadt aus. Im November des Vorjahres fuhr die erste Lokomotive, die sinnigerweise den Namen „Moravia" führte, in Brünn ein, und seit dem verflossenen Dezember fuhr der Zug in Teilstrecken schon bis Raigern. Die Verbindung bis Wien war aber noch nicht zustande gekommen, weil die Lieferung der Schienen auf sich warten ließ. Nun aber war der große Tag gekommen. Schon in den zeitigen Morgenstunden herrschten Hochstimmung und Festesfreude. Seit dem Besuch Kaiser Ferdinands und seiner Gemahlin vor drei Jahren in der Stadt, zu dem sich mehr als 25.000 Menschen bei einem Volksfest im Augarten getroffen hatten, gab es keinen solchen Massenauftrieb mehr, wie an diesem heißen Julitag.

Die Kaiser-Ferdinand-Nordbahn verkehrte heute zum ersten Male auf ihrer ganzen Strecke von Wien nach Brünn, was natürlich von allen Fortschrittlichen im Lande gefeiert wurde. Tausende Zuschauer standen auf dem Franzensberg, dem Spielberg, hatten die übersichtlichen Punkte auf den Bastionen und Wällen besetzt und warteten geduldig, obwohl die Abfahrt der vier Zuggarnituren, die hintereinander in Wien losgelassen wurden, für 6.30 Uhr früh angesetzt worden war. Jubel, Staunen und stolze Freude, Zeuge eines solchen Ereignisses zu sein, kannten keine Grenzen, als gegen 10.30 Uhr die erste Zuggarnitur mit sieben Wagen über den Viadukt in die Bahnhofsanlage einfuhr. Insgesamt trafen damals 800 Wiener in 38 Waggons in Brünn ein; Böllerschüsse, drei Musikkapellen und ein Sängerchor entboten bei herrlichem Wetter ihr Will-kommen. Nach Augenzeugenberichten sahen die Wiener Gäste wie Mohrenkinder oder Schornsteinfeger nach getaner Arbeit aus, denn sie hatten fast fünf Stunden in offenen Waggons zubringen müssen und waren den Schwaden der feuer- und rußspeienden Lokomotive ausgesetzt gewesen. Die Waggons waren bis zum letzten Platz besetzt. Die Lokomotiven trugen stolze Namen: „Gigant", „Herkules", „Bruna" und „Buccephalus".

Nach und nach entluden sich die Wagen, froh, der zugigen und rußigen Geschichte entronnen zu sein, kamen die Gäste daher. Manches neue Kleid hatte eingebrannte Löcher, angebrannte Hüte, schwarz gewordene weiße Kragen und Handschuhe gaben zu erkennen, daß man bereit war, freiwillig dem Fortschritt Opfer zu bringen. Die Laune war bestens. Gemessenen Schrittes trat der Landesgouverneur von Mähren und Schlesien, Alois Graf von Ugarte, vor und entbot den Führern der Abordnungen seinen Gruß. Als aber die Schülerinnen der Lehranstalt der Ursulinerinnen ihren Festprolog aufsagen wollten, war es mit der Aufmerksamkeit vorbei, die wohlgeformten Worte und Verse gingen in immer stärkerer Unruhe und allgemeinem Trubel unter.

Zu Mittag gab die Stadt ihren Gästen — das heißt nur der Prominenz unter den 800 Wienern, versteht sich — einen festlichen Empfang im Redoutensaal, wo ein kräftiges Mahl und echter Südmährerwein das ihre zur Stimmung beitrugen, nicht ohne daß Brünns Bürgermeister vorher den Toast auf den Kaiser in Wien ausgebracht hätte. Man feierte nach und nach alle die vielen am Gelingen des Tages Beteiligten, in der notwendigen vornehmen Zurückhaltung, die man sich, seiner Zeit und seinem Stande schuldig war. Die hohen Herren von der kaiserlichen Verwaltung, aber vor allem jene, die sich unmittelbar um den Bau dieser Strecke verdient gemacht hatten — auch jene, die an ihm verdient hatten, gehörten dazu —, galt es zu feiern. Gemeint sind nicht die rund 14.000 Arbeiter, meist Südländer, die am Bau der Strecke beteiligt waren, gemeint sind unter anderem der technische Leiter des ganzen Projektes, Ingenieur Ghega, und die Chefs der ausführenden Firmen Klein und Talachini. Dazu gehörten auch die Vertreter des Bankhauses Rothschild in Wien, das für 50 Jahre ein sogenanntes Privilegium auf den Bau erhalten hatte und maßgeblich an der Aufbringung des Aktienkapitals beteiligt war.

Derweil ging es in den Gasthöfen und Schänken der Stadt immer lauter, ungehemmter und fröhlicher zu. Alle Wiener, die nicht zum auserwählten Kreis in der Redoute gehörten, hatten Gelegenheit, die Jubelstimmung der Brünner kennenzulernen; es gab Verbrüderungen und Freudenausbrüche von geradezu südländischer Art. Man schleppte die Wiener Gäste zu sich nach Hause, bewirtete sie, und auf den Straßen und Plätzen gab es kleine private Feiern. Wer sich glück-lich preisen konnte, einen feschen Wiener oder eine

fesche Wienerin kennengelernt und mit ihnen Bruderschaft getrunken zu haben, wurde allgemein beneidet. Viele im vornehmen Saal der Redoute, unweit des berühmten Parnaßbrunnens, haben später bedauert, nicht zum „Volk der kleinen Leut" gehört zu haben. Auch das Zugpersonal beteiligte sich begreiflicherweise an der allgemeinen Freude. Und das gab dann auch leider Anlaß zu bösen Reden, denn bedauerlicherweise ging der Freudentag nicht ohne Panne ab. Bei der Rückfahrt der Gäste, als alle wieder glücklich in den Waggons verstaut waren, müssen die Züge zu knapp hintereinander gefahren sein. Unweit der Station Branowitz fuhr die Lokomotive mit dem stolzen Namen „Gigant" auf den letzten Wagen des vor ihr fahrenden Zuges auf. Es gab einen so heftigen Zusammenprall, daß zwei Waggons zertrümmert wurden. Aus ihnen zog man zahlreiche Verletzte, darunter drei Schwerverletzte, heraus. Die Schandtat des „Giganten" und seines Lokomotivführers, eines Engländers, auf der Heimreise von der „Brünner Sauf- und Pumpstation", wie sich die Wiener dann auszudrücken beliebten, bot den zeitgenössischen Komikern vielfachen und willkommenen Stoff für ihre Couplets.

Wie oft in solchen Fällen wandelte sich die überschäumende Freude in das Gegenteil. Man beschuldigte sich gegenseitig der Fahrlässigkeit, die genossenen Alkoholmengen wurden in ein Vielfaches gesteigert, man wollte allerhand Unzulänglichkeiten beobachtet haben und jene, die das „neumodische Zeugs da" ablehnten und schon immer gegen alles waren, hatten, wie in solchen Fällen immer, kurze Zeit Oberwasser bekommen. Bekanntlich sind das diejenigen, die schon auf dem Schiff des Kolumbus das Meutern gelernt haben. Nicht nur die alten Weiber, denen man so etwas nachsehen kann, empörten sich. Die Ausgelassenheit habe endlich ihre gerechte Strafe erfahren, wetterten die einen, die anderen leisteten Schwüre darauf, daß der Leibhaftige hier seine Hand im Spiel gehabt habe und forderten, daß man sich energisch gegen diese Auswüchse einer neuen Zeit zur Wehr setzen müsse.

Die Zeit aber heilt alle Wunden! Auch die Wunden der Verletzten heilten und nach und nach wurde auch dieser bedauerliche Zwischenfall vergessen, der immerhin als das größte Eisenbahnunglück seiner Zeit in Österreich bezeichnet wurde. Man versöhnte sich wieder und fortan fuhr der Zug mit der unsichtbaren Fahne des unaufhaltbaren Fortschritts von Wien nach Brünn und wieder zurück. Immer schneller, immer verläßlicher, immer öfter und immer bequemer.