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Die Mutter des Irak#

Am 16. Mai 1916 wurden die Grenzen des heutigen Nahen Ostens gezogen.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 14. Mai 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

WZ-Korrespondentin Birgit Svensson


Gertrude Bell; Aufteilung des Nahen Ostens 1916 Grafik
(li.)Handlangerin des Kolonialismus: Gertrude Bell.
Foto: Mary Evans Picture Library/picturedesk.com; (re.) Aufteilung des Nahen Ostens 1916 Grafik: Wiener Zeitung

Bagdad. "Man begrub sie in Bagdad." Mit diesem kurzen Satz endet die Biografie einer der wichtigsten Frauen neuerer Geschichte im Mittleren Osten. Gertrude Bell, "Königin der Wüste", wie der Film von Werner Herzog sie betitelt. Oder "Mutter des Irak", wie die Einwohner zwischen Euphrat und Tigris jene Frau bezeichnen, die ihnen gleichzeitig Fluch und Segen bescherte. Die Suche nach ihrem Grab in der irakischen Hauptstadt gleicht einer kleinen Odyssee. "Nein, hier ist sie nicht", behauptet der Friedhofswächter am britischen Ehrenfriedhof im Herzen Bagdads, am Bab al-Muadam, und schreitet mit der Besucherin die Grabreihen ab.

Hier liegen Soldaten seiner Majestät, des Königs Georg V. von Großbritannien. Die meisten sind 1917 gefallen. Für Sir Frederick Stanley Maude ist auf dem weitläufigen Areal ein kleines Mausoleum errichtet. Der General machte sich einen Namen im Einsatz an der Mesopotamien-Front im Ersten Weltkrieg, als Eroberer Bagdads. Nach der Invasion britischer und amerikanischer Truppen 2003 im Irak nannten die Briten ihr Hauptquartier in Bagdads Grüner Zone "Maude House". "Schauen Sie auf dem armenischen Friedhof nach, wenn Sie Miss Bell finden wollen", rät der Wächter der britischen Grabstätte schließlich. Doch auch dort findet sich keine Spur von Gertrude Bell.

Die Botschaft lief tagelang über Twitter und Videos im Internet: "Isis zerschmettert die Sykes-Picot-Grenzen." Dazu Bilder von Kämpfern der Terrorgruppe Islamischer Staat, die ungehindert über die irakisch-syrische Grenze fahren, ihre schwarzen Fahnen hissen oder die Pässe ihrer Herkunftsländer verbrennen.

Die schnellen Erfolge der Terrortruppe im Sommer 2014 machte es offensichtlich: Die nationalstaatliche Ordnung im Mittleren Osten befindet sich im Prozess der Auflösung. Die Grenze zwischen Syrien und dem Irak, die am 16. Mai 1916 aus einem Geheimabkommen der Diplomaten Sir Mark Sykes und François Georges-Picot hervorgegangen waren, existiert über weite Strecken nicht mehr.

Seit einem Jahrhundert prägt diese willkürliche Entscheidung der ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich die Region, verursacht ethnische und religiöse Konflikte bis heute. Und Gertrude Bell spielte in der Grenzziehung eine entscheidende Rolle.

Als die Frau, die Irak schuf, am 12. Juli 1926 in ihrer Wahlheimat Bagdad unter noch immer ungeklärten Umständen starb, hatte sie bereits erheblich an Einfluss verloren. Die geheime Übereinkunft zwischen dem britischen Oberst und Diplomaten Sykes und dem französischen Generalkonsul in Beirut, Picot, hatte schon vor dem Ende des Ersten Weltkrieges die Aufteilung der noch zu erobernden Kriegsbeute der Osmanen beschlossen. Die endgültige Zerschlagung des türkischen Reiches dauerte aber noch zwei weitere Jahre. Doch die Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens war schon vorher beschlossene Sache.

Als zunächst inoffizielle Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes, später als politischer Verbindungsoffizier im Rang eines Majors und Orientsekretärin, war Gertrude Bell maßgeblich an der Gründung des heutigen Iraks beteiligt und gehörte zu den engen Vertrauten des damaligen Königs Faisal I., der zunächst König von Syrien wurde. Als die Franzosen ihn verjagten, setzten ihn die Briten in Bagdad ein. Danach brauchte der haschemitische König die aus einer reichen Adelsfamilie stammende Britin nicht mehr, und auch ihre eigenen Landsleute distanzierten sich von der für die damalige Zeit ungewöhnlichen Dame.

"Miss Bell", wie die Iraker sie auch heute noch ehrfurchtsvoll nennen, durfte nicht auf dem britischen Ehrenfriedhof in Bagdad begraben werden. Bereits Ende des Jahres 1916 erklärte Mark Sykes in Downing Street No. 10, wie die arabischen Gebiete aufgeteilt werden sollten. Man würde eine Linie von Acre (Akko) bis Kirkuk ziehen. Der Norden würde an Frankreich gehen, der Süden an die Briten.

Die Neuordnung sah eine Annexion des heutigen Libanon, Syriens sowie der Südost-Türkei durch Frankreich vor. Die Engländer sollten das südliche Mesopotamien und das heutige Jordanien erhalten. Die groben Linien waren markiert, die Feinabstimmung besorgte Gertrude Bell.

Bei den Grenzziehungen hatten die beiden Diplomaten Sykes und Picot zwar die Wasser- und Ölquellen im Blick, nicht aber ethnische und religiöse Zugehörigkeiten. Mit Mark Sykes verband Gertrude Bell eine innige Feindschaft. Er nannte sie ein "flachbrüstiges Mannweib, einen schwanzwedelnden Globetrotter, eine billige Schwätzerin". Sie wiederum bezichtigte ihn einer grenzenlosen Inkompetenz. Denn das Abkommen, das Sykes mit Picot verhandelte, war schon zum Zeitpunkt seiner Unterzeichnung umstritten.

Picot war der deutlich erfahrenere Verhandlungspartner und hatte es verstanden, für Frankreich weit mehr als erwartet zu erreichen. Außerdem barg das Abkommen gravierende Widersprüche. Während zuvor den Arabern die Unterstützung Großbritanniens im Falle einer Revolte gegen das Osmanische Reich zugesagt und die Anerkennung einer anschließenden arabischen Unabhängigkeit in Aussicht gestellt wurde, teilten Frankreich und Großbritannien nun weite Teile des arabischen Territoriums unter sich auf. So schufen sie Länder wie Syrien und Irak.

Allerdings enthielt auch das Sykes-Picot-Abkommen bereits im ersten Paragrafen den Hinweis, dass sowohl Frankreich als auch Großbritannien bereit seien, einen unabhängigen arabischen Staat in den markierten Regionen der Zone A und B der Landkarte anzuerkennen und zu schützen. Beide Staaten behielten sich aber in ihren Einflusssphären Privilegien vor, die bis in die 1950er Jahre reichen sollten.

Ethnische Realitätsverweigerung#

Die Suche nach dem Grab der "Königin der Wüste" geht weiter. Der dritte Versuch führt schließlich zum Erfolg. Ali Mansour öffnet die Blechtür zum kleinen anglikanischen Friedhof im Stadtteil "Bab el-Sher Shi" am Ostufer des Tigris. Seit fast 50 Jahren ist der 72-jährige Schiite für die wenigen Gräber hier verantwortlich. Inmitten von Moscheen, Kirchen, Ministeriumsgebäuden, löchrigen Straßen und endlosen Autoschlangen steht ein steinerner Sarkophag mit der schlichten Aufschrift: Gertrude Margaret Lowthian Bell. Auf ihm liegt ein kleines Bouquet mit roten und weißen Plastikrosen.

Nach der Rolle der Toten für sein Land befragt, sagt Mansour diplomatisch: "Jeder Mensch hat Vor- und Nachteile." Für Miss Bell gelte das auch. Einerseits sei sie verantwortlich für die unglückliche Grenzziehung und das Gebilde Irak, das so vorher nicht existiert hatte. Andererseits habe sie sich stets für das kulturelle Erbe des Landes eingesetzt und das irakische Nationalmuseum begründet. "Sie sprach unsere Sprache, kannte unsere Stämme, unsere Sitten und Gebräuche."

Was sie nicht kannte, waren die Unterschiede zwischen Sunniten, Schiiten, Arabern und Kurden. "Sonst hätte vieles vermieden werden können." Die Entwicklung zeigt, wie aus diesen unterschiedlichen Volksgruppen blutige Konflikte erwuchsen und sich nun verschärfen.

Dem Irak hat das Zusammenpressen der drei ethnisch und religiös so unterschiedlichen Provinzen Mossul, Bagdad und Basra kein Glück gebracht. Das von den Briten eingesetzte Königreich war stets instabil, 1958 wurde es mit einem blutigen Militärputsch hinweggefegt. Zehn Jahr später ergriff die sozialistische Baath-Partei die Macht, und 1979 errichtete Saddam Hussein seine Diktatur. Er hielt das Land mit geradezu archaischer Brutalität zusammen. Auch wenn die Terrormiliz Islamischer Staat weiter an Boden verliert: Das Aufbrechen der syrisch-irakischen Grenze ist ein weiteres Zeichen für die historisch tief verankerte Unruhe der Region.

Wiener Zeitung, Samstag, 14. Mai 2016