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Peruanischer Bauten des 2. und 1. Jt. v. Chr.#

Las Haldas, Castillo Chankillo und das Observatorio bei Casma #


Von

Hasso Hohmann


1996 besuchte ich zum zweiten Mal Peru und interessierte mich diesmal besonders für die Region um den Ort Casma Casma, Peru 372 Straßenkilometer nordwestlich von Lima Peru, Lima . Ich hatte ein kleines Hotel bezogen und machte mich mit Kamera, Filmrollen, Kompass, Wasserflasche und etwas Proviant schon knapp nach 6.00 Uhr auf den Weg, um einige wenig bekannte Ruinen aus dem 2. und 1. Jt. v. Chr. zu besuchen. Das erste Ziel war Las Haldas, ein zu dieser Zeit äußerst selten besuchter archäologischer Ort an der Küste, zu dem man vom nächsten Punkt entlang der “Panamericana“ noch gute zwei Kilometer zu Fuß durch die Küstenwüste wandern muss. Ich hatte eine Planskizze von Wilhelm Diessl aus Linz im Gepäck, der sich schon mehrmals in dieser Region aufgehalten und mehrere Ruinen skizzenhaft rekonstruiert hatte.

Ich verließ Casma zu Fuß in südöstlicher Richtung bis zu einer Tankstelle an der Peripherie der Stadt und sprach dort Busse und auch LKWs während des Tankvorganges an um mitgenommen zu werden. Ein LKW war bereit, mich gegen geringes Entgeld die 25 km bis zum Kilometerstein 347 mitzunehmen. Über der Wüste lag noch eine relativ dichte hohe Nebeldecke, die durch den “Kalten-Humboldt-Strom“ vor der Küste durch die Abkühlung der über den Pazifik aus Westen wehenden Winde entsteht. Die hohen Sanddünen der Wüste rechts und links der Fernstraße tauchte der Nebel in ein wenig attraktives Schmutziggelbgrau. Auf Höhe des vereinbarten Kilometersteins sah man in allen Richtungen ausschließlich Wüste und der LKW-Fahrer gab mir deutlich zu verstehen, dass er mich für wahnsinnig hielt, als ich darauf bestand, hier aussteigen zu wollen. Ich verabschiedete mich freundlich, zahlte den vereinbarten Preis und ging etwa im rechten Winkel zur Straße nach rechts durch die Sanddünen.

Nach etwa einer guten halben Stunde erreichte ich die Küste, die hier steil und felsig abfällt. Von einer markant hohen Stelle in der Küstenlinie staffeln sich die Reste von Las Haldas in Stufen herunter zu einer weiten Ebene. Die Ruinen waren wohl noch nie Gegenstand aufwendiger archäologischer Grabungen. Es handelt sich bei Las Haldas um eine annähernd axialsymmetrische Anlage mit zahlreichen Tempelresten auf Unterbauten aus der Zeit zwischen 1600 v. und 900 v. Chr.. Die Hauptachse der Anlage geht von einem Tempel an der höchsten Erhebung unmittelbar über den Klippen an der Küste aus und verläuft dann landeinwärts über eine Folge von gestaffelten Terrassen, Treppen und Höfen unterschiedlicher Form und Größe, um dann in eine mehr als 50 m breite Straße überzugehen. In der Ebene wurde diese Straße früher offenbar von zwei Mauern im entsprechenden Abstand begleitet. Von diesen Mauern sind heute nur noch einzelne Fundamentsteine über eine Strecke von mehreren Kilometern in unregelmäßigen Abständen zueinander zu sehen. Angesichts der Breite muss es sich um eine Art Prozessionsstraße gehandelt haben.

Die Karte zeigt die Prozessionsstraße von Las Haldas nach El Purgatorio Alto
Die Karte zeigt die Prozessionsstraße von Las Haldas nach El Purgatorio Alto. Sie verzeichnet aber auch die anderen archäologischen Orte sowie die modernen Siedlungen um Casma.
Zeichnung: Hasso Hohmann 2008
Eine Perspektive von Las Haldas mit der Ergänzung einer Stützenhalle beim Zugang in das Kultzentrum
Eine Perspektive von Las Haldas mit der Ergänzung einer Stützenhalle beim Zugang in das Kultzentrum.
Zeichnung: Wilhelm Diessl 1992, Portikus von Hasso Hohmann 2009.
Diese Aufnahme zeigt recht gut den Stützenrasten der Eingangshalle zum Zeremonialzentrum von Las Haldas. Vor Ort sind die Bodenverfärbungen selbst dann kaum erkennen, wenn man weiß, dass es sie gibt und sehr genau darauf achtet.

Bei der Eingangsplattform gab es einst wohl eine niedrige Umfassungsmauer und dahinter jeweils rechts und links des Einganges eine Art Portikus, eine Stützenhalle mit jeweils auf beiden Seiten vier Stützen nebeneinander und auch jeweils vier Stützen hintereinander. Im Durchgang lagen die Stützen etwas weiter auseinander. Die zusammen 32 Stützen dürften ein Dach getragen haben, so dass ein eindrucksvolles Eingangsbauwerk für die Anlage entstand. Heute erkennt man die einstigen Stützlöcher nur noch an der rhythmischen ganz leichten Verfärbung des Bodens. Indizien dafür, woher das Holz für Stützen und Dach kam, werden bestenfalls archäologische Grabungen liefern können. Grundsätzlich ist aber anzunehmen, dass schon relativ früh Flöße entlang der Küste für den Handel unterwegs waren. Die Eroberer berichteten von Handelsflöße.

Auf dem hinteren Teil des fast quadratischen Eingangsfeldes stand ein zweites Bauwerk mit wahrscheinlich mehreren Räumen. An dieses schloss ein quadratischer Hof an, der von zwei mächtigen, flankierenden U-förmigen Plattformen gerahmt war. Als Nächstes folgt ein längliches rechteckiges Feld mit einem mittig angeordneten, runden eingetieften Hof mit zwei Einstiegen in der Symmetrieachse. Dieser Hof erinnert sehr stark an mehrere ähnliche Höfe in Caral aus dem 3. Jt. v. und an den runden Hof in Chavin de Huantar östlich des Labyrintes mit dem Lanzón. Diese Anlage war auch Namensgeber für die Chavin-Kultur, liegt hoch oben in den Anden im Tal des Río Mosna auf etwa 3200 m Seehöhe und datiert in die Zeit um ca. 1000 v. Chr.

Es folgen ein größerer gerahmter Hof und gestaffelte kleinere Höfe, die auf Terrassen angelegt wurden und über Treppenbauwerke miteinander verbunden sind. Auf der höchsten Plattform erkennt man den einfachen Raum eines Tempels. Rechts und links flankieren diese Anlage weitere Plattformen mit Höfen, Plattformen und kleineren Tempeln. Es gibt auch einen weiteren runden kleineren eingesenkten Hof mit zwei Abgängen im Norden.

Durch die Besichtigung, das zeichnerische und fotografische Dokumentieren von Las Haldas war bereits viel Zeit vergangen. Es war bereits 15.00 Uhr. Ich versuchte der mehr als 50 m breiten “Straße“ durch die Wüste landeinwärts zu folgen. Nach einigen Kilometern verschwand sie allerdings unter Sand und war nicht weiter verfolgbar. Inzwischen hatte sich der Morgennebel schon lange aufgelöst und die Sonne bestrahlte die Wanderdünen mit ihrem harten Licht, so dass man die scharfkantig geformten Sicheldünen mit jedem Detail ihrer feinen Rippungen wie perfekt modellierte Reliefs erkennen konnte. Auf manchen waren die Spuren unterschiedlicher Käfer oder Echsen erkennen. Der Boden der Wanderdünen war relativ eben und hatte an manchen Stellen fast das Muster eines Parkettbodens.

Der abgesenkte Bereich vorne ist der runde Kultplatz
Der abgesenkte Bereich vorne ist der runde Kultplatz, der außen von einer ellipsenförmigen, leicht angehobenen Plattform umgeben wird, dahinter folgt der größere gerahmte Hof, die Plattform dahinter mit der Stützenhalle lässt nicht eine der Stützen im Grundriss erkennen, daran schließt die ca. 55 m breite Prozessionsstraße an, von der hier nur Teile der Fundamentstreifen der flankierenden Mauern erkennbar werden.
Foto: Hasso Hohmann 1996
Weg durch die Sandwüste. Der Sand deckt hier die Prozessionsstraße ab.
Weg durch die Sandwüste. Der Sand deckt hier die Prozessionsstraße ab.
Foto: Hasso Hohmann 2003
Sanddünen mit Nebel vom Señal Mongon.
Sanddünen mit Nebel vom Señal Mongon.
Foto: Hasso Hohmann 2003
Typische Sicheldünen wandern hier langsam über die Prozessionsstraße.
Typische Sicheldünen wandern hier langsam über die Prozessionsstraße.
Foto: Hasso Hohmann 2003
Eine besondere Art von Fischgrätenmuster bei wenig Sand über dem härteren ebenen Untergrund.
Eine besondere Art von Fischgrätenmuster bei wenig Sand über dem härteren ebenen Untergrund.
Foto: Hasso Hohmann 2003
Sanddünen mit charakteristischen feinen Rippungen
Sanddünen mit charakteristischen feinen Rippungen, wie man sie auch bei Sand im Wasser findet, die auch an die Haut von Buckelwalen oder an die feinen Stege von menschlichen Fingerkuppen erinnern. Bei Wind und auch bei Wasserbewegungen bilden sich feine Wirbel über der Sandoberfläche, die diese Rippen formen. Auf den Wirbeln kann Luft oder Wasser fast reibungsfrei gleiten.
Foto: Hasso Hohmann 2003

Ich ging bald zur verschleifend zur Prozessionsstraße verlaufenden Panamerikana hinauf und versuchte an einer Stelle mit einer Ausweiche ein Fahrzeug für die 10 km nach Norden bis zum Kilometerstein 361 zu finden. Es gab nur wenig Verkehr, die meisten Fahrzeuge waren voll besetzt und meist viel zu schnell unterwegs um stehen zu bleiben. Der erste Wagen, der anhielt, war eine Polizeistreife; sie nahm mich für das kurze Stück mit und fragten mich, als ich bei einer Schotterstraße auf der rechten Seite der Hauptstraße aussteigen wollte, ob ich wohl genug Wasser dabei habe und machten mich darauf aufmerksam, dass es schon relativ spät für eine weitere Wanderung sei. Ich sagte ihnen, was ich vorhatte, und bedankte mich, der Polizeiwagen fuhr weiter nach Casma und ich ging die gut drei Kilometer mit hoher Schrittfrequenz zum Castillo Chankillo.

Google Maps Aufnahme des Castillo Chankillo. Man erkennt gut die fünf abgewinkelt geführten Zugänge durch die mächtige äußere Wehrmauer, die vier durch die innere Wehrmauer und die drei Eingänge durch die schlanke dritte Mauer. Die Äußere Mauer hat eine Länge von etwa einem Kilometer und besteht aus mehreren aneinander gebauten Granitsteinmauern.
Eines der zweifach abgewinkelten Tore durch die innere Wehrmauer. Im Hintergrund der Vulkan Cerro Mucho Malo.
Eines der zweifach abgewinkelten Tore durch die innere Wehrmauer. Im Hintergrund der Vulkan Cerro Mucho Malo.
Foto: Hasso Hohmann 2004

Als ich an der alten Festungsanlage ankam, stand die Sonne bereits nicht mehr weit über dem Horizont. Ich besichtigte die mächtige Wehranlage mit einer Nordsüdausdehnung von gut 300 m mit zwei 8 m dicken Umfassungsmauern, mit versetzt angeordneten Toren, bei denen das fast 2500 Jahre alte Holz der Originalstürze in den Toren noch immer die Last der Granitsteine oberhalb trägt. Ich machte Notizen und fotografierte. Das Tal des Rio Casma tief unterhalb der Festung lag bereits im Schatten. Die Landschaft dahinter sah wie eine Mondlandschaft aus. Die dreizehn Türme des Observatorio mit ihren Treppenhäusern auf einem Nord-Süd-gerichteten Felsgrat konnte man im Tal noch gut bei schwindendem Licht erkennen. Auf der anderen Seite des Rio Casma sah ich den Cerro Mucho Malo, auf dessen westlichen Abhängen ich einige Jahre später sehr bequem vor meinem PC im Sessel in Graz sitzend die Reste einer ganzen Stadt aus der Vorinkazeit finden sollte, die ich “El Purgatorio Alto“ nannte. Eigentlich hatte ich mir nur “El Purgatorio“ am Fuß dieses Berges von oben in Google Earth ansehen wollen, als ich durch Zufall in der Scharfeinstellung etwas zur Seite schwenkte und unzählige Hausgrundrisse zu sehen bekam (siehe: El Purgatorio Alto).

Dann wurde es ohne Übergang sehr schnell völlig dunkel. Auf Grund der extremen Trockenheit und des Fehlens von Lichtsmog konnte man die Sterne der Milchstraße und auch den weiteren Himmel über der südlichen Erdhalbkugel bis zum Kreuz des Südens auf schwarzem Hintergrund so klar und deutlich erkennen, wie kaum irgendwo in Europa. Nach solchen Betrachtungen beeilte ich mich so schnell wie möglich zurück zur Hauptstraße zu kommen und versuchte mit Hilfe meiner kleinen Taschenlampe den Schotterweg nicht zu verlassen.

Als die Panamericana in Sichtweite kam, sah ich bereits von weitem ein Fahrzeug. Beim Näherkommen erkannte ich die Polizisten, die offenbar zurückgekommen waren, auf mich schon warteten und mich nun nach Casma den Rest der Strecke brachten. Mit einem so bequemen Transport hatte ich nicht gerechnet. Ich bedankte mich bei den Ordnungshütern sehr herzlich. In der Stadt kaufte ich noch schnell etwas Essbares und ging ins Hotel, wo ich bereits erwartet wurde.