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Achsen zwischen Erde und Himmel#

Peru, Canta Marca#


Von

Hasso Hohmann

Alle Fotos stammen vom Autor und unterliegen seinem Copyright.


Am Ende einer langen Reise komme ich ungern im letzten Moment von einem weit entfernt gelegenen Ort zum Flughafen meines Rückfluges. Busstreiks, Straßenunterbrechungen durch Unwetter und eigene Probleme durch Krankheit können zu Zeitengpässen führen. In New York hätte ich 1968 durch stundenlange Verkehrstaus in den Straßen dieser Stadt im Taxi auf dem Weg von Manhattan zum John-F.-Kennedy-Flughafen meinen Rückflug nach Wien verpasst, wenn die Maschine nicht zufällig durch einen technischen Defekt erst stark verspätet abgehoben hätte.

Seit damals fahre ich gewöhnlich sehr früh zum Flughafen und bin bei längeren Reisen auch möglichst schon einen oder zwei Tage vor Abflug in der jeweiligen Stadt des Rückflugs. Gewöhnlich plane ich im Voraus ein Programm für die Zeit vor dem Rückflug in der nahen Umgebung einer solchen Stadt. Als ich 2003 wieder eine Peru-Reise plante, erinnerte ich mich daran, dass es ganz in der Nähe etliche Ruinen aus der Inka- und Vorinkazeit gibt, die ich noch nicht kannte. Geoge Kubler hatte einige in seiner Arbeit über die Architektur des alten Amerika von 1962 in mehreren Skizzen dokumentiert.

Die kleine Rasterstadt Canta von oben
Die kleine Rasterstadt Canta von oben.
Foto: H. Hohmann

Am Ende meiner Reise 2003 kam ich daher bereits zwei Tage vor Abflug am Abend in Lima an. Ein Mitarbeiter im Hotel fragte auf mein Betreiben bei einigen Busgesellschaften an, wann und von wo am folgenden Tag ein Bus nach Canta fährt. So machte ich mich am nächsten Morgen um 6.45 Uhr mit einem Taxi von Miraflores diagonal durch das riesige, nebelige Lima zu jener Busstation auf, von der es nach Canta abgehen sollte.

Glücklicherweise sind die Einwohner der Stadt im Schnitt keine Frühaufsteher und so gab es um diese Zeit noch keine größeren Staus. Ich erreichte den Platz nahe der Ausfallstraße nach Norden schon deutlich vor der Abfahrtszeit. Kein Mensch wartete auf den Bus und so fragte der Taxifahrer auf meine Bitte einige Passanten, ob das der richtige Abfahrtsplatz für den Bus nach Canta sein. Neben einer Zahl von unbrauchbaren Antworten kristallisierte sich bald heraus, dass der Abfahrtsort um zwei Straßen verlegt worden war.

Wir fuhren also zu der neuen Abfahrtsstelle und dort wartete tatsächlich eine Frau mit Kind und Gepäck. Ich bezahlte den Taxifahrer und stellte mich dazu. Eigentlich sollte der Bus schon fünf Minuten später abfahren. Statt weiterer Passagiere kam nach der verstrichenen Abfahrtszeit ein stämmiger Mann mit schwarzer Lederjacke und wichtigem Gang. Er telefonierte in einem fort und unter anderem offenbar auch mit einem Busfahrer. Dann sprach er uns an und sagte, dass zu wenige Passagiere seien und wir von einem Minibus bald abgeholten würden, aber bereits nach einer kurzen Strecke in einen größeren Bus umsteigen müssten.

Die Aktion dauerte etwa eine weitere halbe Stunde. Dann fuhren wir mit dem bereits gut besetzten großen Bus durch die nördlichen Vororte von Lima Richtung Cerro de Pasco - die Endstation dieses Buses, auf dessen Strecke auch Canta liegt. Wir fuhren endlos durch ein langgestrecktes Tal mit einigen Richtungsänderungen kaum merklich aufwärts. Kleine Dörfer und Felder mit Bewässerungsanlagen auf ausgedehnten Feldterrassen begleiteten uns entlang der Straße. Mitunter blieb der Bus stehen, um jemand aufzunehmen oder jemand anders aussteigen zu lassen. Als es schon 12.00 Uhr durch war, stieg die Hauptstraße in einigen Serpentinen etwas aus dem Talboden auf und wir gelangten auf eine kleine Anhöhe auf der die Stadt Canta lag. Der Bus legte hier eine kurze Pause ein, die Passagiere gingen etwas essen oder trinken. Dann fuhr er weiter nach Cerro de Pasco, eine Stadt auf 4330m Seehöhe und einem 250m tiefen Abbauloch, eine in endlosen Terrassen nach unten gestaffelte Mine. Sie liegt schon jenseits des Andenhauptkammes. Ich blieb in Canta zurück.

Eine Höhenmessung in Canta ergab 2845 m über dem Meeresspiegel, was mich erstaunte, da ich die Steigung überhaupt nicht bemerkt hatte. Nur die angenehmere Temperatur und Luft hätten mich stutzig machen müssen. Der Niveauunterschied zwischen Lima und Canta war beachtlich. Nah dabei sollten die Ruinen von Canta Marca liegen. Im Plan waren sie gleich neben dem kleinen Ort eingezeichnet. Ich fragte daher mehrere Leute nach den Ruinen, die aber niemand zu kennen schien. Der Erste, der sie wohl kannte, nahm mich bei der Hand, zog mich auf die Mitte der Straße und zeigte fast senkrecht in die Höhe auf die Spitze eines nahen hohen Berges, der nochmals rund 1000m höher war. Ich fragte mehrere Taxifahrer, ob es eine Straße hinauf gäbe. Einer sagte, er kenne eine Straße zu einem ehemaligen Steinbruch, der in der Nähe liege und von dem aus es noch etwa 500m Höhenmeter zu erklimmen gelte, also die Hälfte der Höhendistanz. Wir einigten uns auf einen angemessenen Preis samt Wartezeit.

Schon fand ich mich auf einer kurvenreichen selten befahrenen Schotterstraße. Sie war breit für Schwerfahrzeuge angelegt, war aber nicht mehr in Verwendung und hatte viele ausgeschwemmte Stellen. An einer Stelle, wo das Gelände etwas flacher wurde und grüne Vegetation ein angenehmes Klima ergab, blieb das Taxi stehen. Der Fahrer wendete und wies mir den Weg hinauf. Er legte sich bequem und breit in einer Wiese in den Schatten. Ich zog meinen Hut auf, schützte meine Haut mit einem Sunstopper auf den Armen und der Nase.

Landschaft mit Feldterrassen, vorne Kakteen
Landschaft mit Feldterrassen, vorne Kakteen.
Foto: H. Hohmann
Feldterrassen und ein Dorf auf dem Gegenhang
Feldterrassen und ein Dorf auf dem Gegenhang.
Foto: H. Hohmann

Dann machte ich mich auf nach oben. Der Weg war übersichtlich und ohne Probleme zu begehen. Ich brauchte ungefähr eine Stunde hinauf. Oben gab es einen runden Platz mit einer kleinen neuen Kapelle. Von den Ruinen war aber nichts zu sehen. Ich machte eine weitere Positionsbestimmung und eine Höhenmessung und befand mich auf 3810 m Seehöhe. Als ich auf der Nordostseite den Berg hinuntersah, entdeckte ich einige Ruinen, die im Gebüsch kaum auffielen.

Mehrere alte Rundbauten auf dem Steilhang – die meisten sind bereits eingestürzt.
Mehrere alte Rundbauten auf dem Steilhang – die meisten sind bereits eingestürzt.
Foto: H. Hohmann
Ein eingebrochener Wohnbau.
Ein eingebrochener Wohnbau.
Foto: H. Hohmann
Der Innenraum eines noch intakten Steinhauses mit runder Stütze im Zentrum und rundem Kraggewölbe.
Der Innenraum eines noch intakten Steinhauses mit runder Stütze im Zentrum und rundem Kraggewölbe.
Foto: H. Hohmann
Hier sieht man in eine Öffnung der hohlen Mittelstütze.
Hier sieht man in eine Öffnung der hohlen Mittelstütze.
Foto: H. Hohmann
Der Innenraum eines noch intakten Steinhauses mit Mittelpfeiler und rundem Kraggewölbe.
Der Innenraum eines noch intakten Steinhauses mit Mittelpfeiler und rundem Kraggewölbe.
Foto: H. Hohmann
Seitliche Öffnung in die Obergeschossräume für die Götter.
Seitliche Öffnung in die Obergeschossräume für die Götter.
Foto: H. Hohmann
Im Sockel der Bauten sind meist von der Seite Zugänge zum Untergeschoss.
Im Sockel der Bauten sind meist von der Seite Zugänge zum Untergeschoss.
Foto: H. Hohmann

Also ging ich auf der anderen Seite wieder eine Strecke in die Tiefe und kam bald zu einem Rundbau mit einer sehr niedrigen, engen Eingangsöffnung. Inzwischen hatte ich mir mit meinem Messer von einem Busch einen trockenen halbwegs graden Ast abgeschnitten und diesen von Nebenästen befreit, um eine Geh- und Steighilfe zu haben. Ich ließ ihn hier am Eingang stehen und kroch auf allen vieren in das Bauwerk in der Hoffnung, keiner Schlange zu begegnen. Innen gab es ein relativ hohes Scheingewölbe, das ringförmig um eine runde Stütze im Zentrum führte. Die Stütze war innen hohl, hatte zwei versetzte Öffnungen in den Raum und stellte eine Verbindung nach unten und nach oben her. Es gab aber keine Treppe.

Die Vegetation bestand aus sehr hartem dornigem Gebüsch, das vor allem in den Zwischenräumen zwischen den Bauten und in den Ruinen zusammengefallener Bauten zu finden ist. Die Büsche scheinen sich hier gegen die mitunter harten Witterungsbedingungen hinter solchen Windbrechern zu schützen. Das ist ein Grund, warum die Bauten so schwer zu sehen sind. Es gibt hier Schlangen und eine Art Hasen, die ihre Wege durchs Gebüsch finden.

Ich besuchte bald einen weiteren weitgehend intakten Bau, bei dem im Gegensatz zum ersten die zentrale Stütze auf etwa quadratischem Grund steht. Bei ihr gab es nur einen Zugang zum hohlen Inneren. Das Scheingewölbe hatte hier zu den Außenwänden eine Kreisform und zur pfeilerartigen Stütze im Zentrum eine quadratische Form, sodass die Decksteine unterschiedlich lang sein müssen.

Ein weiterer Bau war von der Innenraumform nicht rund, sondern oval mit einer exzentrischen, ebenfalls eckigen, pfeilerartigen hohlen Stütze. Dieser Bau zeigte deutlich ein Untergeschoss und ein Obergeschoss. Im Untergeschoss wurden die Toten bestattet, im Obergeschoss waren Räume für die Götter untergebracht. Die Gebäude bilden so quasi die religiöse Weltvorstellung entlang einer vertikalen Achse in ihren Bauten ab – oben wohnen die Götter, auf der Erde die Menschen und darunter die Verstorbenen. Die Bauten wurden zwischen etwa 1100 und 1450 n.Chr. errichtet. Je länger ich mich in dem Areal mit den Ruinen aufhielt, desto mehr Bauten wurden für mich sichtbar. Es gab auch ganz wenige rektanguläre Bauten in dem relativ steilen Hang nördlich der Spitze dieses Berges. Alle Bauten hatten, soweit sie noch standen und gecheckt werden konnten, Dächer aus Stein, die das Prinzip des Schein- bzw. Vorkraggewölbes benutzten.

Obwohl es sich um eine ausgedehnte archäologische Zone mit meist interessanten Rundbauten handelte, die stark von den inkazeitlichen Bauten abweichen, kam 2003 wohl nur sehr selten jemand auf diesen so nah bei Lima liegenden Berg. Dabei ist auch die Sicht in alle Richtungen spektakulär. Ich stieg mit meiner Gehhilfe den Berg relativ schnell hinunter bis zum Taxi, dessen Fahrer nun in der Sonne lag und eingeschlafen war. Er schwitzte fürchterlich. Es war inzwischen bereits 16.00 geworden. Dann ging es wieder zurück nach Canta, ich zahlte und wartete auf den nächsten Bus, der glücklicherweise bald eintraf. In der Zwischenzeit aß ich Kekse, auf die ich aus Lima mitgebrachte Marmelade strich, um das Gepäck zu erleichtern und meinen Hunger zu stillen, den ich während meiner Besichtigungstour verdrängt hatte. Dann ging es mit dem Bus, der auch wieder aus Cerro de Pasco kam, zurück nach Lima. Der Bus brauchte bis in die Nacht. Ein Taxi brachte mich wieder durch die Stadt zurück nach Miraflores ins Hotel.