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Ruinen auf 4000m in Peru#


Von

Hasso Hohmann


Da ich am Ende einer Reise aus Sicherheitsgründen ungerne in der letzten Sekunde zum Abflug erscheine, kehre ich gerne einen oder zwei Tage vorher an den Ort meines Rückfluges zurück. So hatte ich schon im Vorfeld für meine Peru-Reise 2004 ein dichtes Programm für die letzten zwei Tage in und um Lima vorbereitet. Darunter war auch der Ruinenort Marcahuasi, ein archäologischer Ort, der ca. 80 km ostnordöstlich von Lima Peru, Lima liegt.

Ende August stand ich, wie auf solchen Fahrten üblich um knapp vor 6.00 Uhr auf, frühstückte schnell, fuhr mit einem Stadtbus quer durch Lima zur Bushaltestelle Richtung Chosica. Dort kam ich gerade rechtzeitig um 7.00 Uhr an, um noch einen Platz im unmittelbar danach abfahrenden Microbus nach Chosica zu erhalten. Weil fast alle Passagiere zum Zielort wollten, war der Kleinbus zügig unterwegs und erreichte Chosica bereits um 8.15 Uhr. Eine Höhenmessung ergab hier 855 m Seehöhe. Leider half die schnelle Fahrt bis hier den Weiterfahrenden wenig, weil sie auf den Anschlussbus bis 9.00 Uhr warten mussten. Die Straße ist auf dem Weg nach San Pedro de Costa zum Teil in den Fels der steilen Bergwände gesprengt worden und ist über weite Strecken nur einspurig befahrbar. Daher wird per Funk jeweils vereinbart, in welcher Richtung die Straße befahren werden darf.

Ein Blick zurück auf die Strecke im Rimac-Tal., Foto: H. Hohmann 2004
Ein Blick zurück auf die Strecke im Rimac-Tal.
Foto: H. Hohmann 2004

Bis 9.00 Uhr sah ich mir das kleine Städtchen an, kaufte noch etwas Proviant für den geplanten Fußmarsch und sah mir vor allem die nahe Kirche Santo Toribio de Mogrovejo an. Die Kirche wurde im neugotischen Stil 1921 errichtet und sieht ungewöhnlich aus. Um 9.00 Uhr ging es relativ pünktlich mit dem Bus los in die nahen Anden.

Landschaftlich gehört die Strecke zwischen Chosica und San Pedro de Casta sicher zu den schönsten in den Anden. Das ansteigende Tal ist zunächst noch relativ breit und fruchtbar. Hier wird Landwirtschaft betrieben. Aus dem Fluss wird immer wieder über lange künstliche Kanäle Wasser aus dem Río Rimac auf die Feldterrassen geleitet. Bald aber wird das Tal enger und trockener. Zum Teil ist die enge Straße in den seitlichen Fels gearbeitet worden und der Fluss verschwindet in einer nicht mehr einsehbaren sich windenden Schlucht. Am oberen Ende der Schlucht wird diese so eng, dass nur eine kurze Brücke über den Einschnitt gelegt werden musste, damit man die Straße nach San Pedro de Casta auf der anderen Seite des Tales erreicht. Unmittelbar oberhalb dieser Brücke talaufwärts gibt es eine Sperrmauer, die im Falle von Regenfällen im Einzugsgebiet oberhalb das Wasser aufstauen kann. Als wir über die Brücke fuhren, fiel der Felsblock, auf dem die Straße geführt war, tief und steil zum Talboden des ausgetrockneten Staubeckens hin ab.

Von hier steigt die Straße auf der anderen Seite des Talraumes steil mit sehr vielen Serpentinen an. Nach etwa einer Stunde Fahrtzeit gab es eine 25 Minuten-Pause. Im Bus saß ich neben einem älteren Physikprofessor aus Lima, der mir schon in Chosica aufgefallen war und behauptete, er müsse alle 14 Tage einmal nach San Pedro de Casta hinauffahren, um die fürchterliche Luft in Lima verlassen zu können und die saubere Luft der Anden in seine Lungen zu tanken. Sein Sohn war gerade dabei, in San Pedro ein kleines Hotel – wohl hauptsächlich für seinen Vater - aufzubauen. Nach der Pause ging es ohne weitere Unterbrechungen, sieht man von immer wieder ein- oder aussteigenden Passagieren ab, hinauf auf das kleine Plateau von San Pedro de Casta, wo wir um 12.00 Uhr auf einer Seehöhe von 3.160 m ankamen.

Ich erkundigte mich nach einer Unterbringungsmöglichkeit und landete zielsicher beim Sohn des Professors, brachte mein Gepäck ins angemietete Zimmer, nahm nur das Notwendigste heraus ins Handgepäck und machte mich auf den Weg hinauf nach Marcahuasi. Am Beginn war noch ein junges peruanisches Pärchen mit dabei, die Peruanerin gab aber bereits nach wenigen hundert Metern auf, weil sie keine Luft mehr bekam. Er ging noch etwa einen Kilometer weiter und sagte mir dann, er bekomme ebenfalls keine Luft mehr und habe Kopfschmerzen – er meinte, sie würden wohl gleich wieder zurück nach Lima fahren.

San Pedro de Casta von oben
San Pedro de Casta von oben.
Foto: H. Hohmann 2004
Mutter und Kind in San Pedro de Casta.
Mutter und Kind in San Pedro de Casta.
Foto: H. Hohmann 2004

Ich ging insgesamt knapp zwei Stunden bis zu einer Passstelle, an der ein kleines Schild auf den Weg zu den Ruinen hinwies. Der viel schmalere Weg stieg noch steiler an und führte am Ende durch ein Tor in einen von Felswänden umschlossenen kleinen Talkessel mit einem kleinen Steinhaus und mehreren U-förmigen Mauern, die wohl manchmal mit einem Zelt kombiniert zu einer Notbehausung umgewandelt wurden. Aus diesem kleinen Tal stieg ich bald nach Süden zum großen Plateau auf und versuchte die Ruinen von Marcahuasi zu finden. Leider hatte ich eine völlig falsche Richtung eingeschlagen. So lernte ich die ausgedehnte Gipfelplatte des Berges kennen, die relativ eben ist und überall knapp unter 4000 m Höhe misst. An einer Stelle fehlen nur noch 5 m. Unweit des Kessels umgeben mehrere breite, weich geformte Felsen einen Platz wie die Zinnen einer mächtigen Festung. In der Felsplatte finden sich an zwei Stellen Senken, in denen sich bis heute Wasser sammelt, das wohl schon in präkolumbischer Zeit genutzt wurde. Die nördliche von ihnen nennt sich heute Laguna Marcahuasi. Weiter im Süden am Ende eines tief eingeschnittenen, ausgedehnten Tales mit einem schmalen Ablauf innerhalb dieses Felsplateaus erkennt man deutlich die Reste einer künstlich gemauerten Staumauer, durch die einst noch viel mehr Wasser auf dieser Höhe zurückgehalten werden konnte.

Ein grosses Becken auf dem Plateau mit kleiner Staumauer. Hier konnte für oben lebende Menschen und für die Landwirtschaft Wasser gesammelt werden
Ein grosses Becken auf dem Plateau mit kleiner Staumauer. Hier konnte für oben lebende Menschen und für die Landwirtschaft Wasser gesammelt werden.
Foto: H. Hohmann 2004
Von der Witterung eigenartig zugeschliffene Steine auf dem Plateau von Marcahuasi.
Von der Witterung eigenartig zugeschliffene Steine auf dem Plateau von Marcahuasi.
Foto: H. Hohmann 2004

Dann ging ich zurück und suchte das Gebiet nördlich des Aufganges nach den Ruinen ab. Geht man aus dem Kessel einen etwas versteckten Weg nach Norden, so gelangt man zu einem ersten präkolumbischen Bau. Weiter nördlich folgen östlich und westlich in einiger Entfernung sowohl die bis zu dreigeschossigen Ruinen der Palastanlagen als auch einige kleinere Bauten und auch die kleinen in Gruppen und Zeilen stehenden Grabbauten, die Chullpas. Leider war es durch die lange Suche schon recht spät geworden und im August geht hier die Sonne schon deutlich vor 18.00 Uhr unter. So konnte ich die Bauten nur in großer Eile im letzten Licht des Tages aufnehmen. Die Gebirgslandschaft, in der die Ruinen stehen, ist unglaublich vielgestaltig und schön. Gerade im letzten Abendlicht glühte noch einmal die gesamte Landschaft auf. Dann musste ich rasch zurück nach San Pedro de Casta.

Mehrgeschossige Ruinen in Marcahuasi.
Mehrgeschossige Ruinen in Marcahuasi.
Foto: H. Hohmann 2004
Dreigeschossige Palastruinen auf 4000 m Seehöhe.
Dreigeschossige Palastruinen auf 4000 m Seehöhe.
Foto: H. Hohmann 2004
Grabbauten, Chullpas, und Ruinen von Marcahuasi.
Grabbauten, Chullpas, und Ruinen von Marcahuasi.
Foto: H. Hohmann 2004
Chullpas
Chullpas.
Foto: H. Hohmann 2004
Chullpa mit zwei Eingängen.
Chullpa mit zwei Eingängen.
Foto: H. Hohmann 2004
Chullpa mit fünf Eingängen; sie wurde in unterschiedlichen Bauphasen errichtet.
Chullpa mit fünf Eingängen; sie wurde in unterschiedlichen Bauphasen errichtet.
Foto: H. Hohmann 2004
Das letzte Abendrot unterhalb von Marcahuasi.
Das letzte Abendrot unterhalb von Marcahuasi.
Foto: H. Hohmann 2004

Es war bereits völlig dunkel, als ich den Rückweg startete. Eine kleine Taschenlampe half mir den Weg hinunter zum breiten Hauptweg zu finden. Von hier aus ging ich sehr rasch hinab, überholte viele Campesinos, die im Dunkeln mit ihren Feldgeräten heimgingen. Als ich um 18.20 Uhr in San Pedro de Casta ankam, machte sich der Professor mit einigen anderen schon Sorgen, ob ich wohl den richtigen Weg zurück genommen hätte. Man überlegte bereits eine Suchmannschaft zusammenzustellen und auszuschicken. Glücklicherweise war das aber nicht notwendig. Wir aßen gemeinsam zu Abend in dem kleinen Hotel.

Der Bus fuhr am nächsten Morgen um 7.40 Uhr. Die Strecke ist auch in der Gegenrichtung faszinierend und spektakulär. In Chosica wartete schon ein Microbus und so erreichte ich Lima bereits um 11.30 Uhr.

2009 besuchte ich San Pedro de Casta und auch die Ruinen von Marcahuasi nochmals. Da wusste ich bereits, was wo stand und wählte einen anderen Weg, den ich mir im Google Earth angesehen hatte. So entstand eine weitere Serie von Fotos. Außerdem machte ich Standortbestimmungen mit GPS und nahm eine Reihe Handmaße an den Chullpas.