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Mit Wagen im Wald unter Wasser#

Unerwartetes Unwetter auf dem Weg nach Santa Rosa Xtampak #


Von

Hasso Hohmann

Alle Fotos stammen vom Autor und unterliegen seinem Copyright.


Im Herbst 1998 war ich zu einer Vorlesung an die Architekturfakultät der Universidad Nacional Autónoma de México in Mexiko Stadt eingeladen. Im Rahmen dieser Veranstaltung gab es eine Ausstellung von sehr vielen meiner Zeichnungen zur Maya Architektur. Bei der Ausstellungseröffnung wurde mir auch eine Homenaje für meine Arbeiten auf dem Gebiet der Maya-Forschung zuteil. Die Vorlesung hielt ich geblockt im Verlauf von 10 Tagen. Danach flog ich ins Maya-Gebiet und besuchte mit einem gemieteten Volkswagen eine Reihe von wenig bekannten und selten besuchten Ruinen auf der Halbinsel Yukatan.

Am 28.10. besuchte ich von Tekax in Bundesstaat Yucatán kommend zusammen mit Adele Drexler zunächst die Ruinen von San Agostin, Rancho Perez und Xkichmook. Danach wollten wir über eine Piste von Hunto-Chac nach Santa Rosa Xtampak gelangen, um dort einen der interessantesten Paläste der Maya Klassik zu besuchen. Hier hatte ich vor, eine Reihe von Fotos zu machen und Vermessungen im Zusammenhang mit einem österreichischen Forschungsprojekt durchzuführen. Schon 1891 erreichte der österreichische Architekt Teobert Maler nach zwei vergeblichen Versuchen unter abenteuerlichen Verhältnissen die Ruinen und unternahm eine erste Vermessung dieses mächtigen Palastes.

Ein Lehrer der Schule in Hunto-Chac sagte uns, dass die Piste in gutem und trockenem Zustand sei und der Wirbelsturm “Mitch“ weit nördlich an diesem Gebiet vorbeiziehe und daher keine Gefahr für uns darstelle. Die auf der sehr selten befahrenen Piste aufgegangenen kleinen jungen Triebe seien kein Problem für die Befahrbarkeit.

Die Alternative wäre ein sehr großer Umweg gewesen, so dass wir beschlossen, diesen Weg zu nehmen. Wir fanden die kaum erkennbare Abzweigung und die Piste war wirklich in gutem Zustand. Die jungen Büsche und Triebe auf der Piste waren nie höher als maximal einen Meter, so dass sie ohne jedes Problem überfahren werden konnten. Entlang der Strecke gab es einige Felder, meistens aber Wald mittlerer Höhe, der in der Regel über der Fahrstrecke zusammenwuchs, sodass wir quasi durch einen grünen Tunnel fuhren.

Leider hatte der Wirbelsturm inzwischen allerdings unvorhergesehen seine prognostizierte Route geändert. Bald wurde es immer finsterer. Dann erreichten uns erste heftige Sturmböen. Es begann zu regnen und die Piste wurde feucht, nass und bald auch schmierig bis glitschig. An Tiefpunkten der Piste sammelte sich bereits erstes Wasser zu kleinen niedrigen “Aguadas“, in denen man sehr aufpassen musste, dass man nicht ins Schleudern gerät und dennoch genug Schwung behält, um auf der Gegenseite wieder aus der Senke herauszukommen. Bald wurde der Regen stärker und die Aguadas wurden länger und tiefer. Dann wurde es insgesamt noch dunkler, obwohl der Tag noch nicht zu Ende war. Die Regenmengen wurden stärker. An ein Umdrehen war längst nicht mehr zu denken. Rechts sahen wir zwischen den Bäumen eine Finka auf einer Lichtung, auf der immer noch einige Indios im Regen arbeiteten.

Dann ging es mit der Piste mehrfach auf und ab und jedes Mal wurden die Aguadas in den Streckentälern tiefer. Aus der dritten dieser Wasserflächen gab es trotz viel Schwungs kein Entrinnen. Wir steckten im Schlamm fest. Nach kurzer Überlegung ging Adele mit einem Regenschutz die Strecke bis zur Finka zurück, die vielleicht eineinhalb Kilometer hinter uns liegen mochte, und kam fünfundvierzig Minuten später mit drei kleinen, aber kräftigen braungebrannten Indios zum Wagen zurück.

Als geübtere Fahrerin fuhr nun Adele und wir schoben zu viert den Wagen mit Erfolg aus dem Wasserloch heraus. Der Wind wurde glücklicherweise nie wirklich stark, weil wir nur von der Peripherie des Hurrikans gestreift wurden, der, wie wir erst später erfuhren, der fürchterlichste und todbringendste Hurrikan seit 1780 in der Karibik war. Die Schäden in Mexiko, Guatemala, Honduras und Nicaragua waren gewaltig. Es gab damals mindestens 22.000 Todesopfer.

Die drei Indios sagten uns, die neue Asphaltstraße sei nicht mehr sehr weit, es gebe aber noch weitere Wegsäcke mit Wasser, und sie bestanden darauf uns bis zur Asphaltstraße zu begleiten. Sie sagten, dass sie die zwei Aufpasser der Ruinen von Santa Rosa Xtampak kennen, die uns sicher bei der Unterbringung für die Nacht und bei anderen Problemen helfen könnten. Tatsächlich kamen noch mehrere Aguadas die wir gemeinsam schiebend und fahrend meisterten. Dann aber sahen wir vor uns eine Wasserfläche von rund 300 m Länge und beachtlicher Tiefe. Das schafften wir auch zu viert nicht mehr; der Wagen blieb im weichen Untergrund stecken. Inzwischen war es stock finstere Nacht geworden. Wir ließen den Wagen stehen, schlossen ab und gingen bis zur Asphaltstraße vor und suchten die zwei Aufpasser.

Es stellte sich heraus, dass sie nicht da waren – es war Ende des Monats und sie waren offenbar nach Campeche Stadt gefahren, um ihren Lohn abzuholen. Inzwischen hatte der Regen aufgehört und wir konnten schon wieder Sterne und einen schönen Halbmond zwischen den Bäumen sehen. Aber wir mussten zurück zum Wagen. So gingen wir alle gemeinsam dorthin zurück. Ich dankte den drei hilfsbereiten Helfern und gab ihnen Geld für ihre Hilfe. Danach verabschiedeten wir uns herzlich.

Da es auch sonst kein Quartier gab, stiegen wir wieder in den Wagen, der immer noch auf der überfluteten Piste im Wald stand. Durch die niedergegangenen Wassermengen stieg der Wasserpegel im Wald um den Wagen sogar noch weiter leicht an. Bald erreichte das Wasser im VW fast die Sitzoberflächen. Wir saßen inzwischen auf den Sitzlehnen. Schuhe etc. standen auf den Sitzen. Das Klima im Wagen war unerträglich heiß, feucht und stickig. Kurbelten wir die Fenster herunter kamen etwas kühlere Luft und Sauerstoff herein, zugleich gelangten aber Myriaden von Moskitos ins Wageninnere. Sie alle im Finsteren zu erschlagen war unmöglich. Es war wohl die schrecklichste Nacht, die wir jemals auf all unseren Reisen erlebten.

Die Strasse zwischen Hunto Chac und Santa Rosa Xtampak 1999
Die Strasse zwischen Hunto Chac und Santa Rosa Xtampak 1999, also ein Jahr später. Auch diesmal gab es etwas Regen und daher eine kleine Aguada. Von dem See mit VW 1998 gibt es keine Fotos! Zuerst war es zu dunkel und dann hatten wir andere Probleme zu lösen; ans Fotografieren dachte da niemand.

Irgendwann in der Früh um etwa 6.00 Uhr wurde es hell und bald kam auch die Sonne heraus. Das Wasser war inzwischen etwas zurückgegangen, es stand aber immer noch im Wagen. Wir besichtigten unser Gepäck, das unter der VW-Haube vorne hoch genug gelegen hatte, um nicht geflutet worden zu sein. Nach einem kleinen Imbiss ging Adele die restliche Strecke wieder vor bis zur neuen Straße, um allfällige Passanten oder Fahrzeuge anzuhalten und um Hilfe zu bitten. Um 10.00 Uhr wollte ich sie ablösen. Um knapp nach neun kam aber glücklicherweise dann das erste Fahrzeug die Straße entlang und hielt an. Wie sich später herausstellte, war es an dem gesamten Tag der einzige Wagen der hier passierte. Er wurde von einem Ethnologen aus Bonn gesteuert. Als ihm Adele meinen Namen nannte, stellte sich heraus, dass wir sogar schon einmal e-Mail-Kontakt hatten. Eigentlich wollte er in Santa Rosa Xtampak umgestürzte Stelen suchen und zeichnen.

Er kam kurz zum Wagen, um unsere Situation zu besichtigen. Ihm war klar, dass er mit seinem kleinen Fahrzeug hier nichts ausrichten konnte. Daher fuhr er zu einem 18 km entfernt gelegenen Dorf zurück. Entlang der Strecke sah er zwei zwielichtige Gestalten in einem Wagen mit aufgeblendeten Lichtern und ohne Kennzeichen, die ihn daran erinnerten, dass man aufpassen muss, wen man um Hilfe bittet. Er fuhr daher im Dorf zunächst zur Schule und fragte den Lehrer nach dem Vorarbeiter der Feldarbeiter auf den nahen Feldern, verhandelte dann mit diesen über die Hilfe, den Preis und bekam vier Leute und einen Klein-LKW für die Hilfe. Um ca. 11.00 Uhr erreichte uns dann Daniel als erster; hinter seinem Wagen folgte ein großer Pickup mit den vier Helfern. Auch sie besichtigten den tief im Wasser eingesunkenen Wagen und wollten angesichts der weichen Piste keinen Versuch unternehmen, ihn mit Hilfe des Pickups herauszuziehen.

Wir waren nun sechs Leute zum Schieben. Adele sollte als Fahrerin das sich manchmal etwas bewegende Fahrzeug gegebenenfalls steuern. Der Motor ließ sich bei diesem Wasserstand nicht anwerfen. Da der aufgeweichte Untergrund immer weiter nachgab, stand der Wagen noch tiefer im Wasser. Wir kamen kaum weiter, obwohl wir uns Beim Schieben vollständig verausgabten und so fest schoben, dass manche schon vor Anstrengung Sternchen sahen.

Als das alles nichts half, fällten die Helfer zwei junge Bäumchen, die abgelängt und entastet wurden. Sie steckten diese quer durch die Wagenfenster des VW-Käfer. So war es möglich, den Wagen gleichzeitig etwas anzuheben und zu schieben. Erst mit dieser Technik waren wir erfolgreich. Wir bewegten den Wagen Stück für Stück durch die 300 m lange Aguada und auch noch weiter auf die nächste Anhöhe. Der Wagen stand nun wieder im Trockenen und wir säuberten und trockneten auch den Motor und ließen Sonne und Wind dazu. Nach kurzer Zeit war es möglich, den Wagen mit etwas Schwung durch Schieben wieder zu starten.

Wir hatten etwa zwei Stunden gebraucht, bis der Wagen wieder frei war. Ich dankte den Helfern, zahlte ihnen einen wohl angemessenen Betrag und wir verabschiedeten uns. Sie fuhren zurück in das 18 km entfernte Dorf Xcalotakal. Wir jedoch, Daniel, Adele und ich, fuhren zu den Ruinen von Santa Rosa Xtampak. Es war mein erster Besuch dieser entlegenen Ruinen. Vom angestrengten Schieben hatte ich noch immer ganz “weiche“ Knie und konnte nur unsicher gehen. Erst langsam ging der weiche Gang in einen normalen über. Nach einem eher oberflächlichen Rundgang fuhren wir nach Hopelchen. Hier wohnten wir alle im kleinen Hotel Arcade, wuschen Wäsche und bestellten etwas zum Essen.

Die Westseite des Palastes
Die Westseite des Palastes. Am besten sind auf dieser Seite Teile des Erdgeschosses und das dritte Geschoss erhalten.
Foto: H. Hohmann 1998
Nordende der westseitigen Erdgeschossfassade
Nordende der westseitigen Erdgeschossfassade. Auf den Kragsteinen standen Steinfiguren.
Foto: H. Hohmann 1999
Pfeiler am Westende von Raum 1 des Palastes auf der Südseite im Erdgeschoss
Pfeiler am Westende von Raum 1 des Palastes auf der Südseite im Erdgeschoss. Darüber kann man das massige Gewölbeprofil erkennen.
Foto: H. Hohmann 1999
Das Kapitell zeigt noch Details der sehr fein ausgearbeiteten Stuckoberfläche
Das Kapitell zeigt noch Details der sehr fein ausgearbeiteten Stuckoberfläche.
Foto: H. Hohmann 1999
Am Westende von Raum 9 hat sich ein Rest einer farbigen Ausmalung des Raumes erhalten.
Am Westende von Raum 9 hat sich ein Rest einer farbigen Ausmalung des Raumes erhalten.
Foto: H. Hohmann 1999
Nördliches Treppenhaus auf Höhe der zweiten Ebene
Nördliches Treppenhaus auf Höhe der zweiten Ebene.
Foto: H. Hohmann 1998
Die Nordostecke des Palastes mit dem auf dem zweiten Niveau.
Die Nordostecke des Palastes mit dem auf dem zweiten Niveau.
Foto: H. Hohmann 1999
Die von Bäumen bestandenen Haupttreppe mit Monsterrachen-Durchgang ganz oben
Die von Bäumen bestandenen Haupttreppe mit Monsterrachen-Durchgang ganz oben.
Foto: H. Hohmann 1999
Die südliche Hälfte des Rachendurchganges
Die südliche Hälfte des Rachendurchganges.
Foto: H. Hohmann 1999
Auf der dritten Ebene gibt es über der Haupttreppe an der Ostfassade einen Monsterrachen mit Durchgang. Dessen Rückseite schliesst einen kleinen Patio vor dem zentralen Raum auf Ebene drei an der Ostseite ab.
Auf der dritten Ebene gibt es über der Haupttreppe an der Ostfassade einen Monsterrachen mit Durchgang. Dessen Rückseite schliesst einen kleinen Patio vor dem zentralen Raum auf Ebene drei an der Ostseite ab.
Foto: H. Hohmann 1998

Perspektive des Palastes von Santa Rosa Xtampak aus Nordosten gesehen.
Perspektive des Palastes von Santa Rosa Xtampak aus Nordosten gesehen (aus Hohmann 2017:56, Fig. 72; the Maya Temple-Palace of Santa Rosa Xtampak, Mexico)

Der Wagen hatte am nächsten Morgen wohl als Spätfolge der Aktion vom Vortag einen platten Reifen. Der Wagenheber unseres Leihwagens war nicht funktionsfähig. Wir mussten uns einen ausleihen. Dann ließen wir bei einer nahen Tankstelle den Reifen reparieren, den einheitlich innen und außen schlammgrauen Wagen mit Hochdruckwasser innen und außen ausspritzen und am Ende noch auftanken. Der VW-Käfer sah wieder wie neu aus. Wir verabschiedeten uns von Daniel mit großem Dank nach einem guten gemeinsamen Frühstück, zu dem wir ihn einluden. Dann fuhren wir weiter nach Xpujil.

***

1988 hatte ich schon ein Projekt zur Erfassung der zwei einzigartigen Treppenhäuser durch Erwin Heine und Andreas Reiter beim FWF eingereicht. Die angehenden Geodäten Heine und Reiter schrieben ihre Diplomarbeiten darüber. Heine und Reiter erfassten auch den Palast später digital. Heine schrieb über das Ergebnis dann seine Dissertation. In den Jahren 1998, 1999, 2001 und 2004 besuchte ich Santa Rosa Xtampak insgesamt vier Mal, um Fotografien für die geplante Architekturanalyse anzufertigen, um Architekturmasse zu checken und um ergänzende Masse von hunderten von Architekturdetails zu nehmen. Die Dokumentation meiner Arbeit basiert auf dem Grundgerüst der geodätischen Erfassung des Palastes durch Heine und Reiter, das mit der Dissertation von Erwin Heine veröffentlicht wurde.

Die Rekonstruktion und Analyse des mächtigen Tempelpalastes wurde vom mir Ende 2015 an Hand der weiterentwickelten und neu hergestellten Pläne abgeschlossen. Für das Jahr 2017 ist die Veröffentlichung einer Buchpublikation mit dem Ergebnis der Erforschung des Tempel-Palastes von Santa Rosa Xtampak geplant. Sie wird das gesamte Planwerk, die zeichnerische Dokumentation und die Rekonstruktionen, eine vergleichende Architekturanalyse und eine kritische Auseinandersetzung mit den bereits durchgeführten Rekonstruktionen am Objekt in den Ruinen enthalten.