unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Österreich und sein Volk #

von Hans Kerschbaum#

Der große grundlegende Irrtum der bisherigen österreichischen Geschichtsschreibung liegt — wie Heinrich Gaßner, einer der führenden Schulmänner Österreichs im „österreichischen Tagebuch" ausführt — darin, dass man die österreichische Geschichte als einen bloßen Anhang der deutschen Geschichte auffasste. Österreichs Geschichte ist aber — wie Gaßner richtig feststellt — zu keiner Zeit ein Teil der spezifisch deutschen Geschichte oder ein Anhängsel derselben gewesen, denn Österreich war immer ein integrierender Bestandteil des Donauraumes und seine Geschichte ist mit der Geschichte dieses Teiles Europas aufs innigste verbunden. Es ist bemerkenswert, dass eben jetzt auch der Vorgeschichtsforscher Universitätsprofessor Dr. Richard Pittioni an anderer Stelle („Kunst und Aufbau", Heft 5) an Hand der reichen prähistorischen Funde, die in unserem Boden gemacht wurden, nachweist, wie der österreichische Raum seit Urzeiten ein Sammelpunkt der verschiedensten Kulturformen war, die hier von allen Seiten der Windrose einströmten und wieder weitergegeben wurden. Dabei ging der Kulturausgleich einmal die West-Ost-Richtung, ein andermal von Nord nach Süd.

Durchzugsland#

Schon am Anfang der Steinzeit, noch deutlicher in der frühen Eisenzeit, zeigt sich dabei eine Gliederung des Raumes, die fast der heutigen zeitweilig durch die militärischen Demarkationslinien herbeigeführten Teilung in ein Ostösterreich und den „Westen" entspricht, wenn man an die sogenannte „Badener Kultur" der späteren Jungsteinzeit denkt, die sich von den Sudeten über den Alpenostrand bis tief nach Ungarn verfolgen lässt, und die gleichzeitige Mondseekultur, die in den süddeutschen Voralpen-Donauraum hinausweist. Schon in diesen Urzeiten spiegelt sich in der Kultur des österreichischen Bodens das Auf und Ab und Hin und Her des geschichtlichen Auflaufes im großen mitteleuropäischen Bereich. Was ist das nun für ein Volk, das in diesem Raum lebt, diese Kultureinflüsse von Ost und West, Nord und Süd aufnimmt, verarbeitet und wieder weitergibt, das hier den Boden bestellt, Siedlungen errichtet und schließlich zu staatlicher Form gelangt? Selbst Gaßner sagt so nebenbei, es seien deutsche Kolonisten gewesen, die dieses Land besiedelt und den Staat geschaffen haben. Die deutsche Geschichtsschreibung, insbesondere die der letzten Jahre, hat ja Österreich als Kolonialland und unsere Sprache als bayrische Kolonialsprache bezeichnet. Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass Angehörige deutscher Stämme als Kolonisten in das Land kamen und die teils durch Kriegswirren entvölkerten, teils die noch ungerodeten Teile des Landes besiedelten - dieses Österreich war eben infolge seiner zentralen Lage in den bewegten Jahrhunderten des frühen Mittelalters das Durchzugsland aller, der Völker, die von Norden nach Süden, von Osten nach Westen zogen, und damit auch immer wieder Kampfboden. So kamen zuerst nach dem Awarenzug die Bayern als Kolonisten ins Land, einige Jahrhunderte später nach dem Magyareneinfall die Franken, aber sie kamen nicht in ein leeres, herrenloses Land: Seit mehr als einem Jahrtausend saßen hier die Kelten, jenes gewaltige europäische Kulturvolk, das den ganzen Alpenraum, Oberitalien und Frankreich bevölkerte und einerseits nach den britischen Inseln, anderseits nach Kleinaiien ausgriff, und das vor allem in jenen Teilen, die sich im Einfluss des römischen Kulturkreises heranbilden konnten, bis heute der Hauptträger der abendländischen Kultur ist. Auch die Kelten in Österreich hatten das Glück, in den römischen Kulturkreis einbezogen zu werden, als die römischen Kaiser hier an der Donau die Grenzbastion des Reiches errichteten und das Hinterland römische Provinz wurde. Straßen durchzogen das Land, neben den Militärlagern entstanden Zivilstädte mit Handel und Gewerbe, der Bauer konnte in Ruhe seiner Arbeit nachgehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auf dem Boden dieses römischen Österreichs eines der bedeutendsten philosophischen Werke der späten Antike entstanden ist: Die Selbstbetrachtungen des stoischen Kaisers Marcus Antonius. Neben den orientalischen Kulten, die die römischen Legionäre mitbrachten, fand rasch auch das Christentum Eingang bei der Bevölkerung. Jetzt kamen auch zum keltischen Giundstock der Bevölkerung römische Soldaten, die hier Siedlungsboden bekamen, Angehörige verschiedener germanischer Stämme, die sich hier friedlich niederließen.

Abzug der Römer#

Das Bild ändert sich dann, als die Römer nicht mehr imstande waren, diese äußerste Grenze zu halten, und mit den Garnisonen zog wohl auch ein Teil der römischen Kolonisten ab, aber es blieben noch immer so viele zurück, dass der heilige Severin — eine der interessantesten Gestalten dieser Übergangszeit, dessen Lebensbeschreibung durch seinen Schüler Eugippius ein lebendiges Bild der damaligen Lage in Norikum gibt und längst Schullektüre in Österreich sein sollte — noch ein Jahrhundert später Odoaker veranlasste, die römische Bevölkerung aufzufordern, „heim ins Reich" zu kehren. Die Ostgoten siedelten nach dem Tode Attilas auf dem Boden des heutigen Westungarns und Burgenlandes und viele von ihnen blieben zweifellos hier, als das Gros mit Theoderich nach Italien aufbrach, denn noch im 10. Jahrhundert wird die Diözese des Bischofs von Passau Ostrogocia genannt. In Salzburg fand man aus dieser Zeit Auszüge aus der Gotenbibel Wulfilas, ein Beweis, dass es damals dort noch Menschen gab, die gotisch verstanden. Im Gefolge der Awaren, die viel von der römischen Kultur vernichteten, kamen dann die Slawen und setzten sich in den Alpentälern fest. Als das Land dem Machtbereich des fränkischen Imperiums angeschlossen wurde, griff die straffe Kirchenorganisation, die auf Winfried-Bonifatius zurückgeht, längs der Donau und über den Brenner und das Toblacher Feld von zwei Seiten in das Land hinein. Mit ihr kam eine bayrische Einwanderung, später nach dem Rückzug der Magyaren auch die fränkische. Beide Einwanderungen lassen sich so wie die slawischen Siedlungen heute noch an den Orts-, Fluss-, Flur- und Bergnamen nachweisen.

Kulturelles Mischvolk#

Es genüge dieser kurze Überblick, um zu zeigen, dass Österreich, dessen Name vor nunmehr 950 Jahren zum erstenmal schriftlich auftaucht, kein deutsches Kolonialland ist, dass hier vielmehr auf keltisch-romanischer Grundlage ein Mischvolk entstand, in dem die Kulturen ganz Mitteleuropas zusammenfließen, das weltoffenen Blickes hier im Herzen des Erdteils sitzt und das durch ein Jahrtausend gemeinsamen historischen Erlebens zu einer Einheit mit fest ausgeprägten nationalen Charakterzügen geworden ist (Ernst Fischer hat vor Jahresfrist in einer sehr lesenswerten Schrift den interessanten Versuch gemacht, dem Werden dieses österreichischen Volkscharakters durch die Jahrhunderte nachzugehen.) Das Nibelungenlied, diese echt österreichische Dichtung, zeichnet in dem edlen Rüdiger den Typus des Österreichers, der vermittelnd zwischen West und Ost steht, den Freundschaft mit dem einen und dem anderen verbindet, und der Gewissenskonflikt, in den er gerät, als er sich mitten hinein in den Kampf der beiden gestellt sieht] hat sich in gewissem Sinne in den letzten Jahren für das ganze österreichische Volk wiederholt. Dieses altösterreichische Volk war sich aber auch seiner Eigenart stets bewusst. Man kann da wieder das Nibelungenlied heranziehen, das die Bayern als Räuber und Wegelagerer darstellt, aber auch die Geschichte erzählt von dem Widerstand, den die Österreicher den Habsburgern geleistet haben, als diese ihren schwäbischen Anhang nach Wien brachten. Dabei sind die Schwaben, wie Karajan bemerkt, vielleicht „der deutscheste der deutschen Volksstämme". Heute zeigt noch die mundartliche Bedeutung des Wortes „schwabeln" die Geringschätzung, die der Österreicher diesen Zuwanderern gegenüber empfand, und wenn Seyfried Heibling, der zur Zeit der ersten Habsburger in Österreich lebte und mit glühendem Eifer für die Reinhaltung der österreichischen Art gegen alle fremden Einflüsse auftrat, von Österreich sagt", es sei „ein guot lendelin", das hätten sie selbst am Rhein erfahren und zögen daher zu uns, so liegt die Parallele zu jüngst vergangenen Tagen nahe. Es zeigt sich eben immer, wie es in Ottokars Reimchronik heißt, dass Österreich nicht bloß an Ehren, sondern auch an Gutem reich ist. Noch im 15. Jahrhundert hat ja der schwäbische Dichter Michael Behaim, der sich hier im Gefolge Friedrichs III., des Vaters Maximilians, befand, die ganze Abneigung der Wiener gegen diese „Fremden" schmerzlich am eigenen Leibe erleben müssen.

Eifersüchtig hat Österreich auch seine sprachliche Eigenart bewahrt, und sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts — und da nur widerstrebend — der sprachlichen Einigunc Deutschlands angeschlossen, der gegenüber auch Grillparzer seine Selbständigkeit betonen zu müssen glaubte, derselbe Grillparzer der erklärte: „Ich bin kein Deutscher, sonden ein Österreicher!

Die Jahre der jüngsten preussisch-nazistischen Besetzung werden diese Erkenntnis in jeden Österreicher befestigt haben und es wird daher die Aufgabe aller Faktoren sein, die sich mit Jugend- und Volkserziehung beschäftigen, auf Grund dieser psychologischen Erfahrung und der hier kurz skizzierten historischen Tatsachen sich um die Ausbildung des heute vielfach nur latenten österreichischen Nationalbewusstseins zu bemühen.

Quelle#

"Neues Österreich" 8.9.1946