unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Der merkwürdige Karl Lueger #

Von

Manfried Welan


1. Mein Großvater war „Straßenbahner unter Doktor Lueger“, wie er sagte. Er erzählte mir oft. was wir ihm alles verdanken: Die Straßenbahn und ihre Elektrifizierung, die Stadtbahn, das Gaswerk, das E-Werk, die zweite Hochquellenwasserleitung, den Wald- und Wiesengürtel, Grünflächen, Beserlparks, Schulen, Bäder, Spitäler, Altersheime, die Wiener Städtische Bestattung, den Zentralfriedhof. Er erzählte von der „schönsten Leich“ Wiens, bei der er dabeigewesen war.

Er zeigte mir auf dem Zweiten Tor des Zentralfriedhofes die Inschriften auf den beiden Obelisken. Links: Errichtet unter der Regierung Kaiser Franz Josef I. Rechts: Erbaut unter dem Bürgermeister Doktor Karl Lueger. Der „Bürgerkaiser“ steht Franz Josef gegenüber. Beide konkurrierten m die Volksgunst und der „Herrgott von Wien“ blieb oft Sieger. Aber er war Kaisertreu, österreichisch, schwarz-gelb bis in die Knochen“.

Wien war damals zwar Reichs-, Haupt- und Residenzstadt, aber weder ein eigenes Kronland noch eine reichsmittelbare Stadt. Es war eine Gemeinde. Darüber stand der vom Kaiser ernannte Statthalter. Aber trotzdem ist seit und durch Lueger das Amt des Wiener Bürgermeisters ein politisches Faszinosum. Der Kaiser ist geradezu von der Hofburg ins Rathaus gegangen. Das Amt ist das mächtigste unter den vielen Ämtern Österreichs.

Lueger machte verschiedene politische Richtungen durch bis er die Christlichsoziale Partei erfand. Sie wurde die erste österreichische Volkspartei. Der christliche Sozialismus war das Programm. Antisemitismus war ihm wie vieles andere Mittel zum Zweck: Die Mehrheit zu erreichen. Er konnte Massen fassen und aus ihnen Macht machen. Er war ein Mann des Wortes und nicht der Schrift und er redete, wie ihm der Wiener Schnabel gewachsen war.

Lueger war kein pathologischer, sondern ein opportunistischer Antisemit_. Das kommt in einem seiner berühmten Sprüche zum Ausdruck. „Ja, wissen’s, der Antisemitismus is’ a sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen, wenn man aber einmal oben is’, kann man ihn nimmer brauchen, denn des is’ a Pöbelsport!“ Hätte Lueger den Antisemitismus vertreten, wenn er gewusst hätte, was daraus kommen wird?

Als nach der Demokratisierung des Wahlrechts 1919 die Sozialdemokratie an die Herrschaft kam, brauchte sie sich nur der Technik des Einsiedlerkrebses bedienen. Der Kommunalsozialismus Luegers musste freilich durch wichtige sozialistische Ziele wie den sozialen Wohnbau ergänzt werden. Die schwarze Personalpolitik und Patronage musste durch eine rote ersetzt werden. Aber das Fundament für eine moderne soziale Kommunalpolitik war durch Lueger schon gelegt worden. Klugerweise übernahmen die Sozialdemokraten den Antisemitismus nicht, aber er blieb bestehen.

Felix Salten hat Lueger mehrfach einen merkwürdigen und interessanten Mann genannt. Wiens Bürgermeister Gratz stellte fest, dass der Politiker Lueger schwer als der Mensch Lueger fassbar ist. Was aber aus den Chroniken, seinen Werken und Reden immerhin hervortrete, sei das Bild eines Mannes, der niemanden gleichgültig ließ. „Er hatte glühende Bewunderer und erbitterte Feine, zwang zur Auseinandersetzung, und hinterließ Spuren in seinem Wien, die bis heute nicht auszulöschen sind, er war nicht zu übersehen und ist nicht zu vergessen.“ Für uns stellt sich die Frage: Haben wir aus dem Fall Lueger gelernt oder sind wir in einer Luegerfalle gefangen? 2. John Boyer, Professor an der University of Chicago, hat vor kurzem das Buch „Karl Lueger 1844-1910 – Christlichsoziale Politik als Beruf. Eine Biographie“ vorgelegt. Es umfasst 595 Seiten und ist in acht Kapitel gegliedert, wobei das letzte Ignaz Seipel und die Neuordnung der Christlichsozialen Partei behandelt. Das Buch ist die größte und tiefste politische Biographie Luegers und doch viel mehr.“ Indem die Entwicklung der christlichsozialen Partei in ihrer Auseinandersetzung mit den politischen Konkurrenten und Gegenspielern gezeigt wird – mit den Liberalen zuerst, dann mit den „Sozialdemokraten“, Deutschnationalen und Großdeutschen, „und natürlich dauernd im Verhältnis zu den jeweiligen bäuerlichen Regierungen – gerät das Buch zu einem unverzichtbaren Kommentar zur Innenpolitik Österreichs in den rund sechs Jahrzehnten zwischen 1870 und 1930“, so der Nestor der österreichischen Geschichtswissenschaft Gerald Stourzh. Nach ihm ist das Werk auch „ein ganz wichtiger und innovativer Beitrag zur Geschichte der Stadt Wien in dem genannten Zeitraum.“ Auch heute kann man daraus lernen. Selbstverständlich wird dem Wachstum – und der politischen Nutzung – des Antisemitismus der ihm – leider – zustehende Raum eingeräumt.

3. Politik als Beruf – Max Webers berühmtes Werk - definiert Politik als zähes Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Boyer hat sich mit dem Titel seines Werkes daran orientiert. Luegers politisches Ziel stand früh fest: Er wollte Bürgermeister werden. Er war ein sehr wendiger und zäher politischer Workaholic. Er begann als radikaler Demokrat und Liberaler, wurde national, antisemitisch, christlichsozial und klerikal, immer aber war er ehrgeizig und leidenschaftlich. Immer hatte er den Willen zur Macht. Als Kind in kleine Verhältnisse in der Technischen Hochschule geboren, war er immer Vorzugsschüler im Theresianum und ein ausgezeichneter Student der Rechtswissenschaften. Als „Anwalt der Kleinen Leute“ – sein schönstes epotheton ornanas – lernte er die realen Verhältnisse der Kaiserstadt kennen.

Boyer zeigt uns den politischen Aufstieg als Mühsahl in den „city politics“. Stadtpolitik wurde in der Zeit der Ausdehnung und des Aufstieges der Reichs-, Haupt- und Residenzstadt Wien zur großen Politik. Lueger hatte Ideen, war immer unterwegs, ein Akteur in Permanenz, voll Unruhe und Energie, voll Gestaltungskraft. Professor Boyer lehrt uns, wie Lueger das Amt des Bürgermeisters politisiert hat. Er hat es aus der bürgerlichen Selbstverwaltung in die große Politik geführt. Seit Lueger ist das Amt des Wiener Bürgermeisters das faszinierendste unter den vielen Ämtern Österreichs. Lueger war der „Bürgerkaiser“, wie ihn Johannes Hawlik genannt und beschrieben hat. Und die beiden Obelisken am Zweiten Tor des Zentralfriedhofes bringen das architektonisch zum Ausdruck. Franz Josef war der eine, Lueger war der andere Kaiser. Der eine war die statische Autorität, der andere die dynamische. Der eine war Stück Ewigkeit und Vergangenheit, der andere Gegenwart und Zukunft. Sie waren Konkurrenten um die Gunst des Publikums.

Lueger war charismatischer Herrschaftstyp wie ihn Max Weber beschreibt. Er war ein hochpolitischer Akteur in mehreren Hauptrollen: Bürgermeister, Parteiobmann auf Wiener und Reichsebene, Sprecher und Repräsentant der Partei gegenüber der Öffentlichkeit .... er hatte sowohl die Rolle des „Boss“ als auch die des „dezentralisierenden Reformbürokraten“ zu spielen. Der Bürgermeister von heute ist noch mehr Multifunktionär.

Lueger gründete die Christlichsoziale Partei. Der christliche Sozialismus war die eine Seite der Partei, der Antisemitismus die andere. Er war mehr als das Mittel zum Zweck: Die Mehrheit zu erreichen und der „Herrgott in Wien“ zu werden. Aber auch das. Lueger hat den Antisemitismus, wenn nicht hoffähig, so doch salonfähig gemacht. Er konnte Massen fassen und aus ihnen Macht machen. Aber wie er das machte und wie er sie fasste! Er schreckte vor keinem Antisemitismus zurück und die Massen folgten ihm. Er machte verschiedene politische Richtungen durch bis er die Christliche Partei erfand. Aber der Antisemitismus blieb. Er blieb verbal, aber er blieb. Lueger wollte es den Massen recht machen und die Massen folgten ihm, mehr als im Antisemitismus als im christlichen Sozialismus. Lueger war kein pathologischer, sondern ein opportunistischer Antisemit. Antisemitismus war für ihn kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, Mittel zur Macht.

4. Warum waren die Massen antisemitisch? Darüber wurden Bibliotheken geschrieben. Eines wird dabei selten gesagt: Es gibt so etwas wie eine österreichische Erbsünde. Das ist der Mangel an Menschenrechtsbewusstsein. Weder das Recht (ABGB 1811 „Jeder hat angeborene, schon durch die Vernunft einleuchtende Rechte“ ....) noch das Staatsgrundgesetz über die Allgemeinen Rechte der Staatsbürger (1867) noch Schule und Kirchen konnten die Menschenrechte zur Allgemeinbildung und zum common sense machen.

5. Der Antisemitismus der Massen lässt sich so erklären, wie heute Fremdenhass. Die Modernisierungsverlierer des Kapitalismus, die Kleinbürger, aber auch die biologischen Antisemiten wie die Anhänger Schönerers waren Tatsache. Dazu kam der religiöse Antisemitismus der christlichen Kirchen. Der Antisemitismus wurde vielfach durch katholische Priester verbreitet, sodass er von Altar und Kanzel nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar gefordert wurde. Die katholische Kirche im besonderen hetzte vor allem durch ihre niederen Funktionäre zum Antisemitismus auf. Sie hat sich nie offiziell und nachhaltig davon distanziert. Eines wird selten gesagt: Und wir folgen hier dem Rechtsgelehrten, Schriftsteller und Burgtheaterdirektor zur Zeit Luegers Max Markhard: Er sprach 1900 von der Erbsünde des Österreichers: Vom Mangel an Rechtssinn. Wir selten fort. Es gab und gibt so etwas wie eine österreichische Erbsünde. Das war und ist - siehe oben - der Mangel an Menschenrechtsgesinnung.

Ist es anders geworden?


Gibt wirklich einen sehr guten Überblick über Lueger, der auch Problembewußtsein erfreulicherweise anklingen läßt, denn es gab ja nicht nur Leistungen, sondern auch "die Mittel zum Zweck" (Antisemitismus), die nicht nur in Wahlkampfzeiten eingesetzt wurden. Da ging es Wien dann wie Goethes "Zauberlehrling". Nur agierte der "Hexenmeister", der 1938 kam anders als der im Gedicht.

Die damaligen Sozialisten hätten allerdings den Antisemitismus nicht wirklich übernehmen können, auch wenn sie das gewollt hätten, was nicht der Fall war, da viele von ihnen selbst jüdischer Abstammung waren.

So etwa der mächtige Gründer der "Deutsch-Österreichischen Volkswehr", Oberleutnant i. d. R. Dr. Julius Deutsch. Er musste allerdings seinen ihm unterstehenden Oberbefehlshaber FML Boog entlassen, weil dieser in einem Aufruf für die Werbung von Soldaten zur Besetzung von "Deutsch-West-Ungarn", also des späteren Burgenlandes, unter anderem befohlen hatte, keine Juden zu nehmen, weil diese ein "zersetzendes Element" seien. Eine Qualifizierung, die den Staatssekretär (so nannte man damals die Minister) Dr. Deutsch natürlich persönlich schwer verletzte. Die Frage ist in meinem Community-Beitrag über die Wiener Volkswehr von 1918-20 soeben erörtert worden.

Detaillierter über den Antisemitismus bei der geplanten Besetzung Deutsch-West-Ungarns (Deutsch zwingt Boog zum Rücktritt):

Karl Glaubauf: Die Volkswehr 1918 - 20 und die Gründung der Republik, Wien 1993, ISBN 3-901208-08-9

--glaubauf karl, Mittwoch, 24. März 2010, 23:54