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Adieu Zarenhof, adieu St. Petersburg#

von Nicolai Baron Freytag-Loringhoven

Eine kleine Gruppe von deprimierten Männern stand am 12. März 1938 auf dem Salzburger Residenzplatz. Sie hatten in den letzten Monaten versucht, eine Bewegung gegen den Anschluß auf die Beine zu stellen, was kläglich scheiterte und im unbeschreiblichen Jubel über den Einmarsch des „Führers“ in die nunmehrige „Ostmark“ unterging. Zwei der Männer auf dem Residenzplatz kannten sich 30 Jahre – beide waren seinerzeit aus Petersburg abberufen worden: Paul von Hintze und Anton Graf Spannocchi.

Der Sohn des Wiener Historikers Urbanski (dieser der Sohn des weiland Evidenzbüro-Chefs August Urbanski von Ostrymilcz) hat in den 80ger Jahren erfolglos Spuren dieses damaligen Widerstands aufzuspüren versucht – verständlicherweise ein sehr unrealistisches Vorhaben, denn jeder aufgefundene Beleg hätte nach Hitlers Einmarsch rasche Einweisung nach Mauthausen bedeutet.

Zurück nach St. Petersburg. Der Österreicher Major Graf Anton Spannocchi war 1909 Militärattaché am Zarenhof, der deutsche Kapitän zur See, Paul von Hintze von 1908 bis 1911 Militärbevollmächtigter in St. Petersburg „der Person seiner Majestät des Kaisers aller Reußen attachiert und Allerhöchstderen Hauptquartier zugeteilt“.

Die Ursachen der Abberufungen waren nicht unähnlich. Die Abberufung Spannocchis hatte erfolgreich der österreichische Spion Oberst Alfred Redl betrieben. Spannocchi verfügte über Informationen, die zu Redls Enttarnung geführt hätten; Redl mußte ihn also eiligst aus Petersburg entfernen lassen, was ihm mit russischer Unterstützung gelang; er war damit in der Lage weitere Jahre den Russen nicht nur die k.u.k. Militärgeheimnisse zu übermitteln, sondern ebenso die deutsche und österreichische Konterspionage empfindlichst durch Verrat der Agenten zu beeinträchtigen.

Damit kommen wir zu Hintze. Beim Kaisermanöver in Berlin 1910 mußte der dem deutschen Kaiser attachierte russische Militärbevollmächtigte Tatischtschev erkennen, daß Wilhelm II durch Hintze präzise und alarmierende Berichte bezüglich russischer Rüstung erhalten hatte. Der Generaladjutant des Kaisers, v. Plessen hatte Hintze expressis verbis angehalten, keine „alarmierenden“ Berichte hinsichtlich russischer Aufrüstung zu senden, die er, Plessen, für falsch hielt. In kaum nachvollziehbarer Naivität hatte Plessen damals den Erklärungen des russischen Militärbevollmächtigten Tatischtschev mehr Glauben geschenkt, als den Berichten des klarsichtigen Hintze, die natürlich sofort und allumfassend bestätigt worden wären, hätte nicht Spion Redl den Generalstäbler Oberst K. P. Laikow denunziert, der den kompletten russischen Aufmarschplan angeboten hatte. Die Russen mußten also den gefährlichen Informanten Hintze abberufen lassen, was ihnen auch gelang - überaus bizarrerweise mit Hilfe des deutschen Botschafters Pourtalés, dessen Intrigen Hintze erst 1930 bei Einsicht in die Außenamts-Akten zu seiner großen Überraschung erkennen konnte.

Die Folgen seines Abschieds aus Petersburg könnte man tragisch nennen - seine Einflußmöglichkeiten waren so gering nicht. Die 14. Edition der Encyclopedia Britannica schrieb 1929 „that war with Russia might have been averted in 1914 if the emperor had sent Hintze on a special mission to the Tsar“. Und Tirpitz notierte in seinen „Erinnerungen“ (S.239, 246, 405), dass er Hintze für befähigt hielt, einen Sonderfrieden mit dem Zaren zu verhandeln, und dafür „der geeignetste Mann“ gewesen wäre. Auch in einem weiteren Bereich wäre Hintzes Marine-Kompetenz wertvoll gewesen – er besaß höchstes Ansehen in russischen Marinekreisen, so daß Admiral Roschestwenski seine Begleitung in der verhängnisvollen Fahrt nach Tsushima (1905 russ.japan.Krieg) erbeten hatte, was aus Neutralitätsgründen unmöglich war. Die Verhandlungen zum englisch-russischen Marinevertrag wären Hintze jedenfalls auf keinen Fall entgangen. Dieser Vertrag kam Deutschland erst 1914 durch einen Diplomaten-Verrat zur Kenntnis – zu spät – und war dann ein weiterer Baustein zum Erreichen der kritischen „Kriegstemperatur“.

Ab 1911 kamen also keine alarmierenden Hintze-Berichte mehr aus St. Petersburg und Oberst Redl, haarscharf der Enttarnungsgefahr durch Spannocchi entgangen, verhinderte durch das Denunzieren von Oberst Laikow, daß die wahre militärische Stärke Rußlands bei den deutschen und österreichischen Stäben bekannt wurde. Die Existenz von 75 Divisionen – mehr als die gesamte k.u.k Armee - blieb unbekannt. Bei Kenntnis – so schrieb ein österreichischer Historiker – hätte Kaiser Franz Joseph 1914 wohl nicht die Kriegserklärung unterschrieben.

Auch 1941 war Rußlands wahre Stärke unbekannt geblieben: 52 Tage nach Beginn des Unternehmens Barbarossa notierte der deutsche Generalstabschef Halder in sein Tagebuch, daß man von 200 russischen Divisionen ausgegangen wäre, nunmehr wären es schon 360! Hätte diese Zahl Adolf Hitler zögern lassen?
Vermutlich: nein.

Nic. Freytag v. Loringhoven, 80805 München, Schwedenstr. 68


Selbstverständlich bin ich dezidiert der Meinung, dass Kaiser FJ bei Kenntnis der wahren russischen Stärke die Kriegserklärung kaum unterschrien hätte, da seine Armee ja nicht einmal über 75 Divisionen verfügte. Soweit zur Dimension des Redlschen Verrates.

Dazu wären von deutscher Seite die Planungen völlig anders angelegt worden. So aber mussten österreichische Reservetruppen in erbitterten und extrem verlustreichen Karpatenschlachten bei extremer Kälte erst die Voraussetungen für die geplanten deutschen Offensiven erkämpfen, erleiden und "ersterben".

-- Glaubauf Karl, Freitag, 17. Juni 2011, 18:15