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„Spectacle müssen seyn“ – Wien als Zirkusstadt#

Wien war nicht nur Theater- und Musikstadt, sondern auch eine Zirkusstadt. Seit dem frühen 19. Jahrhundert zählte der Zirkus zu den repräsentativsten Unterhaltungen in der Stadt. Die Geschichte des modernen Zirkus beginnt 1782 mit der Eröffnung von "Astley's Amphitheater" in London. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verfügte Wien über drei Zirkusgebäude.#


Mit freundlicher Genehmigung aus der DIE FURCHE (Donnerstag, 20. August 2009)

Von

Birgit Peter


Georges Seurats Bild „Der Zirkus“ von 1890
Pferdevorführungen aller Art waren seit jeher besonders beliebt. Die Kunstreiterin auf Georges Seurats Bild „Der Zirkus“ von 1890 inspirierte Kafka zu seiner Parabel „Auf der Galerie“.
Foto: © zeno

An einem Sonntag im Mai dieses Jahres rief der Direktor des in Wien gastierenden Circus Safari, Benjamin Spindler, nach dem enthusiastischen Schlussapplaus laut aus: „Ja, das ist Wien!“

Der Circus Safari aus Deutschland ist ein traditionelles Unternehmen; Tierdressur mit einem Schwerpunkt auf Pferden, Clowns, Jonglage, Trapezkunst und Sensationsnummern (in diesem Fall eine Feuerkünstlerin und ein Feuerschlucker) dominieren die Vorstellungen. Der Zirkus verlässt sich auf Mittel, die in der beinahe 250-jährigen Geschichte dieser Kunstsparte entwickelt wurden, auch die Strukturen basieren auf alten Traditionen.

Die Artistenfamilie Spindler trägt das Unternehmen, der Prinzipal führt die „Königsdisziplin“ – die so genannte Freiheitsdressur – vor, die Kinder (zwischen zwei und 14 Jahren) agieren als Clowns und Bodenakrobaten. Die Prinzipalin managt Unternehmen und Familie. Zum Zirkus gehören auch engagierte Artisten (beim Safari etwa ein junger Wiener Jonglierkünstler), die Tierpfleger, das Einlasspersonal und selbstverständlich die Tiere.

Massenwirksame Unterhaltung#

Der traditionelle Zirkus hat selten gute Presse, vor allem dann nicht, wenn mit Tierdressur gearbeitet wird. Tierschützer unterstellen seit den 1930er Jahren den Zirkusleuten, ihre Tiere schlecht zu behandeln.

Von der Kulturberichterstattung wird schon lange keinerlei Notiz von der traditionellen Zirkuskunst genommen. Wenn berichtet wird, dann über Streitereien mit Behörden oder über entlaufene Lamas.

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte des Zirkus sind vielfach Zeugnisse über die enge Beziehung zwischen Tier und Mensch zu finden. Walter Benjamin formulierte die Faszination an den utopischen Lebensentwürfen, die im Zirkus vorgeführt werden, als „soziologischen Naturschutzpark“, in dem gesellschaftliche Ordnungsprinzipien auf den Kopf gestellt werden. Nicht nur die Kommunikation mit Tieren, sondern auch die todesmutige Artistik faszinierte ihn, wie übrigens auch Franz Kafka, von dem man weiß, dass er Abonnent der Fachzeitschrift Artist war.

In den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts wird der Beginn des modernen Zirkus – in Abgrenzung zu antiken Zirkusspielen – in der Zirkushistoriografie vermerkt. Philip Astley, gelernter Drechsler, erwarb sich beim Militärdienst außergewöhnliche Kenntnisse in der Reitkunst, die er nach seiner Entlassung als Geldverdienst kunstvoll anwendete. Dazu mietete er in London jenes Gelände, wo zuvor das Amphitheater gestanden war, um Reitunterricht zu geben. Aus Reklamezwecken veranstaltete Astley Pferdevorführungen, die vor allem beim Adel auf großes Interesse stießen. Sein 1782 eröffnetes „Astleys Amphitheater“ wurde Vorbild für weitere Zirkusbauten in anderen europäischen Metropolen und begründete die massenwirksamste Kunst- und Unterhaltungsform des 19. Jahrhunderts. Vor allem die neue Verbindung zwischen Adel und weniger privilegierten Schichten erwies sich als jenes Spannungsfeld, das als Teil der Erfolgsgeschichte des Zirkus gesehen werden muss. Auch in Wien zeigte sich der Hof interessiert an dieser neuen Kunstform, hier wurden sogar Kunstreiter mit dem Ehrentitel „Seiner kaiserlichen Majestät privilegierte Reiter“ ausgezeichnet.

Allen Schichten offen#

Wien war also nicht nur Theater und Musikstadt, sondern auch eine Zirkusstadt. Ganz abgesehen davon, dass fahrende Künstler einen fruchtbaren Boden und stets reichlich Publikum für ihre Produktionen fanden, zählte der Zirkus seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den repräsentativsten Unterhaltungen in dieser Stadt. Gründe dafür gab es viele: Zum einen war in Wien eine metropolitane Kultur lange vor Berlin gewachsen, große Unterhaltungen stellten da einen wesentlichen Wert dar. Vor allem der Wiener Hof wollte unterhalten werden – „Spectacle müssen seyn“ ließ Maria Theresia verkünden, als sie 1746 die Spektakelfreiheit anordnete. Ihr Sohn Joseph II. erkannte die Notwendigkeit, die Untertanen bei Laune zu halten, noch umfassender – er bezog auch das Bürgertum mit ein, öffnete 1766 den Prater und 1776 das Burgtheater als Hof- und Nationaltheater. Während das Burgtheater neben der Aufgabe zu unterhalten vor allem den Bürger zu Selbstbewusstsein und angemessenem sittlichen Verhalten erziehen sollte, war im Prater Freiraum für Sehnsüchte, Fantasien und Genuss ohne Reglement. Dazu stand dieser Ort als Erholungs- und Vergnügungsareal allen Schichten offen, was einer revolutionären Utopie gleichkam. Es war kein Zufall, dass eben dort 1808 der k.k. priv. Kunst- und Schulbereiter Christoph de Bach den ersten stabilen Zirkus in Wien eröffnete, der als Circus Gymnasticus zu den elegantesten und wichtigsten Unternehmen dieser Art in Europa zählte. Über den Prinzipal de Bach berichtet Signor Saltarino in einem der raren Nachschlagewerke zur Zirkusgeschichte: „Wohl schwerlich hat ein Mann einem ähnlichen Unternehmen mit gleichem Ruhme vorgestanden, der solche Geschicklichkeit mit so musterhaftem, sittlichem Betragen verbunden hätte und daher in allen Hauptstädten Europas mit gleicher Achtung behandelt worden wäre. Er besaß eine glückliche Manier, auch das ungebärdigste Thier zur Raison zu bringen; ein Pferd von seiner Hand und Schenkelkraft zugeritten, Schichkonnte stets als Muster-Schulpferd gelten.“ Konkurrenziert war de Bach nur durch den französischen Cirque Olympique von Franconi. Im Circus Gymnasticus sollen 1812 die der Aristokratie vorbehaltenen Jagdtiere, nämlich Hirsche, dressiert vorgeführt worden sein, zwölf Jahre später wird in Paris eine ähnliche Dressur – der „Wunderhirsch Coco“ – weltberühmt werden. „De Bachs Hirsche galoppierten wie Freiheitspferde durch die Manege, außerdem apportierten sie noch bunte Tücher. Zu besonderen Anlässen fuhr der Zirkusdirektor mit seinen Hirschen vierspännig durch die Straßen.“ Fürst Pückler-Muskau brachte daraufhin die de Bach’schen Hirsche in seinen Besitz, als wolle er die standesgemäße Ordnung wiederherstellen.

Circus Gymnasticus 1808
1808 eröffnete Christoph de Bach den ersten stabilen Zirkus in Wien, den Circus Gymnasticus. Er zählte zu den elegantesten Unternehmen dieser Art in Europa. 1812 führte de Bach erstmals dressierte Hirsche vor.
Foto: © k.K.

Amerikanischer Riesenzirkus#

Auch Kaiserin Elisabeth war eine Zirkusbegeisterte. In der Hofreitschule richtete sie einen eigenen Zirkus ein. Mit der zu ihrer Zeit berühmten Schulreiterin Elise Petzold verband sie eine innige Liebe zu Pferden und der Kunst der Hohen Schule. Sie schenkte als Zeichen ihres Respekts vor Petzold dieser ein edles Pferd mit dem Namen Lord Byron. Ende des 19. Jahrhunderts verfügte Wien über drei prächtige Zirkusgebäude, die der Unternehmen Renz, Busch und Schuhmann. Um 1900 gastierte der amerikanische Riesenzirkus Barnum & Bailey im Prater. Mit einem Drei-Manegen-Zelt, einer Tierschau mit 500 exotischen Tieren, einer sogenannten „Sideshow“, die Menschen mit außergewöhnlichen körperlichen Merkmalen zur Schau stellte, wurde Wien mit einer neuen Zirkusästhetik konfrontiert, die bis zum Zweiten Weltkrieg bestimmend wurde.

Die Unternehmen Krone und Sarrasani nahmen die Ideen des amerikanischen Riesenzirkus’ auf, zitierten aber auch weiterhin die Pferdetradition. Als „aufgeschlossen“ erwies sich Direktor Krone, vor allem auch in Bezug auf die neue politische Klasse. Nicht mehr Vertreter des Adels, sondern Mussolini und Hitler wurden als Protegés umworben, etwa wenn Krone seinen Bau in München NS-Veranstaltungen zur Verfügung stellte. Beide Unternehmen gastierten in den zwanziger und dreißiger Jahren mehrmals im Wiener Prater. An die 10.000 Besucher fanden in diesen Riesenzirkussen Platz.

In NS-Deutschland war bald das Ende dieser Formen besiegelt. Artisten und Zirkusse wurden nun staatlich kontrolliert, jüdische Traditionsbetriebe, wie jener der Strassburger oder der Wiener Zirkus Zentral, mussten ins Exil gehen. Viele Zirkusgebäude des 19. Jahrhunderts wurden bei Bombenangriffen zerstört. Der reisende Zeltzirkus stellte ab nun und bis heute wieder die gängigste Form des Zirkus dar. Im Herbst dieses Jahres wird Wien wieder an seine Vergangenheit als Zirkusstadt erinnert, wenn Roncalli am Rathausplatz Station macht. Das Unternehmen widmet sich aber auch dem Gedächtnis der Zirkuskunst, wie es eine angekündigte Ausstellung seiner Sammlung zur Geschichte des Zirkus präsentieren wird.

Die Autorin arbeitet am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien

DIE FURCHE (20. August 2009)