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"So etwas wie ein Heiliger"#

Der Wiener Anton Schmid rettete in der NS-Zeit hunderten Juden in Litauen das Leben#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 28. Mai 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Rainer Mayerhofer


Anton Schmid
Anton Schmid - Foto: Yad Vashem

90 Österreicher befanden sich zum Stichtag 1. Jänner 2012 unter den 24.355 Menschen, die Israel als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet hat. 1967 wurde in diese Ehrenliste der Wiener Anton Schmid aufgenommen, der als Feldwebel der deutschen Wehrmacht in der damals besetzten litauischen Hauptstadt Wilna hunderte Juden vor Deportation und Ermordung gerettet hat. "Für uns war er so etwas wie ein Heiliger", sagten Überlebende des Holocaust Jahrzehnte nach dem Tod Schmids, der für seine Hilfe von den Nazis mit dem Tod bestraft wurde.

Der deutsche Historiker Wolfram Wette hat aus den spärlichen Dokumenten, die über das Leben Schmids erhalten geblieben sind, eine beeindruckende Biografie geschaffen, die in die Geschehnisse rund um die Judenverfolgung in Litauen eingebettet ist.

Ein gelernter Elektrotechniker#

Anton Schmid, am 9. Jänner 1900 in Wien als Sohn eines mährischen Zuwanderers geboren, absolvierte eine Lehre als Elektrotechniker, war in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs noch an der italienischen Front eingesetzt und eröffnete nach einer kurzen Zeit bei der Post 1919 in der Brigittenau, in der damals überdurchschnittlich viele Juden lebten, ein Elektrogeschäft. Nach dem Anschluss half er vielen jüdischen Menschen bei der Flucht über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. 1941 wurde Schmid als Feldwebel nach Wilna versetzt, wo er die Versprengten-Sammelstelle der Feldkommandantur 814 übernahm. Sie hatte den Auftrag, herumirrende deutsche Soldaten, die die Feldgendarmerie aufgegriffen hatte, zu verhören und wieder an die Front zu schicken.

Sofort nach der Eroberung Wilnas durch die Hitler-Armee am 24. Juni 1941 hatten die Maßnahmen gegen die rund 60.000 in Wilna lebenden Juden begonnen, die größtenteils durch litauische Hilfspolizisten durchgeführt wurden. Im Wald von Ponary wurden Tausende ermordet. Als Schmid im September in Wilna eintraf, waren die Massaker im vollen Gang. "Hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2000 bis 3000 Menschen. Die Kinder haben sie auf dem Weg gleich an die Bäume angeschlagen - kannst Du Dir das vorstellen?", schrieb Schmid kurz vor seiner Hinrichtung an seine Frau und seine Tochter in Wien. Schmid half von Anfang an jüdischen Verfolgten. Einem Mann verschaffte er mit dem Soldbuch des gefallenen Soldaten Max Huppert eine "arische" Identität, steckte ihn in eine Wehrmachtsuniform und machte ihn zum Schreibstubensoldaten in seiner Behörde. Bei einer Razzia begegnete er der entkommenen Luisa Emaitisaite, verbarg sie tagelang in seiner Wohnung, verschaffte ihr neue Papiere und beschäftigte sie ebenfalls in seiner Abteilung. Später kam noch das Ehepaar Hermann und Anita Adler dazu.

Um sie vor der Deportation zu schützen, beschäftigte Schmid immer mehr Juden in seinem Amt. Von September 1941 bis Jänner 1942 habe Schmid stets 150 Juden mit "Gelben Scheinen" als Schuster, Schneider und Polsterer beschäftigt, obwohl es schwer argumentierbar war, dass sein Amt so viele Leute brauchte, erzählte sein Schützling Hermann Adler später. Über Adler kam Schmid auch in Verbindung mit dem jüdischen Widerstand im Ghetto von Wilna. Etwa 300 Juden leistete er mit Wehrmachtsfahrzeugen Fluchthilfe in andere Städte, wie Bialystok und Warschau, wobei nicht geklärt ist, wie viele dieser Menschen den Krieg überlebten.

Diese Fluchthilfefahrten wurden Schmid zum Verhängnis. Es ist nicht bekannt, ob er denunziert wurde und wer ihn denunziert hat. Jedenfalls wurde er Ende Jänner 1942 verhaftet, am 25. Februar 1942 zum Tode verurteilt und am 13. April 1942 erschossen. Da die Gerichtsakten nicht mehr auffindbar sind, ist nicht klar, was die Anklagepunkte waren, doch dürfte es sich nach Ansicht von Autor Wette um die Straftatbestände "Begünstigung des Feindes" und "Kriegsverrat" gehandelt haben.

Angehörige geächtet#

Wette weist in seiner Schmid-Biografie auch noch auf einige andere Judenretter aus den Kreisen der Wehrmacht in Wilna hin, wie Karl Plagge, Alfons von Derschwanden und Oskar Schönbrunner, die mehrere hundert Juden vor der Ermordung bewahrten. Ihnen blieb aber das Schicksal Schmids erspart, weil sie offenbar mehr Glück hatten, auch vorsichtiger waren und sich nicht in Fluchthilfeaktionen einließen.

Schmids Witwe und Tochter wurden bis zum Kriegsende geächtet. Erst 1957 erhielt die Witwe eine Hinterbliebenenrente. Der von Schmid gerettete Hermann Adler machte nach dem Krieg durch literarische Arbeiten das Schicksal Anton Schmids bekannt und setzte sich auch für dessen Anerkennung als "Gerechter unter den Völkern" ein.

Sachbuch: #

Wolfram Wette, Feldwebel Anton Schmid - ein Held der Humanität, S. Fischer Verlag, 312 Seiten, 25,70 Euro

Wiener Zeitung, Dienstag, 28. Mai 2013

--> Anton Schmid (AustriaWiki)