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Des Kaisers letzte Fahrt#

Vor 90 Jahren verließ der letzte österreichische Kaiser für immer seine Heimat. Seine Ahnen geleiteten ihn dabei gleichsam ins Exil.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, erschienen am Samstag, 21. März 2009

Von

Andreas P. Pittler


Kaiser Karl I
Kaiser Karl I (1887- 1922)
Foto: Wikimedia

Der 24. März 1919 ist ein trüber Frühlingstag. Nebel liegt über den Donauauen und hüllt die Wälder rund um Schloss Eckartsau in Melancholie. Das kleine Jagdanwesen dient seit November 1918 dem letzten Habsburger auf Österreichs Thron als Domizil. Karl war nach dem verlorenen Krieg zum Thronverzicht genötigt und ins östliche Niederösterreich abgeschoben worden, wo seine letzten Hoffnungen, doch wenigstens in Österreich an der Macht bleiben zu können, nach den Parlamentswahlen vom Februar 1919 endgültig zerrannen.

Die neuen Machthaber haben keinen Platz für den entmachteten Kaiser. Das Habsburgergesetz verweist alle Mitglieder jener Familie, die 640 Jahre das Schicksal Österreichs bestimmt hatte, des Landes, sofern sie nicht eindeutig auf ihren Machtanspruch verzichten. So weit will Karl nicht gehen, also hat er seine Koffer zu packen. Die Briten stellen einen Sonderzug zur Verfügung: Das Ziel der Reise ist die Schweiz. Die Fahrt geht quälend langsam vor sich, und Karl hat viel Zeit, über den Lauf des Schicksals nachzusinnen.

Die Last des Scheiterns#

Mehr als vier Monate ist Österreich nun schon Republik, doch das Land atmet überall noch die Luft der Monarchie. Das kann auch Karl erkennen, als sein Zug um Wien herumgeleitet wird und auf der Strecke der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn Richtung Westen fährt. Die neue Regierung trachtet danach, die Fahrt Karls so geheim als möglich bleiben zu lassen. Nicht, weil monarchistische Kundgebungen zu erwarten wären, vielmehr ist zu befürchten, dass das verarmte, hungernde Volk den Kaiser zur Verantwortung ziehen würde, sollte es seiner habhaft werden. Deshalb beschließt man, die Elisabeth-Westbahn noch vor Linz zu verlassen, schwenkt auf eine Nebenlinie ein, die nach Selzthal führt. (Benannt ist diese Linie übrigens nach Kronprinz Rudolf, dessen Selbstmord Karl erst zum Kaiser hatte werden lassen.)

Weiter geht die Fahrt bis Bischofshofen. Dort wechselt man auf die Geleise der Erzherzogin-Gisela-Bahn (auch dies eine nahe Verwandte des entthronten Herrschers). Hinter Wörgl kehrt man auf die Elisabeth-Bahn zurück, dann geht es ohne weitere Unterbrechungen nach Bludenz. Über eine Nebenlinie, die Vorarlberger Landesbahn, erreicht der Sonderzug in den frühen Morgenstunden des 25. März Feldkirch, die letzte Station vor dem schweizerischen Grenzbahnhof Buchs.

So ziemlich alles, was Karl, seit er zweieinhalb Jahre zuvor Kaiser geworden war, angefasst hatte, war schief gegangen. Bestärkt durch seine Frau will Karl nun, buchstäblich im letzten Augenblick, doch noch etwas richtig machen. Er erlässt ein „Feldkircher Manifest“, in dem er seinen Verzicht vom November 1918 widerruft. Er habe nur auf den „Anteil“ an den Regierungsgeschäften verzichtet, nicht aber auf den Thron, weshalb er immer noch Herrscher sei, verkündet er seinen Untertanen – die dies freilich, wenn überhaupt, nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen.

Die Zeit ist eine andere geworden. Das muss Karl schließlich auch in Ungarn erkennen, als er 1921 zwei Versuche unternimmt, wenigstens die Stefanskrone wiederzuerlangen. Im März 1921 fährt er mit dem Auto nach Steinamanger, wo ihn sein ehemaliger Admiral Nikolaus Horthy kurzerhand wieder nach Hause schickt. Im Oktober 1921 will es Karl besser machen. Er fliegt von Zürich nach Sopron, wo er Truppen auf sich vereidigen lässt, an deren Spitze er nach Budapest zieht. Kaum dort angekommen, werden Karl und seine Soldaten von der regulären ungarischen Armee mit Kugeln empfangen, und ehe Karl reagieren kann, ist sein Heer schon in alle Winde zerstreut. Er wird in der Abtei Tihany interniert, ehe er im November donauabwärts ans Schwarze Meer und von dort weiter nach Madeira gebracht wird, wo er am 1. April 1922 im Alter von nur 34 Jahren an einer Lungenentzündung sterben wird. Die Last permanenten Scheiterns hatte ihm wohl zuletzt den Lebenswillen genommen.

Unvermutete Thronfolge#

Als Karl am 17. August 1887 im niederösterreichischen Persenbeug zur Welt kam, konnte niemand damit rechnen, dass er jemals Regierungsverantwortung zu tragen haben würde. Zwar war er ein Urenkel des ersten österreichischen Kaisers Franz I. und ein Enkel von Karl Ludwig, des jüngeren Bruders von Franz Joseph I., doch standen mit Kronprinz Rudolf, seinem Onkel Franz Ferdinand und seinem Vater Otto gleich drei potentielle Thronfolger vor ihm.

Karl war gerade erst 18 Monate alt, als Rudolf aus dem Leben schied. Neuer Thronfolger war damit Franz Ferdinand. Dieser verliebte sich in die Gräfin Chotek, die er nur heiraten durfte, wenn er für seine Nachkommen auf den Thron verzichtete. Und als dann 1906 Karls Vater unerwartet jung verstarb, war Karl auf einmal zum potentiellen Kaiser aufgerückt.

Bis dahin war Karls Leben eher unauffällig verlaufen. Er hatte das Wiener Schotten-Gymnasium besucht und sich ab 1905 auf seine Offizierslaufbahn vorbereitet. Er übernahm das Kommando über eine Dragonereskadron, später wurde er Kommandant eines Wiener Infanterieregiments. Politischen Einfluss hatte er freilich keinen. Immerhin aber verlieh er der Dynastie 1911 einen gewissen Glanz, als er mit viel Pomp die Prinzessin Zita von Bourbon-Parma heiratete, die ihm im November 1912 einen kleinen Prinzen gebar.

Morsches Riesenreich#

Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings immer noch sehr unwahrscheinlich, dass Karl jemals die Kaiserkrone tragen würde. Sein Onkel, mit wachsender Ungeduld in Warteposition befindlich, war damals 50 Jahre alt. Zwei Jahre später, im Juni 1914, fiel Franz Ferdinand in Sarajewo einem Attentat zum Opfer. Während die Monarchie sich zum Krieg rüstete, wurde der zum neuen Thronfolger avancierte 27-jährige Karl ins Zentrum der Politik geholt. Im Schnellverfahren sollte er nun lernen, ein morsches Riesenreich zu regieren, dessen Untergang allerdings nicht mehr fern war.

Waren die österreichischen Militärs 1914 noch davon ausgegangen, einen kurzen, schnellen Krieg gegen Serbien zu führen, um die Monarchie solcherart zu stabilisieren, zeigte sich bald, dass Österreich einer solch gewaltigen Unternehmung kaum gewachsen war. Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es, das kleine slawische Königreich niederzuringen, während man an der Ostfront gegen die Regimenter des Zaren bittere Niederlagen einstecken musste, sodass die verbündeten Deutschen die Österreicher vor dem Zusammenbruch retten mussten. Im Osten wie im Westen begann ein überaus verlustreicher Stellungskrieg, durch den die k.u.k. Monarchie bald an die Grenzen ihrer militärischen Möglichkeiten geriet. Unter diesen ungünstigen Voraussetzungen wurde Karl am 21. November 1916, nach dem Tod seines Großonkels Franz Joseph, Kaiser von Österreich.

Karl erkannte rasch, dass der Krieg für Österreich kaum noch zu gewinnen war, und suchte im Frühjahr 1917 nach Wegen zu einem österreichischen Separatfrieden mit den Westmächten. Doch was er so überlegt begonnen hatte, brachte er durch sein übermäßiges Zaudern selbst zu Fall – getreu der alten Erkenntnis: die halbe Tat nur halb gesetzt, ist die ganze Niederlage. Über diverse Mittelsmänner hatte er Fühlung zu den Franzosen und Briten aufnehmen lassen. Alsbald bediente er sich dabei seiner Schwäger Sixtus und Xavier Bourbon-Parma, die als Belgier gute Verbindungen zu den Franzosen hatten. Die Franzosen waren Friedensverhandlungen nicht abgeneigt, stellten jedoch Bedingungen, die für die Österreicher zumindest vorerst nicht annehmbar waren. Immerhin aber stellte Karl in einem Brief an Sixtus die Möglichkeit, auf diese Bedingungen einzugehen, in Aussicht. Als dies jedoch im Lager der Deutschen ruchbar wurde, sah sich Karl voreilig zu einem Dementi veranlasst. Dies wiederum erzürnte die Franzosen, die daraufhin besagten Brief öffentlich machten. Karl war blamiert und seine Initiative gescheitert.

Trümmer einer Politik#

Dies war umso fataler, als die Monarchie mittlerweile unübersehbare Auflösungserscheinungen zeigte. Die slawischen Völker strebten von Wien weg, und Karl verstand es nicht, den Tschechen, Polen und Slowenen eine Perspektive innerhalb des Habsburgerstaates zu bieten. Im Herbst 1918 stand der Kaiser vor den Trümmern einer Politik, die er nur zum Teil zu verantworten, die er aber durch seine unglückliche Handlungsweise noch verschlimmert hatte. Sein zaghafter Versuch, die Zukunft des Reiches durch ein „Manifest an meine Völker“ zu retten, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es war, wie der slowenische Politiker Anton Korosec so treffend meinte: „Zu wenig, zu spät.“

Ende Oktober 1918 proklamieren die Tschechen und Slowaken ebenso einen eigenen Staat wie die Slowenen, Kroaten und Serben. Anfang November folgen die Polen. Und das Desaster rund um den Waffenstillstand an der italienischen Front, als durch einen simplen Übermittlungsfehler fast die gesamte Südarmee der Österreicher in Gefangenschaft gerät, macht Karl selbst in Wien unmöglich. Sind bis zu diesem Zeitpunkt wenigstens noch die Christlichsozialen hinter ihm gestanden, so finden sich nun auch sie mit der Idee einer Republiksgründung ab.

Karl hat keinerlei Mittel mehr, den Untergang seiner Dynastie zu verhindern. Es bleibt ihm nur, das Unausweichliche hinauszuzögern. Als der deutsche Kaiser schon seine Heimat verlassen hat und ins Exil gegangen ist, harrt Karl immer noch aus und weist jeden Vorschlag, der auf eine Abdankung abzielt, brüsk von sich. Doch die Zeit arbeitet gegen ihn. Als er schließlich sogar von seinem eigenen Ministerpräsidenten bedrängt wird, auf den Thron zu verzichten, findet man einen typischen österreichischen Kompromiss. Karl verzichtet, wie es in seiner Erklärung heißt, auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften und akzeptiert „im voraus“ jede Entscheidung, die Österreich über seine zukünftige Staatsform treffen werde. Doch auch als Karl sich am 11. November 1918 zu diesem Schritt entschließt, tut er es halbherzig: Er unterschreibt die Erklärung mit Bleistift – eine Handlung, welcher der Geruch des Provisorischen anhaftet. Noch am selben Tag verlässt er Wien, und wird die Stadt nie wieder betreten.

Andreas P. Pittler wurde 1964 in Wien geboren, studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Wiener Universität und ist heute als Schriftsteller und Journalist tätig. Dieser Tage erschien sein siebenter Roman, „Ezzes“, im Verlag „Echomedia“.

Wiener Zeitung,, 21. März 2009


Wirklich sehr gut gelungen, gut zu lesen, da stellenweise im spannenden historischen Präsens geschrieben. Erfreulicherweise keine Hagiographie, bekanntlich wurde Karl ja seliggesprochen, weil seine Anrufung zur Heilung eines Krampfadernleidens beigetragen haben soll. In der Sixtus-Affäre hat er gelogen, dass sich die Balken bogen, bei den anschließenden Friedensverhandlungen hatten die damaligen Deutsch-Österreicher daher in den Franzosen unerbittliche Gegner -Karl sei Dank. Es zählten damals keine politischen Überlegungen mehr für den durch Karl zu Unrecht schwerstens beleidigten Clemenceau, sondern nur das kurzsichtige und hasserfüllte Bonmot, wonach eben Österreich einfach das sei, was übrigbleibe. Und das war nun einmal zum Leben zu wenig, sodass die Rettung eher im Anschluss an die rechtsstaatlich geordnete Weimarer Republik gelegen wäre. Wurde prompt verboten, zwanzig Jahre später war er dann da, allerdings nicht wie 1918 angedacht. Für Karl zählten lediglich er und seine Herrschaft. Dass er durch rechtzeitige Reformen so manches bewirken hätte können, war ihm egal. Hinterlistig und verschlagen blieb er bis zum Ende seiner Herrschaft, wo er beim Verlassen des Landes seine Vezichtserklärung sofort widerruft.

--Aster Rix, Mittwoch, 30. Dezember 2009, 01:51