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Aus der Bahn geworfen#

Weltgeschichte privat: Das 20. Jahrhundert im Lebensspiegel meines Vaters, der vor fünfzig Jahren, im Jänner 1960, gestorben ist.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 10. November 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Friedrich Weissensteiner


Er war noch keine sechzig Jahre alt, als er von dieser Welt Abschied nahm. Er glaubte an einen Schöpfer und an eine Existenz nach dem Tod. Einer seiner Leitsätze, die er auf seinem Schreibtisch in steter Sichtweite platziert hatte, lautete: „Wer Gott zum Freund hat, kann sich viele Feinde leisten“. Er beachtete die Gebote der römisch-katholischen Kirche, allerdings nicht alle strikt und mit vollster Überzeugung. Er besuchte den (Sonntags)-Gottesdienst, ging zur Osterbeichte und zur Kommunion. Frömmler war er keiner. Mit seiner uneigennützigen Hilfsbereitschaft nahm er die Sozialgebote des Christentums ernster als so manch einer der klerikalen Dorfbewohner.

Er hätte nicht so früh sterben müssen. Er kämpfte seit langem mit heftigen Atembeschwerden, die ihm zuletzt das Gehen beschwerlich machten. Zu einer Operation konnte er sich jedoch nicht entschließen. Als er eines Abends zu ersticken drohte, brachte ihn die Rettung ins Spital. Ein Luftröhrenschnitt rettete ihm zunächst das Leben. Aber das Herz machte nicht mehr mit.

Er starb ein paar Tage später. Die Aufbahrung des Leichnams fand im Trauerhaus statt. Der Tod wurde damals, zumindest im ländlichen Raum, noch nicht tabuisiert und war ein integrativer Bestandteil des Lebens. Zahlreiche Ortsbewohner nahmen mit einem Gebet vom Verstorbenen Abschied. Am Begräbnis nahmen, wie er es sich gewünscht hatte, drei Priester teil. Abordnungen zahlreicher Vereine und viele Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung gaben ihm das letzte Geleit. Eine der Grabreden hielt der Bürgermeister.

Ein Jahrhundertkind#

Großpertholz
Großpertholz, der Schauplatz des Geschehens, in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
© Wiener Zeitung / Foto: privat

Mein Vater, von dem die Rede ist, war ein Jahrhundertkind. Er kam im Jahr 1900 in einem abseitigen Marktflecken im oberen Waldviertel zur Welt. In dem kleinen Ort gab es eine Pfarrkirche, ein gutsherrliches Schloss, eine vierklassige Volksschule, einen Gendarmerieposten, ein Postamt, ein paar Wirtshäuser mit dazu gehörendem Grundbesitz und Bauernhöfe. Der Ort zählte bei der Volkszählung des Jahres 1890 499 Einwohner. Mit Ausnahme eines einzigen, der sich zur mosaischen Konfession bekannte, waren alle Katholiken.

Der Vater war das jüngste von vier Kindern eines Kaufmannsehepaares. Der Altersunterschied zum älteren Sohn betrug 14, zur jüngeren Schwester 8 Jahre. Karl wuchs wie ein Einzelkind auf und wurde dementsprechend verwöhnt. Die Eltern galten im Ort als wohlhabend und, verglichen mit der Mehrheit der Ortsbewohner, waren sie es auch. Das Kaufhaus, das sie betrieben, war das einzige in der ganzen Umgebung. Man bekam dort alles zu kaufen, von der Petroleumlampe bis zum Anzugsstoff. Das Geschäft ging gut, die Einkünfte waren so zufriedenstellend, dass man immer wieder etwas zukaufen konnte: ein Haus, Wiesen, Wälder. Da zum Stammbesitz auch eine Landwirtschaft gehörte, standen Pferde, Ochsen und Kühe im Stall, Knechte und Mägde versorgten das Vieh, brachten das Heu und das Getreide in die Scheune, warfen im Frühjahr die Saat aus und droschen im Winter das Korn.

Zum Wohlstand gesellte sich Ansehen. Der Großvater war von 1901 bis 1907 Bürgermeister. Die Großeltern konnten es sich leisten, ihrem Jüngsten eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen. Sie schickten den begabten Filius nach der Volksschule in das Stiftsgymnasium Seitenstetten. Er sollte Priester werden. Daraus wurde nichts, und das war wohl auch gut so. Die Einhaltung des Zölibats hätte den lebenslustigen jungen Mann zweifellos in arge Seelennöte gestürzt. Das Studium wurde im Februar 1918 durch die Einberufung zur k.u.k. Armee unterbrochen. Als es der Heimkehrer von der Italienfront ein Jahr später nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches wieder aufnehmen wollte, scheiterte er kläglich. Die Weltgeschichte hatte seine Lebensplanung zunichte gemacht.

Politische Umbrüche und triste wirtschaftliche Verhältnisse bestimmten auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten seinen Lebensweg und den seiner Generation. Monarchie, Erste Republik, Ständestaat, NS-Herrschaft, Zweiter Weltkrieg, Zweite Republik, Geldentwertung, Inflation, Schillingwährung, Deflation, Reichsmark, Nachkriegszeit. Alles das und dazu Hunger und Not mussten die Menschen in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten erleiden und ertragen. Viele kamen damit zurecht, andere fielen ihnen zum Opfer.

Organisator und Redner#

Nach dem gescheiterten Gymnasialstudium absolvierte der Vater eine Forstschule, konnte aber in diesem Beruf nicht Fuß fassen. In seinen Heimatort zurückgekehrt, führte er zunächst, so scheint es, ein Dolcefarniente-Dasein. Die Roaring Twenties waren angebrochen. In dem kleinen Ort etablierte sich ein reges Vereinsleben, an dem er sich gestaltend beteiligte. Er spielte bald eine führende Rolle im Ortsgeschehen, organisierte Faschingsumzüge, betätigte sich bei der Aufführung von Volksstücken als Komödiant und Regisseur und leitete als Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Brandeinsätze.

Ein besonderes Vergnügen bereitete es ihm, bei allen möglichen Veranstaltungen seine Rednergabe unter Beweis zu stellen. Er schöpfte dabei rhetorisch und inhaltlich aus dem Fundus seiner im Stiftsgymnasium erworbenen Bildung, zitierte Goethe und Schiller und flocht lateinische Wendungen in seine Ausführungen ein. Statt des "Dominus vobiscum", das ihm für immer verwehrt war, sprach er nun vor seinem illiteraten Publikum von "sub specie aeternitatis".

Das Ortsgeschehen im gesamten Gemeindegebiet, Geburten, Todesfälle, Feste, Feiern, Ballveranstaltungen, Assentierungen, Einbrüche und vieles mehr hielt der Herr Papa tagebuchartig fest. So entstanden im Laufe der Jahre eine Orts-, Feuerwehr-, Sport- und Häuserchronik. Seine liebste Beschäftigung war die Vereinsmeierei.

Den kärglichen Lebensunterhalt für seine vierköpfige Familie verdiente er durch Gelegenheitsarbeiten, als Aushilfskraft bei der Post, als Kellner bei diversen Festen und mit Schreibarbeiten für die Ortsbewohner, für die er allerdings, wenn überhaupt, in den meisten Fällen lediglich eine Naturalentlohnung verlangte.

In den wirtschaftlich desaströsen Dreißigerjahren fungierte er als Privatsekretär des christlichsozialen Bürgermeisters mit einem Monatssalär von sage und schreibe 30 Schilling! Die Mutter konnte jetzt zwar mit einem Fixum rechnen, das aber zu kaum mehr reichte als zur Bestreitung der vitalsten Lebensbedürfnisse. Unsere Küche-Zimmerwohnung war nur mit dem Allernotwendigsten eingerichtet. Meine Schwester und ich schliefen bis in Volksschulalter hinein bei den Eltern, es gab kein Fließwasser, kein elektrisches Licht, kein Radio, keine Zeitung, kein Buch. Wir hatten wenig, aber vielen Leuten ging es noch schlechter. Politisch betätigte sich der Vater in dieser Zeit eher passiv bei den „Ostmärkischen Sturmscharen“ und bei der "Vaterländischen Front".

Das "Finis Austriae" für unsere Familie kam wie in der großen Politik am 12. März 1938, als ein paar Jungnazis mitten in der Nacht vom Vater die Herausgabe der Schlüssel zum Gemeindeamt verlangten. Es war für mich im buchstäblichsten Sinn ein Schlüsselerlebnis. Der Vater war nun arbeitslos. Das war schlimm, aber es hätte noch schlimmer kommen können. Man denunzierte ihn als Vierteljuden. Nach den Nürnberger Rassegesetzen des verbrecherischen NS-Regimes hätte das schwere Folgen nach sich ziehen können. Vater gelang es jedoch im Ahnenpass nachzuweisen, dass seine Mutter als uneheliches Findelkind in der Wiener Alservorstadt zur Welt kam und römisch-katholisch getauft wurde.

1938 gab es dann in meinem Leben eine entscheidende Weichenstellung. Ich wurde Internatsschüler in der neu eröffneten "Oberschule für Jungen" in der Bezirkshauptstadt Gmünd. Ein Jahr später brach Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Ich war vorläufig zu jung, um zur Schlachtbank geführt zu werden, der Vater wurde im Alter von 40 Jahren zur Deutschen Wehrmacht nach Brünn einberufen. Er absolvierte nach der Grundausbildung etliche Kurse und brachte es in verhältnismäßig kurzer Zeit im Verwaltungsdienst zum Oberzahlmeister, was dem Rang eines Oberleutnants entsprach. Nach Wien versetzt, leitete er eine Dienststelle und bewahrte so manchen Wehrmachtsangehörigen vor einem (neuerlichen) Fronteinsatz. Es war seine Form passiver Resistenz gegen das verhasste NS-Regime.

Eine neue Ära#

Gegen Kriegsende wurde beim Herannahen der Sowjetarmee die Dienststelle des Vaters in das Waldviertel verlegt. Er konnte am 9. Mai 1945 in seinen Heimatort zurückkehren. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals traf ich einen Tag später zu Hause ein. Ich war ab dem 1. August 1943 Luftwaffenhelfer gewesen, dann beim Reichsarbeitsdienst und zuletzt Panzergrenadier. Unfreiwillig. Es gab ein befreites Wiedersehen. Am gleichen Tag statteten die Russen dem Ort einen Antrittsbesuch ab.

Eine neue Zeit brach an, eine neue politische Ära. Der Vater nahm unter dem alten Bürgermeister seine Tätigkeit als Gemeindesekretär wieder auf, bekannte sich nun aber zum Missfallen einiger Ortsbewohner zur Sozialdemokratie. Zum jungen Mann herangereift, lernte ich jetzt seine intellektuellen und organisatorischen Fähigkeiten schätzen und seine menschlichen Schwächen verstehen.

In der schweren Nachkriegszeit gelang es dem Vater durch die Aufstellung einer von den Russen (vorübergehend) genehmigten Ortspolizei und mit Hilfe eines zugewanderten Studenten, der sich mit ihnen verständigen konnte, den Ort vor viel Unheil seitens der Besatzungsmacht zu bewahren. Der Einsatz blieb unbedankt. Seine politischen Gegner warteten nur auf eine Gelegenheit, ihn loszuwerden. Sie kam, als er sich zu einem Verstoß gegen das im November 1947 vom Parlament beschlossene Währungsschutzgesetz verleiten ließ. Nach einer anonymen Anzeige wurde er verhaftet, eingesperrt und zu einer mehrmonatigen Kerkerstrafe verurteilt.

Endgültig aus der Bahn geworfen, lebte er bis zu seinem Tod von einer kleinen Sozialrente, die er mit ein paar Gelegenheitsarbeiten aufbesserte, mit deren Ertrag er seinen riesigen täglichen Zigarettenkonsum bestritt.


Friedrich Weissensteiner


Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.


Wiener Zeitung, Mittwoch, 10. November 2010