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Der Schutzengel von der k.k. Behörde#

Wie ein Polizeiarzt in Neulerchenfeld nicht aufgab – und vier Leben rettete.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 14. November 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Alfred Schiemer


Sicherheitswesen im Raum Wien

In Zeitungen ging und geht manches unter. Auch im 19. Jahrhundert war das so. Zum Glück gab es damals ein gewisses Korrektiv: Seriöse Blätter wie die „Wiener Zeitung“ pflegten neben der großen Berichterstattung die kleinen Nachrichten, die in winzigen Lettern z.B. im Lokalteil Unterschlupf fanden.

Nicht anders verhielt es sich am 14. November 1878, als unter dem „WZ“- Kopf allerlei Vorrang-Berichte aus dem Reichs-Kriegsministerium bzw. von einem k. k. Landwehr-Infanteriebataillon prangten. In schönster Schriftgröße. Wer freilich die Augen zukniff und weiterblätterte, erfuhr anderes . . .

Als Anhängsel der Rubrik Kleine Chronik (die mit 13. November, dem Tag des Meldungseinlaufs, datiert war) erschienen mehrere Notizen, für deren Entzifferung sich eine Lupe empfahl. Eine Depesche stammte aus einem armen Vorort westlich von Wien:

Gestern um Mitternacht (= 12. November 1878) machte ein Sicherheitswachmann dem Polizeicommissariate in Ottakring die Anzeige, daß in einer Parterrewohnung in Neu-Lerchenfeld, Gärtnergasse (= nun Grundsteingasse) Nr. 65, mehrere Personen sich in (...) dem Erstickungstode nahen Zusstande befinden. Ein schnell alarmierter Polizei-Bezirksarzt fand die 26jährige Taglöhnerin Francisca Petrzik, deren beide Kinder so wie die Schlossersgattin Marie Benesch mit dem Tode ringend.

Dem Mediziner konnte nicht entgangen sein, dass für Rettungsversuche kaum Chancen bestanden – die halbe Nacht hindurch war Kohlenoxydgas aus einem schlecht ziehenden, da zu früh abgesperrten Ofen geströmt. Trotzdem kämpfte der beherzte Mann bis zur Erschöpfung um die ihm anvertrauten Rauchgas-Opfer. Und nach mehrstündiger Bemühung gelang es dem Arzte, die Unglücklichen ins Leben zurückzurufen. Alle vier überlebten!

Wahrscheinlich sah der Arzt nach dem Kräfte zehrenden Einsatz etwas ramponiert aus und war er sehr erschöpft. Doch hatte er seine Patienten glücklich dem Tod entrissen. Schöneren Lohn kann jemand, der den Eid des Hippokrates geschworen hat, nicht ernten.

Binnen Stunden wird wohl das ganze, ca. 20.000 Köpfe zählende Neulerchenfeld über jenen Schutzengel gesprochen haben, den eine k.k. Behörde entsandt hatte. Sein Name wird überall im Ort gefallen sein. Wir Menschen der Gegenwart aber wissen nicht, um wen es sich bei dem Lebensretter handelte – die Polizei teilte der Presse offensichtlich nichts Näheres über ihn mit.

Ein Blick auf das Sicherheitswesen im Raum Wien vor 130 Jahren lässt allerdings Vermutungen darüber zu, wer der Mediziner gewesen sein könnte. Dazu zwei klärende Vorbemerkungen: Das einst für seine zahlreichen Wirtshäuser bekannte Dorf Neulerchenfeld (heute nahe dem Gürtel liegender Teil des 16. Gemeindebezirkes) bildete 1878 noch eine eigene Gemeinde, das Gebiet unterstand jedoch bereits der k.k. Polizeidirektion in Wien. Bis 1881 fiel überdies der öffentliche Rettungsdienst ausschließlich in den Bereich der Polizei.

Fazit: Die Polizeikommissariate brauchten Rettungsärzte. Einige Bezirke der bis zum Linienwall (= etwa bis zum jetzigen Gürtel) reichenden Stadt Wien besaßen vollrangige Polizei-Bezirksärzte. Diese Bezeichnung gab man formell auch „ärztlichen Functionären“, die man nicht zuletzt in Außengemeinden einsetzte.

Für das Kommissariat Ottakring in der Hubergasse 5 – Rayon: die Ortschaften Neulerchenfeld, Ottakring, Hernals, Dornbach und Neuwaldegg – wirkten in den 1870er-Jahren zwei Männer auf dem Gebiet der Heilkunst.

Der eine von ihnen war der Doktor der Medizin und Chirurgie sowie Magister der Geburtshilfe Ludwig Pleyer. Adresse: Neulerchenfeld, Hauptstraße (nun: Neulerchenfelder Straße) 37. Lebensdaten: Nicht bekannt.

Der andere, namens Jacob Seitenberg, führte den Titel Patron der Chirurgie und Geburtshilfe. Er war in Ottakring, Hauptstraße (nun: Ottakringer Straße) 30, angesiedelt. Schon 1872 hatte man ihn für seine Tätigkeit als Ottakringer Gemeinderat geehrt und zu seinen Lebzeiten nach ihm im Ort eine Straße benannt, die bis heute so heißt. Er wurde 1814 geboren und starb 1887.

Nicht völlig auszuschließen ist, dass die Ottakringer Polizei beim Rauchgas-Unglück 1878 einen Einspringer im medizinischen Dienst einsetzte (etwa wegen Abwesenheit der „Functionäre“). Doch man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Arzt, der in prekärer Lage zwei Frauen und zwei Kinder vor dem Tod bewahrte, den Namen Pleyer oder Seitenberg trug.

Mehr weiß man nicht. Lokale Geschichte gibt ärgere Rätsel auf als die große Historie. Der Heimatforschung fehlen oft Unterlagen. Aber sie lässt uns Sorgen, Nöte und Freuden der Vorfahren spüren. Und bisweilen das, was den Menschen adelt: die Bezwingung des Leids.

Wiener Zeitung, Freitag, 14. November 2008