unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

"Ich brauche 1000 Gefallene"#

Ein Weltreich vom Brenner über den Suezkanal bis zum Indischen Ozean wollte Benito Mussolini schaffen. Geworden ist aus diesen Plänen nichts.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 23./24. Mai 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Rella


Benito Mussolini auf einem faschistischen Plakat
Der Duce auf einem faschistischen Plakat.
© Swim Ink 2, LLC/Corbis

Seit seiner Gründung im Jahr 1860 hat das Königreich Italien auf militärischem Gebiet nahezu nur Nicht-Erfolge errungen. Daran haben auch die massive Umbenennung öffentlicher Räume in "Siegesplätze" und die Errichtung monumentaler Triumphbögen (unter anderem in Bozen) nichts geändert. Inschriften mit den Namen großer Schlachten wie etwa am Pariser Arc de Triomphe sucht man an solchen Plätzen vergeblich. Und dennoch gelang es Italien, auch ohne glanzvolle Strategie und außergewöhnliche Tapferkeit vor dem Feind, ein Siegerimage aufzubauen und auch zu pflegen.

Das Rezept war eine Mischung aus opportunistischer Bündnispolitik, berechnetem Verrat und unverhältnismäßiger Aggressivität gegenüber schwächeren Gegnern. Die empfindlichen Niederlagen gegen die Österreicher bei Lissa (1866) und bei Caporetto/Karfreit (1917) wurden dank der Friedensdiktate von Wien und St. Germain ebenso in einen "Sieg" umgedeutet wie der kampflose Einmarsch italienischer Streitkräfte in Innsbruck und Triest 1918. Den Makel der gescheiterten Invasion in Abessinien (Schlacht von Adua 1896) wiederum wusste man in einem zweiten Angriffskrieg zu tilgen, in dem man den Widerstand der teils nur mit Speeren, Pfeil und Bogen bewaffneten Äthiopier 1936 mit Flugzeugen und Senfgas niederwalzte. Die Sanktionen des Völkerbundes sowie die Ächtung durch die früheren Verbündeten Frankreich und Großbritannien nahm Mussolini bewusst in Kauf. Immerhin hatte er dadurch einen neuen Freund gewonnen: Adolf Hitler.

Mussolini und Hitler#

Für den deutschen Reichskanzler freilich hatten die hochtrabenden Weltreichfantasien des Italieners keine Priorität. Er benötigte Mussolini vielmehr an einer anderen Front - in Österreich. "Duce, das werde ich Ihnen niemals vergessen", jubelte Hitler nach dem von Italien sanktionierten Anschluss 1938. Die Freude war aber verfrüht, geblendet vom Coup gegen den Ständestaat übersah der deutsche Diktator die Hypothek, die aus seiner Sicht ab nun die Achse Berlin-Rom belasten würde: politische Unzuverlässigkeit gepaart mit militärischer Inkompetenz.

Tatsächlich war es mit der Nibelungentreue Mussolinis nicht weit her. Kaum waren die Alliierten nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen 1939 gegen das Deutsche Reich in den Krieg eingetreten, war Italien einer der ersten Staaten, die sofort feierlich ihre Neutralität erklärten. Allerdings sollte der Duce diese Entscheidung bald bereuen. Voll Neid musste er zusehen, wie sein Bundesgenosse in Polen und Skandinavien von einem Sieg zum anderen eilte. Erst als die französische Armee im Sommer 1940 zerschlagen war und Großbritannien - angesichts der NS-Macht, die mit den wichtigsten Rohstoffen von Stalin versorgt wurde - auf verlorenem Posten stand, lenkte Mussolini ein.

Im festen Glauben, nun seinen Traum von der Beherrschung des Mittelmeeres und der Wiedererrichtung des alten Römischen Reiches risikolos verwirklichen zu können, erklärte er am 10. Juni den Alliierten den Krieg. "Im September ist alles vorüber", soll der Diktator laut Aussage des französischen Premierministers Paul Reynaud erklärt haben. "Ich brauche nichts anderes als ein paar 1000 Gefallene, um an der Friedenskonferenz als Kriegführender teilnehmen zu können."

Heftige Niederlagen#

Der Krieg sollte ihm diesen Gefallen tun. An die Erfolge der deutschen Wehrmacht konnte die italienische Armee, die noch dazu völlig unvorbereitet in den Waffengang gehetzt wurde, aber nie anschließen. Statt der erhofften Siegesmeldungen hagelte es an nahezu allen Kriegsschauplätzen, wo die Italiener 1940 losschlugen, heftige Niederlagen - und Mussolinis Feldzüge, die eigentlich zur Eroberung eines europäisch-afrikanischen Imperiums hätten führen sollen, endeten bereits nach wenigen Kilometern. Allein Hitler ließ seinen Bündnispartner vorerst gewähren, schließlich war es ja auch so ausgemacht: "Nördlich der Alpen führen wir Krieg, südlich davon die Italiener."

Tatsächlich war das Operationsgebiet, das die italienischen Streitkräfte fortan "südlich der Alpen" zu bedienen hatten, schier endlos. Überall lauerte plötzlich der Feind, allen voran in Afrika, wo Italien in Libyen und Ostafrika eine tausende Kilometer lange Grenze mit dem British Empire teilte. Frankreich stellte zum Zeitpunkt des Kriegseintritts freilich keine ernste Gefahr mehr dar, umso peinlicher geriet daher auch der italienische Erstschlag am 21. Juni gegen Nizza, der nach drei Tagen abgebrochen werden musste. Mussolinis Generäle hatten den fest entschlossenen Widerstand der französischen Alpenarmee, die den Angriff wie einen Dolchstoß in den Rücken empfand, schlichtweg unterschätzt. Anstatt wie erhofft bis Toulon vorzustoßen, blieb die Offensive in den Bergen hängen. Der Versuch, der Welt die Eroberung der strategisch wertlosen Küstenstadt Menton als "großen Sieg" zu verkaufen, scheiterte kläglich.

Nicht viel weiter kamen die Italiener auch am afrikanischen Kriegsschauplatz. Auch hier wurden die Vorstöße der Kolonialarmeen, die man von Libyen und Äthiopien aus in Richtung Nil in Marsch gesetzt hatte, wenige Kilometer nach der Grenze gestoppt. Dabei war der Blutzoll, den die Italiener etwa im Juli 1940 beim Angriff auf die sudanesischen Grenzorte Kassala und Gallabat zu entrichten hatten, mit mehr als hundert getöteten Soldaten - die Engländer verloren kaum ein Dutzend - sehr hoch, der strategische Nutzen der "Eroberungen" hingegen von keinem Wert. Dies gilt auch für die Einnahme der Stadt Berbera in Britisch-Somaliland. 5000 Mann Commonwealth-Truppen standen hier am 3. August 1940 einer Übermacht von 24.000 italienischen Soldaten gegenüber, dennoch benötigte der kommandierende General Guglielmo Nasi für den an sich wenig anspruchsvollen Feldzug ganze 16 Tage. Die Invasion kostete 465 Italienern das Leben, rund 1500 wurden verwundet. Die britischen Verteidiger (die Äthiopien noch 1941 erobern sollten) zählten wiederum 50 Gefallene. Ein Pyrrhussieg.

Krieg in Ägypten#

Dabei hatte der Oberbefehlshaber der nordafrikanischen Streitkräfte, Marschall Rudolfo Graziani, noch vor überhasteten Angriffen gewarnt. Als er Mussolini bei einer Lagebesprechung am 5. August 1940 im Palazzo Venezia darauf hinwies, dass ein Vormarsch durch die libysche Wüste nach Ägypten undurchführbar sei, wiegelte dieser ab. "Entweder landen die Deutschen in England, dann müssen wir nach Ägypten einmarschieren, sobald der erste deutsche Soldat englischen Boden betreten hat", dozierte der Duce. "Oder es kommt mit England zu Friedensverhandlungen, dann müssen wir noch schneller nach Ägypten einfallen, um es fürs Vaterland zu sichern. In dem einen wie im anderen Fall aber müssen wir in Ägypten einmarschieren, wenn wir einen Platz an dem Tisch für Friedensverhandlungen haben wollen."

Es ist bezeichnend, wie sehr Mussolini von der fixen Idee, nur ja nicht zu kurz zu kommen, gefesselt war. Den Preis für seinen Größenwahn mussten die Soldaten der Nordafrikaarmee bezahlen. Die Invasion im September blieb bei der ägyptischen Küstenstadt Sidi Barrani, rund 90 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt, im Wüstensand stecken. Dem englischen Gegenangriff, der hier am 10. Dezember 1940 auf die italienischen Stellungen hereinbrach, hatten die schlecht versorgten Verteidiger jedenfalls nichts entgegenzusetzen. Die von Graziani prophezeite Niederlage geriet sogar zur "totalen Katastrophe". Binnen drei Wochen waren die Italiener aus Ägypten, Anfang Februar 1941 aus der gesamten Cyrenaika vertrieben. Das ägyptische Abenteuer sollte nicht der letzte Fehlschlag des Duce sein. Anstatt sich, wie großspurig angekündigt, auf die britische Inselfestung Malta und ihre Kreuzer- und Bomberflotten zu konzentrieren, beging Mussolini im Oktober 1940 den wohl folgenreichsten Fehler in dieser ersten Kriegsphase: den Angriffskrieg gegen Griechenland. Als Vorwand für den Vorstoß, den er von Albanien aus - das Land war erst 1939 besetzt worden - gegen die griechischen Stellungen führen ließ, diente ihm ein Ultimatum, wonach die Athener Regierung eine britische Unabhängigkeitsgarantie hätte zurückweisen sollen. Viel Zeit für eine Reaktion ließ er den Griechen nicht; ohne das Ende des Ultimatums abzuwarten, fielen am 28. Oktober italienische Divisionen in Nordgriechenland ein.

Aber auch diese Attacke geriet trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Italiener - insgesamt standen hier 162.000 Italienern nur 75.000 Griechen gegenüber - bereits nach wenigen Kilometern ins Stocken. Der Plan, die griechischen Streitkräfte in Mazedonien und Thessalien von denen im Epirus abzuschneiden, scheiterte. Die dritte Alpini-Division, eine der besten in der Armee, wurde am 8. November im Pindos-Gebirge überraschend aufgerieben und die italienische Offensive über die Grenze zurückgeworfen. Mussolini wollte es nicht glauben. "Wir werden den Griechen das Rückgrat brechen und brauchen dazu von niemandem Hilfe", verkündete er trotzig. Am Vormarsch des Feindes konnte dies auch nichts mehr ändern. Anfang Dezember erreichte die griechische Armee die Städte Koritza und Saranda, im März 1941 war die Hälfte des albanischen Territoriums besetzt - und die Niederlage des Duce besiegelt.

Der paradoxe Erfolg#

Was den Italienern in einem Jahr nicht gelungen war, besorgte die deutsche Wehrmacht nun in nur drei Wochen. Dem Bündnispartner blieb bei den Angriffen, welche die Wehrmacht im Frühjahr 1941 gegen Jugoslawien und Griechenland sowie gegen Ägypten führte, nicht mehr als die Statistenrolle. Zwar beteiligten sich auch italienische Truppen mit kurzen Vorstößen an den Kriegshandlungen, die Siegeslorbeeren aber erntete Hitler.

Allein für die deutsche Kriegsführung sollten Mussolinis Experimente noch schwere Konsequenzen haben - und zwar in der Sowjetunion, wo der aufgrund des Balkanfeldzuges auf Juni verschobene Blitzkrieg im russischen Winter stecken blieb. Hätte die Wehrmacht im Osten wie geplant schon im April 1941 losschlagen können, wer weiß? Moskau wäre vermutlich noch im Spätherbst gefallen und die Geschichte hätte eine andere Wendung genommen. Insofern muss man dem Duce fast dankbar sein. Aus militärischer Perspektive mögen seine Fehler gravierend und peinlich gewesen sein, aus historischer Sicht retteten sie aber wahrscheinlich den Sowjets - und damit den übrigen Alliierten - den Kopf.

Christoph Rella, geboren 1979, ist promovierter Geschichtswissenschafter und arbeitet als Redakteur bei der "Wiener Zeitung".

Wiener Zeitung, Sa./So., 23./24. Mai 2015