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Im Blitztempo zum Weltkrieg#

Der US-Historiker Sean McMeekin analysiert die Julikrise 1914 - und zieht verblüffende Schlüsse.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 20. Mai 2014)

Von

Karl Leban


Zwei britische Soldaten mit Gasmasken bedienen ein MG
Vier Jahre Kriegshorror: Zwei britische Soldaten mit Gasmasken bedienen ein MG.
© Bettmann/Corbis

Gerade einmal etwas mehr als einen Monat dauerte es im Sommer 1914, und große Teile der Welt standen in Flammen. Wobei das Handeln von lediglich ein paar Dutzend Männern - Monarchen, Politikern, Diplomaten und Militärs - das Schicksal von Millionen Menschen bestimmte. Die Julikrise war der Countdown in den Ersten Weltkrieg. Zu diesem bis heute viel diskutierten Thema ist nun ein Buch erschienen, das mit seinen Deutungen und Schlussfolgerungen einigen Zündstoff liefern dürfte.

Sein Autor, der US-Historiker Sean McMeekin, beleuchtet darin die komplexen diplomatischen Ereignisse nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Streng chronologisch geht er dabei auf jeden einzelnen Tag der Krise ein. Aus einer Fülle von Quellen schöpfend, zeichnet er ein Bild, das auf erschütternde Weise dokumentiert, wie den handelnden Personen die Kontrolle über die Krise immer mehr entglitt - bis schließlich ein großflächiger Krieg zur Realität wurde, an dessen Ausbruch nachher keiner schuld sein wollte.

Provokante Thesen#

McMeekin ist ein brillanter Erzähler. Sein Buch liest sich wie ein Thriller und wäre wohl auch eine geeignete Vorlage für eine Verfilmung. Dem Leser wird die Julikrise "hautnah" geschildert - so, als würde er den Akteuren über die Schulter schauen, als diese in einem intensiven Wechselspiel aus Aktion und Reaktion den Grundstein für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts legten.

Die seit jeher heiß umstrittene Kriegsschuldfrage behandelt der Autor im Schlussteil seiner Publikation. Dabei überrascht er unter Bezug auf erstmals ausgewertete Quellen mit der provokanten These, dass Russland und das mit ihm verbündete Frankreich am kriegswilligsten waren.

Hingegen hätten die gegnerischen Mittelmächte, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, kein Interesse an einem großen europäischen Krieg gehabt. Nach dem Attentat sei die Donaumonarchie lediglich darauf aus gewesen, den Unruhestifter Serbien als permanenten Bedrohungsfaktor für ihre staatliche Integrität in einem lokal begrenzten Vergeltungskrieg auszuschalten. Dafür hatte sie mit einem "Blankoscheck" aus Berlin freie Hand - und Rückendeckung gegenüber Serbiens Schutzmacht Russland.

Aufmerksam macht McMeekin auch auf einen bisher wenig beachteten Aspekt: Das Zarenreich leitete als erster Staat Kriegsvorbereitungen ein - noch während Wien auf die Antwort Belgrads auf sein Ultimatum wartete. Die Franzosen wiederum hatten den Russen mit Blick auf das Geschehen am Balkan kurz zuvor den Rücken gestärkt, indem sie ihnen bedingungslose Bündnistreue geschworen hatten.

Mehr oder weniger schuld#

Dem Deutschen Reich die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges anzulasten, wie das noch vor Jahrzehnten bei Historikergrößen wie Fritz Fischer der Fall war, lehnt McMeekin ab. Die Deutschen mobilisierten ihre Armee erst nach Russland, Serbien, Österreich-Ungarn und Frankreich.

Zwar waren sie es, die Russland und Frankreich den Krieg erklärten. Doch diesem Schritt waren deren Mobilmachungen vorausgegangen, die Berlin als akute Bedrohung empfand. Für McMeekin fällt eine militärische Mobilmachung stärker ins Gewicht als eine Kriegserklärung.

Schuld am Ausbruch des Krieges hatten nach seiner Einschätzung freilich alle an der Krise beteiligten Staaten, wenn auch in jeweils unterschiedlichem Ausmaß. Auch Großbritannien, das als damalige Weltmacht Nummer eins diplomatische Unterlassungssünden begangen habe, die dazu beigetragen hätten, dass die Julikrise in einen Weltkrieg mündete.

Sachbuch

Juli 1914. Countdown in den Krieg. Sean McKeekin, Europa Verlag Berlin, 560 Seiten, 30,90EUR.

Wiener Zeitung, Dienstag, 20. Mai 2014