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Einer bleibt, der erzählend erinnert#

Varujan Vosganians erzählt in seinem Romanepos „Buch des Flüsterns“ das Schicksal des armenischen Volkes. In dem großflächigen Erinnerungspanorama berichtet er auch vom Völkermord durch das Osmanische Reich 1915. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 20. März 2014)

Von

Oliver vom Hove


Verfolgung und Flucht
Vertrieben. Verfolgung und Flucht prägten die Geschichte des armenischen Volkes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Foto: Genocide-Museum.am

„Sie waren eines Nachts mit den Kleidern geflohen, die sie an sich trugen, und hatten nur ein paar Bündel dabei, in denen sie in aller Eile ein paar leicht verkäufliche Dinge verstaut hatten. Das Gerücht hatte die Runde gemacht, am Hafen von Pera habe ein Schiff angelegt, das armenische Flüchtlinge an Bord nehme. Als er die Brücke hoch stieg, ging mein Urgroßvater inmitten der verstörten und verängstigten Menschenmenge in die Knie, dann fiel er, die beiden Mädchen an den Händen, vornüber zu Boden. Sie drehten ihn um, schlossen ihm die Augen und öffneten seine verkrampften Hände. Er war nicht der Einzige, der in dem damaligen Durcheinander vor Angst seine Seele ausgehaucht hat.“

Erinnerung an den Genozid 1915 #

Das Durcheinander, von dem Varujan Vosganian in seinem Romanepos „Buch des Flüsterns“ berichtet, war ein Völkermord, begangen 1915 vom Osmanischen Reich an der armenischen Minderheit. Franz Werfel hat darüber 1933 sein berührendes Buch geschrieben: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Der getaufte Jude Werfel hatte dem Massaker an Christen ein Mahnmal setzen wollen, zu Tode erschrocken über die in der Luft liegende Mordlust an Minderheiten, in der er die Gefährdung seines eigenen Volks erkannte.

Wie schrecklich recht er damit behalten hat, bestätigt der Erzähler Varujan Vosganian, der in Rumänien nicht nur Präsident der Vereinigung der Armenier ist, sondern auch (umstrittener) Finanz- und Wirtschaftsminister war, in seinem großflächigen Erinnerungspanorama jenes Genozids, dem insgesamt anderthalb Millionen Menschen seines Volkes zum Opfer fielen: „Alle zur Ermordung der Armenier auf den Wegen Anatoliens von Konstantinopel bis nach Deir-ez-Zor und Moszul benutzten Methoden wurden später von den Nazis gegen die Juden angewandt.“ Und Vosganian hält fest, was ähnlich auch für fast alle jüdischen Familien des 20. Jahrhunderts gelten muss: „Es gibt auf der ganzen Welt keine Armenierfamilie, aus der niemand, wie in einem Wirbel, in den Todeskreisen verschwunden ist.“ Selbst das Schuldgefühl, überlebt zu haben, eint verschonte Juden und Armenier.

Vosganians Roman fußt auf der Neugier des 1958 geborenen Erzählers, der vor einem halben Jahrhundert seinen Großvätern Garabet und Setrak bei ihren unerschöpflichen Geschichten zuhörte. Auf dem armenischen Friedhof in der rumänischen Provinzstadt Focsani belauschte er Großvater Garabet bei den geheimen Unterredungen mit seinen Landsleuten, in denen es um Flucht und Verfolgung, kurz: um das Schicksal des eigenen Volkes in der jüngeren Vergangenheit, aber auch in der kommunistischen Gegenwart ging. Bei ihren konspirativen Treffen in einer abhörsicheren Gruft wagten die Entkommenen nur zu flüstern.

Dieses angstvolle Flüstern war dem Knaben von Kindheit an vertraut: als akustische Welt der stets von Nachstellungen bedrohten Armenier in Rumänien. „Lasst ihn“, sagte der Großvater über den lauschenden Jungen. „Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein.“ So ist es gekommen: Nach Rumänien hatten sich die überlebenden Teile der Verwandt- und Bekanntschaft der Großfamilie Vosganian vor den Todeskommandos der Jungtürken gerettet. Ihre Geschichten übertreffen sich in unfreiwilligem Abenteuertum, und der Autor folgt ihren weit verästelten Spuren: „Im ‚Buch des Flüsterns‘ gibt es keine imaginären Personen“, schreibt er. „Schließlich haben alle in dieser Welt gelebt, an ihrem Ort und mit ihren eigenen Namen.“ Aus ihren Dörfern vertrieben, ihrer Güter beraubt, von Nachbarn verraten, aus Straflagern und anderen Todeszonen mit knapper Not entkommen, mussten die Überlebenden dankbar sein, nicht von Häschern erschossen oder massakriert worden zu sein. Bis heute wird aus den Mündern der offiziellen Vertreter der Türkei, allen voran des selbstherrlichen Premiers Erdogan, diese Geschichtsschuld glatt geleugnet.

Verfolgung und Flucht
Vertrieben. Verfolgung und Flucht prägten die Geschichte des armenischen Volkes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Foto: Wikimedia

Erinnerungsarbeit #

Albtraum und Wunder, Horror und Rettung lösen sich ab in den so phantastischen wie grausamen Geschichten. Die Dichte an Figuren, menschlichen Schicksalen, einander kreuzenden Lebenswegen ist schier unermesslich. Da ist etwa die berührende Erinnerung an Harutiun Khantirian, den armenischen Botschafter, der in den Zwanzigerjahren alle diplomatischen Eignungen für seine Aufgabe vorzuweisen hatte außer eben „jener, ein Land zu haben, das er hätte vertreten können.“ Da ist die tragische Figur des Flüchtlings Hartin Fringhian, der sich im Rumänien vor dem Kommunismus zum millionenschweren Zuckerkönig emporgearbeitet hatte, dann enteignet wurde, im Smoking in die Berge flüchtete, um fortan Schafe zu hüten und jedem, der ihm half, testamentarisch einen Anteil an seinem verschwundenen Vermögen zu vermachen. Und da ist der junge Anführer einer Securitate-Truppe, der den bäuerlichen Widerstand gegen die Zwangskollektivierung im Dorf Vadu Rosca mit blutiger Brutalität eigenhändig niedermetzelte. Sein Name: Nicolae Ceausescu.

Oft sind Bilderalben die einzigen Zeugnisse, die zu den in ihnen verborgenen Geschichten führen: „Da das zwanzigste Jahrhundert zu viele Leben allzu früh gekappt hat, gelang es den Leuten nicht immer, die Toten zuverlässig zu den Toten und die Lebenden zu den Lebenden zu rechnen. In diesem Jahrhundert hat der Tod die Menschen unverhofft ereilt und viel häufiger als jemals zuvor. Die Armenier, die in ihrem spärlich werdenden Kreis hockten, fügten immer dann, wenn einer von ihnen verschwunden war, an dessen Stelle ein Foto ein, damit der Kreis nicht vollends auseinanderfalle. Deshalb galt ihnen das Foto als eine Art Vorausahnung auf den Tod. Bilder waren für die Armenier jener Zeit wie ein Testament oder eine Lebensversicherung.“

Wo Politik und Gerichte bei der Sühne für erlittenes Unrecht versagen, da vermag die Literatur zumindest die Erinnerung daran aufrecht zu halten. Vosganians Epos errichtet mit der Macht großer Erzählkunst dem Schicksal des armenischen Volks ein Denkmal, das seine Geschichte und Geschichten in all ihrer so dramatischen wie tragischen Größe unübersehbar macht. Wenn es einen Bewahrungsort für das kollektive Gedächtnis der Armenier braucht: hier hat er sein Grundbuch gefunden.

Bild 'Buch-d-Flüsterns'


Buch des Flüsterns
Von Varujan Vosganian
aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Zsolnay 2013.
510 Seiten, gebunden, 26,80 EUR

DIE FURCHE, Donnerstag, 20. März 2014