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Wie Samuel zu Siegfried wurde#

Selbst vor dem Buchstabieren machten die Nationalsozialisten nicht halt.#


Von

Wolfgang Zaunbauer


"Siegfried - Anton - Nordpol -Siegfried - Ida - Berta - Anton - Richard". So wird landläufig der Couleurname des Autors buchstabiert. Fast jeder musste - meist am Telefon - einen Namen auf diese Weise buchstabieren. Dass diese Aneinanderreihung von Namen mehr als ein Relikt des Nationalsozialismus enthält, dürfte den Wenigsten bekannt sein.
Kaum war das Telefon erfunden (1876 von Graham Bell, wobei der Einfachheit halber frühere Entwicklungen nicht berücksichtigt werden), begannen die Probleme mit der Verständlichmachung vor allem von Namen. Dass es zum Beispiel allein vom Familiennamen "Maier" mindestens 14 (!) verschiedene Schreibweisen gibt, die gesprochen alle gleich klingen, macht deutlich, wie wichtig es ist, ein Wort eindeutig buchstabieren zu können. Da sich schon bald zeigte, dass das normale Buchstabieren nicht geeignet war, Unklarheiten zu vermeiden (ein "H" wird schnell zu einem "A"), wurde schon 1890 im Berliner Telefonbuch die erste deutsche Buchstabiertafel abgedruckt.

In dieser ersten Buchstabiertafel wurden den Buchstaben einfach Zahlen zugeordnet, entsprechend ihrer Stelle im Alphabet (A=l, B=2, C=3). "Sansibar" wäre dann also "18-1-13-18-9-2-1-17". Der Buchstabe "J" war in dieser Zahlen-Buchstabiertafel nicht enthalten. Auch nicht in der ersten Namen-Buchstabiertafel, die 1903 eingeführt wurde. Laut dieser 1903er Tafel wurde "Sansibar" folgendermaßen buchstabiert:"Samuel - Albert - Nathan - Samuel -Isidor - Bertha - Albert - Richard".

Die Auswahl der Namen unterscheidet sich deutlich von der heute gebräuchlichen. Abgesehen von wenigen Änderungen - Citrone wurde zu Cäsar, Bertha zu Berta und dann zu Bernhard - hielt sich die 1903er Tafel 30 Jahre lang.

NS-Änderungen#

Erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das deutsche Telefonalphabet grundlegend verändert. Es war im März 1933, nur wenige Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, als ein offensichtlich besonders engagierter Parteigänger aus Rostock Namens Schliemann folgende Zeilen an sein Postamt schrieb:

"In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, daß sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgäbe des Telefonbuchs meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen."

Und tatsächlich, schon am 22. April 1933 veröffentlichte die Oberpostdirektion die ersten Änderungsvorschläge: Die jüdischen Namen David, Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias sollten durch die deutschen Dora, Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt werden. In ihrer Änderungswut gingen die braunen Postbeamten sogar so weit, selbst urdeutsche Namen zu ändern: Albert wurde zu Anton, Bernhard zu Bruno, Theodor zu Toni. Und wenn sie schon dabei waren, machten sie aus der Änderung Ärger (welch Ironie), Friedrich und Heinrich wurden zu Fritz und Heinz, Katharina, die erst 1926 Karl abgelöst hatte, zum Kurfürsten, der Ökonom zur Öse, der Überfluss zum Übel und das Ypsilon zu Ypern, wo die deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg erstmals Giftgas eingesetzt hatten.

Insgesamt wurden in der nationalsozialistischen Buchstabiertabelle, die im Telefonbuch von 1934 erstmals abgedruckt wurde, mehr als die Hälfte der Buchstaben verändert. Diese Änderung blieb natürlich nicht ohne Reaktionen. So beschwerte sich etwa der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete und Reichsstatthalter von Hessen, Jakob Sprenger (1884-1945), über diese radikale Reform und bekam folgende Antwort des Oberpostdirektors von Berlin:

"Sehr geehrter Herr Reichsstatthalter! Die Anregungen, die Buchstabiertafel für den Inlandverkehr von allen biblischen Namen zu reinigen, sind nicht nur von meiner Dienststelle, sondern daneben auch vom Publikum ausgegangen. Auch heute noch gehen Änderungsvorschläge ein, welche die lebhafte Anteilnahme des Publikums an einer Änderung der Buchstabiertafel zeigen."

Nach dem Ende der NS-Herrschaft wurde das Telefonalphabet "entnazifiziert" und die Änderungen teilweise rückgängig gemacht. Aber eben nur teilweise. In Deutschland wurden immerhin zwei der ursprünglich fünf jüdischen Namen rehabilitiert: Samuel und Zacharias. Dieses Glück hatten David, Jakob und Nathan nicht. Während sich Dora und Nordpol bis heute halten konnten, wurde das nationalsozialistische Jot zu Julius. Ein Comeback feierten Berta, Friedrich, Heinrich, Ypsilon und Ökonom. Neu in der deutschen Buchstabiertafel, die unter der Kennziffer DIN 5009 normiert ist, sind der Kaufmann und der Übermut. Soweit zu Deutschland.

In Österreich sieht die Sache wieder ganz anders aus. Die hierzulande gültige, in der ÖNORM A 1081 "Richtlinien für das Phonodiktat" festgelegte Buchstabiertafel unterscheidet sich von der bundesdeutschen in nicht weniger als sieben Fällen. "K" wurde zu "Konrad", "Ö" - natürlich - zu "Österreich", Xanthippe zu Xaver und das deutsche "Eszett" heißt hierzulande "scharfes S". Doch was viel interessanter ist: In Österreich wurde nicht ein einziger biblischer Name wiederbelebt.

Und - als ob es ein Zeichen wäre - selbst das nationalsozialistische "Übel" hat überlebt.

Der Autor Mag. Wolfgang Zaunbauer (Kb) ist Mitarbeiter der ACADEMIA.

Aus der "Academia" Mai 2007#

Bild 'Diem_alphabet'

Bild 'Diem_international'



Höchstinteressant und extrem informativ.....

--Glaubauf Karl, Sonntag, 15. August 2010, 11:33