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Dem Gewissen treu bis zum Tod#

Der Vorarlberger Carl Lampert war der aus Sicht der Nazis "gefährlichste Mann" im österreichischen Klerus#

Seligsprechung am 13. November, genau 67 Jahre nach der Hinrichtung#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 9. November 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Carl Lampert mit Pfeife in Rom
Carl Lampert mit Pfeife in Rom.
© Archiv der Diözese Feldkirch

Wien. Am 13. November 1944 um 16 Uhr endete das Leben des österreichischen Priesters Carl Lampert im Zuchthaus "Roter Ochse" in Halle an der Saale durch das Fallbeil. 67 Jahre später beginnt um 15.30 Uhr in Dornbirn die Seligsprechungsfeier für den gebürtigen Vorarlberger. Gleichzeitig wird auch an der Hinrichtungsstätte in Halle Lamperts und zehn anderer dortiger NS-Opfer jenes Tages gedacht.

Die Liturgie in der Pfarrkirche St. Martin in Dornbirn, wo Lampert von 1918 bis 1930 als Kaplan arbeitete, wird in Vertretung von Papst Benedikt XVI. der Präfekt der vatikanischen Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen, Kardinal Angelo Amato, leiten. Zur Seligsprechung werden mehr als 31 Bischöfe oder bischöfliche Vertreter aus dem In- und Ausland erwartet. Engere Konzelebranten von Amato sind der Feldkircher Bischof Elmar Fischer und der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer, der auch predigen wird.

Carl Lampert war das höchstrangige NS-Opfer im österreichischen Klerus und dort aus Sicht der Nazis der "gefährlichste Mann". Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher gibt im neuen Buch über Lampert "Hätte ich nicht eine innere Kraft. . ." einen Einblick, wie eingeschränkt in Österreich die Arbeit der Kirche in der NS-Zeit war: "Wenn ein Kaplan mit mehr als drei Jugendlichen einen Ausflug machte, war dies ,illegale Gruppenbildung und er landete vor der Gestapo. Dort gab es kein Gesetz, kein Recht, keinen Rechtsanwalt, keinen Prozess, keinen Richter. Die Gestapo konnte nach Willkür mit den Menschen umgehen. Die Schicksale wurden einfach beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin in eine Schreibmaschine getippt. Und man konnte in den KZ verschwinden, unter Umständen mit dem Vermerk ,RU, d.h. ,Rückkehr unerwünscht."

In Deutschland, so Stecher, seien kirchliche Strukturen eher respektiert worden, nicht so in Österreich: "Man scheute hier nur vor der Verhaftung von Bischöfen zurück; dafür mussten die Generalvikare und Provikare herhalten - und damit war das Schicksal Provikar Lamperts besiegelt."

Einsatz für Otto Neururer#

Lampert, am 9. Jänner 1894 in Göfis geboren, maturierte 1914 am Feldkircher Gymnasium und empfing 1918 in Brixen die Priesterweihe. Nach seinen Kaplansjahren in Dornbirn und einigen Jahren in Rom, wo er 1932 das Doktorat für Kirchenrecht erwarb, arbeitete er ab 1935 als Kirchenjurist in Innsbruck. 1939 wurde er Provikar und damit Stellvertreter des von den Nazis nicht anerkannten Bischofs Paul Rusch für den Tiroler Teil der Administratur Innsbruck-Feldkirch. Er verteidigte mutig die Rechte der Kirche gegenüber NS-Gauleiter Franz Hofer, der Tirol zum ersten "klösterfreien Gau" machen wollte. Das trug ihm mehrfach Gestapo-Haft ein. Zum brutal verfolgten Feindbild der Nazis wurde Lampert schließlich durch sein Handeln nach der grausamen Ermordung des Tiroler Pfarrers Otto Neururer (1996 seliggesprochen) im KZ Buchenwald. Lampert feierte einen Trauergottesdienst für Neururer und verantwortete die Todesanzeige, aus der man herauslesen konnte, dass Neururer in einem KZ zu Tode gefoltert worden war.

Nach längeren qualvollen Aufenthalten in den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenburg-Oranienburg sowie in Gefängnissen wurde Lampert freigelassen, aber "gauverwiesen" und nach Stettin an der Ostsee verbannt. Dort machte sich ein Gestapo-Spitzel an ihn heran, mit dessen Aussagen die Gestapo Lampert der Spionage bezichtigte und ihm schließlich weitere damals gravierende Vergehen vorwarf (Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft, Abhören ausländischer Sender). Im Dezember 1943 wurde Lampert zum ersten Mal zum Tode verurteilt, im September 1944 ein zweites Mal. Nach der Vollstreckung des Urteils wurde der Leichnam eingeäschert und in Halle beigesetzt, nach dem Krieg transferierte man die Urne zunächst nach Innsbruck und dann nach Göfis.

Wie Karl zum Carl wurde#

Der Aufnahme Lamperts unter die rund 100 katholischen Heiligen und Seligen aus Österreich ging ein 1998 in der Diözese Feldkirch eingeleiteter Seligsprechungsprozess voran. Am 27. Juni 2011 bestätigte Papst Benedikt XVI. das Martyrium und ließ das entsprechende Dekret durch die zuständige Kongregation in Rom veröffentlichen. Die Seligsprechungsmesse am 13. November wird von ORF III live übertragen. Ab diesem Tag darf in Österreich neben dem Seligen Karl (dem letzten Kaiser) auch der Selige Carl verehrt werden. Was viele nicht wissen: Lampert änderte seinen ursprünglich mit K geschriebenen Vornamen während seiner Studienzeit in Brixen auf Carl, nachdem ihn Kommilitonen wegen seiner gepflegten Kleidung "Carlo bello" tituliert hatten.

Von dem nicht nur als klug und mutig, sondern auch als humorvoll und tiefgläubig bekannten neuen Seligen sind berührende Briefe erhalten. Das Andenken an ihn wird nicht nur im westlichen Österreich, sondern auch an den Stätten seines Leidens, insbesondere in Halle und Stettin besonders wachgehalten.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 9. November 2011