unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

"Venezianischer Feigling"#

Im Jahre 1766 war Giacomo Casanova der "Wiener Zeitung" eine Meldung wert: Der illustre Frauenheld hatte sich in Polen ein Duell mit einem Großmarschall geliefert.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014)

Von

Andreas P. Pittler


Giacomo Casanova
Giacomo Casanova, porträtiert von seinem Bruder, Francesco Casanova, in den Jahren zwischen 1750 und 1755.
Abbildung: Wikipedia

Giacomo Casanova gilt auch heute noch als ein Mann der Superlative. Die Legende berichtet, er habe mit über 1000 Frauen Sex gehabt, wenngleich er selbst in seinen Memoiren "nur" 132 Frauen aufzählt, was wohl beweist, dass die "stille Post" schon im 18. Jahrhundert perfekt funktionierte. Und es heißt von ihm, dass er so viel reiste, dass er quasi zweimal den Erdball umrundet hätte.

Mag auch diese zweite Behauptung übertrieben sein, so steht es außer Zweifel, dass der Mann viel herumgekommen ist. Seine Flucht aus den Bleikammern von Venedig hatte ihn berühmt gemacht, und als er sich 1759 selbst einen Adelstitel verlieh (wobei er in seinen Memoiren zugibt, das Prädikat "Seingalt" sei ihm einfach so eingefallen), der erstaunlicherweise alsbald überall als wahr angenommen wurde, öffneten sich ihm selbst die Türen der höchstherrschaftlichen Häuser.

So stattet er im Sommer 1764 König Friedrich II. von Preußen einen Besuch ab, der offenbar von ihm beeindruckt ist und ihm einen Posten bei Hofe anbietet. Casanova ist begeistert - bis er erfährt, dass es sich bei dem Job um eine Erzieherstelle für angehende Rekruten handelt. Der karge Kommiss der preußischen Kasernen ist nichts für den Lebemann, und so empfiehlt er sich eiligst, um sein Glück bei Zarin Katharina zu versuchen.

Gedankenaustausch mit der Zarin#

In Petersburg muss er freilich wie ein Fan heutiger Stars agieren. Tag für Tag macht er sich zu den kaiserlichen Gärten auf, in der Hoffnung, auf diese Weise der Zarin aufzufallen. Schließlich hat er Glück, und Katharina spricht den langen Fremden tatsächlich während eines Rundgangs an. Und es wäre nicht Casanova, wenn er diesen kurzen Smalltalk nicht zu einem Gedankenaustausch auf höchstem Niveau stilisiert hätte.

Er weiß, was er sich und seinen Lesern schuldig ist. Und doch scheint Katharina weit weniger von ihm begeistert gewesen zu sein, als er es wohl wünschte. Eine Einladung an den Hof bleibt aus, und, was ihn vielleicht noch tiefer treffen mochte, die keineswegs als Kostverächterin bekannte Kaiserin findet den Inbegriff des "Latin Lover" alt und unattraktiv. Erneut enttäuscht bricht Casanova wieder auf. Vielleicht weiß man seine Gegenwart ja in Warschau zu schätzen.

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung#

Dort residiert seit knapp zwei Jahren Stanislaus August Poniatowski als polnischer König von russischen Gnaden. Der alte polnische Adel ist mit dieser Entwicklung ganz und gar nicht einverstanden, weshalb sich der König über jeden freut, der ihm freundlich begegnet. Als er erfährt, dass der berühmte Casanova, der von Petersburg über Riga und Königsberg nach Polen gereist ist, sich in Warschau befindet, lässt er ihn umgehend zu einem Abendessen einladen.

Die Casanova-Meldung im 'Wienerischen Diarium' vom 9. 4. 1766
Die Casanova-Meldung im "Wienerischen Diarium" vom 9. 4. 1766.
© Wiener Zeitung
Nach dem gemeinsamen Mahl schlägt der König vor, Casanova möge ihn ins Theater begleiten. Der Wunsch der Majestät ist dem Venezianer Befehl, und so befinden sich die beiden alsbald in der königlichen Loge. Dort freilich tappt Casanova arglos in eine Falle. Die Warschauer feine Gesellschaft ist nämlich, was die Bühnenkunst anbelangt, in zwei Lager gespalten. Die einen befinden, Anna Binetti sei das Beste, was die Bretter, welche die Welt bedeuten, zu bieten haben. Die anderen jedoch erwärmen sich stattdessen für Binettis Erzrivalin Teresa Casacci, und der unvoreingenommene Casanova nimmt, befragt, für die zweite Dame Partei.

Für gewöhnlich war Casanova ein gut informierter Mann, der stets wusste, aus welcher Richtung der Wind wehte. Diesmal aber vertraut er seinem Bauchgefühl, und dieses erweist sich als verhängnisvoll. Die Binetti ist nämlich die Mätresse des Großmarschalls von Polen und wittert ob Casanovas Aussage Hochverrat. Sofort veranlasst sie ihren Geliebten, den Grafen Xaver Branicki, diese unverzeihliche Beleidigung zu rächen.

Der Großmarschall baut sich also vor der versammelten hohen Gästeschar auf und heißt Casanova für alle hörbar einen "venezianischen Feigling". Dem so Verunglimpften bleibt nach den Regeln der vorrevolutionären Gesellschaft nichts anderes übrig, als Branicki zum Duell zu fordern. Und so begegnen sich die beiden im Morgengrauen wieder.

Branicki ist als guter Schütze bekannt, doch Casanova, der Mann des Wortes, weiß, wie er sein Visavis verunsichern kann. Leichthin meint er, er werde auf den Kopf des Kontrahenten zielen. Dieser, tatsächlich nervös geworden, streift Casanova nur leicht am Arm, während die Kugel des Italieners im Bauch des polnischen Großmarschalls landet. Der Skandal ist perfekt.

Flucht mit Anekdote im Gepäck#

Branicki, ganz Pole, weiß, was er der Nachwelt schuldig ist. Ins Gras gesunken, stöhnt er pathetisch: "Sie haben mich getötet. Retten Sie sich, sonst verlieren Sie Ihren Kopf auf dem Schafott. Fliehen Sie sogleich, und wenn Sie kein Geld haben, so nehmen Sie hier meine Börse." Noblesse oblige sozusagen.

Tatsächlich ist der König über die Entwicklung ganz und gar nicht entzückt. In kühlen Worten lässt er Casanova ausrichten, es wäre besser für ihn, wenn er schleunigst das Weite suchte. Casanova freilich würde dem Wunsche nur zu gerne nachkommen, wenn da nicht die zahlreichen Gläubiger wären, die darauf warten, von dem Italiener bezahlt zu werden. Poniatowski greift also flugs in die eigene Tasche, bloß, um den lästig gewordenen Italiener endlich außer Landes zu wissen. Casanova enteilt Richtung deutsche Lande und hat eine gute Anekdote mehr im Gepäck.

Tatsächlich macht die Geschichte schnell die Runde. Und so lässt sich schließlich auch das "Wienerische Diarium" (wie die "Wiener Zeitung" damals hieß), seit über sechs Jahrzehnten das führende Presseerzeugnis des Kontinents, dazu herbei, über Casanova zu berichten. Freilich weiß das Blatt, was seine Leser von ihm erwarten, denn für gewöhnlich finden sich in den Spalten der Zeitung nur allerhöchste Meldungen von fremden Königshöfen und allenfalls noch diplomatische Noten, welche der Kaiserhof zu Wien mit der Pforte oder dem Heiligen Stuhl auszutauschen beliebt. Eine Sensationsnachricht wie die über ein Duell im fernen Warschau will daher in die richtigen Worte eingepackt sein, um sie als mitteilenswert zu rechtfertigen.

Aus der Sicht der "Wiener Zeitung"#

"An dem Tage", so beginnt der Bericht im "Wienerischen Diarium" vom 9. April 1766, "da der Zweikampf zwischen dem Grafen Branicki und dem italienischen Kavalier Casanova vorgefallen", habe seine Majestät der König von Polen geruht, den Herrn Kurinski zu "dero Stallmeister" zu ernennen. Die Zeitung weiß zudem, dass Stanislaus II. sich um seinen Großmarschall sorgt: "Der König selbst besuchet den Grafen Branicki, welcher im Palais des Kron-Kammerherrn bisher noch nicht außer Gefahr ist, öfters in höchster Person".

Und da eine Qualitätszeitung sich nicht in derartigen Society-Zeilen verlieren darf, folgt der entscheidende Satz des Artikels unmittelbar im Anschluss: "Das Schloss Ujasdow wird fleißig repariert, und dabei viele neue Werke angelegt. Da seine Majestät nach Ostern daselbst zu residieren gesonnen sind, so arbeiten täglich über 200 Leute daran, um solches gegen diese Zeit in gehörigen Stand zu setzen."

Eingebettet hat die Redaktion diese Geschichte übrigens zwischen einem Artikel über das Fest aus Anlass des 25. Geburtstags Kaiser Joseph II. und einer Depesche des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel an den Reichstag zu Regensburg. Casanova konnte also trotz allem stolz auf sich sein. Er war endgültig in der feinsten Gesellschaft angekommen und dort aufgenommen worden. Nicht zuletzt dank der "Wiener Zeitung".

Andreas P. Pittler, geboren 1964, studierte Geschichte und Germanistik und lebt als Parlamentsmitarbeiter und Schriftsteller in Wien. Bekannt geworden ist er vor allem mit seinen historischen Kriminalromanen rund um den Ermittler David Bron-stein. Zuletzt erschienen ist "Charascho" (Verlag EchoMedia, Wien 2014)

Wiener Zeitung, Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014