unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Die Kapitulation im Zeitraffer: "Wir weichen der Gewalt"#

Der 11. März 1938 ist ein Schicksalstag, der an Dramatik nicht zu überbieten ist. Am Abend standen Hitlers Truppen an der Grenze, bereit zum Einmarsch.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Presse (Freitag, 8. März 2013)

Von

Hans-Werner Scheidl


"Gott schütze Österreich!": Ein in inzwischen geflügeltes Wort, das in einer dunklen Stunde der österreichischen Geschichte gesagt wurde.

Vor 75 Jahren, am 11. März 1938 um 19.47 Uhr stand Österreichs christlichsozialer Bundeskanzler Kurt Schuschnigg im Ecksalon am Ballhausplatz vor dem Radio-Mikrofon und verkündete seinen Rücktritt. Die Nazi-Zermürbungstaktik hatte gewirkt, Österreich fiel ohne einen einzigen Schuss an Adolf Hitlers Deutsches Reich. Der 11. März: Ein Schicksalsdatum, ein Tag, wie er an Dramatik nicht zu überbieten ist. Hier ein Zeitraffer:

2.00 Uhr: Das deutsche Oberkommando der Wehrmacht hat die „Weisung Nr. 1" zum Einmarsch („Unternehmen Otto") in Österreich für Hitler unterschriftsreif.

5.30: Bundeskanzler Schuschnigg wird telefonisch geweckt: Die österreichisch-deutsche Grenze sei dicht gemacht worden, deutsche Truppen stünden an den Grenze.

6.00: Schuschnigg sucht vergeblich Arthur Seyß-Inquart, seinen Innenminister und Verbindungsmann zu den Nationalsozialisten. Bundesheertruppen werden aus dem Raum Wien in die Steiermark verlegt.

9.00: Guido Zernatto, Generalsekretär der „Vaterländischen Front", berät mit dem Kanzler.

9.00: Seyß-Inquart holt Minister Glaise-Horstenau, ebenfalls NSDAP, auf dem Flugfeld Aspern ab. Glaise war in Berlin und überbringt Hitlers Ultimatum, die von Schuschnigg für 13. März geplante Volksabstimmung für ein freies souveränes Österreich sofort abzusagen.

10.00: Seyß überreicht dem Kanzler das Ultimatum aus Berlin.

10.00: Eine Kundmachung übers Radio: Österreichische Reservisten des Jahrgangs 1915 werden zu einer Waffenübung einberufen. Sie sollen am Volksabstimmungstag Ruhe und Ordnung sichern.

11.30: Treffen der Wr. NS-Landesleitung.

Mittags: Die illegalen Gewerkschafter verhandeln erstmals mit der Regierung.

12.40: Weisung an das Bundesheer, zur Beobachtung bis an die deutsche Grenze vorzurücken.

13.00: Seyß berät mit Bundespräsident Wilhelm Miklas das Berliner Ultimatum.

13.00: Seyß und Glaise verlangen apodiktisch die Verschiebung der Volksbefragung, den sofortigen Rücktritt Schuschniggs und die Ernennung von Seyß-Inquart zum Bundeskanzler.

Ab 13.00: Die österreichische Bundesregierung lässt in Paris, London und Rom sondieren, aber es besteht keinerlei Hoffnung auf Unterstützung.

14.00: Hitler unterschreibt den Befehl zum Einmarsch in Österreich.

14.00: Schuschnigg beauftragt schließlich Zernatto, die geplante Volksbefragung abzusagen.

14.45: Jetzt greift in Berlin der Zweite Mann des Regimes, Reichstagspräsident Feldmarschall Hermann Göring, zum Hörer. Er will von Seyß-Inquart in Wien wissen: „Wie steht es bei Ihnen? Sind Sie zurückgetreten, oder haben Sie was Neues zu melden?" Seyß: „Der Kanzler hat die Wahlen für Sonntag aufgehoben und dadurch uns in eine schwierige Lage versetzt. Neben der Aufhebung der Wahl werden auch umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen angeordnet, u.a. Ausgehverbot nach 8 Uhr abends." - Göring: „Ich werde Ihnen in kürzester Zeit Bescheid sagen. Ich sehe in der Aufhebung der Abstimmung nur eine Verschiebung, aber keine Änderung des gegenwärtigen Zustands, der durch das Verhalten Schuschniggs infolge seines Bruchs des Berchtesgadener Abkommens herbeigeführt wurde." Daraufhin sucht Göring Hitler auf.

15.00: In Deutschland wird die Weisung Hitlers zum Einmarsch der Wehrmacht mitgeteilt.

15.05: Wieder ist Göring am Apparat. Zu Seyß: „. . . Es wird gefordert, dass die nationalen Minister (Seyß und Glaise) sofort dem Bundeskanzler ihre Demission einreichen und von ihm verlangen, dass er ebenfalls zurücktrete. Falls nicht innerhalb spätesten eines Stunde Bescheid von Ihnen hier eingetroffen ist, wird angenommen, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, zu telefonieren. Das würde bedeuten, dass Sie Ihre Demission eingereicht haben. Ich fordere Sie weiters auf, das verabredete Telegramm dann an den Führer zu schicken. Selbstverständlich kann mit der Demission Schuschniggs nur Ihre unverzügliche Beauftragung mit der Neubildung des Kabinetts durch den Bundespräsidenten erfolgen."

15.10: Seyß-Inquart berichtet Schuschnigg über das Telefonat und meint resignierend: „Fragen Sie mich nicht. Ich bin nichts als ein historisches Telefonfräulein. . ."

15.15: Schuschnigg ist bei Miklas. Er bietet seinen Rücktritt an, dieser lehnt ab.

15.30: Miklas berät sich mit den (christlichsozialen) Wiener Bürgermeister Schmitz und mit Ex-Kanzler Otto Ender, dem er die Kanzlerschaft anvertrauen würde.

15.40: Neuerlich bietet Schuschnigg dem Bundespräsidenten seinen Rücktritt an. Jetzt akzeptiert Miklas, weigert sich aber, Seyß-Inquart zu ernennen.

15.55: Seyß ruft in seiner Verzweiflung Göring an: „Schuschnigg hat sich zum Bundespräsidenten begeben, um seine und die Demission des gesamten Kabinetts einzureichen." Göring: „Ist damit auch der Auftrag zur Kabinettsbildung an Sie sichergestellt?" „Hierüber werde ich spätestens bis 17 Uhr 30 Bescheid geben können." „Ich erkläre kategorisch, dass dies außer der Demission Schuschniggs eine unumstößliche Forderung bedeutet!"

16.00: Seyß, Zernatto und Schuschnigg beraten. Das Ergebnis: Seyß-Inquart soll Bundeskanzler werden, um Hitler keinen Anlass zum Einmarsch zu bieten.

16.10: Seyß will die Dinge lieber „auf sich zukommen lassen" und verlässt das Kanzleramt.

17.00: Der Wiener Naziführer mit dem einprägsamen Namen Odilo Globocnik - er wird später ein Terror-Regime in Polen errichten und 1945 Selbstmord begehen - ruft Göring in Berlin an: „Ich muss folgendes melden: Seyß-Inquart hat mit dem Bundeskanzler bis 16 Uhr 30 gesprochen. Dieser erklärt sich nicht in der Lage, das Kabinett bis 17 Uhr 30 aufzulösen, weil das technisch nicht gehe." Göring: „Bis 19 Uhr 30 muss das neue Kabinett gebildet sein samt den verschiedenen Maßnahmen. Ist der Seyß-Inquart da?"

Globocnik: „Der ist eben nicht da. Er verhandelt. Drum hat er mich hergeschickt, das zu telefonieren."

„Also, was lässt er sagen? Genau wiederholen!"

„Er lässt sagen, dass er nicht in der Lage ist . . ."

„Was lässt er dann überhaupt sagen??"

„Er lässt sagen, dass er Bedenken hat, dass die Parteiformationen, die draußen sind, jetzt schon hereinkommen."

„Das ist alles nicht die Rede! Ich will wissen, was los ist. Hat er Ihnen gesagt, dass es Bundeskanzler ist?" Globocnik (offensichtlich falsch informiert): „Jawohl!"

„Ist ihm die Macht übertragen worden?"

„Jawohl!"

„Jawohl! Weiter! Bis wann kann er das Kabinett bilden?"

„Das Kabinett kann er bis 21 Uhr 18 vielleicht . . ."

„Das Kabinett muss bis 19 Uhr 30 gebildet sein!"

„. . .bis 19 Uhr 30! . . . Weiter habe ich zu berichten: Die SA und SS sind bereits als Hilfspolizei eingeteilt worden."

„Es muss auch die Forderung gestellt werden, dass die Partei sofort erlaubt wird."

„Jawohl! Das geht in Ordnung!"

„Geht in Ordnung! Mit allen ihren Gliederungen, SA, SS, HJ?"

„Jawohl, Herr Generalfeldmarschall! Nur das eine bitten wir, dass die Formationen, die in der Emigration sind, vorläufig noch nicht hereinkommen!"

„Die werden erst in den nächsten Tagen kommen."

„Ja, er meint, nach vollzogener Abstimmung dann. . ."

„Nein, nein! Was wollt ihr denn für'ne Abstimmung machen?"

„Ja, er meint, dass das Programm, das dann vorliegt, von Hitler durchgeführt wird."

„Ja, einen Moment . . . Wegen der Abstimmung . . . Da kommen noch besondere Sachen, nicht wahr! Also jedenfalls, die Abstimmung übermorgen ist aufzuheben!"

„Ja, das ist schon erledigt. Das kommt überhaupt nicht mehr in Frage."

„Gut! Das Kabinett muss eindeutig ein nationalsozialistisches sein!"

„Jawohl, das ist ebenfalls festgestellt; das muss bis 19 Uhr 30. . ."

„. . . bis 19 Uhr 30 gemeldet sein und Keppler (Staatssekretär im Berliner Auswärtigen Amt, im Flugzeug unterwegs nach Wien, Anm.) bringt verschiedene Namen, die hineinkommen sollen."

„Die SA und SS machen bereits seit einer halben Stunde Dienst. Das geht alles in Ordnung."

„Und wegen der Abstimmung, da kommt noch jemand besonders hinunter und wird euch sagen, was das für'ne Abstimmung sein soll."

„Na ja, das hat ja Zeit dann!"

„Das hat Zeit! Was meinte Seyß-Inquart damit, das Verhältnis Deutschland-Österreich müsste auf eine neue Basis gestellt werden?"

„Was er damit gemeint hat? Ja, er meint, dass die Unabhängigkeit Österreichs verbleibt, nicht wahr, dass man sonst aber eben alles nationalsozialistisch regelt."

„Na, das wird sich alles ergeben."

Nochmals bittet Globocnik eindringlich, nicht gleich die Österreichische Legion, die aus nach Bayern geflüchteten illegalen Nazis besteht, in Marsch zu setzen. Göring interessiert mehr das Personelle: „Was das Kabinett angeht, da bringt der Keppler die Namen. Ich habe da noch vergessen: Fischböck! Fischböck muss also Handel und Wirtschaft bekommen."

„Selbstverständlich, das ist doch ganz klar!"

„Kaltenbrunner soll das Sicherheitswesen bekommen und Löhr die Wehrmacht. Das Bundesheer soll übrigens Seyß-Inquart zunächst selbst nehmen. Justiz ist klar. Wissen Sie, wen?"

„Ja, ja!"

„Nennen Sie den Namen!"

„Na, Ihr Schwager, nicht?" (Franz Hueber, Anm.)

„Ja?"

„Ja!"

„Passen Sie auf: Die ganzen Presseleute, die müssen sofort weg und unsere Leute hineinkommen."

17.15: Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt (Berlin) Wilhelm Keppler, trifft in Wien ein.

17.26: Göring befiehlt Seyß-Inquart: „Also bitte Folgendes: Sie möchten sich sofort zusammen mit dem Generalleutnant Muff zum Bundespräsidenten begeben und ihm sagen, wenn nicht unverzüglich die Forderungen, wie benannt, Sie kennen sie, angenommen werden, dann erfolgt heute Nacht der Einmarsch der bereits an der Grenze aufmarschierten und anrollenden Truppen auf der ganzen Linie, und die Existenz Österreichs ist vorbei!

Der Generalleutnant Muff möchte sich mit Ihnen hin begeben und verlangen, sofort vorgelassen zu werden, und das ausrichten. Bitte geben Sie uns unverzüglich Nachricht, auf welchem Standpunkt Miklas bleibt. Sagen Sie ihm, es gibt keinen Spaß jetzt. [. . . ] Der Einmarsch wird nur dann aufgehalten, und die Truppen bleiben an der Grenze stehen, wenn wir bis 7.30 Uhr (19.30 Uhr, Anm.) die Meldung haben, dass der Miklas die Bundeskanzlerschaft Ihnen übertragen hat. (Gestörter Satz) . . . gleichgültig, welche das auch sei, auf sofortige Wiederherstellung der Partei mit allen ihren Organisationen . . . (wieder Störung) und lassen Sie dann im ganzen Land jetzt die Nationalsozialisten hochgehen. Sie dürfen überall jetzt auf die Straße gehen. Also bis 7.30 Uhr Meldung! Ich werde sofort Muff dieselbe Weisung geben. Wenn der Miklas das nicht in vier Stunden kapiert, muss er es jetzt eben in vier Minuten kapieren!"

Seyß-Inquart: „Na gut!"

17.26: Keppler verlängert die Frist des Ultimatums bis 20.00 Uhr.

18.00: Schuschnigg tritt zurück, Miklas weigert sich weiter, Seyß zu berufen.

Der Rundfunk berichtet über die Absage der Volksabstimmung.

Erste Nazi-Demo in der Wiener Innenstadt. Immer mehr Hakenkreuzfahnen tauchen auf.

18.34: Göring verlangt neuerlich Seyß-Inquart ans Telefon: „Ja also, wie ist es?"

Seyß: „Bitte, Herr Feldmarschall, ja?"

„Wie steht es?"

„Ja, der Herr Bundespräsident bleibt auf dem alten Standpunkt. Es ist noch keine Entscheidung."

„Ja, glauben Sie denn, dass in den nächsten Minuten eine Entscheidung fallen kann?"

„Na, länger als 5 bis 10 Minuten kann das Gespräch nicht dauern."

„Passen Sie auf, dann will ich diese paar Minuten noch warten. Dann teilen Sie mir bitte mit Blitzgespräch unter Reichskanzlei alles mit, wie bisher. Aber es muss wirklich schnell gehen. Ich kann es kaum verantworten, darf eigentlich gar nicht. Wenn das nicht ist, müssen Sie eben die Gewalt übernehmen. Nicht wahr?"

„Ja, wenn er droht?"

„Ja!"

„Ja, ja, dann werden wir schon antreten. Nicht?"

„Rufen Sie mich unter Blitzgespräch an!"

19.30: Der österreichische Staatssekretär General Zehner gibt Anweisung an das Bundesheer, sich kampflos zurückzuziehen.

Ein Grenzpolizist behauptet, deutsche Truppen marschieren schon. Falsch!

19.30: Miklas fordert Schuschnigg zu einer Radio-Ansprache auf. Inhalt: Protest gegen den Druck aus Berlin, aber Ankündigung, „dass wir der Gewalt weichen . . ."

19.47: Der Abschied Österreichs von der freien Welt. Die Radioübertragung ist improvisiert. Im Eckzimmer des Kanzleramtes, wenige Meter von jener Stelle, an der 1934 Engelbert Dollfuß verblutet war, steht jetzt das Mikrofon. Umgeben von einer kleinen Gruppe verstörter Mitarbeiter tritt Schuschnigg vor, um die Kapitulation zu verkünden. In der Rundfunkanstalt hat an diesem Abend Artur von Schuschnigg, der Bruder, Dienst. Er ist Leiter der Tonträgerabteilung in der Johannesgasse. Die Sendung beginnt so überfallsartig, dass man die ersten Worte nicht aufzeichnen kann und die Aufnahme bis heute unvollständig ist:

„Die deutsche Reichsregierung hat dem Herrn Bundespräsidenten ein befristetes Ultimatum gestellt, nach welchem der Herr Bundespräsident einen ihm vorgeschlagenen Kandidaten zum Bundeskanzler zu ernennen und die Regierung nach den Vorschlägen der deutschen Reichsregierung zu bestellen hätte, widrigenfalls der Einmarsch deutscher Truppen für diese Stunde in Aussicht genommen würde.

Ich stelle fest vor der Welt, dass die Nachrichten, die in Österreich verbreitet wurden, dass Arbeiterunruhen gewesen seien, dass Ströme von Blut geflossen seien, dass die Regierung nicht Herrin der Lage wäre und aus eigenem nicht hätte Ordnung machen können, von A bis Z erfunden sind!

Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen. Wir haben, weil wir um keinen Preis - auch in dieser ernsten Stunde nicht - deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, für den Fall, dass der Einmarsch durchgeführt wird, ohne wesentlichen Widerstand - ohne Widerstand - sich zurückzuziehen und die Entscheidung der nächsten Stunden abzuwarten. [. . .] So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!"

Jeder der Zeitgenossen wird sich später entsinnen, wo er dieses Requiem auf das freie selbstständige Österreich vor dem Radioapparat mitverfolgt und wie er darauf reagiert hat. Artur Schuschnigg zeigt übrigens professionellen Sinn für dramatische Effekte: Schon während der Rede des Bruders hat er die Schellack-Platte mit dem Variationssatz aus dem „Kaiserquartett" aufgelegt. Und während die unsterbliche Kaiserhymne verklingt, packt er seine Sachen. Er wird vom Dienst mit sofortiger Wirkung freigestellt.

19.57: Göring ruft Seyß an. Der ist noch immer nicht Bundeskanzler. Göring: „Also gut, ich gebe den Befehl zum Einmarsch, und dann sehen Sie zu, dass Sie sich in Besitz der Macht setzen; machen Sie die führenden Leute auf folgendes aufmerksam, was ich Ihnen jetzt sage: Jeder, der Widerstand leistet oder Widerstand organisiert, verfällt augenblicklich damit unseren Standgerichten. Den Standgerichten der einmarschierenden Truppen! Ist das klar?"

„Ja!"

„Einschließlich führender Persönlichkeiten. Ganz gleichgültig!"

„Ja, die haben ja Befehl gegeben, keinen Widerstand zu leisten!"

„Ganz egal! Der Bundespräsident hat Sie nicht beauftragt, und das ist auch Widerstand . . ." „. . .na ja . . ."

„Gut! Also, Sie haben den offiziellen Auftrag!"

„Ja!"

„Also, alles Gute - Heil Hitler!"

20.00: 6000 SA- und 500 SS-Männer marschieren vor dem Bundeskanzleramt auf.

20.20: Radiorede Seyß-Inquarts: Er sei als Innenminister weiter im Amt, allfällig einmarschierenden deutschen Truppen sei kein Widerstand zu leisten.

20.45: Hitlers Weisung Nr. 2: Einmarsch am 12. März 1938 bei Tagesanbruch.

20.48: Göring ruft Keppler an: Seyß solle ein Telegramm nach Berlin schicken mit der Bitte, zur Aufrechterhaltung der Ordnung deutsche Truppen ins Land zu schicken. Göring formuliert den Text gleich selbst. Dann: „Also, unsere Truppen überschreiten heute die Grenze!"

„Ja!"

„Gut! Und das Telegramm möchte er möglichst bald schicken. Und sagen Sie ihm, wir bitten . . . Er braucht das Telegramm ja gar nicht zu schicken; er braucht nur zu sagen: einverstanden! - Rufen Sie mich zu diesem Zweck an, entweder beim Führer oder bei mir. Also, macht es gut! Heil Hitler!"

20.50: Die erste Flüchtlingswelle. Der Zug nach Pressburg ist überfüllt, viele müssen auf den Zug nach Brünn und Prag um 23.15 Uhr warten

21.00: Die Nazis besetzen das Rundfunkgebäude in der Argentinierstraße, Fackelzüge auf der Ringstraße.

21.00: Görings Adjutant General Bodenschatz ruft Keppler an: „Ich brauche dringend das Telegramm!"

Keppler: „Sagen Sie dem Generalfeldmarschall, dass Seyß-Inquart einverstanden wäre."

„Das ist hervorragend. Ich danke Ihnen! Also, Seyß-Inquart ist einverstanden?"

„Jawohl!"

22.00: Der Flüchtlingszug nach Pressburg stoppt am Grenzbahnhof Marchegg. Die tschechoslowakischen Behörden verweigern die Einreise, der Zug muss zurück nach Wien.

22.00: Seyß-Inquart informiert Miklas über Görings Ansinnen. Schuschniggs Staatssekretär Guido Schmidt geht händeringend vor dem Bundespräsidenten in die Knie: „Vermeiden Sie ein Blutvergießen, Herr Präsident! Ernennen Sie einen neuen Bundeskanzler!"

22.25: Miklas, gebeugt und sichtlich gezeichnet durch die physischen Strapazen des Tages, gekleidet in einen schwarzen Mantel, stimmt der Regierungsbildung durch Seyß nun zu.

23.14: Der Rundfunk meldet die Machtübernahme durch Seyß-Inquart. Im Rathaus wird der christlichsoziale Bürgermeister Schmitz verhaftet, auf dem Gebäude weht die Hakenkreuzfahne.

23.30: Miklas ernennt Seyß und bestellt ihn und seine Mannschaft für den nächsten Tag zur Angelobung.

12. März, kurz vor 2.00 Uhr früh: Miklas, Schuschnigg und Guido Schmidt verlassen das Kanzleramt. Der Bundespräsident wird als freier Mann vom SS-Mann Skorzeny nach Hause begleitet.

Seyß-Inquart grüßt die Menge vom Balkon am Ballhausplatz. Den Einmarsch kann er nicht mehr stoppen.

Um 2.00 Uhr befiehlt ein äußerst verärgerter Hitler: „Weitermachen!"

Auszüge aus dem Buch von Thomas Chorherr (Hg.) „Anatomie eines Jahres“, Überreuter, 1988

Die Presse (Freitag, 8. März 2013)