unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Der Messias in Uniform#

In den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts verbargen sich heilsgeschichtliche Hoffnungen und apokaylptische Ängste, die viel älteren Datums sind.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Ausgabe vom 8. März 2008.

Von

Uwe Matuschka-Eisenstein


12. März 1938
12. März 1938

Im Abendland verschmilzt die hellenistisch-archaische mit der jüdisch-christlichen Kultur. In beiden herrschte eine unterschiedliche Auffassung von der Zeit des Göttlichen vor: in der hellenistisch-archaischen Kultur wurde sie zyklisch begriffen, in der jüdisch-christlichen linear; das Griechentum hatte offensichtlich kein Bedürfnis nach messianischer Erlösung, wohingegen eben diese das entscheidende zeitliche Ereignis im Juden- wie im Christentum markiert. Das Erscheinen des Messias am Ende aller Zeiten ist als deren vollkommene Erfüllung zu verstehen, im Warten auf den Messias manifestiert sich der eschatologische Kern dieser Religionen. Die Frage nach der metaphysischen Rechtfertigung des Führertums ist der Schlüssel zu dessen Verständnis.

Platon, der einflussreichste griechische Denker, hatte seine Staatsidee auf die naturgegebene Realität von Herrscher- und Sklaventum aufgebaut. Mit der Französischen Revolution verschwand diese mythologisch verankerte Adelsvorstellung aus Europa. Eine Volksjustiz enstand, die allerdings Führer braucht, weil sie sich sonst nicht zu richten getrauen würde. In Georg Büchners Drama "Dantons Tod" ruft das Volk vor dem Revolutionsführer Robespierre: "Hört den Messias, der gesandt ist zu wählen und zu richten; er wird die Bösen mit der Schärfe des Schwertes schlagen. Seine Augen sind die Augen der Wahl und seine Hände sind die Hände des Gerichts."

Gut oder Böse#

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der "Code civil" zurückgedrängt, und das Jüngste Gericht wurde zunehmend als die für die Bewertung von Idealen zuständige Institution erachtet. Nietzsche, der philosophische Messias jener Zeitenwende, bezeichnet dies so: "Christentum ist Platonismus fürs Volk". Seine "Streitschrift" "Zur Genealogie der Moral" durchleuchtet das Verhältnis von "Herrenmoral" und "Sklavenmoral" , und findet es in den Wertantagonismen von "Gut und Schlecht" sowie "Gut und Böse" verwirklicht, deren Synonyme – "antikes Ideal" und "jüdisches Ideal" – den jeweiligen kulturellen Ursprung deutlich machen.

Nietzsche begreift die Paradoxie des Judentums so: Im Kampf gegen die römische Besatzung beginnt der "Sklavenaufstand in der Moral" im Zeichen "des Hasses der Ohnmacht" . Nach dem Fall des antiken Rom trägt die Christianisierung Europas, also das "jüdische Ideal" , über das "antike Ideal" den Sieg hinweg. Im Gegensatz zum "Christentum" jedoch, das "alles getan hat, um den Okzident zu orientalisieren", hat "das Judentum wesentlich mit dabei geholfen, ihn immer wieder zu okzidentialiseren", das heißt, "Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zu machen". Und dennoch hat das "jüdische Ideal" "die Menschheit dermaßen falsch gemacht, dass heute noch der Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als letzte jüdische Konsequenz zu verstehen".

Nietzsche mag sie nicht, "die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich-arisch-biedermännisch verdrehen und durch einen jede Geduld erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen".

Vielleicht hat er mit diesen Wort auf Georg Ritter von Schönerer angespielt, den man spöttisch "St. Georg von Zwettl" nannte. Mit seinem Spruch "Gegen Habsburg, Juda, Rom erbauen wir Germaniens Dom" versuchte Schönerer, letzlich erfolglos, die Österreicher in einen Kulturkampf zu führen. Seine Anhänger trugen als Abzeichen "einen gehenkten Juden als Berlocke an der Uhrkette" , ein Abbild des Waldviertler Rassenpredigers prangte als beliebtes Motiv auf unzähligen Tabakspfeifen. Christlich verbrämter Wotan-Glaube war der "Heldentrost" jener "Germanen".

Der christlichsoziale Karl Lueger wusste das deutsch-österreichische Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Juden besser zu instrumentalisieren. Der "schöne Karl", der angeblich zölibatär lebte, würzte den wirtschaftlichen Antisemitismus katholisch und traf damit den Geschmack des Kleinbürgertums. "Dich fürchten nur die Hasser des Kreuzes und des Lichts [...] Das Volk, dem du dich weihtest, dein Volk, es liebt auch dich, Und was du ihm erstreitest, dankt es dir ewiglich": so sangen seine Anhänger. Und diese kirchenvolkstümliche Furchtlosigkeit richtete sich sogar gegen den hohen Klerus und scheute nicht einmal den Konflikt mit dem Papst. Auch der Kaiser konnte die Wahl Luegers zum Bürgermeister letztlich nicht verhindern, weil dessen Rückhalt im Volk schon zu stark geworden war. Ein "Kampf um Wien" war entbrannt, welcher so charakterisiert wurde: "Das ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Rein und Unrein, Geist und Geistfremde, Deutsch und Nichtdeutsch in der Welt."

Adolf Hitler wächst in dieser Atmosphäre auf. Lueger empfindet er als "den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten" , dessen Christlichsoziale als erste religiös-politische "Bewegung", die dynamisch genug ist, die Massen anzusprechen. Das Scheitern seines Jugendidols Schönerer führt Hitler auf dessen unklugen Kampf gegen die Kirche zurück. Hitler hat "von den Marxisten, von der Katholischen Kirche, von den Freimaurern", "vor allem vom Jesuitenorden" gelernt, und er ist fest entschlossen: "Wir müssen den Juden mit seinen Waffen schlagen" . Die Partei brauche "die hierarchische Ordnung eines weltlichen Priestertums" . Bezüglich seiner klerikalen "Gegner" ist er siegessicher: "Die Schwarzen sollen sich nichts vormachen. Ihre Zeit ist um. Sie haben verspielt."

Seinen wenig spektakulären Lebensweg beschreibt Hitler in "Mein Kampf" als Evangelist seiner eigenen messianischen Sendung als heilsgeschichtliches Ereignis. Im Gegensatz zu Mussolini, dem die "Duce"-Idee ja erst nach und nach eingefallen war, fühlte sich Hitler schon früh zum "Seelsorger des deutschen Reichs" berufen, dabei kräftig betonend dass dieses nicht zufällig "christus-gleichaltrig, so alt wie das Christentum" sei.

Die Wahlreden des "Führers" waren durchzogen mit biblischer Rhetorik: "Der Welt unterstelle ich mich nicht: denn sie kann mich nicht richten. Nur dir unterwerfe ich mich, deutsches Volk!" Sogar der spätere "Furche"-Gründer Friedrich Funder forderte damals begeistert: "Katholiken, wählt den Katholiken Adolf Hitler!" Und der abgedankte deutsche Reichskanzler von Papen meinte, das "Dritte Reich" wäre die "christliche Gegenbewegung zu 1789".

Moderne Heilsformeln#

"Ein Gott, ein Kaiser, ein Volk!" riefen die Schönerianer. "Ein Gott, ein Reich, ein Volk" hieß es bei den Katholiken. "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" lautete die sakrale Heilsformel des "Dritten Reichs". Es herrschte eine "Herrenmoral" ohne Gottesfurcht, der "Übermensch" wurde zum "Übervolk". Paradoxe historische Umkehr: Der antike Jude hatte den antiken Römer dämonisch verklärt, der deutsche Nationalsozialist erklärte den Juden zum teuflischen Feindbild. Die neutestamentarische Offenbarung des Johannes, die christliche Apokalypse, den laut Nietzsche "wüstesten aller geschriebenen Ausbrüche, welche die Rache auf dem Gewissen hat" , hatte es Hitler besonders angetan. "Der Jude ist das Geschöpf eines anderen Gottes" - davon war der "Führer" überzeugt.

Der scharfsinnige Zeitzeuge Karl Kraus fand es in seinem Buch "Dritte Walpurgisnacht" "erstaunlich", "dass Übermenschen selbst noch das Maß von Gut und Böse verwenden". Leider hielt er Engelbert Dollfuß für einen "kleinen Retter aus großer Gefahr" und für den "Glaubensheld künftiger Freiheit". Verzweifelt dokumentierte er die Hitler-Inszenierung, so zum Beispiel die Frohlockung "Welch ein Liebling Gottes ist er!! Und dieser Größte aller Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehört – uns! Uns!!!" Das Volk soll Gott gedankt haben, "der dem Reich in seiner Not einen Herzog" gesandt hatte, der "die ganze Welt von Parasiten befreie, die seit mehr als zweitausend Jahren die Ursache fast aller Qualen und Katastrophen waren".

Der irdische Herrschaftstitel dieses Messias in Uniform war also umstritten. Der Nietzsche-Dilettant Gottfried Benn etwa, den man bis heute sogar in linken Kreisen seines Intellekts wegen hochschätzt, verglich "Hitler mit Napoleon und zieht jenen vor, da man ihn von seiner Bewegung nicht unterscheiden könne, während dieser bloß ein individuelles Genie war" . Immerhin krönte sich der korsische General nur zum Kaiser. Der Gefreite Hitler hingegen bezeichnete sich in Privatgesprächen als Kaiser und Papst in einer Person. Nach dem Scheitern seiner Mission, der Vernichtung des Judentums, bezweifelte er am Ende seiner Tage die Auserwähltheit seines "Übervolks" und befahl dessen Vernichtung.

Mit dem Siegeszug des Kommunismus hat sich auch der internationale Messianismus verbreitet. Die "klassenlose" Gesellschaft, das "Paradies auf Erden" ist mit der Hitlerschen Vorstellung von einer Welt nach dem "Endsieg" zwar nicht identisch, aber vergleichbar.

Die völkische Ideologie kennt zwei Varianten: Einerseits die braune, die den blutrassistischen Glauben an das eigene Volk benötigt, andererseits die rote, welche die Völker der ganzen Welt braucht. Die weltvölkische hat den Vorteil, dass sie eigentlich überall von innen heraus Unheil anrichten kann: Man denke etwa an Revolutionsvater Lenin, an die großvaterähnliche Messiasgestalt Stalins, an Fidel Castro, der stolz darauf ist, im Jahr seiner Revolution gleich alt wie Jesus bei der Kreuzigung gewesen zu sein; man denke an alle afrikanischen Häuptlingskommunisten und an Pol Pot, und nicht zuletzt an Mao-Tse-Tung, dessen politische Fibel die 68-er Generation einst "Mao-Bibel" genannt hat.

Literaturhinweise:#

Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, Reclam Verlag Stuttgart, 1988.
Sergio Quinzio: Die jüdischen Wurzeln der Moderne, übersetzt von Martina Kempter, Campus Verlag, Frankfurt, 1995.
Friedrich Heer: Der Glaube des Adolf Hitler, Bechtle Verlag Esslingen/ München 1998.
Karl Kraus: Dritte Walpurgisnacht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1989.

Uwe Matuschka-Eisenstein, geboren 1980, lebt als freier Autor und Germanist in Wien.

Wiener Zeitung, Ausgabe vom 8. März 2008