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Dr. med. Minna Nemec und Schwester Anna Naschenweng: Die "Engel von Herzogenburg"#

Von

Dr. Karl Glaubauf


Nemec Wilhelmine
Dr. Minna Nemec
© NÖ Ärztechronik

1945: Herzogenburg ohne Ärzte#

Im April 1945 war nach dem Eintreffen der Sowjetsoldaten im Raum Herzogenburg Herzogenburg , wo der Zweite Weltkrieg - wie die Ermordung der Angehörigen der Widerstandsgruppe Dr. Kirchl - Trauttmannsdorf-Weinsberg in Pottenbrunn Pottenbrunn und der große russische Soldatenfriedhof im Westen Herzogenburgs zeigen - in grausamster Weise zu Ende ging, die Stadt Herzogenburg samt Umland ohne Arzt. Dadurch waren gerade in dieser schweren Zeit Gesundheit und Überleben der Bevölkerung im gesamten Bezirk extrem gefährdet .

Daher kann die Leistung der Rot-Kreuz-Ärzte in dieser Zeit kaum überschätzt werden, da sie überwiegend die einzigen ärztlichen Ansprechpartner der niederösterreichischen Bevölkerung waren.

Aus dem nahegelegenen Kampf-Gebiet Walpersdorf kam die Rot-Kreuz-Ärztin Dr. Wilhelmine (Minna) Nemec, auf Ersuchen von Bürgermeister Goiser in die Stadt Herzogenburg und eröffnete allen Gefahren zum Trotz, denen gerade Frauen in der Besatzungszeit besonders ausgesetzt waren, am 27. April 1945 eine eigene Ordination.

Nach Walpersdorf war sie aus Wien mit ihren drei Kindern geflüchtet, um der Bombardierung der Bundeshauptstadt zu entgehen. Dabei kam sie aber "vom Regen in die Traufe", denn die Front hatte sie rasch eingeholt. Schutz bot nur mehr ein Keller, wo sie zunächst mit ihren Kindern wohnte.

Gemeinsam mit ihrer Assistentin, Schwester Anna Naschenweng, übernahm sie damit für knapp ein Jahr als einziger Arzt die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung und der russischen Besatzungssoldaten. Eine in jeder Hinsicht übermenschliche Leistung. Noch dazu wo anfangs sämtliche Wege zu Fuß oder mit einem alten Fahrrad zurückgelegt werden mussten, da die SS-Verbände bei ihrem Abzug auch die Autos der Mediziner requiriert hatten.

Am ersten Ordinationstag waren dreißig Patienten zu behandeln, am zweiten schon einhundertdreißig !!!. Jeden Tag kamen mehr Patienten mit zerrissenen Gliedern - mit herumliegenden Kriegsmaterial spielende und dadurch verletzte Kinder waren häufige Opfer- ansteckenden Krankheiten und Leiden aller Art, die trotz des enormen Medikamentenmangels überwiegend erfolgreich behandelt werden konnten.

Als sechs Kinder im Herzogenburger Stadtteil Oberndorf mit einer Granaten-Kartusche Fussball spielten, trat plötzlich das hochgiftige "Gelbkreuz-Gas" aus und verätzte die Jugendlichen auf grässlichste Weise.

Dr. Nemetz konnte jedoch alle retten, obwohl ihr nur die Mittel der eigenen Ordination zur Verfügung standen, bis einer der Spieler im ehemaligen Wehrmachtsdepot das Gegenmittel fand, dessen Verpackung ihm Dr. Nemec genau beschrieben hatte. Der schreckliche Unfall beweist auch, dass bei den Endkämpfen im Raum Herzogenburg durchaus das völkerrechtlich verbotene Kampfgas "Gelbkreuz" durch die Wehrmachtsartillerie eingesetzt wurde.

Bei einem Artillerievolltreffer im sowjetischen Militär-Lazarett im Schloss Walpersdorf Walpersdorf , bei dem vier russische Mediziner schwerstens verletzt wurden, konnte sie durch ihre Kompetenz immerhin noch zwei Kollegen retten, bei den beiden übrigen Ärzten war leider auch ihre Kunst vergebens.

Von Schwester Anna begleitet ging sie täglich unter Lebensgefahr - Vergewaltigungen waren damals an der Tagesordnung - durch die Kampfstellungen und Quartiere der russischen Soldaten und half immer und überall wo es erforderlich war, gab es doch auch im Umkreis von 20 km, also auch in der Stadt Traismauer Traismauer , keinen einzigen Arzt !

Selbst erschöpft und leidend war ihr der Arztberuf immer Berufung, gehörte sie doch zu den ganz wenigen Frauen, die in den zwanziger Jahren Medizin studieren konnten. Dadurch konnte sie vielen Herzogenburgern und Sowjetsoldaten das Leben retten. Besonders Kinder und Sterbende waren zu jeder Tages- und Nachtzeit auf ihre Hilfe angewiesen.

Über den medizinischen Bereich hinaus trug sie durch ihre Arbeit für die Sowjetsoldaten ganz wesentlich zur Entspannung des Klimas zwischen der überwiegend mongolischen Besatzung und der Bevölkerung bei, was übrigens eine besondere Integrationsleistung darstellte. Darüber hinaus engagierte sich Dr.Nemec auch sehr intensiv als sozialdemokratische Gemeinderätin und baute ab 1945 nach der absoluten "Stunde Null" in dieser Funktion das Gesundheitswesen der Stadt völlig neu auf. Dr. med. Minna Nemec starb am 10. August 1971 im Alter von 69 Jahren in Wien.

Ehrung für Dr. Minna Nemec und Schwester Anna Naschenweng#

So wie Dr. Wilhelmine Nemec und ihre Assistentin Schwester Anna Naschenweng leisteten viele Mediziner und selbstverständlich die Hilfsorganisationen wie das Rotes Kreuz in der Besatzungszeit von 1945 - 1955 in den Ordinationen, Spitälern und Stützpunkten Übermenschliches und sicherten damit Gesundheit und Überleben der österreichischen Bevölkerung.

Die Namen Dr. Wilhelmine, "Minna", Nemec und Schwester Anna, der "Engel von Herzogenburg" illustrieren diese Leistung und stehen über den Einzelfall hinaus als Symbol für alle Ärzte dieser Zeit, ihre Assistentinnen und das gesamte Rote Kreuz, weswegen sie nicht in Vergessenheit geraten sollten. Durch eine Ehrung von Dr. Nemec und Schwester Anna Naschenweng würden im Sinne von "pars pro toto" alle Mediziner der Besatzungszeit gewürdigt .

Darüber hinaus gehören Med. Univ. Dr. Wilhemine (Minna) Nemec und ihre Assistentin Schwester Anna Naschenweng, die beiden "Engel von Herzogenburg", deren Leistung durchaus mit jener Viktor Adlers vergleichbar ist, wie auch Carl Grundmann zu den großen Persönlichkeiten der Stadt Herzogenburg.

Deren Entstehung als Stadt der Herzoge und ihre industrielle Entwicklung zur Arbeiterstadt nach der Bauernbefreiung von der Grundherrschaft des Stiftes Herzogenburg ist seit Carl Grundmann in vieler Hinsicht typisch für die gesamte industrielle Revolution im Bundesland Niederösterreich.

Quellen#

Meldeschein Med. Univ. Dr. Minna Nemec,
Meldeamt der Stadt Herzogenburg
Ärztechronik der Niederösterreichischen Ärztekammer
"Oral-History" - Verfahren mit Zeitzeugen durch Stadtrat Franz Mrskos und Dr.Glaubauf
Bestände des Stadtarchivs Herzogenburg
Niederösterreichische Nachrichten, Ausgabe St. Pöltner Zeitung;

Literatur#

  • Wintersberger, G., Zeller, F.: Sozialdemokratie in Herzogenburg, Die ersten hundert Jahre, Krems 1988.
  • Glaubauf, Karl, Mrskos, Franz: 125 Jahre Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie für Herzogenburg, Festschrift, Herzogenburg 2013.
Zu Pottenbrunn vgl. den Artikel Dr. Kirchl - Trauttmannsdorf in Wikipedia

Autoren#

Dr. Karl Glaubauf und Stadtrat Franz Mrskos (Oral History-Verfahren und Quellen-Recherche)

Der Autor dankt dem Herzogenburger Bürgermeister, Herrn RegRat Franz Zwicker und den Stadträten Gottfried Eder, Sonja Hackl, Franz Leithner, Franz Mrskos und Herbert Wölfl (in alphabetischer Reihenfolge) sowie Stadtamtsdirektor Kurt Schirmer für die Unterstützung des Forschungsprojekts. Die Ärztekammer Niederösterreich hat biographisches Material zur Verfügung gestellt, wofür insbesondere Frau Dr. med. Andrea Schwammenschneider ausdrücklichst zu danken ist. Ebenso ist den Bediensteten des Meldeamtes der Stadt Herzogenburg für die zeitaufwändige Quellenrecherche zu danken. Frau Frisörmeisterin Paar, Oberndorf an der Ebene, ist für die Ermittlung des Familiennamens von Schwester Anna Naschenweng und die wichtige Unterstützung des vorliegenden Forschungsprojekts im Rahmen eines Oral-History-Verfahrens durch Stadtrat Franz Mrskos zu danken. Ebenso stellten Primar Dr. Heinz Nemec, Wien, und Frau Hildegard Zwicker als Zeitzeugen wertvolle Informationen zur Verfügung und ebensolches Bildmaterial, wofür ausdrücklich zu danken ist