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Schwedens Feuerschlünde vor Krems!#

Was ein Bub 1645 sah, vergaß er selbst als 106-Jähriger nicht.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 19. September 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

B. Ottawa und A. Schiemer


Dreißigjähriger Krieg in Krems

Binsenweisheiten können schnell auf den Holzweg führen. Auch in der Geschichte. So gilt es als allgemein bekannte Tatsache, dass die Menschen in der Frühneuzeit – also grob gesprochen im 16. bis 18. Jahrhundert – sehr jung starben. Das stimmt freilich nur in einer Hinsicht: Kleine Kinder hatten schlechte Überlebenschancen. Wer jedoch zehn oder mehr Jahre alt geworden war, durfte durchaus mit einem längeren Erdendasein rechnen. Der Historiker Andreas Weigl kommt mit Hilfe recht differenzierter Methoden in dem Sammelwerk „Wien im Dreißigjährigen Krieg“ (2001 im Böhlau Verlag erschienen) zu einem bemerkenswerten Schluss: Um die Mitte des 17. Jahrhunderts betrug in der Donaumetropole (Stadt und Vorstädte) die Lebenserwartung von 20-jährigen Männern 57 Jahre und die von gleichaltrigen Frauen 58 Jahre. Für Sechzigjährige nennt der Forscher sogar 72 bzw. 75 Jahre. Machen wir die Probe aufs Exempel, blicken wir am 20. September 1738 ins „Wienerische Diarium“! In dieser Ausgabe registrierte die Totentafel für die vorangegangenen vier Tage in Stadt und Vorstädten insgesamt 51 Verstorbene; darunter 32 Kinder bis zu neun Jahren, das sind rund 60 Prozent. Etwa ein Fünftel aller im Verzeichnis genannten Personen, nämlich elf, wies ein Alter von 50 und mehr Jahren auf. Vier von ihnen wurden 68 bis 82 Jahre alt, ihre Geburtsjahre lagen somit etwa in der Zeit von 1656 bis 1670 und liefern gleichsam Musterfälle für Weigls Studie. Ein noch anschaulicheres Beispiel für Langlebigkeit findet sich, wenn wir aufs „Diarium“ vom 13. September 1738 zurückgreifen. Die Geschichte klingt so unglaublich, dass sie es verdient, ausführlich wiedergegeben zu werden. Die Nachricht stammt aus dem Umkreis von St. Pölten: Von Wilhelmspurg (...) wird gemeldet / wie daß im (sic!) aldasiger Pfarr ein in (...) Kreuspach Haus-sässig gewester (= mit Haus ansässiger) 106- jähriger (...) Unterthan (...) begraben worden (...) Skeptiker werden ob dieser Zeilen verständlicherweise die Stirn runzeln. Jemand soll 1738 das 107. Lebensjahr erreicht haben? Schlich sich ein Druckfehler ein? Saß die Redaktion purer Aufschneiderei auf? Doch der Artikel bringt klare Fakten. Der Methusalem aus dem Ort, der nun Kreisbach heißt, war Peter Loydolter am Vogeleitner-Hof im Grubthal, die Bestattung hatte den 18. Julii dieses Jahres stattgefunden (der späte Abdruck deutet darauf hin, dass man in Wien nachrecherchierte). Noch mehr. Man nannte den genauen Geburtstag: Anno 1632. den 28sten Junii. Überdies erwähnte das „Diarium“ ein markantes Ereignis der niederösterreichischen Geschichte, dessen Zeuge der junge Loydolter geworden war und das er zeitlebens nie vergaß: Sein Vatter hatte ihn in den (sic!) großen Schweden-Kriege (= Schwed.-franz. Krieg, Teil des Dreißigjährigen Kriegs) / da die Schweden vor Krems gestanden / auf die Göttweiger Höhe geführet / und die Schwedische Armee gezeuget (...) Der knapp 13-jährige Bub muss den riskanten Ausflug mit dem Vater kurz vor dem 24. März 1645 unternommen haben, denn an diesem Tage zogen Truppen des schwedischen Generals Lennart Torsten-s(s)on über die Donau und versuchten sich in Göttweig festzusetzen. Neugierige wären direkt vor die Gewehre der Eroberer gelaufen . . . Ein als Ersatz für die zerstörte Brücke bei Krems geschaffener Steg nahe Dürnstein ermöglichte dem Feind außerdem weitere Attacken am rechten Donau-Ufer. Krems selbst ergab sich Ende März 1645 angesichts der schwedischen Kanonen. Bei den Bewohnern brach Panik aus. Nach dem Fall der Wachaustadt stießen die Skandinavier weiter vor. Lediglich südlich der Donau konnten sie sich nicht halten, Niederösterreichs Norden wurde ihre Domäne. Am 10. April stürmte Torstenson die Wolfsschanze, einen wichtigen Brückenkopf am linken Donau-Ufer bei Wien, von dem aus er die Brigittenau beschoss. Aber am 29. Mai eroberten die Kaiserlichen die Schanze zurück und bannten die schlimmste Gefahr für die Metropole. Aus Krems hingegen wurden die Besatzer erst nach ca. 13 Monaten vertrieben. Peter Loydolter, der einst auf die schwedischen Belagerer gespäht hatte, zählte zu diesem Zeitpunkt beinahe 14 Jahre. Dem Krieg musste er in seinem restlichen langen Dasein zum Glück nicht mehr ins Auge schauen. Allerdings hätten ihm triste Begleiterscheinungen des Osmanen-Einfalls 1683 um ein Haar den Tod gebracht – eine der in dieser unsicheren Ära agierenden einheimischen Räuberbanden verletzte ihn schwer. Seine eiserne Natur überstand auch das und gestattete es ihm, bis zum 105. Geburtstag harte Bauers-Arbeiten zu verrichten sowie in der Freizeit großes Können im Kegel-Spiel zu beweisen. Ob das sein Rezept für ein langes Leben war?

Wiener Zeitung, Freitag, 19. September 2008