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Kranker Schwede kämpft im Liegen#

L. Torstenson jagte den Österreichern Schrecken ein. Sein schlimmster Feind war die Gicht.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 31. Oktober 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Andrea Reisner


Feldmarschall Lennart Torstenson

Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges ist ein weites Feld. In der Orchideenfrage der Nuss Nro. 280 warf die Gemeine ein Schlaglicht auf einen der berühmtesten Protagonisten, den schwedischen Feldherrn Lennart Torstens(s)on. Er „erzielte einige entscheidende Siege im Dreißigjährigen Krieg“, so Sen.Präs. Prof. DDr. Hans Huberger, Wien 22. Karl Meywald, Wien 20: „Nach Feldmarschall Johan Banérs Tod im Mai 1641 wurde er Oberbefehlshaber über die in Deutschland operierende schwedische Armee.“ Welche Schlacht ihm den Weg nach Österreich ebnete, schildert Wilhelm Richard Baier, Graz-Andritz: „Am 6. März 1645 kam es zu der für die Kaiserlichen vernichtenden Niederlage gegen die Schweden in der Schlacht von Jankau in Mittelböhmen... Der siegreiche schwedische Feldmarschall Lennart Torstenson zog mit seinem Heer über Znaim nach Österreich.“ Brigitte Schlesinger, Wien 12: „Gesamt gesehen war diese Schlacht die längste...des Dreißigjährigen Krieges.“ Prof. Helmut Bouzek, Wien 13: „Die Kaiserlichen hatten 4000 Tote und Verwundete zu beklagen, verloren 4500 Gefangene...und alle Geschütze.“ Dr. Heribert Plachy, Wien 7: Außerdem nahmen die Schweden den Befehlshaber der Kaiserlichen, Melchior Graf von Hatzfeldt (1593–1658), gefangen. Dr. Erich Schlöss, Maria Enzersdorf: Die Schweden kamen 1645 Wien recht nahe, am 10. April nahmen sie die Wolfsschanze bei Jedlesee in Floridsdorf ein. Ein Bauwerk in der Brigittenau erinnert daran: Die Brigittakapelle, 1645 bis 1651 erbaut, „ist mit der Sage des sogenannten Kugelwunders verknüpft. Am Brigittatag habe während des Artillerieduells um die Wolfsschanze eine feindliche Kanonenkugel das Zelt des Erzherzogs Leopold Wilhelms durchschlagen. Doch sei der eben zum Gebet niedergekniete Erzherzog unverletzt geblieben.“ In der Kuppel der Kapelle zeigt ein Gemälde diese Begebenheit.

Gefahr aus dem Norden#

Die Reaktion der Bevölkerung auf die Bedrohung durch die Schweden schildert Maria Thiel, Breitenfurt: „Die Besitzenden flohen in Scharen nach Salzburg, nach Graz, ja bis nach Venedig!“ Doch „schon Ende Mai 1645 konnten die Kaiserlichen die stark verteidigte Wolfsschanze von den Schweden zurückerobern.“ Das Vorgehen der schwedischen Truppen in Böhmen hatte allen Anlass zur Furcht gegeben. DI Wolfgang Klein, Wien 21: „Nach der Plünderung der Stadt (Olmütz, Anm.) wurden Studenten, Kranke und Hilflose als nutzlos ausgewiesen. Die Töchter der reichsten Bürger mussten auf Befehl des Kommandanten dessen Offiziere heiraten. Die Bauernschaft wurde als kaisertreu verdächtigt; ihre Dörfer wurden niedergebrannt, die Gefangenen gefoltert und gehängt.“ Vielsagend ist auch ein Spruch, an den Maria Auli, Wien 3, erinnert: „Bet, Kinderl, bet / Morgen kommt der Schwed / Morgen kommt der Oxenstern (Axel Oxenstierna, schwedischer Politiker im Dreißigjährigen Krieg, Anm.) / Wird die Kinder beten lehr’n...“ Zu Torstensons Stil als Feldherr bemerkt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: „Er war nicht der »Mann der Soldaten«... Er disziplinierte die Armee und bestrafte Plünderungen hart.“

Leichtes Geschütz#

Eine „waffentechnische Neuerung“ der Schweden machte eine flexiblere Heerführung möglich, wie DI Gerhard Toifl, Wien 17, berichtet: die berühmte Lederkanone. „Statt der sonst gebräuchlichen schweren Geschütze, zu deren Fortbewegung 16, 20, ja oft 30 Pferde notwendig waren, setzten die Schweden eine leichte Artillerie ein... Es handelte sich um Geschütze aus leichten Kupferrohren, die durch einen Lederüberzug verstärkt wurden.“ Dr. Hans Peter Nowak, Wien 20: Berühmt wurde das Heer unter Torstenson „infolge der Beweglichkeit seiner Artillerie, die oft auftauchte, wo man sie nicht vermutet hatte.“ Und das, wie Herbert Beer, Wolfpassing, anmerkt, „obwohl er wegen seiner Gicht häufig nicht einmal in der Lage war, ein Pferd zu besteigen und die Schlacht von einer Trage aus leiten musste.“

Die andere Seite#

Zeit für die Gemeine, die Seite zu wechseln: Torstensons Gegenspieler. Dr. Peter Mitmasser, Wiener Neudorf, nennt den berühmten Feldherrn Albrecht v. Wallenstein. Er „stellte 1625 auf eigene Kosten ein Heer auf und wurde oberster Befehlshaber aller kaiserlichen Truppen...1630 erwirkten die deutschen Fürsten in Regensburg seine Absetzung.“ Zwei Jahre später bedurfte man erneut seiner Hilfe und berief ihn wieder ein. Mag. Robert Lamberger, Wien 4: Er begann, heimlich mit dem Feind zu verhandeln. „Diese ohne kaiserliche Vollmacht betriebene Friedenspolitik“ führte zu seiner Absetzung wegen Verrats. Danach zog er sich ins böhmische Eger zurück. MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, schließt an: „In der Annahme, nur ein Todesurteil des Kaisers zu vollstrecken, ermordeten kaisertreue Offiziere ihn und seine Anhänger am 25. Februar 1634.“ Mag. Hilde Leiter, Maria Enzersdorf, zitiert Schiller, um einen Einblick in den Charakter Wallensteins zu geben: Er soll dem Oberst Illo seine Fürsprache bei einem Gesuch um den Grafentitel zugesagt haben. „Heimlich aber schrieb er an die Minister, ihm sein Gesuch abzuschlagen.“ Als Illo ihm vom Ausgang der Aktion erzählte, „fing er an, die bittersten Klagen gegen den Hof auszustoßen.“ Richter i. R. Mag. Peter Michael Rath, Wien 7, nennt einen weiteren Feldherrn auf kaiserlicher Seite: „Graf Matthias Gallas von Campo (1584–1647) wurde nach Wallensteins Tod ...Kommandant des kaiserlichen Heeres.“ Er kämpfte „bis 1645 erfolglos gegen Torstenson, wodurch er den Spottnamen »Heerverderber« erhielt.“ Dr. Manfred Kremser, Wien 18: berichtet von einer Münze, die damals im Umlauf war. Auf der einen Seite war zu lesen: „Was Gallas in Holstein ausgerichtet, das findet man auf der anderen Seite.“ Drehte man die Münze um, sah man eine blanke Oberfläche ohne Prägung. Maria Schoßmann, Wien 19, nennt überdies „Johann Graf von Tilly (1559-1632) . . . In der Schlacht bei Breitenfeld 1631 erlitt er gegen die vereinigten schwedischen und sächsischen Truppen eine Niederlage. Er starb nach einer Verwundung in der unglücklichen Schlacht bei Rain am Lech.“ Als weiteren Gegenspieler der Schweden führt Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3, Gottfried Heinrich von Pappenheim ins Feld. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram: Er hatte „ein eigenes Kürassierregiment, die »Pappenheimer«. Er war ein sehr ungestümer Befehlshaber und wurde wegen seiner Narben und Verletzungen auch »Schrammenhans« genannt.“

Fußkranker Feldherr#

Das Ende seiner Karriere hatte Torstenson aber nicht einem dieser Herren zu verdanken, sondern seiner Gichterkrankung. Diese hatte er sich während „einer Gefangenschaft in Ingolstadt 1632–1633“ geholt, merkt Håkan Lundén, Vallentuna/Schweden, an. Neozeitreisender Dr. Arnulf Sattler, Wien 14: „Torstenson trat 1645 ab.“ Klaus-Peter Josef, Tulln, wirft ein: Sein Nachfolger wurde „Feldmarschall Carl Gustaf Wrangel (1613–1676), schwedischer Reichsadmiral.“ Das neue Gemeine-Mitglied Dr. Werner Lamm berichtet von einer anderen Version der Krankheit Torstensons: In der Zinnfigurensammlung des Grafen Piatti im Schloss Loosdorf im Weinviertel sei der Feldherr zuerst hoch zu Ross dargestellt gewesen. „Eines Tages erhielt Graf Piatti ein Päckchen mit einer Zinnfigurengruppe, die Torstenson in einer von zwei Pferden getragenen Sänfte darstellte...Er sei nämlich zu dieser Zeit...wegen des übermäßigen Weingenusses nicht mehr in der Lage gewesen, sich auf dem Pferd zu halten.“ Dr. Harald Dousek, Wien 2: Nach seinem Rücktritt „kehrte Torstenson...nach Schweden zurück, wo er 1647 in den Grafenstand erhoben und zum Generalgouverneur von Westgotland ernannt wurde.“ Dr. Anna Korber, Kritzendorf: „Er starb 1651“, kaum 48 Jahre alt. Der Dreißigjährige Krieg und seine Protagonisten wurden Gegenstand vieler literarischer Werke, man denke nur an Schillers Wallenstein-Trilogie oder Brechts „Mutter Courage“. Katharina Michner, Wien 9, nennt „Das kleine Gespenst“, ein Kinderbuch von Otfried Preußler. Der Geist habe Torstenson gezwungen, die Belagerung der fiktiven Stadt Eulenberg aufzugeben. Der General habe „dagestanden, barfuß, im spitzenbesetzten Nachthemd und...mit den Zähnen geklappert und grässliche Angst gehabt.“ Am nächsten Tag sei er mit seinen Truppen abgezogen. P.S. Wie Ferdinand II. und Ferdinand III. dem Frieden gegenüberstanden, werden in der nächsten Ausgabe der Zeitreisen u.a. Franz Kaiser, Wien 11 und Johannes Dengg, Graz, berichten.

Wiener Zeitung, Freitag, 31. Oktober 2008