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Dunkles Land#

Liebliche Klischees übertünchen manchen der Abgründe in der österreichischen Vergangenheit.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 8. April 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Prager Ghetto
Das Prager Ghetto, heute oft verklärt, ist ein Ort, an dem den Juden viel Böses geschah.
© corbis

Die Sängerknaben. Die Lipizzaner. Der Mozart Wolferl, die Strauß-Walzer, die Sachertorte, der Blaue Zweigelt und der alte Kaiser. Österreich liebt seine Klischees, weil es für diese Klischees geliebt wird. Beiläufig gefragt: Wie wird ein Klischee zum Klischee? Und der Mozart Wolferl ist trotz seines "Lucio Silla", die Strauß-Walzer trotz des antisemtischen Donauwalzer-Textes, der Blaue Zweigelt trotz seiner Katerverursachung und der alte Kaiser trotz seiner unrühmlichen Rolle als Kriegshetzer (die man wohlweislich ganz anders darstellt) ein angenehmeres Klischee als der Braunauer Bärtchenträger, der judenmordende SS-Hauptsturmführer oder der Kellerfamilienvater. Doch es bedarf keines Adolf Hitler, keines Amon Göth und keines Josef Fritzl für die Erkenntnis, dass es da auch ein anderes Österreich gibt, ein dunkles, bösartiges, geheimnisvolles Österreich, das sich in alten Chroniken verbirgt oder, übermalt von Volkserzählung, Sage und Legende, im alten Wissen schlummert.

Geschichte und Geschichten#

Bisweilen wird es von Historikern (Berufs- und Hobby-, wo genau gearbeitet wird, sollen die Unterschiede nicht ins Gewicht fallen) ans Licht gebracht. Dann ist, bisweilen abfällig, von "Lokalhistorie" die Rede. In Großbritannien, wo nahezu jeder Marktflecken ein bis zwei Personen hat, die sich akribisch mit der Geschichte ihrer allerengsten Region auseinandersetzen, wird dem alle Achtung entgegengebracht. Es ist an der Zeit, auch in unseren Breiten das Naserümpfen durch das Interesse am Kuriosen und Bemerkenswerten zu ersetzen.

Der Pichler Verlag, zu dessen Programm Bücher wie "Sacher - Das Kochbuch" oder (schon empfehlenswerter) "Die neue Kürbisküche" gehören, hat also auch eine Reihe mit Büchern von der sinisteren Seite Österreichs im Programm. Mitunter wird der Sucher des Absonderlichen darin fündig. So auch mit "Dunkle Geschichten aus dem Alten Österreich". Autorin ist die Fremdenführerin und - unter anderem für Ö1 tätige - Sprecherin Barbara Wolflingseder. Ihr erstes einschlägiges Buch, "Dunkle Geschichten aus dem alten Wien", war nicht sehr gut, die meisten Historien und Histörchen kannte man längst, der Stil war unbeholfen (war das Lektorat gerade durch das ausprobierende Redigieren eines Kochbuchs überlastet?). Doch die jüngste Veröffentlichung, die auch - was ist da geschehen? - ziemlich gut geschrieben ist, hat es in sich. Die roten Fäden, die sich durch diese "Dunklen Geschichten" ziehen, heißen nämlich "Antisemitismus", "Fremdenfeindlichkeit", "Bigotterie" und "Doppelmoral". Und so fühlt man sich als gegenwärtiger Österreicher in der Historie seiner Heimat, deren Fahne der Legende nach immerhin moslemblutgetränkt ist, unangenehm schnell unangenehm zu Hause.

Der heilige Judenbub#

In der Geschichte von Simon Abeles etwa ist gleich alles drin: Der Bub aus guter jüdischer Familie begehrt gegen sein Elternhaus auf und will von den Jesuiten ins Christentum geführt werden. Es entspinnt sich ein Tauziehen zwischen dem Orden und der jüdischen Familie, in dessen Verlauf alle Fehler machen - und das jesuitische Bespitzelungssystem fast wie das der Stasi funktioniert. Am Schluss ist Simon tot. Am Schluss? - Nein, weit gefehlt: Es ist erst die Mitte der grausen Geschichte.

Die Jesuiten nämlich buddeln den nach jüdischem Ritus bestatteten Leichnam wieder aus, weil sie der Familie des Buben einen Giftmord am Konvertiten unterschieben wollen. Es gelingt ihnen nicht - kein Wunder: Wo kein Gift im Spiel ist, kann keines nachgewiesen werden. Oder?

Ach was, alles ist möglich: Man bedroht die Familie so lange massiv an Leib und Leben, bis die Mutter des Buben einknickt und in ihrer Verzweiflung einen völlig unschuldigen jungen Juden als Mörder Simons nennt. Der Mann wird nun gefoltert: Er möge den Mord gestehen und sich zum Christentum bekehren - Letzteres macht er, von den Schmerzen gebrochen. Doch den Mord gesteht er nicht. Egal - der Mann wird hingerichtet.

Schluss? - Immer noch nicht. Ihn setzen mit triumphierendem Glockengeläut und Weihrauchdampf die Jesuiten: Sie führen den Leichnam des Buben in die Teynkirche und bestatten ihn dort. Ob eine Heiligsprechung erfolgte, ist ungewiss. Bleibt ja doch die Hauptsache, dass der Jud’, ob Bub oder vermeintlicher Mörder ist egal, getauft wurde. Dass er dabei nebenbei auch noch draufgegangen ist, spielt schon weniger Rolle, denn Jud’ bleibt letzten Endes Jud’. Wer jetzt meint, er könne das alles halbhistorisch von Österreich wegschieben, weil es sich in Prag zugetragen hat, irrt: Die Dokumente sind auf Deutsch und Tschechisches findet sich nicht unter den nennenswerten Namen. Es ist eine Geschichte aus dem deutschen oder wohl eher österreichischen Prag, die den Strahlenglanz der Monarchie da ganz trübe und beschmutzt aussehen lässt.

Aber es muss ja nicht immer Antisemitismus sein, was das Erscheinungsbild Österreichs (genauer: des "Alten Österreichs" - nur dessen?) prägt. Da metzelt zum Beispiel Don Julius, unehelicher Sohn des spinnerten Habsburger-Kaisers Rudolf II., seine Mätresse drei Stunden lang nieder auf eine Weise, dass sich Jack the Ripper dagegen wie ein etwas ungezogener Pfadfinder ausnimmt.

Nun gut - irre Adelige gab es zu allen Zeiten und manche hatten wohl auch Mordgelüste. Spezifisch österreichisch ist da also nichts daran.

Doch - etwas, wovon Wolflingseder gnädigerweise nichts schreibt: der Umgang damit. "Andere Zeiten" verantwortlich machen, auch solche, die man eben noch verklärt hat; nicht dabei gewesen zu sein; nichts gewusst zu haben (auch dann nicht, wenn man wissen hätte können); anderen die Schuld zuweisen. Kurz: Jede Ausrede zu bemühen, sich nicht der Geschichte zu stellen.

Selbsterkenntnis gefragt#

Wobei es gar nicht um Selbstverurteilung geht, sondern um Selbsterkenntnis aus dem Bestreben heraus, ein offeneres Weltbild zu entwickeln, Verständnis zu haben für andere Überzeugungen, aufgeschlossen zu sein für Ideen. Oder kann man eine Wohnung als sauber bezeichnen, wenn man die Tür zum verschmutzten Zimmer einfach versperrt?

Natürlich sind da arg schräge Vögel im Land, über die man sich ohne Grausen wundern darf. Doch auch da gibt’s bisweilen das Schönreden. Harald Havas, Wiener Romanist, Publizist und Übersetzer, hat in "Der Mann, der den Neusiedlersee trockenlegen wollte" ein Sammelsurium an mehr oder minder bemerkenswerten bis kuriosen Österreichern zusammengestellt. Eine Fundgrube, gewiss. Dennoch ...

Vielleicht wäre bei Abraham a Sancta Clara doch Platz für die Anmerkung gewesen, dass der wortgewaltige Augustiner-Prediger nicht nur gegen Trunkenheit wetterte, sondern vor allem auch gegen die Juden, denen er die Schuld an allem Ungemach von der Pest bis hin zum Aufmarsch der Türken in die Schuhe schob. Und ob Bruno Kreisky tatsächlich im Kapitel "Fehlbesetzte Politiker" richtig verortet ist, darf man selbst dann bezweifeln, wenn man den Sozialisten, der immerhin 13 Jahre lang österreichischer Bundeskanzler war, kritisch betrachtet. Aber da sei gar keine Infamie des Autors unterstellt, sondern echtes Österreichertum: nämlich, im konkreten Fall bei der Titelgebung, ein Hauch von Schlampigkeit.

Information#

Barbara Wolflingseder. Dunkle Geschichten aus dem Alten Österreich (Pichler Verlag, 173 Seiten, 24,99 Euro)

Harald Havas. Der Mann, der den Neusiedlersee trockenlegen wollte (Metroverlag, 221 Seiten, 19,90 Euro)

Wiener Zeitung, Dienstag, 8. April 2014