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Erstaunliche Kontinuität#

Bei der Entnazifizierung und Rehabilitierung der Professorenschaft an Österreichs Nachkriegsuniversitäten agierte ein altadeliger Ministerialrat als Schlüsselfigur.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 8./9. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Roman und Hans Pfefferle


Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie
Geschickter Jongleur, wenn es darum ging, vorbelastete Professoren in einen christlich-konservativen Wertekanon zu reintegrieren: Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie (1887-1952).
© Foto: Bildarchiv ONB

"In Wien wird nicht nur schwarz geschlachtet, sondern auch schwarz gelesen." So launig äußerte sich Ministerialrat Skrbensky, für die Entnazifizierung von Universitätsprofessoren zuständiger Sektionschef im Unterrichtsministerium, über illegale akademische Vorlesungen bereits enthobener oder zwangspensionierter Hochschullehrer.

Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie, seiner Herkunft nach Angehöriger alten deutsch-mährischen Adels, hatte sich seit Frühjahr 1945 zum federführenden Mann in Fragen der Hochschulpolitik hochgearbeitet. Persönlich eroberte Autorität - etwa während der Amtszeit des politisch unerfahrenen kommunistischen Staatssekretärs für Unterricht Ernst Fischer - und offiziell eingenommene administrative Schlüsselpositionen hatten ihm den Nimbus der Unentbehrlichkeit und seinen Entscheidungsketten nahezu den Charakter der Unumstößlichkeit verschafft, obwohl sein Vorgehen und seine Argumentationen in signifikanten Fällen anfechtbar waren.

"Klassenverräter"#

Wie sein politischer Chef von Ende 1945 bis 1952, Unterrichtsminister Felix Hurdes (ÖVP), dem katholischen Konservativismus verpflichtet, hatte Otto Skrbensky schon im austrofaschistischen "Ständestaat" hohe Positionen eingenommen. Seine Weltanschauung ließ ihn ab 1945 für eine nach Möglichkeit christlich-konservativ ausgerichtete Professorenschaft an der Wiener Universität Sorge tragen. Ein sozialdemokratischer Hochschullehrer war für ihn ein Unding. So äußerte er einmal gegenüber einem schon vor 1938 sozialistischen Naturwissenschafter, dieser wäre eigentlich ein Klassenverräter und er denke gar nicht daran, eine Intervention seinerseits zu beachten.

Gelegenheiten, die Neuzusammensetzung des professoralen Lehrkörpers der Universität Wien nach seinem Dafürhalten zu steuern, boten sich für Skrbensky nach Kriegsende jedenfalls viele. So gehörten 74 Prozent oder 92 der insgesamt 124 ordentlichen und planmäßig außerordentlichen ihrer Professoren der NSDAP als Mitglieder oder Anwärter an und waren folglich mit Maßnahmen der Entnazifizierung konfrontiert.

21 von ihnen wurden - mangels österreichischer Staatsbürgerschaft vor März 1938 - als sogenannte "Reichsdeutsche" außer Dienst gestellt, während sich etwa die Hälfte der übrigen belasteten Professoren einer Überprüfung durch die dafür eingerichteten Sonderkommission beim Unterrichtsministerium zu unterziehen hatte. Unter Skrbenskys Vorsitzführung kam in diesen Beurteilungsprozessen, in denen über eine mögliche Weiterverwendung der Betreffenden an der Universität Wien entschieden wurde, ein anderer Aspekt seiner religiös konservativen Weltanschauung zum Tragen.

Hier gestand er den "eigenen Leuten" - nicht aber den "Klassenverrätern" - erkennbar die Schwäche zu, der Verlockung des Nationalsozialismus erlegen zu sein, und die Chance, als anständiger Gesinnungsfreund - und diesmal Demokrat - wieder aufzustehen. Katholische Begriffe wie Vergebung, Milde, begrenzte "Bestrafung", Buße und Schwäche spielten in den verbalen Beurteilungen der Sonderkommissionen eine Rolle, und den "Persilscheinen" wohlmeinender Freunde der betreffenden Parteimitglieder oder -anwärter wurde bereitwillig Glauben geschenkt. Für Tassilo Antoine etwa, Professor für Frauenheilkunde und Parteianwärter seit 1942, laut Erkenntnis der Sonderkommission "tragbar" für eine Universitätsstelle, nahm die Rechtfertigungsprosa Skrbenskys zeitweise Züge einer Heiligenlegende an, wenn er schreibt: "Für die Operation der Frau eines Konzentrationslagerhäftlings lehnte er (Antoine) jedes Honorar mit dem Bemerken ab, seine Handlungsweise möge als bescheidener Beitrag zur Linderung der seelischen und materiellen Not eines Kämpfers für die Freiheit und Selbständigkeit Österreichs gewertet werden".

Hymniker der Volkheit#

Ein Übermaß an christlicher Verzeihung wurde auch dem Literaturhistoriker und Theaterwissenschafter Hans Kindermann zuteil. Oder anders gesagt: Hier werden wir Zeugen einer eklatanten Fehlbeurteilung. Kindermann hatte sich während der gesamten NS-Zeit in rund 30 Publikationen in sich überschlagender Leidenschaftlichkeit als Blut-und-Boden-Hymniker gebärdet und das Österreich der Monarchie und der Ersten Republik in übelsten Pamphleten karikiert und beschimpft.

Er hatte in seinen Fächern in der ersten Reihe der Ideologen und aktivsten Verbreiter nationalsozialistischen Gedankenguts gestanden. Die Sonderkommission gab in ihrer Erkenntnis vom 27. November 1945 an, sich dieser Tatsache - formuliert in an Ausmaß und Bedeutung stark abgemilderter Form - bewusst zu sein, drückte dann jedoch deutlich ihr "Verständnis" für den "heimzuholenden verlorenen Sohn" aus: Kindermann habe in der edlen Absicht, "österreichische Einrichtungen im Deutschen Reiche bekanntzumachen", in seinen Schriften "die (von der parteiamtlichen Prüfungskommission) angeordneten Änderungen in Kauf" genommen, "die seiner Überzeugung nicht entsprachen."

Darin muss der "Beichtvater" Skrbensky zwar "eine gewisse Schwäche erblicken" - "Schwäche", ein weiteres Schlüsselwort des christlichen Menschenbildes -, aber das Wunder der Lossprechung trat ein: "Der Professor Dr. Heinz Kindermann bietet nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr dafür, daß er jederzeit rückhaltlos für die unabhängige Republik Österreich eintreten werde."

Dieses positive Erkenntnis ebnete - man kann es nicht anders sagen - dem ehemaligen faschistischen Demagogen Kindermann einige Jahre später den Weg zur Rehabilitierung und setzte das Institut für Theaterwissenschaft durch Jahrzehnte dem Einfluss seiner Machtdemonstration aus. Die Sonderkommission erließ für belastete Professoren der Universität Wien insgesamt letztendlich positive Bescheide im Verhältnis 4:1, erklärte diese somit mehrheitlich für "tragbar" und ermöglichte dem Großteil von ihnen, ihre Karrieren nach kurzer Unterbrechung wieder aufzunehmen.

Keine Rückberufungen#

Die Zielsetzung einer "katholisch-konservativen Restauration" führte das Unterrichtsministerium im Universitätsbereich entgegen aller Lippenbekenntnisse darüber hinaus zu einer Politik der Vermeidung von Auslandsberufungen, was auch die Rückberufungen emigrierter Professoren miteinschloss. Mitverantwortlicher, Vollstrecker und Adminis-trator dieser Politik der Behinderung und Vermeidung war abermals Otto Skrbensky, der sich als meisterhafter Jongleur eines enormen bürokratischen Aufwandes in diesem Bereich erwies.

Hier überschritt er mehrmals, etwa im Fall des Psychologen Karl Bühler oder dem des Staatsrechtlers Adolf Julius Merkl, die Grenze vom fahrlässig zögernden Verhalten zur Hintertreibung der Rückberufung. Dies führte mittelfristig zu einer personellen Selbstrekrutierung und Provinzialisierung der österreichischen Universitäten, wie ein US-amerikanisches Geheimpapier, verfasst von Martin F. Herz, schon im Dezember 1948 feststellte: "Ministry of Education: This ministry is the bulwark of the Cartellverband since Minister Hurdes himself is an Alter Herr (CV member). (. . .) Perhaps the most powerful single official, however, is Sektionschef Dr. Otto Skrbensky, a CV member who controls university appointments. Part, at least, of the appalling decline of Austrian learning must be charged to the narrowly conservative orientation of these personalities."

56 - also fast zwei Drittel - der 92 belasteten Professoren konnten ihre Laufbahn an einer österreichischen oder ausländischen Universität oder Hochschule fortsetzen, 30 von ihnen gelang dies an der Universität Wien. Vollständig wurden in diesem Zusammenhang die drei belasteten evangelisch-theologischen Professoren in den universitären Betrieb re-integriert, aber auch die Professoren der Philosophischen Fakultät konnten zu 70 Prozent (37 der 53 NS-Belasteten) ihre Karrieren an Universitäten fortsetzen.

An der Philosophischen Fakultät der Universität Wien erreichten nicht weniger als 15 Wissenschafter bis Ende der 1950er Jahre wieder den 1944 innegehabten Status als ordentliche bzw. planmäßig außerordentliche Professoren, die sechs letzteren setzten sämtlich ihre Karrieren nach einigen Jahren mit der Ernennung zu ordentlichen Professoren fort. Weniger stark ausgeprägt zeigt sich die Re-Integration ns-belasteter Hochschullehrer an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen und an der Medizinischen Fakultät: Hier gelang knapp der Hälfte der Betroffenen eine zweite Karriere an einer in- oder ausländischen Universität oder Hochschule.

"Einbruch" statt Bruch#

Die Entnazifizierung bedeutete für einen beträchtlichen Teil der ordentlichen und außerordentlichen Professoren der Universität grundsätzlich eindeutig keinen Bruch, man muss viel eher von einem - widrigenfalls nach einigen Jahren - vorübergehenden "Einbruch" sprechen: Wenn man erreichtes tatsächliches Emeritierungsalter und Todesfälle mitberücksichtigt, kann man festhalten, dass spätestens mit dem Jahr 1960 ein Gutteil der Professoren seine vorherige Position wieder erreicht, ja ausgebaut hatte.

Amnestien und Rehabilitierungen führten zu einem erstaunlichen Ausmaß an Kontinuität, die Maßnahmen der Entnazifizierung blieben für die betroffenen Männer ein vorübergehender - fallweise tiefer - Einbruch, der schon nach zwei, drei, seltener mehr Jahren zur Episode geraten ist.

Entnazifizierung und Rehabilitierung liefen überwiegend als rein juristische, behördlich gesteuerte Prozesse ab, die fast nur die formalen Tatsachen von Parteimitgliedschaft, -anwärterschaft und Mitgliedschaft bei Umfeldorganisationen der NSDAP berücksichtigten. Mit Hinweis auf die Schlüsselrolle des Sektionschefs Otto Skrbensky muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass sehr wohl weltanschauliche, speziell parteipolitische Gewichtungen den Entnazifizierungsprozess im Hochschulbereich beeinflussten.

Literaturhinweis:#

Die Studie "Glimpflich entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren" von Roman und Hans Pfefferle ist als Band 18 in der Schriftenreihe des Archivs der Universität Wien bei Vienna University Press (V&R unipress) erschienen.

Roman Pfefferle ist Politikwissenschafter mit Schwerpunkt Vergangenheitspolitik und Koordinator des Graduiertenzentrums der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Wien.

Hans Pfefferle studierte Germanistik und Geschichte sowie an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Er ist in den Bereichen Zeichnung, Mosaik und Historie tätig.

Wiener Zeitung, Sa./So., 8./9. November 2014


Sektionschef Dr. Otto Skrbensky war zu keiner Zeit Mitglied einer Verbindung des Österreichischen Cartellverbands (CV), weder als Urmitglied noch als Ehrenmitglied. Das geht eindeutig aus dem Fehlen seines Namens in allen entsprechenden zu dessen Lebzeiten herausgekommenen Gesamtverzeichnissen des CV bzw. des ÖCV hervor. Auch in seiner Biographie in Enderle-Burcel, Gertrude/Follner, Michaela: Diener vieler Herren. Biographisches Handbuch der Sektionschefs der Ersten Republik und des Jahres 1945. Hg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands und der Österreichischen Gesellschaft für Quellenstudien. Wien 1997, S. 436f.wird eine Mitgliedschaft im CV nicht vermerkt.

Die beiden Autoren des obenstehenden Artikels haben die Angaben des US-Diplomaten ungeprüft übernommen.

Für die katholisch-österreichischen Verbindungen des ÖCV, deren Mitglieder schon ab Mitte März 1938 zahlreichen Repressionen (Verhaftungen, Entlassungen etc.) und Verfolgungen ausgesetzt waren und die in ihrer weitaus überwiegenden Zahl zu den Gegnern des NS-Regimes gehörten, ist dieser Umstand sehr bedauerlich. Deshalb legt der ÖCV Wert auf eine öffentliche Klarstellung.

-- Diem Peter, Samstag, 4. April 2015, 22:10