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Spanien: Spätes Leid mit Habsburg#

Durch Heirat kam eine Erzherzogin auf den Thron in Madrid#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 4. Dezember 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Doris Griesser


Einst Klischee: Spanisches Plakat mit Stier-Motiv (1900).
Einst Klischee: Spanisches Plakat mit Stier-Motiv (1900)
© Wiener Zeitung / M. Ziegler

Viele Köche verderben den Brei – auch in Liebesdingen. Um ein Paar zusammenfinden zu lassen, genügen die beiden Suchenden. Vermittlungsdienste einer dritten Person mögen von Fall zu Fall hilfreich sein. Wenn aber Dutzende Einfädler ans Werk gehen, wird die Sache bedenklich. Vor allem, wenn machtpolitisches Kalkül dominiert.

So geschehen anno 1879, als Papst Leo XIII., Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Rainer, der Nuntius in Madrid, der spanische Gesandte in Wien sowie etliche Hochadlige der k.u.k. Monarchie und etliche Granden Kastiliens eine Ehe anbahnten. Eine Verbindung ganz im Sinne hocharistokratischer Gebräuche.

Beim Bräutigam in spe handelte es sich um den verwitweten spanischen Bourbonen und König Alfons XII. (1857–1885, Thronbesteigung 1874), die Braut in spe war die habsburgische Erzherzogin Maria Christina (1858–1929).

Selbstverständlich ging es um dynastische Interessen der beiden Herrscherhäuser; eine noch viel größere Rolle spielte jedoch die Frage, ob in Spanien die Konservativen oder die Liberalen das Sagen haben sollten. Insbesondere auf päpstlicher Seite herrschte die Sorge, der junge Monarch könnte sich zu einem Freigeist entwickeln und den Laizismus fördern. Was lag daher näher, als dem auf Freiersfüßen wandelnden König eine klerikal ausgerichtete und in diesem Sinne auf ihn einwirkende Prinzessin zur Seite zu stellen?

Spanien: Proteste als Blutbad
Einst Wirklichkeit: Mit Billigung aus Madrids Schloss (o.) endeten etliche Proteste als Blutbad (u.: Barcelona 1901)
© Wiener Zeitung / M. Ziegler

Ein Mitglied der Familie der Apostolischen Majestät (Franz Joseph trug den uralten Titel als ungarischer König) schien dafür bestens geeignet zu sein. Dazu erleichterte ein Umstand die Ambitionen. Alfons XII. sprach fließend deutsch, kannte Wien: Dem einstigen Theresianum-Zögling waren Burgtheater und Oper ebenso ein Begriff wie die Weltausstellung 1873.

Die gigantische Schau im Pratergelände hatte ihn mit Erzherzog Rainer, Präsident der Ausstellungskommission und Onkel Maria Christinas, in näheren Kontakt gebracht. Im Palais Rainer (an dessen Stelle logiert nun die Wirtschaftskammer Österreich) war der jugendliche Spanier wohl oft Gast gewesen, vermutlich hatte er dort ein, zwei Mal die spätere Gattin getroffen. Ohne Zweifel aber hatte er bald gemerkt, dass der liberale Erzherzog Rainer nicht ins Habsburg-Schema passte.

(N.B. Auch Maria Christina muss um das wahre Wesen ihres Onkels gewusst haben; vielleicht teilte sie sogar manche seiner Überlegungen, die ja seit dem 1867 vom Kaiser sanktionierten Staatsumbau gesellschaftsfähig waren. Dass sie sehr kirchlich eingestellt gewesen sein soll, spricht nicht unbedingt dagegen.) Alfons schätzte Wien; nicht zuletzt das dürfte ihn für die „österreichische Heirat“ eingenommen haben.

Die Hochzeitsvorbereitungen standen unter keinem guten Stern. Der Monarch, der vor dem Gang zum Traualtar in aller Ruhe mit seiner Zukünftigen in k.u.k. Landen zusammenkommen wollte, war wegen politischer Krisen in Madrid aufgehalten. Letztlich warb ein Sondergesandter offiziell um Maria Christina. Die Erzherzogin lernte danach im Eilzugstempo Spanisch (Kastilisch). Erst am 24. November 1879 konnten die Brautleute einander endlich in die Augen schauen.

Der Habsburgerin blieb wie dem sie in Madrid empfangenden Bourbonen kaum Zeit: Fünf Tage später heiratete man. Ob die Gattin gleich in die Politik eingriff, ist schwer zu sagen. Denn unter Alfons XII. hatte Spanien bereits 1876 eine nicht gerade fortschrittliche Verfassung erhalten.

Als der König 1885 starb, herrschte zwischen Konservativen und Liberalen Burgfriede. Dieser Kurs wurde dann unter Königinwitwe Maria Christina (Alleinregentin bis 1902) fortgesetzt.

Während diese Linie Schwurgerichte, Pressefreiheit u.ä. sicherte, blieben brennende soziale Fragen (so besaßen 10.000 Familien die Hälfte der Agrarflächen!) ungelöst. Das von den breiten Massen 1890 ertrotzte allgemeine Männerwahlrecht änderte wenig. Wiederholt schossen Regierungstruppen in die Reihen demonstrierender Unzufriedener. Der Arbeiterbewegung galt arge Repression.

Spanien: Schloss-Inneres
V. l.: Schloss-Inneres; Habsburgerin Maria Christina; König Alfons XII.; der gemeinsame Sohn, der 1902 als Alfons XIII. Spaniens Thron bestieg.
© Wiener Zeitung / M. Ziegler
Als sich in Spanien, das 1898 seine wichtigsten Kolonien verlor, die Lage zuspitzte, kam der Sohn von Alfons XII. und Maria Christina ans Ruder: 1902 für volljährig erklärt, bestieg er als Alfons XIII. den Thron. Er hasste jegliche demokratische Regung. 1923 billigte er General Primo de Riveras Putsch, was ihn schließlich 1931 die Krone kostete. Es heißt, Maria Christina habe ihren Spross vor der Diktatur gewarnt. Das spricht für politische Klugheit dieser Frau, die gewiss keine glühende Liberale war.

P.S. 1879 berichtete die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" aus Anlass der Heirat der Erzherzogin in einer achtteiligen Serie aus Spanien, so am 5. Dezember u.a. über den Empfang bei Hofe. Der Verfasser dieser Madrider Briefe schrieb über Paläste, Wetter, Stierkämpfe etc. Die Politik aber klammerte er aus; derlei hätte zum Hof- und Staatsakt nicht gepasst. Eigentlich schade. Denn der Serienautor war "WZ"-Chefredakteur sowie – ein alter 1848er-Revolutionär und Liberaler!

Wiener Zeitung, Freitag, 4. Dezember 2009