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Als Europas Mitte in Brüche ging#

Die Österreichische Nationalbibliothek zeigt die Ausstellung "An Meine Völker! - Der Erste Weltkrieg 1914-1918"#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Donnerstag, 13. März 2014)

Von

Heiner Boberski


Die aktuelle Gefahr eines bewaffneten Konflikts in Europa bringt uns 1914 nahe.#

Kaiser Karl I. bei den Truppen
Kaiser Karl I. bei den Truppen, die an der 11. Isonzoschlacht teilnahmen.
© k.u.k. Kriegspressequartier/Österreichische Nationalbibliothek

"An Meine Völker!" stand über dem berühmten und folgenschweren Text vom 28. Juli 1914, mit dem Kaiser Franz Joseph seine Entscheidung für einen Krieg gegen Serbien bekanntgab. "An Meine getreuen österreichischen Völker" richtete sich am 16. Oktober 1918 der Aufruf von Kaiser Karl, mit dem er die Völker der Donaumonarchie in die Selbstbestimmung entließ, wiewohl er noch an einen Fortbestand der Idee eines Gesamtreichs unter seiner Führung hoffen mochte. Die beiden Dokumente bilden den Rahmen für die folgerichtig "An Meine Völker" betitelte Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) über den Ersten Weltkrieg. Der Historiker Manfried Rauchensteiner hat sie kuratiert: "Es ist ein Bogen von 1914 bis 1918 gespannt worden, der hoffentlich auch beim Anschauen spannend wirkt." ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger sieht derartige Ausstellungen als wesentlichen Teil des Bildungsauftrages ihres Hauses an. Historische Jahrestage seien ein "Anlass für echte Erinnerungsarbeit jenseits von Tabuisierungen und Schuldzuweisungen".

17 Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete umfasst die grauenvolle Bilanz des Ersten Weltkriegs, den hier 16 Stationen mit rund 250 Exponaten sowie ein hervorragend gestalteter und illustrierter Katalog dokumentieren. Die ÖNB kann dabei auf umfangreiche eigene Bestände, vor allem von ihrer Vorgängerin, der k.k. Hofbibliothek, zurückgreifen. Diese sammelte, zunächst in Erwartung eines österreichischen Sieges, ab 1914 eifrig Zeugnisse des Krieges. Bis 1918 wurden rund 52.000 Materialien - vor allem Plakate, Noten, literarische Texte, Feldpostkarten, Kriegstagebücher et cetera - archiviert. Dazu kamen nach Kriegsende etwa 38.000 Fotografien.

Exklusives Bildmaterial#

Der Krieg hatte unzählige Facetten, zunächst sogar eine der Begeisterung, wie der Schriftsteller Stefan Zweig im August 1914 festhielt: "Die Züge füllten sich mit frisch eingerückten Rekruten, Fahnen wehten, Musik dröhnte, in Wien fand ich die ganze Stadt in einem Taumel." Auf Jubel und Euphorie folgten aber bald Sorge und Schrecken - beides zeigt eine Medienstation in der Ausstellung. Erstmals sind zu einem Film zusammengestellte Fotos aus den 118 Alben des k.u.k. Kriegspressequartiers und aus dem erst kürzlich von der ÖNB erworbenen Nachlass des Fliegerfotografen Franz Pachleitner zu sehen. Die nicht für die Öffentlichkeit vorgesehenen Aufnahmen zeigen ein realistisches Bild von Truppen auf endlosen Märschen oder von erschöpften Soldaten an der Front.

Für Rauchensteiner ist es eine "Ausstellung zur Gedächtniskultur dieses Landes". Er wollte vor allem auch zeigen, "wie der Krieg in der Heimat, im Landesinneren angekommen ist". Da wurden den Menschen Kriegsanleihen, die höhere Renditen in Aussicht stellten als Sparbücher, schmackhaft gemacht. Da habe "Militärdiktatorisches" um sich gegriffen, in vielen Landesteilen regierte das Kriegsrecht oder das Standrecht. Weiße Spalten in Zeitungen wiesen auf Eingriffe der Zensur hin.

Ein ganz großes Thema für Rauchensteiner ist, "wie sich die Frauen während des Krieges emanzipiert haben, was nach dem Krieg aber jäh wieder beendet wurde". In der Heimat mussten die Frauen damals in vielen Berufen die 8,5 Millionen Männer Österreich-Ungarns ersetzen, die als Soldaten dienten. Die Ausstellung widmet sich auch der Frage, wie Kinder den Krieg erlebten. Sie erinnert an von großer Not herrührende Aufrufe - etwa zum Sammeln von Maikäfern (als gutes Hühner- und Schweinefutter) oder von Brennnesselstängeln (zur Herstellung von Uniformen). Und sie geht auch auf damalige Stätten des Vergnügens und der Unterhaltung - ein wenig Privatleben ließ man sich auch im Krieg nicht nehmen - ein.

Filmplakat aus dem Jahr 1915
Filmplakat aus dem Jahr 1915: "Der österreichisch-ungarische Krieg in 3000 Meter Höhe".
© Österreichische Nationalbibliothek

"Europa ist zerfallen, weil die Mitte zerfallen ist", umreißt Manfried Rauchensteiner die Folgen des Krieges und geht auch auf dessen literarische Verarbeitung ein. So spiegelt sich zum Beispiel in Franz Theodor Csokors Drama "3. November 1918" der Zerfall Österreich-Ungarns im Schicksal einiger Offiziere im Kärntner Grenzgebiet zu Slowenien.

Den Abschluss des Ausstellungskataloges bilden Texte von zwölf jungen Autorinnen und Autoren aus ehemaligen Teilen der Habsburgermonarchie - nämlich aus Österreich, Italien, Tschechien, Polen, Ukraine, Slowenien, Ungarn, Slowakei, Kroatien, Serbien, Rumänien und Bosnien. Taras Prochasko aus der Ukraine legt in seinem Beitrag den deutlichsten Bezug zu heute offen: "Was vor hundert Jahren geschehen ist, lebt in neuem Gewand weiter. Im Gewand der schwierigen politischen Wahl der Ukraine. Einer Wahl, die sich noch immer am Verlauf der verschwundenen Schützengräben orientiert: nach Westen oder nach Osten? Mit Europa oder mit Russland? Der Krieg dauert an."

Flut von Weltkriegsbüchern#

Neben dem Bestand von Österreichs größter Bibliothek versucht derzeit auch die größte Flut an Buchneuerscheinungen, die es je zu einem einzigen Thema gegeben hat, an den Ersten Weltkrieg zu erinnern. Begonnen hat es im Grunde mit Florian Illies, der in "1913 - Der Sommer des Jahrhunderts" viele Mosaiksteinchen zusammentrug, um dieses letzte Jahr im alten Europa lebendig vor uns erstehen zu lassen. Daran schloss Gerhard Jelinek mit "Schöne Tage 1914", beginnend mit dem Neujahrstag 1914 und zahlreiche, oft kaum bekannte Geschehnisse bis zu den Kriegserklärungen vom 3. August nachzeichnend, nahtlos und bravourös an. Zur ersten großen Bücherwelle zum Ersten Weltkrieg im Herbst 2013 trugen noch entscheidend bei: Manfried Rauchensteiner ("Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie"), Hans Magenschab ("Der große Krieg") sowie Christopher Clark ("Die Schlafwandler"). Umfangreiche Bildbände, etwa von Anton Holzer ("Die letzten Tage der Menschheit") und Wolfgang Maderthaner/Michael Hochedlinger ("Untergang einer Welt") ließen das ungeheure Elend vieler Menschen während der Jahre 1914 bis 1918 ahnen.

Inzwischen rollt die Welle von Weltkriegsbüchern weiter. In "Die Büchse der Pandora" vergleicht der Freiburger Historiker Jörn Leonhard den Ersten Weltkrieg mit jenem mythischen Behälter, dessen Öffnen gegen den Rat der Götter alle Übel in die Welt gelangen ließ. In "Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten" geht Tillmann Bendikowski dem Schicksal von fünf Personen zwischen Juni und Oktober 2014 nach. Ein Einziger davon, der Lyriker und Reserveoffizier Ernst Stadler (30), überlebt den Krieg nicht, nicht einmal das erste Kriegsjahr. Am 30. Oktober 1914 wird er in Belgien von einer Granate zerrissen. Auch an diesem Tag meldete die amtliche Kriegs-Depesche sinngemäß nur das damals übliche "Im Westen nichts Neues".

Wiener Zeitung, Donnerstag, 13. März 2014


Europa ist zerfallen, weil die Mitte, nämlich die Mittelmächte diesen Krieg begonnen haben und es gesprengt haben, passiv zerfasllen ist da nichts, auch jetzt greift Deutschland wieder in den Osten aus und nimmt den Krieg bewusst in Kauf ....die EU ist kein Friedensprojekt sondern finanziert wiede r einmal alles indem sie mehr Militärgeld a<ls Russland, China, Brasilien und Indien ausgibt, so ein Statement von Minister Klug....

-- Glaubauf Karl, Samstag, 28. Juni 2014, 00:37


Friedrich Naumanns Buch "Mitteleuropa" und Heinrich Friedjungs "Denkschrift aus Deutsch-Österreich" zum selben Thema 1915 erschienen, beweisen, dass das neue Europa mit Gewalt durch einen Siegfrieden geschaffen werden sollte. Wie sich die Bilder mit der Gegenwart gleichen...wieder tanzt man im Juli am Rande eines Kriegs nach deutschem Willen...

-- Glaubauf Karl, Samstag, 28. Juni 2014, 00:55


Es ist auch sehr die Frage, ob diese Flut von Büchern nicht eine enorme Steuergeldverschwendung ist, denn weniger wäre sichoer sicher mehr gewesen im Sinne eines Mehrwehrts an Erkenntnis..

-- Glaubauf Karl, Samstag, 28. Juni 2014, 01:02