unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Schwieriges Exil in Schweden#

Wo Bruno Kreisky den Krieg überlebte, fanden Juden zunächst nur mit Mühe Aufnahme.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 17. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Rainer Mayerhofer


Otto Ullmann (2. Reihe, 2. von links)
Otto Ullmann (2. Reihe, 2. von links) im Februar 1939 im Kinderheim Hemhult in Tollarp.
© privat

Schweden als Exilland ist für Österreicher nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem früheren Bundeskanzler Bruno Kreisky, der dort Zuflucht fand, absolut positiv besetzt. Und auch die Rettung der dänischen Juden, die dort im Herbst 1943 aufgenommen wurden und zum größten Teil der Verschleppung in Nazi-KZ entgehen konnten, prägt das Bild eines humanistischen Landes in historisch schwierigen Zeiten. Aber das war nicht immer so. Als Ende der Dreißigerjahre Juden aus Deutschland und Österreich in das skandinavische Land emigrieren wollten, standen ihnen viele Hürden im Weg.

Tragik einer Familie#

Die Journalistin Elisabeth Asbrink schildert am Beispiel des aus Wien stammenden jüdischen Kindes Otto Ullmann, der im Februar 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden kam, wie schwierig es war, in Schweden Aufnahme zu finden. 70 Jahre nach Otto Ullmans Flucht hat seine Tochter an Elisabeth Asbrink einen Ikea-Karton mit 500 Briefen übergeben, die die Eltern ihrem Sohn zwischen 1939 und 1944 zuerst aus Wien und dann aus Theresienstadt schickten. In diesen Briefen wird die ganze Tragik einer Familie deutlich, die durch die NS-Verfolgung zerrissen wurde. Als Elise und Josef Ullmann, der nach dem Anschluss seine Beschäftigung als Sportjournalist verloren hatte, ihren 13-jährigen Sohn Otto im Februar 1939 am Wiener Ostbahnhof verabschiedeten, hofften sie noch, bald selbst emigrieren und den Sohn wieder zu sich nehmen zu können.

Otto war eines von rund 100 Kindern und Jugendlichen, die von der Schwedischen Israelmission in einem in Schweden gar nicht unumstrittenen Transport in das skandinavische Land gebracht wurden. Die Mädchen aus diesem Transport wurden bald in Familien aufgenommen, wo sie als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Otto war einer der Letzten, die aus dem Kinderheim wegkamen - als Hilfskraft zu Bauern, was er gar nicht wollte, wie aus den Briefen hervorgeht.

Die Eltern in Wien schreiben ihm aber immer wieder, wie gut er es eigentlich habe, dass er noch rechtzeitig aus Österreich wegkonnte, wo es ihm wesentlich schlechter gehen würde. Schließlich landet Otto auf dem Gutshof der Familie Kamprad, die überzeugte Mitglieder der schwedischen Nazi-Partei sind. Der Sohn Ingvar, der später die Firma Ikea gründen wird, wird trotzdem der Freund des jungen Wiener Juden.

Aus den Briefen, die Otto erhält, wird die zunehmende Verfolgung der Wiener Juden deutlich. Vater Josef wurde zuerst nach Nisko deportiert, von wo er aber wieder nach Wien zurückkehren konnte. Er ist dann bis zur Deportation nach Theresienstadt im Oktober 1942 bei der Kultusgemeinde beschäftigt - in sogenannten Recherchegruppen, die sicherzustellen hatten, dass die Juden auch wirklich zu den Deportationstransporten kamen, wie Asbrink bei den Recherchen für ihr beindruckendes Buch erfuhr.

Berührende Briefe#

Nach und nach verschwinden die Verwandte und Freunde, verzweifelt versuchen die Eltern, irgendein Visum zu bekommen. Der Weg nach Skandinavien ist ihnen versperrt. Schließlich der Abtransport nach Theresienstadt, von wo sie noch ein paar Briefe schreiben können, in denen aber nichts von den wirklichen Zuständen in diesem Lager stehen darf. Mit den letzten Transporten im Herbst 1944 werden Elise und Josef Ullmann nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt.

Die berührenden Briefe aus Wien sind ein wesentlicher Teil des Buches. Elisabeth Asbrink beleuchtet aber auch ausführlich die politische Landschaft Schwedens, wo es in dieser Zeit auch wesentliche faschistische und antisemitische Strömungen gab und allein der Versuch der Regierung, zehn verfolgte jüdische Ärzte aus Deutschland aufzunehmen, zu breiten Protesten in der akademischen Welt führte. Erst die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Norwegen und dann in Dänemark brachte eine Bewusstseinsänderung.

Sachbuch

Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume. Ein jüdisches Schicksal in Schweden. Elisabeth Asbrink Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek Arche-Verlag, 413 Seiten, 25,70 Euro

Wiener Zeitung, Dienstag, 17. Juni 2014