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„Dieses Fehlen sichtbar machen“ #

Waltraud Bartons jüdische Verwandte wurden 1942 im weißrussischen Dorf Maly Trostinec ermordet – wie 10.000 andere Österreicherinnen und Österreicher. Seit zwei Jahren kämpft sie nun für ein würdiges Gedenken an diese Opfer der Shoa. #


Von

Doris Helmberger

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (12. Jänner 2012)


Waltraud Barton
Hartnäckig. Waltraud Barton wird am 11. August 1959 in Wien als eines von sieben Kindern geboren. 2009 ruft die ausgebildete Schauspielerin, Mediatorin und zweifache Mutter die „Initiative Malvine“ ins Leben, 2010 gründet sie den Verein IM-MER.
© Foto: Katrin Bruder

Der Mann mit Hut geht darüber hinweg. Die Mutter mit Kinderwagen fährt darüber hinweg. Und direkt daneben, am Haussockel, erleichtert sich offensichtlich dann und wann ein Hund. Die einst glänzenden Messingplaketten, die vor knapp zwei Jahren in das Trottoir direkt vor dem Haus Hollandgasse 8 in der Wiener Leopoldstadt eingelassen wurden, sind matt geworden. Aber immerhin: Es gibt ein paar Namen, die dem Vergessen entrissen sind. Und es gibt einen schlichten Satz: „In diesem Haus mussten 98 jüdische Frauen, Männer und Kinder auf engstem Raum in Sammelwohnungen leben, ehe sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden.“

Eine von ihnen war Malvine Barton, die erste Frau von Waltraud Bartons Großvater. Die Eckdaten ihrer Existenz sind im rechten, oberen Eck der Gedenkplakette verewigt: geboren am 23. Oktober 1878, deportiert am 17. August 1942 nach Maly Trostinec, ermordet am 21. August 1942. „Als Todesdatum wird der Tag genommen, an dem der Zug in diesem weißrussischen Dörfchen nahe der Hauptstadt Minsk angekommen ist“, erklärt Barton. „Die Deportierten wurden ja sofort ermordet.“

Vielleicht aber starb die 64-Jährige schon auf dem langen Transport, bei dem sie mit tausend anderen Menschen in Viehwaggons gepfercht wurde; vielleicht verdurstete sie, während die Waggons stunden- oder gar tagelang versiegelt in glühender Hitze stehen blieben, weil die Angestellten der Reichsbahn auf ihrem Dienstschluss beharrten; vielleicht erreichte sie das landwirtschaftliche „SS-Gut Trostinec“ aber doch noch lebend und wurde aus dem Waggon heraus in eine Waldlichtung getrieben, wo sie sich nackt am Rand einer Grube hinstellen musste und nach einem Genickschuss direkt in ihr Grab fiel – zu den Schlagerklängen eines Plattenspielers. Nicht nur Malvine Barton: Maly Trostinec wurde zum Massengrab für rund 10.000 Wiener Jüdinnen und Juden.

Kaum Augenzeugen#

Die Namen der Ermordeten und die Tage ihrer Deportation wurden in den bis heute erhaltenen Transportlisten penibel aufgeschrieben. Doch im kollektiven Gedächtnis haben sie bislang keinen Platz. Anders als Auschwitz, das als Chiffre für den Holocaust insgesamt gilt, ist der Name Maly Trostinec weitgehend unbekannt, obwohl es nirgendwo sonst so viele österreichische Opfer der Shoa gegeben hat. Vielleicht liegt das auch an den wenigen Augenzeugen: Gerade einmal 17 Menschen haben diese Vernichtungsstätte überlebt.

Gedenkstein
Erinnern. Am Gehsteig vor dem Haus Hollandstraße 8 erinnern „Gedenkstein“ an Malvine Barton und 97 andere Shoa-Opfer.
© Foto: Katrin Bruder

Wie kann es sein, dass in einer Stadt wie Wien das Verschwinden so vieler Menschen bis heute totgeschwiegen wird? Waltraud Barton kann es nicht begreifen – und noch weniger akzeptieren. „Es geht darum, dieses Fehlen endlich sichtbar zu machen“, sagt sie mit funkelnden Augen. „Diese Toten müssen ihren Platz bekommen. Solange das nicht geschieht, gibt es eine offene Wunde.“

Die Dimension des Geschehens wurde ihr selbst erst nach und nach bewusst. Es ist das Jahr 2009, als sie ihrem bevorstehenden 50. Geburtstag einen Sinn geben will und sich einfach nur Geld wünscht: um für Malvine Barton sowie für jüdische Verwandte mütterlicherseits, die ebenfalls in Maly Trostinec ermordet wurden, Erinnerungssteine anfertigen zu lassen; und um ihrer im Rahmen einer Weißrussland-Reise zu gedenken. „Aber dann habe ich herausgefunden, dass es dort nichts, absolut gar nichts gibt, was an diese ermordeten Menschen erinnert“, erzählt Waltraud Barton. Also ruft sie die „Initiative Malvine“ ins Leben, nach Malvine Barton, deren Vorname sich aus den ersten Silben der Orte ihrer Ermordung und ihrer Geburt zusammensetzt: Mal und Wien.

Skulptur für Waltraud Barton
Ein Künstler hat für Waltraud Barton eine Skulptur gefertigt, die Malvine repräsentieren soll.
© Foto: Katrin Bruder

Von der Existenz dieser Frau – ihrer jüdischen Verwandten überhaupt – hat Waltraud Barton lange nichts gewusst. Eigentlich dachte sie als Tochter eines evangelischen Kirchenhistorikers, gemeinsam mit ihren sechs Geschwistern „direkt von Martin Luther abzustammen“. Als sie mit 24 Jahren erfährt, dass es auch in ihrer Familie Opfer der Shoa gegeben hat, ist sie freilich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um weiter zu recherchieren. Sie ist damals alleinerziehende Mutter eines Sohnes und verdient als Schauspielerin kaum ihren nötigen Lebensunterhalt. Später, als Mutter zweier Söhne, Kulturmanagerin und ausgebildete Mediatorin, schiebt sie dieses Thema weiter vor sich her, um das familiäre Tabu nicht zu verletzen. Doch vor ihrem 50. Geburtstag duldet das Erinnern keinen Aufschub mehr. Die von ihr im Frühjahr 2009 gegründete „Initiative Malvine“ zeitigt jedenfalls Erfolg: Bereits im September wird ein Gedenkstein der Republik Österreich für die österreichischen Opfer errichtet – zwar nicht am Ort des Verbrechens selbst, aber am Platz des ehemalige jüdischen Ghettos von Minsk. Um den Stein zu besichtigen, organisiert Waltraud Barton zu Pfingsten 2010 eine erste Reise nach Weißrussland, an der sich 16 Interessierte beteiligen. Mit im Gepäck hat sie bereits die Statuten des Vereins IM-MER, den sie davor gegründet hat: Initiative Malvine – Maly Trostinec erinnern. Es wird für alle Beteiligten eine Tour de force: Am Ort der ehemaligen Vernichtungsstätte hängen sie Schilder mit den Namen der Ermordeten an die Bäume. Tags darauf findet eine von Waltraud Barton organisierte interreligiöse Trauerfeier in Minsk statt. Als Barton am Platz des ehemaligen jüdischen Ghettos die Tafeln mit den Namen ermordeter deutscher Juden sieht, begreift sie, „dass es nicht mehr nur um Malvine, sondern um alle in Maly Trostinec ermordeten Österreicherinnen und Österreicher geht“.

60 gelbe Namensschilder#

Seither ist die 52-Jährige als ehrenamtliche Generalsekretärin des Vereins IMMER unermüdlich unterwegs: Im Juni 2011 leitete sie eine zweite Gedenkreise nach Maly Trostinec. Und Ende November, genau 70 Jahre nach der ersten Deportation von Wiener Jüdinnen und Juden nach Minsk am 28. November 1941, organisierte sie die internationale Konferenz „Maly Trostinec erinnern“ in Wien. In der ersten Reihe saß Margit Fischer, die Frau des Bundespräsidenten: Ihre eigene Großmutter und ihre Großtante wurden am „SS-Gut Trostinec“ ermordet.

Was soll, was muss noch geschehen? „Wir brauchen hier in Wien endlich einen Ort oder ein Museum, wo man sich an diese 10.000 fehlenden Menschen erinnert“, sagt Waltraud Barton vor dem Haus Hollandstraße 8. „Und wir brauchen in Maly Trostinec eine Gedenkstätte, wo jeder ermordete Mensch seinen Namen hat.“ Bis es so weit ist, wird sie weiter nach Weißrussland reisen, um in dem kleinen Kiefernwäldchen nahe Minsk gelbe Namensschilder mit Blumendraht auf Bäumen zu fixieren. 60 Schilder hängen bereits dort. Um jedem einzelnen Toten die Ehre zu geben, braucht es aber ein würdiges Gedenken der Republik.

Verein IM-MER Initiative Malvine – Maly Trostinec erinnern.

--> www.im-mer.at

DIE FURCHE, 12. Jänner 2012

--> Khorsand, S.: Im Wald der Toten (Essay)