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„Es muss ein Sinn dahinter stecken...“ #

Erwin Frühwald beschreibt in seinem autobiografischen Tatsachenroman die NS-Ära in Österreich, den Zweiten Weltkrieg und die Zeit kurz danach. Es ist auch die Geschichte eines Wandels vom Sympathisanten zum Regimegegner – und des ständigen Kampfes ums Überleben. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 17. Juli 2014)

Das Gespräch führte

Rudolf Mitlöhner


Krieg & Liebe..., Foto: © Seifert Verlag
Krieg & Liebe...
Foto: © Seifert Verlag
...Mitten im Bombenhagel der alliierten Luftangriffe auf Berlin lernte Erwin Frühwald die „Liebe seines Lebens“, Lilian, kennen..., Foto: © Seifert Verlag
...Mitten im Bombenhagel der alliierten Luftangriffe auf Berlin lernte Erwin Frühwald die „Liebe seines Lebens“, Lilian, kennen...
Foto: © Seifert Verlag
...1943 heirateten die beiden, 1944 kam Tochter Marion zur Welt., Foto: © Seifert Verlag
...1943 heirateten die beiden, 1944 kam Tochter Marion zur Welt.
Foto: © Seifert Verlag

Erwin Frühwald, 1920 in Wien geboren, Ingenieur für Automobil- und Flugzeugbau, war nach dem Krieg im Management und schließlich unternehmerisch tätig. Heute lebt er in Baden bei Wien.

DIE FURCHE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben, beziehungsweise was unterscheidet Ihr Schicksal von so vielen tausenden anderen?

Erwin Frühwald: Ich habe mit nahezu 80 das Doktorat an der Wirtschaftsuniversität in Wien gemacht. Danach wollte ich mich eigentlich weiterhin wissenschaftlich betätigen; die Möglichkeit dazu hätte ich gehabt. Aber meine Tochter meinte: „Was hast du davon? Schreib doch dein Leben auf, das würde mich maßlos interessieren …“ Dieser Gedanke gefiel mir. Dass das Manuskript nach meinem Tod im Regal meiner Tochter stehen würde, war für mich ein sehr schöner Gedanke. Daher begann ich zu schreiben. Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass daraus ein verlagsfähiges Buch entstehen könnte. Doch dann wurde ich vom Fernsehen für die Sendung „Menschen und Mächte“ interviewt, und der Redakteur hat gemeint, das müsste man herausgeben und hat mich dann mit dem Verlag Seifert in Verbindung gebracht. Die Verlagschefin war fasziniert – und so ist dann eben ein Buch daraus geworden.

Erwin Frühwald
Erwin Frühwald
Foto: © Seifert Verlag

DIE FURCHE: Haben Sie sich auch den Vorwort- (NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll; red.) und Nachwortschreiber (Politologe Anton Pelinka; red.) ausgesucht, oder war das eine Idee des Verlags?

Frühwald: Das war der Verlag.

DIE FURCHE: Und finden Sie sich in der Beschreibung von Pelinka gut getroffen?

Frühwald: Sein Resümee lautet: Ich war kein Täter, ich war kein Opfer, ich war kein Mitläufer des Nationalsozialismus, aber ich war auch kein Held. Was mir an dieser Kritik fehlt, ist der Umstand, dass ich ein Leben zu bewältigen hatte, das außergewöhnlich war. Denn diese lebensgefährliche Katastrophenkette, die ich bestehen musste, gibt es, glaube ich, kein zweites Mal.

DIE FURCHE: Haben Sie Ihre Arbeit an dem Buch auch als Beitrag zur vielzitierten Vergangenheitsbewältigung gesehen, wollten Sie damit so etwas wie eine Botschaft für die Nachgeborenen übermitteln – oder ging es Ihnen einfach darum, sich Ihres Lebens noch einmal gleichsam zu vergewissern?

Frühwald: Wie schon gesagt, ich habe es für meine Tochter geschrieben. Ich wollte meiner Tochter mein Leben in dieser Zeit nahebringen, und ich wollte auch gleichzeitig für mich alle Erinnerungen wachrufen, die ich aus dieser Zeit hatte. Beim Schreiben habe ich praktisch alle Episoden noch einmal erlebt und versucht, meine damaligen Gefühle, Überlegungen und Handlungen so objektiv wie möglich zu erzählen. Außerdem habe ich versucht, die Geschichte so spannend wie möglich zu gestalten.

DIE FURCHE: Am Schluss des Buches schreiben Sie, Sie sähen dem Tod mit Gottvertrauen entgegen. Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

Frühwald: Nein. Religiös im Sinne, dass ich die Dogmen der Religion akzeptiere, bin ich nicht. Aber ich glaube an einen Schöpfer, glaube, dass das, was hier besteht, in Gesetze gegossen ist, die alles umfassen und alles erklären. Aber an die Mythen, die zum Beispiel die katholische Religion verkündet, an die glaube ich nicht. Dass es Jesus gegeben hat, glaube ich schon, dass er der Sohn Gottes gewesen ist, kann ich nicht glauben. Was mich aber wundert, ist, dass es Menschen gibt, die bedeutend mehr wissen als ich, die sehr wohl daran glauben. Das fasziniert mich und das bewundere ich, denn ich kann mir vorstellen, dass dieser Glaube auch die letzten Stunden akzeptabler macht.

DIE FURCHE: Aber Sie sind trotzdem katholisch...

Erwin Frühwald
Erwin Frühwald
Foto: © Pivat

Frühwald: Ja, ich bin nach wie vor katholisch. Ich finde auch, dass die Kirche eine wichtige Funktion hat, eine Erziehungsfunktion, eine moralische Funktion, eine Beratungsfunktion, eine Begleitungsfunktion, alle möglichen Funktionen. Dass diese Kirche wahnsinnige Fehler gemacht hat und noch immer macht, ändert nichts an der Wichtigkeit dieser Institution.

DIE FURCHE: Ihre Frau hingegen ist evangelisch – und Sie haben evangelisch geheiratet...

Frühwald: Ja, und meine Tochter ist auch evangelisch, und das war der Grund, warum ich damals exkommuniziert wurde. Denn damals hat man erwartet, dass ein Katholik, wenn er schon nicht katholisch heiratet, seine Kinder katholisch erzieht. Jetzt ist das nicht mehr so wichtig.

DIE FURCHE: Tun Sie sich mit der evangelischen Kirche leichter, weil es da weniger Dogmen und festgefügte Dinge gibt?

Frühwald: Bei der evangelischen Kirche wird vieles mit weniger Prunk durchgeführt als bei der katholischen, und das finde ich richtiger. Aber das ändert nichts daran, dass ich weiterhin der katholischen Kirche angehöre.

DIE FURCHE: Als Sie mit dem Buch fertig waren, haben Sie das als Erleichterung empfunden, haben Sie das Gefühl gehabt, etwas für sich abgeschlossen zu haben – oder waren Sie einfach nur froh, dass Sie die Arbeit hinter sich gebracht haben?

Frühwald: Das war keine Arbeit für mich. Ich habe das gern gemacht, weil ich eben den Wunsch meiner Tochter erfüllen wollte, und den wollte ich so gut wie möglich erfüllen. Und wenn Menschen darin Anregungen finden, die damalige Zeit besser zu verstehen, freut mich das auch. Die meisten sagen ja heute, ich verstehe nicht, dass die Leute überhaupt auf den Nationalsozialismus hineinfallen konnten, dass man in diesen irrsinnigen Krieg ziehen konnte, warum man nicht schon viel früher das ganze Regime weggefegt hat …

DIE FURCHE: Was haben Sie denn vor dem Hintergrund Ihrer Lebenserfahrungen für einen Blick auf die heutige Zeit? Erscheinen Ihnen die gegenwärtigen Probleme vergleichsweise als Kinkerlitzchen? Oder haben Sie Sorge, dass wir wieder auf schlechte Zeiten zugehen?

Der Autor war im Krieg, als Sturzkampfpilot an der Südfront
Stuka. Der Autor war im Krieg, als Sturzkampfpilot an der Südfront, im Mittelmeerraum im Einsatz. Später wurde er einer der sieben Sonderingenieure im Oberkommando der Luftwaffe in Berlin. Foto: Seifert Verlag

Frühwald: Ich habe die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg erlebt, die sicher bedeutend härter war als die Eurokrise, die wir jetzt durchgestanden haben. Ich habe den Zweiten Weltkrieg erlebt – und ich habe mehr oder weniger die Meinung gewonnen, dass die Krisen und Konflikte nicht aussterben. Was ich heute als bedrohlich empfinde, ist, dass die Krisen nicht nur die sozialen Strukturen erfassen, sondern dass es auch eine Umweltkrise gibt, die die Lebensexistenz der Menschheit überhaupt in Frage stellt. Das empfinde ich als die größte Gefahr. Damals hat kein Mensch daran gedacht, dass es sowas überhaupt geben könnte. Wobei ich eigentlich dazu tendiere zu sagen, dass in irgendeiner Form die Sache immer bereinigt wird und dass sich die Menschheit an die neuen Situationen anpassen muss und wird. Das Leben wird dann vielleicht ein anderes sein – aber dass die Menschheit ausgerottet wird, das glaube ich nicht.

DIE FURCHE: Also Sie sind kein Kulturpessimist?

Frühwald: Nein. Außerdem glaube ich, dass – das hängt mit meinem Schöpferglauben zusammen – das Ganze nicht sinnlos ist. Es muss ein Sinn dahinter stecken. Ein Sinn, der uns verborgen ist.

DIE FURCHE: Wenn Sie zurückblicken, sind Sie mit Ihrem Leben versöhnt? Sie haben natürlich eine ganz schwierige Zeit erlebt, die Zeit, in die man hineingeboren wird, die sucht man sich nicht aus. Aber rundet es sich für Sie zu einem Ganzen ab?

Frühwald: Ich würde sagen, ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Mein Leben war eine Kette von Herausforderungen, und wenn man eine Herausforderung bewältigen kann, ist das befriedigend. Es verursacht natürlich die Herausforderung einerseits Stress, aber andererseits Befriedigung. Und ich habe in meinem Leben eigentlich alles geschafft, was ich schaffen wollte; und ich bin auch jetzt mit meiner Endphase zufrieden, denn dass dieses Buch am Markt erschienen ist und ein gar nicht so schlechtes Echo findet, das finde ich toll. Das habe ich überhaupt nicht erwartet, und das ist für mich ein optimaler Abschluss meines Lebens. Vielleicht kommt noch irgendetwas, ich weiß es nicht, aber die Zeit ist ziemlich knapp (lacht).

Buchcover, Im Banne der Macht

Im Banne der Macht. Tatsachenroman aus dem Zweiten Weltkrieg

Von Erwin Frühwald

Seifert-Verlag 2013.

680 Seiten, geb., EUR 26,90

DIE FURCHE, Donnerstag, 17. Juli 2014