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"Franz Joseph hatte ein bombastisches Charisma"#

Nur noch wenige Zeitzeugen wurden in der franzisko-josephinischen Epoche geboren. Einzelne haben den Kaiser noch persönlich erlebt. Eine Reportage.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 26. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Arian Faal


Kaiser Franz Joseph mit seiner 1898 ermordeten Ehefrau Sisi
Schon damals eine Legende: Kaiser Franz Joseph (hier mit seiner 1898 ermordeten Ehefrau Sisi).
© Sammlung Rauch/Interfoto/pic

Wien. "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut." Dieser legendäre Satz kommt einem sofort in den Sinn, wenn man in Österreich an Kaiser Franz Joseph denkt. Der Monarch (Regierungszeit 1848-1916), der von einigen Analysten wie die heutige Queen Elizabeth II. in Großbritannien als personifizierter Garant für Stabilität und Beständigkeit des Reiches gesehen wurde, galt als eifrig, diszipliniert und als absoluter Gegner von modernen Errungenschaften wie Telefon, Automobil oder Fotografie (damals noch Telephon und Photographie).

Doch wie war der Kaiser privat und im Umgang mit dem Volk? Wie war das Alltagsleben 1913-1916 in Wien vor und mitten im Ersten Weltkrieg (1914-1918)?

Knapp 99 Jahre nach seinem Tod können diese Fragen nur noch einige wenige Zeitzeugen beantworten. In ganz Österreich sind es nicht einmal mehr 20 Personen, die alt genug sind, um sich aktiv an die Kaiserzeit zu erinnern. Ihre Erzählungen sind sehr aufschlussreich.

Denn die jüngere Facebook- und Twittergeneration kennt die Monarchie zumeist nur aus den Geschichtsbüchern und allenfalls wegen der Architektur der Ringstraße, sowie aus einigen omnipräsenten Relikten aus der Vergangenheit wie der Zusatz "ehemaliger k.u.k. Hoflieferant" bei einigen Wiener Traditionsunternehmen wie Demel, Gerstner oder Heiner.

Die "Wiener Zeitung" hat für diese Reportage binnen mehrerer Monate Menschen befragt, die in der Zeit von Kaiser Franz Josephs Regentschaft geboren wurden. Ihre Eindrücke, frühesten Kindheitserinnerungen und Schilderungen zeigen, dass der Kaiser bis ins hohe Alter sehr gerne bei "seinem Volk" war und besonders die Kinder liebte. Die Reportage zusammenzustellen war gar nicht so einfach und es gab viele Rückschläge. Zum einen sind viele der betagten Personen leider nicht mehr fähig, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Zum anderen waren einige noch zu klein, um sich an den Kaiser zu erinnern. Letztlich sagten auch einige von jenen wenigen, die sich noch sehr gut erinnern können und auch alt genug gewesen wären, kurzfristig ab.

"Ich habe dem Radio einmal ein Interview gegeben und dann ist es losgegangen mit den Belästigungen. Plötzlich haben alle bei mir angerufen. Das möchte ich nicht noch einmal haben. Das ist nichts gegen Sie, aber bitte verstehen Sie das", meinte etwa die 102-jährige Frau A. Andere wiederum sagten zunächst zu, weigerten sich dann aber spontan, etwas zu sagen.

Eine der befragten Personen, die vier Währungen, zwei Weltkriege und 16 Wiener Bürgermeister erlebt und viel zu erzählen hatte, ist mittlerweile leider im 109. Lebensjahr verstorben. Die gelernte Schneiderin Margarete Cisl hatte jedenfalls immer ein Lächeln auf den Lippen, wenn der Name Franz Joseph fiel. Wenn man sie bat, über den Kaiser zu erzählen, dann meinte Sie, dass es eine Freude für sie sei.

"Notieren Sie, notieren Sie, denn noch leben wir. Schon in sehr naher Zukunft wird es niemanden mehr geben, der den Kaiser noch persönlich erlebt hat", erklärte die bis zum Schluss geistig aktive Pensionistin, die ihren Lebensabend in einem Meidlinger Pensionistenwohnheim verbracht hatte.

"Dass der berühmte Franz-Joseph-Biograf Egon Caesar Conte Corti über Franz Joseph schrieb, dass er ab 1913 kaum mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten sei (siehe Kasten Anm.), ist ein Blödsinn", stellte Cisl klar. "Der Kaiser hatte ein bombastisches Charisma. Ich werde das nie vergessen. Das lebhafte Bild, wenn sich der greise Monarch dem Volk gezeigt hat und mit der Kutsche vorbeigefahren ist", ergänzte sie.

"Ich war 1913 fünf Jahre alt und der Kaiser liebte uns Kinder. Er war so lieb. Einmal hat er zu mir gesagt ‚komm her‘ und hielt meine Hand und ging mit mir auf der Schönbrunner Straße spazieren", so die inzwischen verstorbene Zeitzeugin. Margarete Cisl, die am 17. 4. 1906 geboren und mit ihren 108 Jahren bis zu ihrem Tod als älteste Wienerin galt, ist nicht die einzige betagte Dame gewesen, die den Kaiser noch persönlich aus ihrer Kindheit kannte.

Auch Leopoldine Hötzl, geboren am 27. Oktober 1908 in Wien, hatte ihren Angaben zufolge keine einfache Kindheit. Schnell musste sie lernen, selbständig zu sein und sich um alles zu kümmern. Den Wohnungsschlüssel bekam sie um den Hals gehängt, die Mutter musste zur Arbeit.

Schon als junges Mädchen war sie ein Fan des greisen Kaisers. "Wir wohnten damals, also 1913 und 1914, im 13. Bezirk, und ich habe Kaiser Franz Joseph sehr oft gesehen", schildert die mittlerweile in Niederösterreich lebende Pensionistin. "Ich sah, wie der Kaiser immer in die Kutsche stieg und dann vorbeifuhr in der Hietzinger Hauptstraße. Manchmal von Hietzing nach Schönbrunn und manchmal von Schönbrunn in die Hofburg", so Hötzl weiter. "Auf der Kutsche rückwärts sind zwei Offiziere gestanden. Und ich hab als Kind gesagt: ,Mutti, da sind ja noch zwei Kaiser‘", meint sie mit einem Lächeln im Gesicht. "Wir haben zuvor in Wien gewohnt und ich bin ein halbes Jahr in Wien in die Schule gegangen.- Doch dann, 1915, haben meine Eltern ein Haus auf dem Land in der Tullner Gegend gekauft. Ich erinnere mich noch genau an den Schulwechsel, ich war sieben Jahre alt. Dann haben wir nämlich auf dem Land in der Schule noch gesungen das berühmte Lied", ergänzt sie. Die Präzision ihrer Erinnerungen, der klare Gedankengang und die noch der damaligen Zeit entsprechenden Formulierungen sind für eine 106-Jährige beachtlich.

Hötzl kann sich sogar noch genau an den Wortlaut des Liedes erinnern: "Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnt im schönen Wien, und wär es nicht so weit von hier, dann ging ich heut noch hin." Wenn über Franz Josephs Umgang mit dem Volk sprechen soll, dann möchte sie nur Gutes sagen. "Die Leute haben ihm auf der Straße immer sehr freundlich zugewunken. Er war sehr beliebt bei der Bevölkerung. Seine Kutschenfahrten waren legendär", schildert sie.

"Er ist in den Wagen gestiegen und hat das Herz der Wiener immer wieder erobert", meint Hötzl weiter. Als er 1916 gestorben ist, habe sie nicht mehr in Wien gewohnt und ihre Mutter habe sie nicht mitgenommen in die Stadt zu seinem Begräbnis.

Zwei Jahre später wurde die Republik ausgerufen und die Monarchie zerfiel. "Plötzlich haben dann die Leute gesagt: ,Was heißt das jetzt? Jetzt können wir Leute tun und lassen, was wir wollen‘", sagt sie und erklärt damit die Geburtsstunde der Republik, die mit roten Nelken eingeläutet wurde.

Hötzl, die den Kaiser auch aus nächster Nähe erlebt hat, ist vor allem von seinem Outfit begeistert gewesen. Diese hellblaue Uniform mit den Orden drauf hatte etwas. "Da ich zwei Häuser weiter wohnte, konnte ich fast täglich ganz nah ran an die Kutsche und ihn aus nächster Nähe sehen. Das war was", meint sie enthusiastisch. Auch sie dementiert die Schilderung Conte Cortis mit "Ich habe das anders erlebt".

Über den Ersten Weltkrieg hat Hötzl auch einiges zu sagen: "Wir waren in der Schule und die Glocke ist vom Kirchturm runtergenommen worden. Sie sammelten alles ein, denn es war ja Krieg und es wurde alles benötigt", erklärt sie. Die Frauen hätten ihre Ringe hergegeben für die Kriegskasse und dafür ein Billet bekommen. Auf diesem stand "Gold gab ich für Eisen". Dennoch war der Erste Weltkrieg laut der Zeitzeugin "nicht so grauslich wie der Zweite Weltkrieg". "Auch wenn die Armut schrecklich war. Beim Ersten Weltkrieg sind ja keine Bomben gefallen wie im Zweiten Weltkrieg, wo Hitler eine schreckliche Zeit gebracht hat", erinnert sich die 106-Jährige. Viele Erinnerungen an den Kaiser hat auch Dorotea L. Ihren Nachnamen will sie in der Zeitung nicht lesen. Die heute 107-jährige rüstige Pensionistin ist in einer Familie aufgewachsen, in der man "dem Kaiser sehr verbunden war".

"Wissen Sie, die Leute glauben immer, dass es den Kult um Franz Joseph nur nach seinem Tod zu touristischen Zwecken gab. Aber ich sage Ihnen eines. Hören Sie mir gut zu, denn das haben Sie noch nicht gehört. Als er noch lebte, war die Wiener Bevölkerung sehr kaisertreu. Er war für uns ein Fels in der Brandung. In einem Bogen von knapp 70 Jahren hat er uns in der Monarchie durch viele schwierige Tage gebracht und auch die Entscheidung, den Ersten Weltkrieg zu eröffnen, hätte er sich gerne erspart", erklärt sie. "Als ich als junges Mädchen in Schönbrunn spazieren ging und ihn sah und ihm zulächelte, ließ er seine Kutsche anhalten und kam zu mir. ,Jo, Maderl, was machst du denn allein hier?‘", wollte er sofort wissen. Danach führten wir eine sehr schöne Konversation und ich habe ihn selbstverständlich mit Eure Majestät angesprochen", ergänzt Frau L. und zeigt auf ihre Brust, wo sich eine kleine Brosche mit einem Abbild des Monarchen befindet. "Ich mochte ihn sehr gern, denn er war ein guter Kaiser. Sogar mit Fieber hat er Akten unterschrieben und im Laufe seines Lebens hunderttausende Audienzen abgehalten", schildert sie minutiös. "Und dann noch die vielen Schicksalsschläge. Der Sohn und Thronfolger Rudolph beging Selbstmord. Die Ehefrau Sisi wurde ermordet, der nachfolgende Thronfolger und Neffe, Erzherzog Franz Ferdinand, ebenfalls, und letztlich die Freundin, Katharina Schratt, war das, was wir heute als Zicke bezeichnen würden. Gefiel oder passte ihr etwas nicht, dann machte sie einen auf stur", resümiert die ehemalige Buchhalterin.

"Die Wiener um 1910 jedenfalls haben an ihrem Kaiser viel gehabt. Die Männer trugen Hut und der Kaiser wurde mit wachelnden Hüten begrüßt und es gab zwei Modeerscheinungen. Entweder man hatte in Anlehnung an den Wiener Bürgermeister Karl Lueger einen Lueger-Bart oder eben in Anlehnung an Franz Joseph einen Kaiser-Bart", berichtet die betagte Dame weiter.

Nicht viel vom Kaiser miterlebt hat Hannes Schiel. Denn er wurde mitten in die Ereignisse des Kriegsjahres 1914 hineingeboren. Der ehemalige Burgschauspieler, der mit seiner Gattin nach wie vor im 6. Bezirk am Loquaiplatz wohnt, hat dennoch eine kleine Geschichte aus der Kaiserzeit zu erzählen. "Ich war ein Baby und kann mich selbst nicht mehr genau erinnern, aber wir wohnten in der Nähe der Rossauer-Kaserne. Jeden Mittag marschierte das Musikkorps aus der Kaserne."

"Diese tägliche Wachablöse wurde im Volksmund ,Burgmurrer‘ genannt. Wir Kinder saßen immer am Fenster und bestaunten die Soldaten. Und diese Soldaten fuhren dann in die Hofburg, und der Kaiser Franz Joseph nahm sie dann in Empfang", erzählt Schiel.

In puncto Etikette sei der Kaiser übrigens sehr strikt gewesen. Sogar seine Kinder mussten ihn mit Eure Majestät ansprechen und bei Tisch sei es so gewesen, dass nichts mehr serviert wurde, wenn der Kaiser mit seinem Essen fertig war. Daher waren viele Gäste oftmals gezwungen, nach dem Essen in der Hofburg ins Hotel Sacher zu gehen und zu essen.

Über eines sind sich alle Zeitzeugen einig: dass Kaiser Franz Joseph seine jahrzehntelange, mit sehr viel Disziplin ausgeübte Regentschaft unsterblich gemacht hat.

Wissen: Kaiser Franz Joseph#

(af) Egon Caesar Conte Corti über Kaiser Franz Joseph im Jahr 1913#

"(...) Noch ist der Kaiser und König die letzte Instanz für alle wichtigen innen- und außenpolitischen Entscheidungen (...) Sein Privatleben wird dabei immer ärmer. Es wird sehr still um den Herrscher, der sich kaum noch in der Öffentlichkeit zeigt, langsam zu einer legendären Gestalt wird und im Volksmund nicht anders als ‚der alte Kaiser‘ genannt wird. (...) Der Kaiser bleibt nun winters- und sommersüber in Schönbrunn und fährt nicht mehr in die Hofburg." (Aus Corti, "Der alte Kaiser").

Franz Joseph I., eigentlich Erzherzog Franz Joseph Karl von Österreich, wurde am 18. August 1830 in Schönbrunn geboren und starb dort auch am 21. November 1916 im Alter von 86 Jahren.

Er gilt als Oberhaupt der Familie Habsburg-Lothringen und war

von 1848 bis zu seinem Tod Kaiser von Österreich und zeitweise auch König von Ungarn.

Mit einer Regierungszeit von nahezu 68 Jahren übertraf er jeden anderen Habsburger. Die frühe Thronbesteigung nach der Abdankung seines geistig labilen Onkels Ferdinand I. (im Volksmund auch "der Gütige" genannt, musste Franz Joseph 1848 nach den revolutionären Erhebungen eine schwierige Nachfolge antreten, nachdem sein Vater verzichtet hatte.

Er hob die Verfassungszugeständnisse auf und regierte ab 1851 absolutistisch und zentralistisch. Militärische Niederlagen im Sardinischen Krieg (1859) und im Deutschen Krieg (1866) zwangen ihn zur Verständigung mit den Ungarn und zur Umwandlung des einheitlichen Kaisertums Österreich in zwei konstitutionelle Monarchien:

Der Ausgleich von 1867 schuf die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Realunion zweier Staaten. Außenpolitisch wuchs unter seiner 68-jährigen Regentschaft der Gegensatz zu Russland in der Balkanfrage, während er sich immer enger an das Deutsche Kaiserreich anlehnte und den Zweibund schuf.

Da Franz Joseph I. ein strikter Gegner von inner-österreichischen (Cisleithanien) föderalistischen Reformen war und auch in Transleithanien (ungarische Reichshälfte) sich die magyarischen Eliten gegen Reformen sträubten, blieb der sich stetig vergrößernde Nationalitätenkonflikt die zentrale Problematik des Vielvölkerstaats. Die anhaltenden Spannungen auf dem Balkan und die starke Überschätzung von Österreich-Ungarns militärischen Möglichkeiten mündeten 1914 in Franz Josephs Kriegserklärung an Serbien, der aufgrund der Bündnisautomatik der Erste Weltkrieg folgte. Der Tod des Monarchen markiert das beginnende Ende einer Ära. Zwei Jahre nach seinem Tod am 21. November 1916 zerfällt die Monarchie nach der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Die österreichisch-ungarische Monarchie ist mit Ausrufung der Republik Geschichte. Was jedoch bleibt, ist die sprichwörtliche "franzisko-josephinische Administration" und ein Kult um den alten Kaiser, der bis heute anhält.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 26. Februar 2015