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Der Kaiser liebt Graz - ade, Wien!#

Friedrich III. mied die Donau-Residenz oft. Bis 1484 war er gern an der Mur.#

280 Jahre zurückgeblättert, u.a. 576 Jahre zurückgeschaut.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 7. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alfred Schiemer


Die steirische Metropole 1481 (kl. Bild l.) und 1657 (gr. Bild l.). - Rechts: Wien um 1490 (gr. Bild; Achtung: Ansicht vermischt mit Rückblick auf Leitha-Schlacht 1246!) und 1649 (kl. Bild)., © Bilder: F. Zöhrer, Öst. Fürstenbuch, u.a. Wien o. J. (ca. 1898)/Merian-Stiche (17. Jh.)/Archiv
Die steirische Metropole 1481 (kl. Bild l.) und 1657 (gr. Bild l.). - Rechts: Wien um 1490 (gr. Bild; Achtung: Ansicht vermischt mit Rückblick auf Leitha-Schlacht 1246!) und 1649 (kl. Bild).
© Bilder: F. Zöhrer, Öst. Fürstenbuch, u.a. Wien o. J. (ca. 1898)/Merian-Stiche (17. Jh.)/Archiv

Was hat die Erzschlafmütze des Heiligen Römischen Reiches mit Simmering und Kapfenberg zu tun? Ganz einfach: Simmering gegen Kapfenberg ist bekanntlich Brutalität; dabei geht es aber um mehr als Fußball, nämlich um uralte Rivalität zwischen Wienern und Steirern. Und diese Fehde sagte kein anderer als der angeblich erzschläfrige Herrscher Friedrich III. an.

Wie er das unternahm, ist fast vergessen: Der der grünen Mark gewogene Habsburger (1415-1493; ab 1440 röm.-dt. König, ab 1452 Kaiser) blieb auch nach dem Aufstieg im heiligen Imperium seiner alten Herzogsresidenz Graz verbunden.

Nicht zur Freude der Wienerinnen und Wiener!

Vor Friedrichs Kür zum König war die Welt an der Donau noch in Ordnung gewesen. Das zeigt auch eine kleine Zeitreise ins Jahr 1438, die das "Wienerische Diarium" am Mittwoch, dem 24. November 1734, machte.

Demnach hatte am Samstag zuvor Kaiser Karl VI. den Herrn Johann Paul Frech - tätig in der Funktion des inneren Stadt-Raths (...) und Stadt-Buchhaltern (...) in Wien - in des Heil. Röm. Reichs Ritterstand mit (...) prædikat Edler von Ehrimfeld allergnädigst erhoben. Nicht zuletzt in erwegung seiner vor-Eltern, hatte doch weiland (= der verstorbene) Albertus Römischer König (= Albrecht II., als Herzog V.; 1397- 1439, ab 1438 Reichsoberhaupt) genauso in dem jahr 1438. dero Ur-Urahn Christophen Frech geehrt.

König Friedrich (l.) krönte anno 1442 Enea Silvio Piccolomini (r.) zum Dichter
Als König krönte Friedrich (l.) anno 1442 Enea Silvio Piccolomini (r.) zum Dichter.
© Archiv. Repro: Martina Hackenberg

Wohlgemerkt: Selbst Routineakte à la Christophen Frech hatte Albrecht II. in Wien erledigt. "Erbe" Friedrich bot dafür keine Gewähr.

Der die Donau-Residenz schätzende Albrecht II. begründete immerhin jene Herrscherreihe, mit der das Haus Habsburg ohne jede Unterbrechung für 302 Jahre des Heiligen Römischen Reiches Spitze stellte. Erst Karls VI. Tod beendete 1740 diese Serie, denn 1742 kam der Wittelsbacher Karl VII. zum Zug. Nach dessen Ableben 1745 wurde mit Maria Theresias Gemahl Franz I. Stephan ein Habsburg-Lothringer Kaiser und diese neu-alte Dynastie sollte den Thron bis zum Erlöschen der römischen Reichsherrlichkeit 1806 behalten.

Nach diesem Einschub wieder zurück zu Albrechts II. Nachfolger Friedrich.

Erzschlafmütze wurde er genannt. Zu Recht? Die erste Silbe der Wortschöpfung spielt wohl auf den Erzherzogstitel an, den der Kaiser 1453 schuf, als er das von Herzog Rudolf dem Stifter fast hundert Jahre zuvor präsentierte gefälschte Privilegium maius mit einem Federstrich anerkannte. Das war nicht lupenrein, doch der Handstreich gab dem Haus Österreich - das Synonym für Habsburg existierte schon - Glanz und Gloria.

Eine Schlafmütze kann Friedrich (übrigens als Herzog u.a. in der Steiermark der Fünfte, als König oft als Vierter zitiert, als Kaiser der Dritte) also kaum gewesen sein.

Aussitzer oder Erzaussitzer wäre die treffende Bezeichnung für den Herrscher, der vieles abwartete. Etwa den Tod gewisser Männer: 1457 verschied König Albrechts II. Erbe Ladislaus Posthumus; 1463 starb Herzog Albrecht VI. (1462 Belagerer Friedrichs III. in der Wiener Hofburg); 1490 segnete Ungarnkönig Matthias Corvinus im von ihm regierten Wien das Zeitliche...

Langfristig setzte Friedrich auf Rom bzw. die Kurie. Der Coup: Er erhob 1442 einen Italiener, Kirchenkenner und späteren Priester zu einer Art Hof-Poet, den er als Sekretär anstellte. 1456 wurde der Berater Kardinal, zwei Jahre später Papst.

Enea Silvio Piccolomini (1405-1464) trug als Pius II. die Tiara. Friedrichs Residenzen Wien und Graz, die er - samt den rätselhaften AEIOU-Wandsprüchen des Herrschers - kennenlernte, tadelte er hart: die Wiener seien gefräßig, die Steirer Barbaren!

Das war ungerecht. Piccolomini ignorierte die große Not und die Wirren der Ära. Historiker sagten später anderes; Karl Schalk (1851- 1919) sah eine "Zeit des österreichischen Faustrechts".

Zeitpanorama 1438ff
Zeitpanorama 1438ff (v. l.): Belagerung der Wiener Hofburg 1462; Belagerer Albrecht VI; König Albrecht II. (V. als Herzog); Friedrichs III. Gattin Eleonore; Leute in Wien um 1470.
© Bilder: F. Zöhrer, Öst. Fürstenbuch, u.a. Wien o. J. (ca. 1898)/Merian-Stiche (17. Jh.)/Archiv

Mitten im ärgsten Elend prasste aber das einfache Volk, so scheint es, zuweilen heftig. In der Murstadt wohl, als man bis 1484 oft davon profitierte, Zentrum des Imperiums zu sein. Und in Wien? Der Kaiser war natürlich auch hier, wenn er sich nicht gerade südlich des Semmerings oder in Wr. Neustadt bzw. Linz aufhielt.

Gemälde, die vom 15. Jh. ein Bild liefern, existieren nur wenige. Mit Seltsamkeiten (siehe Wiedergaben auf dieser Seite). Eine Wien-Darstellung aus ca. 1490 ist vermischt mit einem Stück Babenberger-Ära. Auf einem Werk kirchlicher Kunst tragen dem Genre gemäß Wiener Bürgerinnen einen Heiligenschein. Friedrichs III. Gattin Eleonore wirkt auf ihrem Porträt ruhig, in Wahrheit zitterte sie nicht selten vor Kälte: Die Kaiserin, Portugiesin und Maximilians I. Mutter, sehnte sich im Alpenland nach mehr Sonne.

Sicher ging es Eleonores Untertanen nicht anders.

Wiener Zeitung, Freitag, 7. November 2014